Jüdische allgemeine Zeitung
- Journal
- Jüdische allgemeine Zeitung
- Volume
- 16 (1936)
- Issue
- 5 (29.1.1936)
- Date
- 1936-01-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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BERLIN 29.Januar 1936 PREIS 25 PF. Nr. 8 / 10. Jahrqang JÜDISCHE AUGEMELNE Schrlftlcltung und Oeictillüstelle: Berlin-Ctiarloltenburg 2, BlelbtrcustraQe .2. C 1 Stclnpl. 3703. Bankk.: Kreditverein f. Handel u. Oewerbe eQmbH. Berlin N 24. Posbcbetk-K.:BerlIn 25720.— Bezugspreis: RH. 1,— monatlich (zuzügl. RM. 0,10 ZeituneBeebühr und Bestellgeld), bei Streifbaudveraand tur.Sgl. RU. 0,30. W m Verltt«: Verl&fftgenosMQJob&ft in DeuttchUnü au&M(ger Juden tu Berti« cQaibll., Dlo.-CharloUoabor» 2. Btoitatnuitr. 3, Anwigenpr.: Die mm - Zelle Rpl. B, lür Pimtllrninzelcen Rpf. 6, lür Slelleniieiuehe Rpr. 5 Bei unverschuldeter NtchtbelieferuD* heitabt keia Anipniob auf VeruBtaag. NEUE FOLGE DER JUDISCH-LI ALLEN Z El TUN Ein Werk der Jugend Von HEINZ KELLER!»ANN' Die Tatsache, daß verantwortliche jüdische Kreise sich um ein Werk .bemühen, das neben dem palästi- . nensischen Aufbau der Zukunft der jüdischen Jugend in Deutschland dienen sull, hat die lebhafte Kritik zio-, nistiseher Kreise wachzurufen. Der Ausdruck solcher Empfindungen ist zwar verständlich, und unter anderen Voraussetzungen wäre eine sachliche Kritik bei der Schaffung neuer Ansiedlurigsmöglichkeiten beachtenswert. Wäre Palästina tatsächlich die einzige wirt- . schaftlichc Möglichkeit für Juden, die aus Deutschland auswandern, so wäre der Einwand von zionistischer Seite, daß unnötig' Geld für vage Versuche in Anspruch genommen wird, vom wirtschaftlichen Standpunkt herverständlich. Wir haben aber in letzter Zeit von maßgebender Stelle die geringen Zahlen der Einwanderungszertifikatc für Palästina gelesen. Wir kennen die schwierige, militärische und wirtschaftliche Situation des Landes und sind uns dalier . klar darüber, daß neben der Arbeit und Vorbereitung für die Auswanderung nach Palästina andere, neue Wege beschritte.!! werden müssen. Den Schöpfern der „Auswanderungsschule" hat nichts ferner gelegen als der Gedanke, dem Palästinawerk Konkurrenz bieten zu wollen. Sic wollten den Beweis führen, daß Juden in Deutschland neben der Sorge für die eigene Existenz immer noch die Kraft haben, an das Leben und die Zukunft anderer zu denken und mit dem Einsatz ihrer ganzen Kräfte etwas für 'die anderen zu leisten. Die ..Jüdische Auswanderungsschule", deren endgültiger Name noch nicht feststeht, ist ein Plan-«1 er Jugend. Bei allen Prcs.sebesprechungen ist die Tatsache unberücksichtigt geblieben, daß es sich bei dem neuen Projekt um ein Werk. der.Jugend f ü r. d i e Jugend handelt. Die. Initiative ist ausgegangen vom „Bund Deutsch- Jüdischer Jugend", und alle Überlegungen und Pläne sind zuallererst in dem engsten Kreis der Führerschaft und Freunde dieses Bundes besprochen worden. Vielleicht wird die .Notwendigkeit dieses großen Unterfangens am deutlichsten sichtbar, wenn man sich die Gründe vor Augen führt,, die den Anlaß zu den .eisten Gesprächen gegeben haben. Vom ideologischen Gesichtspunkt her läßt sich der neue Plan nicht sofort begreifen. Im Vordergrund aller Erwägungen stand aber nicht so sehr die ideelle Seite wie das praktisch c. B e d ü r f n i s. Der ..Bund Deutsch-Jüdischer Jugend", bislang die Erziehuhgs-. Bildungs- und Weggemeinschaft von in Deutschland schulpflichtigen, in beruflicher Ausbildung oder Tätigkeit stehenden jungen Juden, sah sich in immer steigendem Maße vor die Tatsache gestellt, daß sich eine ganze Anzahl seiner Menschen aus materiellen Bücksichten nicht im Lande halten konnte. Bislang waren es vereinzelte Ausnahmen gewesen, die zwar schmerzliche Lücken-rissen, aber — solange es eben Einzelfälle .waren — nicht Anlaß zu einer grundsätzlichen Stellungnahme gaben oder gar zu einer Kollektiven Konsequenz zwangen. Man trennte sich von seinen Kameraden und überließ den weiteren Weg ihrer freien Entscheidung. Viele gingen ins Ausland, und ganz vereinzelte in den Hechaluz.' Indessen, wenn bis dahin erklärt wurde, daß der Weg des Bundes für diejenigen zu Ende sei, die die Not zwang, über die'geographischen oder ideologischen Grenzen zu gehen, so wurde diese Erkenntnis in dem Augenblick falsch und diese Haltung unkamcradschaftlich, in dem es viele wurden, eine große, wenn auch unzusammenhängendc Gemeinschaft, der die Trennung zum Gebot der Stunde wurde. Abgesehen von der Tatsache, daß viele über die notwendigen Beziehungen und Verwandtschaften im Auslande nicht verfügten, stellte sich sogar heraus, daß die wenigen, die sie besaßen; nur - ungern von ihnen Gebrauch machten. Viele waren vielmehr entschlossen, ein hartes Leben in Gemeinschaft, wenn auch draußen, der privaten Existenz, die das Kapital -und die Protektion von Freunden ' und Eltern ermöglichten, vorzuziehen. Neben das soziale Bedürfnis trat damit unabweisbar die kameradschaftliche Pflicht, Menschen, mit denen man gestern dank ihrer materiellen Situation noch zusammen sein durfte, heute nicht den Bücken zu kehren, weil, sie das Glück der gesicherten" Position verloren harten. Es wurde weiterhin erforderlich, diese Menschen nicht hilflos der Gefahr «1er Vereinsamung und damit eines sozialen und moralischen Verkommens im Ausland auszusetzen, sondern ihnen draußen eine Möglichkeit gemeinsamen Existenzaufhaus zu geben, oder sie doch wenigstens zu einer solchen zu befähigen. Der zionistische Weg — bisher die. einzige kollektive Auswanderungsmöglichkeit — erwies sich nicht für alle jungen Menschen als geeignet. Sein Totalitätsanspruch zeigte sich für sie als innerlich, unberechtigt. Der Hechaluz und auch die Alijah bekamen vielen Menschen -des Bundes nicht. Viele Menschen, die den Bund verlassen hatten, besaßen auch nicht die innere Möglichkeit zu einer ideellen Umstellung und wurden so innerhalb der zionistischen Organisationen mitunter zu einem Slörungsclcmetil. Somit trat neben das soziale Hedürfnis-und die kameradschaftliche Verpflichtung als drittes auch, eine g e i s t i g - p U d n g o g i s c h c D Ii c r I e g w n g. Sic bestand darin, daß mau den Abschied von Milieu und weiterer Umgebung nicht durch den Zwang der Sinnesänderung noch erschweren durfte. Ks mußten vielmehr die Voraussetzungen dafür geschaffen werden, daß selbst eine so ungeheuer einschneidende Lcbcnstutsaehc wie die Auswanderung sich in harmonischer Übereinstimmung mit Wesen und Gesinnung des Auswandernden vollziehen konnte. Wenn Menschen bewußter Prägung und bestimmter Erziehung sich nicht den Bedingungen de« zionistischen Aufbauwerks und Aufbaulundes fügen konnten und wollten, so war damit-weder Eigensinn' noch Verstocktheit bewiesen, sondern eine "Erscheinung, die ihre tiefsten und echtesten Gründe in der Struktur und der durch Kiiidhcils-_ und Jugenderziehung erlangten geistigen Entscheidung des Menschen hatte. Sich über diese Erkenntnis hinwegzusetzen, bedeutete für einen" Pädagogen, der. gerade die Entschlossenheit und Unbeirrbarkeit jugendlicher Menschen zu respektieren weiß, der geistigen und seelischen Verkümmerung und «lein inneren Zerfall verhängnisvollen Vorschub leisten. Es kanr also darauf an, eine Lösung zu finden, die trotz geographischer Trennung die Möglichkeit der pädagogischen Kontinuität hl den wesentlichsten geistigeu und seelischen Bezirken gewährleistete. Der Zionismus konnte den Ausweg nicht bieten. Eine andere Möglichkeit gemeinschaftlicher AuswnndcningsvorbcrcTtung und Auswanderung war ' nicht gegeben; infolgedessen mußte man die Aufgabe Answanderungsfragen in Genf Dir Besrhlfissc des Yölkrrliundratcs In der . Resolution, die «Irin Völkcrhuudsrat tun 24. Januar von der zur Behandlung des Aiiswundcrcrprublcm» eingesetzten .Unterkommission' vorgelegt wurde, .wird lietont, daß der Hat den Entscheidungen «1er Völkcrliundsvcrsammhiug niriil vorgreifen wolle* und durum seine Beschlüsse auf zeitweilige Maßnahmen zur Regelung der A'iswaudcrcrfürsorgc beschränkt halte. Von den einzelnen Punkten der Resolution sind die folgenden von licsniiderer Bedeutung: Zum Präsidenten des Internationalen Nnuseiuuntes wird, das norwegische Mitglied des Internationalen Gerichtshofs im Haag, Michael llansson,* ernannt. Die Ernennung des Olicrkommissar.s für die Auswanderer ans Deutschland wird dem Präsidenten des Yölkcrlmndsrates naeli vorheriger Befragung der Halsniilglieder ül>erlassen. In den Kreisen der englischen, \ olkcrhundsdch-galioii wird als aussichtsreichster Kandidat inoffiziell General Neil Malcolm genannt. Mit der Knteiinuug des Ohcrkouuuissars ist nicht vor der nächsten Woche zu rechnen. Als Vcrwaltmigshudgct wurde dem Ohcrkouimissar ffir die Auswanderer aus Deutschland Iiis Scptcinlicr 1936 ein Betrug votr 50 ODO schweizer Franken l>ewilligt. Sein Atifgalicnkrci», deli er mit Hilfe der technischen Ableitungen Vles Völkcrhuudssekretariats auszufüllen Italien wird, umfaßt folgende Hauptarbeiten: 1. Kille Konferenz von Delegierten der Regierungen ' der Mitgliedsstaaten des Völkerbundes sowie der Vereinigten Staaten und Brasiliens vorzubereiten und einzulicrufcii. die. die Sieliening des juridischen Schutzes der Auswanderer aus Deutschland durchführen soll. 2. Eine Rundfrage )>ci den Regierungen sämtlicher Staaten über-die Möglichkeiten der dauernden Niederlassung und Arbeitsbeschaffung für die Ausgewanderten zu veranstalten. *}. Die .Zusammenarbeit mit den auf dem Gebiet der Aüswamlercrfürsnrgc tätigen Privatorganisalionen aufrechtzuerhalten. Diesen Organisatoren bleiben alle Probleme, die mit der direkten Versorgung der Aaswanderer, der Aufbringung von Geldmitteln usw. zusammenhängen, zur Behandlung überlassen. Verwandten - Zertifikate für Auswanderer ans Deutschland Die Jcwish Agcncy for Palcsünc gibt' bekannt, daß sie vom 1. Februar an bis auf weiteres keine Bewerbungen um Zertifikate für Angehörige in Palästina leitender Juden mehr entgegennimmt mit Ausnahme von Anforderungen Angehöriger aus Deutschland, dem Jemen. und Rußland. Gleichzeitig wird hekanntgegeben, duß die Palästina-Regierung die Annahme von Gesuchen um die Einwanderung von Familienangehörigen eingeschränkt hat. Keine fpeziellen VorfchlSge Die Samuel-Abordnung in INew York eingetroffen New York. An Bord der „Majestic" sind Sir Herbert Samuel.Lord Bearstcd und Simon Marks in New York eingetroffen. Sie wurden von einer großen Zahl von Pressevertretern empfangen, dir sie filier den Z,weck ihrer-Heise und ihre Vorschläge, insbesondere . im Hinblick auf finanzielle Transaktionen, befragten. Sir HitIhtI Samuel erklärte, die Almrduuug Italic keine ..speziellen Vorschläge", mitgebracht, Mindern wolle vc-schicdenc Pläne, erörtern.- dtirelt-- die 'denjenigen •luden geholten werden könnte, die genötigt sind, aus .Kjjsleuzgrömten Deutschland zu verlassen. jüditche Trauer um Konig Georg Nicht nur jn England, sondern im ganzen Britischen W eltreich ebne die jüdische Bevölkerung das Andenken des verstorbenen Königs. Auf Anordnung des Chief Rabbi des britischen Reiches. Dr. .1. II. Hertz, fand am Dienstag, den 2(1. Januar, dem Tugu der Beisetzung König Georgs V.. in allen" Synagogen ■ Englands'um - ü l'hrHIiichmittogs ein T r n u c r g o I I c »<f i e n » I stall. I«'i dem ein vom Chief Rabbi verfaßteslicsoiidcrcs Traurrgehel gesproebi'ii wurde. "... 1 Der Board of Deputies of British .1 e w » . die offizielle "Repräsentanz der englischen Judenheil, hielt am Sonntag, den 2f>. Januar, eine außerordentliche Sitzung tili, in der Trimcrkuiidgebuugcn an Köllig Eduard und Königin-Witwe Mary he. schlossctl wurden. Alle Syungogcngemeiiideii Englands liereilcn große Trnuerfcicrlirhkcitcu anläßlich des Aldclicns des Königs vor. Die an» den Dominions und ans Palästina' eintreffenden Nachrichten sprechen voit der liefen Krschütlcnulg der dort .teilenden jüdischen Gemeinschaften über den Tod Königs Georgs Im Namen der jüdischen Gemeinden des britischen Weltreich» hatte Olierrabbiner Dr. J.. lt. Hertz au die" Königin-Witwe Mary ein Telegramm gerichtet, das dem Beileid der Jndenheit des Reiches und. ihrer i tiefen Trauer filier "den Tod lies Köllig» Ausdruck gibt. Küuigiii- Wilwc Mary hat daraufhin an den Olierrnbliincr folgende» Donk- - telcgrauim gesandt: „Ich weiß Ihre Ireundliclie Botschaft de» Mitgefühls hei meinem schweren Verlast lief zu schätzen. Rille übermitteln Sic- "meinen aufrichtigen Dank an alle Ihre Ge-_ mcindeii." Der-Dank tler Kötiigin-Wilwe audio englische Judrulieit wurde dein Oberrabbiner unmittelbar nach dem Empfang seines Beileidstelegramms übermittelt und gehört zu den ersten öffentlich liekannl gewordenen Kundgebungen der Königin nach dem Tode" König Georgs V. Die Zionistische Organisation hat von König Edllord 'VIII. eine Antwort auf die Beilcidskiindgebungcii anläßlich den Tode»- König Georg» V. erhallen. In »einer Antwort. bringt der König seinen aufrichtigen Dank für die der königlielien Familie in. der Botschaft bewiesene Teilnahme zum Ausdruck. Der Vorsitzende-'- ilcr Anglo-lewish Association, Leonard G. Moliteliore, erklärte, in jedem, jüdischen llnuse herrsche tiefster Schmerz filier den Toil de» allgemein geliebten und verehrten Königs. In Palästina herrscht tiefe Trauer und Niedergeschlagenheit über den Tod des Königs von England. Auf ollcri öffentlichen Gebäuden der Palästina-Verwaltung, der Stadtverwallungen . und der jüdischen KörperscliafUn wurden 'die englischen und jüdischen Flaggen auf Halbmast gesetzt. Eliensö haben die kon* sulatc Ifaibmast geflaggt. In den Synagogen finden Trauergolte»- dienste statt, hei denen von den Rabbinern die. Heueuuing Je» verstorbenen Königs für das Cesamtjunenhim gewürdigt wird. ■ *Uj}t#Z{Zina