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Jüdische allgemeine Zeitung · 1935-12-25 · 52 (25.12.1935) · page 1

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Journal
Jüdische allgemeine Zeitung
Volume
15 (1935)
Issue
52 (25.12.1935)
Date
1935-12-25
Page
– (sequence 1)
Language
German
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BERLIN :StS. Dezember 193S PREIS 25 PF. Nr. S2 / 1S. Jahrgang Schrillleitung und OejchHlbslelle: Berlin - Chorloltenburg 2, Blelbtrcustralle 2. C 1 Stclnpl.,3703. Bankk.r Kreditverein I. Handel u. Gewerbe eQmbH, Berlin N 24. Postscheck-K.:Berlin 25720 — Bciugsprcls: RM. 1,— monatlich Izuzügl. RM. 0.10 Zeitnngsgebühr und Bontollgeld), boi Streifbandreriand lutügl. RM. 0,30. ' Vorlug: VerlasaKonoosenaobaft in Deutschland 'ansässiger Juden tu Bc-rhn cOmbli., Bla.-Oharlotlenburg 2, Blotbtreustr. 2. Anzolgonpr.: Die 12a«ip. f mm - Zelle Rpf. 8, tilr Famlllenanzclgcn Rpl, 6, fUr Stellengesuche Rpf. S Bei nnverachuldeter Nlohtbelteferung beBteht kein Anspruoh auf Vergütung. NEU E F O LG E DER JOD IS C H - L I B ER A L E N ZEIT UN G Dauer und Klarheit Von DAVIN SCHÖNBERGER, Aachen Mit der ihnen eigenen, innigen Vertieftheit beschäftigen sich die Amoraim (Lehrer der Gemara) mit dem Chanukkafest. Während wir aber sehr wohl verstehen, daß sie die Frage aufwerfen: „Welche Bedeutung, hat Chnnukka?" —, eine Frage, die wir selbst ja auch von Jahr zu Jahr erneut aufstellen, muten uns ihre eingehenden Diskussionen oft kleinlich, pedantisch oder gar unverständlich an. Da ergehen sie «ich über die Fragen, welchen Platz der Leuchter einnehmen soll, womit man. das Licht entzünden darf, welche öle für die Chanukkalampe am besten verwendbar seien, und dergleichen Fragen mehr. Unserm Verständnis werden solche Diskussionen nähergerückt, wenn wir uns die liebevolle Versenkung der Chachomim in alle Rcligionspraxis. an sich vorstellen. Aber wenn die Rabbinen sich über die Ausübung des Freiheitsfestes Chanukka unterhielten, so schwingt in den oft uns pedantisch erscheinenden Fragen die Freiheitssehnsucht einer ganzen Generation mit, und in der kleinlichen Genauigkeit der Vorschriften über die Religionsausübung regt sich der Geist des Stolzes auf das Judentum, schließen sich die Kräfte zusammen, die -dem Aufbau der Zukunft neue Hoffnung und unerschütterliche Zuversicht entgegenbringen. Folgen wir mit dem Maßstäbe solchen Verstehens einmal einer scheinbar rein technischen, trockenen. Fragestellung des Traktats- „Sabbath" (23 a). — Die Frage wird dort aufgeworfen: Welches ist der für <las Chanukkalicht bestgeeignete Brennstoff? — Da meint Rabbi Jehoschua ben Levi: „Alle öle;sind geeignet für das Licht, Aber das Olivenöl ist das beste." Auf diese Behauptung hin erzählt Abbaje ein Ereignis, das sich zur Zeit seines Pflegevaters und Lehrers Rabba bar Nachmani zugetragen habe. Während, sich dieser anfangs immer nach Sesamöl umgesehen habe, weil es als „ein langanhaltendes Licht" wertvoll sei, habe er sich später, nachdem er R. Jehoschua ben Levis Meinung gehört habe, stets Olivenöl beschäfft, Olivenöl gibt ein sehr klares Licht. „Ein klares Licht ist mehr als ein langanhaltendes f" Rabbi Jehoschua ben Levi ist ein Mann, der für ■die Stadt seines Wohnsitzes Lydda zum Retter wurde, ■der als Vertreter eines großen Teiles des palästinensischen Judentums galt und als Fürsprecher desselben nach Rom reiste. ,Der von Abbaje zitierte Rabba bar Nachmani war Oberhaupt des Lehrhauses in Pumbedita (Babylon) bis etwa zum Jahre 325. Abbaje folgt ihm als sein geschätztester Schüler als Schul- ^oberhaupt nach. Von ihm.stammt der Ausspruch: „Es gibt keine Armut außer im Geist." (Ned. 41a.) Wir. dürfen Männern von solcher Bedeutung und solchem Geiste-wohl zumuten, daß auch die erwähnte Diskussion einen.tieferen Sinn hat.; Daß sie Antwort, ist auf die Frage: Welchen Sinn hat die Feier des Chanukka?-:Ist doch der 'J^chtschein^er^e^i^ Chanukkalampe gewiß für , diese Männer Lictt:1 von <ler Geistesflamme des Judentums, die zu entzünden und weiterzureichen ihre höchste Lebensaufgabe gewesen ist. Eine zweifache Antwort auf die Frage nach der Bedeutung' des Ghanukkqfestes. wird uns gegeben: —' Zum ersten: „Alle Arten von ölen sind geeignet zur Entzündung des Lichts." — Als zur Zeit des Antiochüs hellenistische Weisheit und griechische Zivilisation die Kultur des, Judentums zu ersticken drohten, als die Machtentfaltung der syrischen Heere mit einem Schwertstreich das jüdische Geistesleben auszutilgen trachtete, wer war es damals, von dem die große befreiende Tat ausging? Wer zündete den Flammenbrand der Begeisterung an, daß das kleine Volk der Schwachen" das stärkere und größere Volk besiegen konnte? Die Makkabüer waren bis dahin unbekannt und ungenannt. Abseits der großen. Heerstraße, im ldeinen Städtchen Modin lebte die PriesterfamiÜe des greisen Mattathias. Nicht Volksführer waren seine Söhne gewesen. Aber innerhalb dieser Familie war jüdisches Glaubensgut lebendig gebliehen. Die Söhne hatten Ehrfurcht vor ihrem Vater und dem Gott der Väter. Eintracht berrschte zwischen den Brüdern. Das waren die Eigenschaften, das die Gesinnung, die die Söhne Mattathias zu Fackelträgern des Judentums machten und zu Führern ihres Volkes werden ließ. Es war, als wollte die göttliche Vorsehung dem Judentum und' der Weltgeschichte erweisen: „Jedweder ist geeignet, den Flammenbrand der Begeisterung zu entzünden (kol haschmonim kulon jofin Jener), jedweder, der nur die Kraft innerer Glut in sich aufgespeichert hält." Ist dieser Gedanke für uns Gegenwartajuden nicht auch ein tröstlicher und wegweisender I War nicht auch in unseren Tagen das Licht jüdischer Religiosität vielfach am Verlöschen? Wurde nicht die Frage immer wieder laut nach denen, die in der Turbulenz des Assimilantentums zu Erweckern neuen jüdisch-kulturellen Geistes werden könnten! Es scheint, als ob wiederum unser Schicksal selbst uns die Antwort gegeben habe: Jeder von uns ist geeignet, die heilige Flammenelut jüdischer Geistigkeit zu entfachen, wenn er in sich aufgesammelt hat die, Ehrfurcht vor der Religion der Väter, die Bereitschaft zum Opfer, den Glauben an die Größe und die Güte des Judentums. Aber worauf kommt ,es denn an? — Kommt es wirklich nur darauf .an, daß,es uns gut geht, daß unser Lebenslichtlein ein „langanhaltendes Licht" ist? Oder steht der Lebenssicherung nicht, als ein Höheres, die Klarheit der Lebensaufgabe gegenüber! Ist „ein klarleuchtendes Licht mehr?" — Dieser Streit zwischen der Freude am bloßen Existieren und der Begeisterung für ein aufgabenerfülltes, geistesgeklärtes Dasein hat iri unserer talmudischen Auseinandersetzung eine deutliche Antwort erteilt bekommen. „Ein klares-Licht ist mehr'als-ein langanhaltendes." Auch eine schon seit den Anfängen religiöser Zwiesprache durch das i Judentum gehende Divergierung, die zwischen religiöser Orthodoxie und Liberalismus, hat liier eine Beantwortung gefunden. — Die echte Orthodoxie erkannte stets ihre Aufgabe darin, das ruhevolle Gleichmaß religiösen Besitzes fortzuerben, von Geschlecht zu Geschlecht. Hierin ist die Stärke der orthodoxen Position gegeben, daß es ihr gilt, das überkommene Gut zu bewähren und es als ein dauerndes zu erhalten. Die Schwäche der Position liegt wohl darin, daß auch geistige Leuchtkraft einbüßt an Intensität, wenn aller'Kraftvorrat nur auf das Konservieren gerichtet ist. ■— Dent fortschrittlichen Judentum kam es zu jeder 'Zeit hingegen1 mehr darauf an, die volle Klarheit des Gedankens, das helle Geisteslicht des Wissens auf die Inhalte der jüdischen Tradition fallen zu lassen.' Wissenserkenntnis ändert sich. Fortschritt bedeutet, daher .oft .ein Abkürzen der. Dauer des bis jlahin als Wahrheit erkannten. Das liberale Judentum, .war niemals* Erbe der '.Datier; 'sondern war, inüner vor den Entscheid zum Neubeginn gestellt, war stets zum Entzünden eines neueren, klareren Lichtes gezwungen. Das war und ist seine .Größe .und seine Tragik. Aber die Ansicht Abbajes: „Ein klares Licht ist mehr", ist die Ansicht jüdisch-liberaler Religionsverfassung 'geblieben. Auch , die Makkabäer sind nicht ein Geschlecht der Dauer. Sie tauchen auf, und werfen das strahlende Licht ihrer1 Begeisterung über , das Judentum ihrer Zeit. Sie gehen unter, als sie es verdienen, als sie nur noch Schatten spenden, aber nicht mehr Klarheit des Geistes zu geben vermögen. Berufen zu'solch klarer Lichtquelle zu werden ist jeder in Israel. Zugleich ist es das große aller echten Erleuchtung, daß sie ihre Strahlen , wie ein Stern,, der längst verloschen, weiter aussendet über die Jahrhunderte der Geschichte. Die echte Klarheit bedeutet eben auch im tiefsten' Sirine Dauer. Die: Geschichte der Makkabäer, deren Gedächtnis das Chanukkafest geweiht ist, ist der Aufruf zur Bewährung des Judentums zu echter Dauer, zu letzter Klarheit. Einmütige Ablehnung des Legislative Council durch die jüdischen Vertreter — Die Araber behalten eich Bedenkzeit vor Jerusalem. (Jta.) High Commissioncr Sir Arthur Wauchopc hat am 21. Dezember die arabischen und am 22. Dezember die jüdischen Führer empfangen, um ihnen den Pinn der Schaffung eines Legislative Council für Palästina vorzulegen. Der High Commissioncr erklärte, die Regierung sei, nachdem sie das Funktionieren der Mtinizipalvcrwalrung überprüfen konnte, zu dcl Ansicht gelangt, daß die Zeit für die Einführung dc9 Legislative Council reif sei. Deshalb lege die Regierung den Plan für die Schaffung eines solchen Councils vor. Er soll aus 28 Mitgliedern bestehen, davon sieben Juden, fünf Vertretern der Regierung, drei christlichen Arbeitern, elf Mohammedanern und zwei Vertretern der Wirtschaft. Von diesen wird wohrschcinlich einer ein Jude sein Die j.üdische Delegation, der Vertreter der Jowish Agcncy, der Agudath Jisracl, des Waad Lcumi und der sephardischen Juden angehören, hat die Vorschläge der Regierung c i n - in ütigzurückgc wiesen. Die Vertreter der Araber erklärten, sie könnten jetzt zu den Vorschlägen noch nicht endgültig Stellung nehmen. Ihre Antwort werde am 7. Januar erfolgen, nachdem eine zu diesem- Zweck einberufene Konferenz der arabischen Parteien sich mit der Frage befaßt haben wird. Der Großmufti von Jerusalem ist gegen die Einführung des Legislative Cuncil. Die Auswanderung Obcrkuinmissuriat arbeitet auch nach MacDonaldB Rücktritt weiter London. Wie der Jüdischen Telegraphen-Agentur von dem Generalsekretär des Oberkommissariats für Auswandorcrfürsorgc, A. Wurfbainj mitgeteilt wird, wird das Oberkommissariat semo Tätigkeit bis zur Entscheidung des Völkerbundsrats über die weitere Führung der Arbeiten fortsetzen. Diese. E n tacheidung wird voraussichtlich auf der J anuar - Si'tzun g des Völkerbundsr-ats gefüllt werden. Auf Grund der., dem Völkcvbundsrat von der Expertenkommission erstatteten Vorschläge. wird der Völkorbundsrat zunächst eine provisorische Regelung der weiteren Arbeit, vornehmen, die fürdie Zeit bis: zum Zusammentritt der Völkcrbundsvcrsammlung im September 1936 gedacht ist. Die Völkor-r bundavcrsammlunp wird sich~: erst endgültig darüber schlüssig werden, ob ein neues VölkbrbundBamt für Auswandercrfürsorgc fre-chaffen oder die Arbeit zugunsten der Auswanderer, aus Deutschland einem erweiterten Nansen-Amt überlassen werden *>!!. 43SÖ Zertifikate der ArbcHer-EinwandcrungsscneauIc für das laufende Halbjahr Jerusalem. (Jta.) Die I'alüstinarcgicrung hat als Arbcitcrcinwaiideiungsschedulo für-das laufende Halbjahr 4330. Zertifikate: .bewilligt.. Davon gehen die bereits vorschußweisc aus- . gegebenen 1000 Zertifikate sowie 1200 Zertifikate ab, die als Reserve für;dic Legalisierung, des Aufenthalts illegaler •.Einwanderer zurückbehalten. :werden. 1000 .Zertifikate .-sind, für Angehörige in Palästina ansässiger Juden bestimmt. ' Dr. Ruppin über die Vorfchlfige der Jewish Agejacy Jerusalem. In .einer Pressekonferenz mächte Dr. Arthur Ruppin Mitteilungen über die von ihm der -Expertenkommission des Völkerbundes für Auswandererfürsorgo in Genf unterbreiteten. Vorschlüge: Dr. Ruppin. scluldcrtö die Lage der Juden in Deutschland iinJ wies darauf hin, daß er auf dem 18. Zionistenkongreß die Auswanderung von 200 000 Juden aus Deutschland im Lauf von zehn Jahren als notwendig bezeichnet hatte. Die Hälfte dieser" Auswanderer solle in Palästina Aufnahme finden, die Andere Hälfte in anderen Ländern. In den seit diesem Kongreß verflossenen, dreieinhalb Jahren habe Palästina 27 000 Juden/ aus Deutschland aufgenommen. Die übrigen Länder jedoch* seifin ihrer Aufgabe nicht gerecht geworden. In Deutschland selbst sind von etwa einer - halben Million im Jahre 1933 435 000 Juden zurückgeblieben. - Infolge des natürlichen Rückgangs der jüdischen Bevölkerungwird ihre Zahl jährlich um 6000—7000 kleiner. Wenn in den nächsten > zehn--Jahren jährlich 20000 Juden, aus. Deutschland auswandern, dann worden 1945 nur »noch 200 000, zum größten Teil alte Leute,;, übriggeblieben sein. Dies stello zwar eine ungenügende/ Lösung dar, aber eine bessere sei nicht möglich. -Von den jährlich-aus» . wandernden' 20 000 Menschen werde Palästina die Hälfte oder >; etwas mehr absorbieren können. Besonderen Nachdruck legte Dr. Buppin auf folgendo zwei Punkte: a) die Kommission dttrfo Bich nicht nur mit der Frage der bereit» Ausgewanderten befassen, sondorn müsse 'dio.Ge- . samthoit. der deutschen Juden berücksichtigen.- und : bv Palästina werde noch mehr Einwanderer aufnehmen können alsbisher, wenn diesen die Transferiorung ihres Kapitals er- \ mögliclit wird. Es seien daher Verhandlungen über Transfer-.

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