Jüdische allgemeine Zeitung
- Journal
- Jüdische allgemeine Zeitung
- Volume
- 15 (1935)
- Issue
- 49 (4.12.1935)
- Date
- 1935-12-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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BERLIN 4. Dezember 1335 PREIS 25 PF. Nr., 49,' / 15. .4ah'rflflinft' JÜDISCHE AUGEMEINE "SchriHieltuh.? und Oeschattsstclle: Berlin-Charloite'rtburg 2, UlelbtreustraUe 2. •C l Stclnpl.370i .ßinkk.: Kreditverein f. Handel u. Oewerbe eOmbH, Berlin 24. TPoätstlieck-K.:Bcrlfn 25720 — Bezugspreis: RM. I,— morjatl'ch «zuzügl. RM. 0.I0 XeituntregebÜbr und Bestollfcold), bei Stretfbandveraand tuiQgl. RM. 0,80. VerJug: Verlagogunosaensohaft in Deutaobland anaäBsiger Juden tu Berlin cGmbH., BlD.-Cb»rlottenburpr 2, Bloibtrouatr. 2. Anzeigenpr.: Dio 12tfeap mm - Zeile Rpf. B. für FnmIHenanzelgen Rpf, 6, für Stellengesuche Rpf. 6 Bei unverschuldeter Nicht bei ieferung besteht kein Anspruch auf VorgQtunB- HEU E FOLGE D ER J U D I S C H - L I B E R Ä IE N ZEITUNG AiiswancleiMiia«slVas!;cii in Genf Bie Tagung der Expertenkommiffion des Völkerbundes — 50 Projekte — Jewish Agency fchlägt eine internationale Anleihe zur Schaffung einer Liquidationsbank für jüdifche Vermögen in Deutschland vor Genf. Die bereits angekündigte Tagung der Sachverständigenkommission . des Völkerbundes, die dem Völkerbundsrat Bericht über organisatorische Maßnahmen zur Lösung des Problems der Auswanderer aus Deutschland im Zusammenhang mit den bestehenden Einrichtungen des Völkerbundes für Flüchtlinge aus anderen Landern erstatten soll, wurde am vergangenen Donnerstag in -Genferöffnet. Die auf Grund eines Antrags Norwegens gebildete Kommission besteht aus Sir Horacc Rumbold, dem ehemaligen englischen Botschaftor in Berlin, Marccll Rolland (Frankrcicli), Senator de MichacliB (Italien),' dem tschecliischcn Gesandten in Paris Stefan Osüsky und Michael Hansen'(Norwegen). Der' Kommission liegen Plane verschiedener Hilfsorganisationen über die Lösung der Auswandererfrage und die Regelung e'ner etwaigen weiteren Auswanderung aus Deutschland vor. Die Beratungen werden voraussichtlich bis Donnerstag, den 5. Dezember dauern. Das erste Referat hielt der bisherige Völkerbundskommissar für;Auswandcrerfüfsorge, James G. MacDonald, der nach dem Rücktritt von seinem Amt in der kommenden Woche in die Vereinigten Staaten zurückkehrt. Er erstattete Bericht über die Tätigkeit seines Amtes und vertrat die Ansicht, daß der, Völkerbund die Aufgabe habe, sich nicht nur mit jenen 30 000 bereits -ausgewanderten Personen zu befassen, die bisher noch nicht endgültig..seßhaft geroaqht.'wcrdcn - konnten,. eonder^ auch mit-den-- jenigeh, deren'.Auswanderung in Agroßer' Zahl .künftig noch zu erwarten sei. Er empfahl der. ■ Kommission, die Errichtung eines ■eigenen dem, Völkerbund unmittelbar unterstellten Amtes unter der Leitung eines Staatsmannes von internationalem Ruf vorzuschlagen. MacDonald betonte weiter, daß dieses Amt seine Aufgabe nur dann erfolgreich-werde .durchführen können^ wenn es eine enge Zusammenarbeit mit den zentralen jüdischen . Hilfsorganisationen. aufrecht' erhalten wird.,/' Wie der JTA mitgeteilt wird, herrscht in der Expertenkommission die Meinung vor, daß nach Liquidierung des MacDo- .nald-Amtes kein neues Amt für Auswandercrfüreorgc geschaffen werde, sondern, der Aufgabenkreis des MqcDonnld-Komriiissäriats deni Nansenamt übertragen werden solle. Dies; wird damit begründet ,daß die aus dem Saar)»'ebie t ausgewanderten Juden bereits dem Nansenamt: unterstellt sind und daß dieses ihnen .einen rechtlichen Status in einer Reihe von Landern gesichert hat; ■auch' würde die Übernahme der gesamten Auswnndcrerfürsorge , ..',' durch das Nansenamt " für die Ausgewanderten dadurch einen Vorteil bedeuten, ,daß. sie . damit . unmittelbar der Aufsicht des Völkerbundes unterstellt /wären; drittens Sprüchen für diese Lösung wirtschftfthche Er- : wägurigen: Dos Nansenamt . besitzt bereits 'einen' .Vollständigen/ Apparat, und die Übernahme des Auswandererschützes' durch' dicscs/Ämt wUre 'hestiriimt weniger kostspielig aUf die Errichtung eine» tespndcrcri Komnlissariats. Sollte, das Nansenanit außer der Versorgung staatenlos gewordener Personen mit Pässen auch noch -die Aüfgaocj zu übernehmen haben,.,mit den einzelnen Regierungen über die' Of f n un g de.V. Tore ",'f ü r e i n c j ü d i sclic ,E i n wan de r un g aus: Don t s oh 1 a ri d -zu] verhandeln;, so müßten seine* Befugnisse!nach dieser Richtung vom- Völkerbundsrat -ausdrücklich /er; weite r t .werden. .Außerdem wäre auch ■ eine Verlängerung' der. Funktionsdaucr des : Nansenamtes : erforderlich^. . .da-/dieses . Amt nach den^ jeteigen.. Bestimmungen. bereits 'in; zwei : Jahren Uquidiert sein «oll.; .', . I/' r. ■'.". :'-"'l '.'.V '■['.' V V Inv»'.weiteren Verlauf^ ihrer i Arbeiten^'hat;'dirlJExj»rtehkoni-v rinsaioV''Gutaiihl^^^ //entgc'gcngeriommeriAin denen sich aus Deutschland. ausgewanderte Personen m größerer Anzahl, aufhalten. Die Vertreter Frankreichs, Hollands, der "Tschechoslowakei und ariderer Staaten Äußerten sich über ■ "/' ... ' ' " die Möglichkeiten der Legalisierung des, Status der , V- /A'!/ ./Ausgewanderten; ': in den betreffenden Landern.' Die' Kommission will genau feststellen,/ welche/ Möglichkeiten in bezug auf die Erlaubnis' zu. /dauernd em Aufenthalt und Arbeits recht für.- diese; ■etwa 30000'.Menschen-'bestehen. In einem bf fizie 1 le n Co m m u n iqu e des Völkcrbiüidsekretnriats wird erklttrt, daß die Expertenkommission 'vom Vülkerbuiidsrat ermächtigt ,sei, jegliches nützliche Material .betreffend; die Lage der Ausgewanderten zu sammeln./Der Völkerbundsrat •werde, sobald ihrn der-Bericht der Kommission vorliege, alle ihm wünschenswert' erscheinenden Maßnahmen noch .vor. seiner,, nächsten ordentlichen; Tagung 'im Jahre' 1936 . treffen <können. Allerdings werde diese Tagung^' sich mit dem Problem'/noch befassen müssen.; •. /: ... -/ Zwecks 'Beschleunigung, der Arbeiten' wurden die Vertreter . der jüdischen Organisationen eingeladen, der: Expertenkommission ihre Vorscliläge zu unterbreiten. Es handelt sich um/ die Ver-,;' trotor der Jewish AgcncyA der Jca? des'Joint Foreign Conituiltce, des Ilauid of Dputics of British, Jcws und der. .Änglo 'Jewish Association. Dio bereits eingereichten M o ni o r o h de n in bezug auf das deutsch-jüdische Auswandcrcrproblcm werden damit -durch mündliche Erläuterungen noch ergänzt. Die jüdifchen Vertreter vor dcrKommifflon Am Montag erschienen die Vertreter der jüdischen Organisationen vor der Expertenkommission. Als Vertreter der Jewish Agency gaben Dr. Ruppin und Dr. G o 1 d m a n n ihre Ansichten über die Möglichkeiten für Auswanderung und Ansicdlung von Juden aus Deutschland bekannt. Bei der Entwicklung seines Planes, etwa 200 000 Juden aus Deutschland in verschiedenen Ländern anzusiedeln, ging Dr. Ruppin besonders auf das Problem der Aufnahmefähigkeit Palästinas ein. In dem von der Jewish Agency vorgelegten Memorandum, zu dem Ruppin ergänzende Aufklärungen gab,' wird u. n. die Schaffung eines Liquidationsinstituts vorgeschlagen, das die Liquidierung des Kapitals derjenigen Juden ermöglichen soll, die aus Deutschland auswandern wollen. Den Auswandernden, deren Zahl auf 25 000 bis 30 000 jährlich-innerhalb der nächsten acht bis zehn Jahre geschätzt wird, sollen Kredite gegen Sicherstcllung auf ihre Eigcntumswertc in Dputschlnnd gewährt werden. Die Mittel der projektierten Liquidationsbnnk sollen im Wege einer mit Hilfe, des Völkerbundes international garantierten Anleihe beschafft werden. Nach Dr. Ruppin gaben Vertreter anderer jüdischer Organisationen ihre Gutachten ab. Großen Eindruck riefen die Aus- 'führüngeh Dr."Bernhard' K a h h s, des curojiäischcn Direktors des Joint Distribution Committcc, hervor, die er im Nomen der gesamten Delegation machte. Seine Ausführungen gipfelten in folgenden Forderungen: 1. Der Völkerbund solle nach dor Einstellung der Tätigkeit des MacDonald-Kommissariats eine Körperschaft einsetzen, die den Schutz der Ausgewanderten unter unmittelbarer Aufsicht des Völkerbunds übernehmen solL 2. Diese Körperschaft soll autonom und von einer Persönlichkeit von internationalem Ansohen geleitet sein. 3. Die Körperschaft soll auch die Befugnis erhalten, Verhandlungen .mit der deutschen Rcichsregicrung betreffend den Transfer jüdischen Kapitals, aufzunehmen. 4. Staatenlos Gewordenen soll arboits- und paßrcchtlichcr Schutz gewährt werden. .5. Die Regierungen der Länder, in denen sich die Ausgewanderten zur Zeit aufhalten, sollen sich diesen gegenüber in Bezug auf A u f c ntha 11 sr c ch t und Arb 0i ts bc wi 11 i g u ng weitherzig verhalten- 6. Es sollen Verhandlungen mit der deutschen Reichsrcgicrung zwecks Ermöglichung einer geordneten statt einer chaotischen Auswanderung geführt werden. In der darauf folgenden Aussprache befaßte sich Otto Schiff als '/weiter Hauptredner besonders mit dem Kapitaltransfer. Dor Vertreter der Jewish Agency, Dr. Goldmann, erklärte, falls den Juden in -Deutschland der,Transfer ihres Vermögens ermöglicht werden wird, könnten jährlich 25 000 Juden aus Deutschland aus- ■ wandern, davon 12 000 nach Palästina. Die Mitglieder der Kommission wünschten zu wissen, ob die Ausgewanderten in ihren gegenwärtigen Aufcnthaltsländern bleiben sollen oder ob die jüdischen Organisationen ihre Wcitcrleitung und, Scßhaftmachung in anderen Ländern 'anstreben.. Daraufhin erklärten' sämtliche Mitglieder der Abordnung, daß sie im Prinzip für ein' Verbleiben der Ausgewanderten in den jetzigen Ländern seien und /für die Weiterleitung nur insofern eintreten, als dies angesichts der lokalen Verhältnisse Unumgänglich sei. ■ ■'Der JCA-Dlrclrtor Louis O u n g re , der zum Schluß unabhängig! vpru doli Abordnung ein eigenes Gutachten , erstattete, -.liehahdelte . äiev ^Möglichkeiten ."der; Auswanderung nach /{S fl da me r i k a.1 Die JCAN.soi bereit, auf ihrch /dortigen Be-, ■■* ■• tftrtrigw ftUBWaudci*r^a^w^ 'kolonlaMr^h^üWxSe; entsprechenden/ rechtlichen Voraussetzungen' geschaffen werden. .-Der .'Expertenkommission liegen insgesamt fünfzig Projekte ■ vor. : •,,",.'.- ■ -.'/ ■'..'".'. '.'-. / '■■'.: .'-■' '.' V Der Leiter des; Narison-Amtcs, Major Johnson, der soeben von e.incr Reise durch Deutschland zurückgekehrt ist, gab bekannt, , daß das. Nansen-Amt zurzeit bemüht ist, aus dorn S aar gebiet aus g c wanderten Juden die Niederlassung in Brasilien und Paraguay zu ermöglichen. - Zu diesem Zweck' wurde ein Sonderbeauftragter des Nansen-Amtes nach Südamerika entsandt. AEtwa 8000 Juden und Niclitjuden, die aus dem Saaxgcbiet ausgewandert Bind, haben Nanscn-Pässc erhalten. ." ' Siehe auch Seite 2 Die Bundeslade im Unterfland 'Abesshüens Natiohalheiligtum an der Front eingetroffen / Addis Abeba. . In Addis Abeba herrscht große. Genugtuung darubor,/daß die s a 1 o m o ri i s e h o Bu n d c s la d e , das Nntiolialhciligtuni Abcseinicns, wohlbehalten an . dor Front von D c s s i o «ingetroffen ist. Dort ist sie in einem bombensicheren Unterstand untergebracht worden, wo sie Tag und Nacht von koptischen Priestern und Soldaten der Kaiserlichen. Garde behütet wird^ /Nuch altabcssinisohem Brauch befindet sich die .einst aus dem Tempel von Jerusalem entführte Bundcsladc stets im Hauptquartier .des Ncgus, wenn das Landvon foiudlichciu Angriff bedroht : ist. FiFty - Fifty! Arbeitsgemeinschaft oder Kapitulation? Von HEINRICH STERN Die Vereinbarung zwischen den Fraktionen der Berliner Jüdischen Gemeinde hat auch über die Kreise der Nächstbetroffenen hinaus viel Aufsehen und wenig Verständnis erweckt. Aufsehen insbesondere bei denen, die das Maß wirklichen Einflusses der Persönlichkeit auf die Gemeinschaft mit dem Rechenschieber ausrechnen wollen. Auf der einen Seite hat man den Liberalen gesagt, sie hätten kapituliert, auf der anderen Seite sogar den Zionisten, sie hätten nicht Genügendes erreicht. Wer jetzt in jüdischen Zeitungen liest, wie irgendeine Gruppe in einer mittleren oder kleinen Gemeinde das Prinzip „Fifty-Fifty" wie ein Indianer sein Tomahawk mit Kriegsgeheul um das Haupt schwingt, der muß wirklich mit allem Ernst sagen, daß diese Herren den Sinn der. ganzen Aktion nicht verstanden haben. Uns — denn ich bekenne mich als einer der Hauptmitarbeiter an dem Berliner Gemeindefrieden und bin stolz darauf — lag daran, ein Doppeltes zu erreichen: Das erdrückende Maß von sachlicher Arbeit nicht noch zu beschweren durch erregenden und ermüdenden theoretischen Gesinnungskampf, und so einen wirklichen Ärbeitsfrieden herbeizuführen, und zweitens: allen. Gruppen in der Gemeinde den Vv'cg freizumachen, für die Abordnu.ng wirklicher jüdischer Persönlichkeiten in die Führerstellungen der Gemeinde. Damit ist natürlich von vornherein gesagt, daß es ßinnlos und mit allen Mitteln zu bekämpfen ist, wenn ein Häuflein persönlich Ehrgeiziger sich plötzlich die Maske irgendeiner jüdischen Weltanschauung an-*. schminkt, in dieser Maske nach Gleichberechtigung schreit und so in eine bisher in (.vollem Friddeji arbeitende Gemeinde Unnuhe und Erregung hineinbringt. Es kann aber auch keine Richtung, die eine Reihe guter Soldaten ihr eigen nennt, aber. Mangel hat an den unbedingt hotwendigen jüdischen Führerpersönlichkeiteh, eine ziffernmäßige Gleichheit beanspruchen, ohne die Gewähr dafür zu bieten, daß sie die bisherigen bewährten Arbeiter einer anderen jüdischen Richtung durch gleichwertige Persönlichkeiten ersetzen kann. Denn was wir brauchen, sind nicht nur kluge Verwalter und vollkommen saubere Menschen — das Moralische versteht sich immer von selbst — sondern jüdische Persönlichkeiten von Format, die etwas wissen und etwas wollen. Damit kommen wir zu dem wesentlichsten Punkt. Wer hüben und drüben glaubt, daß eine der Parteien, insbesondere also wir Liberalen mit einem oder zwei Sitzen, die wir einer anderen Richtung gegeben haben, in eine Liquidation unserer jüdischen Weltanschauung eingetreten stnii, der irrt gröblich. Es ist unter den schwierigen äußeren Veraältnissen heute wirklich müßig, darüber zu debattieren, hinter welcher Weltanschauung die sogen, jüdischen Massen stehen. Ich bin : Ketzer genug und; vielleicht auch Kenner genug, um zu behaupten, daß 80 o/o unserer Durchschnittsjuden »sich,vor iüdi'sc^hen'v^ nicht gestatten können, und auch {die. Zionisten werden wohl kaum ernstlich, d. h wenn sie unter sich sprechen, , die Menge, die heute ins Palästinaamt kommt, um sich ein Zertifikat zu erjagen, als waschechte Zionisten rubrizieren. Eine; Mitgliedskarte ist im übrigen bekanntlich .leichter zu beschaffen als eine ernsthafte jüdische Stellungnahme, die man nicht Partei, sondern Weltanschauung nennen darf. . Eine solche Weltanschauung ist aber auch nicht so leicht zu wechseln wie eine Mitgliedskarte, und darum mögen sich Freunde und Gegner der vertragschließenden Parteien sagen,' daß keine der. leitenden Menschen in der Gemeinde ,vorj dem anderen die Aufgabe seiner Gesinnung verlangen konnte und wollte. Unsere gemeinschaftliche Auffassung ist vielmehr die folgende: An - der Gleich-