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Jüdische allgemeine Zeitung · 1935-11-27 · 48 (27.11.1935) · page 1

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Journal
Jüdische allgemeine Zeitung
Volume
15 (1935)
Issue
48 (27.11.1935)
Date
1935-11-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
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BERLIN 27. November 1935 Schrlftloltuhg und' Oeschaltsstelle: Berlin Charloltönburg 2, BlelbtfeiutraBe 2. -C 1 Stelnpl. 3703. Barjkk.: TCredltvcreln I. Handel u. Öewerbe eQrabH, Berlin N 24.. Postschcck-Ki: Berlin 25720 — Bezugspreis: RM. 1,—monatl'ch isuzügt. RM. 0,10 - Zeitnagesobühr nnd Boatollgold), bei Strolfbundvennnd cuiflgl. RM. 0,80. PREIS 26 PF. Nr. 48 / 15. Jahrgang IdV Verlas: Verlagagenoflueoflöhaft in Deutschland ansiiaBigor Juden zu Berlin cGmbH., Bla.-Oharlotloaburtr 2. BUribtreuatr. 2. Anieigonpr,: Die 12fioap. mm - Zetlc Rpf. 8, für Famllienanzclgen Rpt, G, für Steltengesuche Rpl. 5 Bet unverschuldeter Niobtbelteferuue besteht kein Anspruch auf Vergütung NEU E FOLGE DER J ü DI S C H - LI B E R A L EN ZEITU N G Theorie und Leben / Von FABIUS SCHACH; Wenn das Sprichwort Bogt: „Grau ist alle Theorie", so ist das falsch.' Die Theorie ist meistens klarer und logischer als.die: Praxis. Sie kann sich den Luxus leisten, konsequent' zu: Bein, weil sie den ideologischen Weg geht und die Seibungen der Wirklichkeit nicht kennt. Das Leben aber ist gar nicht konsequent, es hat Beine eigene Logik, seine eigene- Moral, die wir häufig nicht verstehen. Konsequent denken ist nicht schwer, aber konsequent leben; . das ist ungemein schwer. Das Leben vermag der Theorie nur bis zu einem gewissen Grade zu folgen. Die Theorie kann paradox und * gerade darum geistreich sein, wo das Leben zum Paradoxen wird, ist es tragisch. Das zeigt uns jede -Epoche der Geschichte und jede Zeit des Sturms um so deutlicher. Wir haben neute im'/jüdischen Lager gar viele klug anmutende Theorien, nur kann ihnen das Leben nicht leicht folgen. Die Welt voller Dissonanzen paßt gar nicht zu den philosophischen Harmonien, und der sinnende Mensch muß sich manchmal gegen die weltanschaulichen Theorien wenden,- weil sie die, Kluft zwischen den innerjijdiscben Richtungen noch vertiefen. Theoretisch;ist es möglich, sich zu sagen: „Draußen V ^türmt es, ich bleibe in meiner Hütte, draußen' werde ich geschmäht; — ' ich weißer, wer undwas ich'- bin, das ist mein' innerer Halt." ' Aber auch die Hütte' ist ja vom'Sturm bedroht, und man kann auch nicht immer darm bleiben, man muß hinaus, um leben zu können . Und : die Kränkungen meines Wollens und Könnens, die Kränkungen der Ehre meiner Gesamtheit verwunden , meine Seele. Wie soll ich da leben und schaffen können? y Die Theorie sagt: „Man läßt uns nicht an der .großen deutschen -Kultur teilnehmen, so. bauen wir uns eine eigene Kultur auf." Aber eine Kultur wird < nicht aufgebaut, sie wächst, wie alles organische Leben, sie muß den richtigen , Boden, muß Sonne und Regen ihaben, um gedeihen zu können.: ■ V Die Theorie spricht':.;,Unsere Väter haben vor 150' Jahren unter amtlichen Verhältnissen gelebt, also knüpfen wir da wieder an.", Aber keine Zeit, gleicht ganz der anderen, die erlebte Zeit läßt sich nicht rückgängig machen. Man kann nicht willkürlich an irgendein-Kapitel anknüpfen, man kann kein Kapitel der Geschichte, streichen, weil, sie alle —- mögen wir •es begreifen oder nicht — organisch zusammengehören. . Es ist draußen und auch in uns in dieser langen Epoche vieles anders geworden, wir können das Leben unserer . .Väter verstehen, aber nicht'nachleben. ' .Die Theorie predigt: „Vergesset, was war, nur so findet ihr den Weg zu einer neuen Zukunft." Aber man kann -nicht auf- Befehl vergessen, wir kranken an der. Erinnerung ^wie-an;einein .^pürierten Gliede, wir können; nicht eine Geschichte,reich an Taten und Hoffnungen, aus dem Gedächtnis auslöschen. ,! Die.Theorie diktiert: ,,Ja sagen"zum:.Judentum!" "Was soll.das bedeuten.?,.Das Jö^che^an xnrd.in uns .nicht verleugnen, «ich seiner jüdischen^ Natur als Gegebenes freuen,, seine Eigenart in Literatur, und Lebeni .betonen? Jay das verneint heute kein.'denkender Jude. Aber auch das Jüdische ist nichts Stabiles, nicht überall und stets gleich, es ist verschmolzen mit Zeit und Milieu,' abhangig von gar vielen Begleiterscheinungen: "Wir können ebensowenig aufhören^ moderne Menschen izu sein,/ wie wir aufhören können, Juden^ zu seih. Beides ging,oft.nebeneinander;oft gegeneinander, aber bei vielen, und nicht den Schlechtesten, harmonisch miteinander. Das Leben ist keüie. Chemie; Kann man die verscfunolzencn Elemente wieder auflösen?' ■ Die Theorie; verkündet; /„Werdet bescheiden,, kehret zur Schlichtheit der /Väter zurück!" Das hat uns - das .Leben eindringliipher; als die Kanzel gelehrt. Wir sind arm und-bescheiden geworden, unser Lebenszuschnitt ist ganz anders als der-von vor vier bis fünf Jahren. 'Aber auch die yoh I^atur und Zeit gebotene Einschränkung hat eine Grenze., Auch Demosthenes mußte seine Tonne haben, um. sich glücklich zu fühlen. / „Haltet zusammen,. suchet .den jüdischen . Nachbarn auf!" spricht die Theorie. Das war in der Kleinstadt möglich, aber in ■■> der GrotJstadt,; wo man den ' Einwohner, desselben .Hausesi ..kainn..'d^ni- Namen .nach. kennt, wo' die Differ^ so groß. sind, wie soll mam das hier'.verwirklichen? Stimmung urid Gemütlichkeit, alte, jüdische Güter, lassen sich nicht herbeizaubern. Und was wäre damit gewonnen. . .^enn^fün^- -vergrämte^^ rrad von ihrem Elend sprächen? Eine schablonenhafte , Rückkehr zum AltyäterUchen Jkanri auch Philisterium bedeuten, und das wollen wir. doch nicht. . Die Theorie befiehlt naive, schlichte Frömmigkeit, wie sie das Judentum alter Zeiten zeigt. Aber dazu fehört eine naive Seele, die'wir nicht mehr haben. "Wir önnen nicht alles Erlebte und Erlernte auslöschen, Der Weg vom Kulturellen zum Primitiven ist seelisch, noch schwerer als äußerlich. Man predigt uns Jferowmus'und, Martyrium. Das 'sind; psychologisch "und 'ethischgesehen,'/himmlische, Dinge, und sie smd der jüo^ichen, Geschichte''nicht fremd; Die Juden haben"-: ofy'^en'^eroiscHen ,Kjunpf für ihre).Überzeugung geführt, und'site Waren häufig \ in - der Geschichte die Lehrer/des: Martyriums. Aber Seelehgrößckann nicht durch Worte' suggeriert 'werden, sie muß vorgelebt-werden. Heroismus kann nur aus einer Seele fließen, in; der alles geläutet, alles . geheiligt ist. Martyrium, das heißt die bewußte'Aufnahme von Lpid und Sclnnerz-ausinnerer Liebe,-kann nur .da entstehen, wo die Sehnsucht nach dem Himm- 'lischcn alles; Kleinliche, verscheucht hat. Man/sagt uiis: „Weil es euch schlecht geht, sollt ihr heiter senil". Aberwas für die iChassidim des Ostens einen" Sinn, vielleicht einen tiefen Sinn hatte, ist für den deutschen Juden von heute ein leeres Wort. Der Chassidismus ist. eine Weise, die nur mit dem primitiven Seeleiünstrument des Ostens, mit der Holzpfeife,vgespielt.-^ nian auch diesemspröden Instrument Schönes entlocken, aber die Symphonien Beethovens kanh man darauf nicht spielen- Wir modernen Menschen sind — zu unserem Heil oder Schaden — körperlich und seelisch bereits zu sehr verwöhnt, wir können zum Naiv-Mystischep nicht zurückkehren. Wahrer'Chassidismus. muß.erlebt werden. Wer unter den Ghassidim. ,lebte," Wo die idealste Bruderschaft herrschte, wo der Arme als Gläubiger galt, dem geholfen werden mußte, begreift, Was jüdische Wärme bedeutet.' Aber was war,.braucht nicht zurückzukehren. Der Chassidismus in . seiner Reinheit ist: auch für den Osten 'bereits überwunden, für rderi Westen ist er , gänzlich untauglich. Jeder Versuch,'etwas Totes' zu erneuern;' ist Spielerei, häufig gefälirüche' Spieierei.' Wir können, in der Religion, in der .'seelischen Befriedigung und Vertiefung des, mo- Budi —1 j - ' •' - \ .. . ... . - - ■ 7 , ■- .". :\ . '- .■ .-- - 'V . - - ... ' . '. - '.. . .:. .- ■ . ... . . ... .. ■ - - , -.ü .- . , . . . - ■_> . ■ %Mt&$$&n »V** , | ,i . 4 ti AI 'i!, «Vi V V, \,1 in ' » - *■ Ul» *• . 1. /.i t-wi IKiif/r ' ' in liit^M^lilL^^^Tl^i^itJi^'-' < I £^SSä«äS^äiSKSÜ&»ä-Al >«' <V> J ' i U •■» LÜJ^i »UWi .^.J , '\ vlll -i iV><i,»i.v

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