Jüdische allgemeine Zeitung
- Journal
- Jüdische allgemeine Zeitung
- Volume
- 15 (1935)
- Issue
- 47 (20.11.1935)
- Date
- 1935-11-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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'ScHrlltleltung und QejcbltUitelta: Berlin-Charlottcnburg 2, Blclbtceuslrnfle 2. Vorlag: Varlagagenosoensahaft in Doutsohland aaaäaalgor Judoa tu Berlin , C l^StcInpi. 37D3. Bahklc:Kredltyejoln f. Handel u; Qewcrbe eQmbH, Berlin N 24. eGmbH., Blo-Charlotlenburtr 2, Bloibtreustr. 2. Araeigenpr.: Die 12gesp. Postscheck-K.: Berlin 25720 — Bezugspreis: RM. 1,— monatlich <iuzügl. RM; 0,10? mm - Zelle Rpl. 8, iür Famlllcnanzelgcn Rpf, 6, lür Stellengesuche Rpt. 5 Zeitnngogebflhr und Bestellgeld), bei Strelfbondroriand tuzfigl. Bit. 0,80. < , ........ Bei unverschuldeter Niontbeliefening besteht kein Anspruch auf Vergütung. NEUE F O L G E DE R J U DI SC H ■ L I B E R A L E N ZEITUNG Jüclifchcs Eigenleben Erlauterungen der Parchfulurungsbeftimmungen za den Nürnberger Gefetzen Dieseit längerer Zeil erwarlden Ausführnngsbeslimmungen zu den Nürnberger Gesetzen, dem Reichsbürgergesetz und dem Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre, die unter dem 14. November im Reichsgfsetzblatterschienen sind, bringen im Zusammenhang mit ,jden Gesetzen vom 15. September eine .grundlegend£.1^elun£^es Rassehproblems und eine endgültige Festlegung des Judenbegriffes mit ihren Auswirkungen; Inhalt, Sinn und Ziel erläuterte Staatssekretär Stuckart yom Reichsinnenministeriuni vor Vertretern der deutschen Presse. :> .- ^; ' Bus Rcichsb'ürgergesetz und das Blutschutzgesetz, führte er u. a. aus, heben den Träger deutschen' und artverwandten Blutes heraus, das erste, indem es ihm allein: die vollen politischen .Rechte einräumt, dos zweite, indem es die Blutmischung zwischen Juden uiid Staatsangehörigen deutschen und artverwandten Blutes ver-. bietet. Die Juden seien ohne weiteres vom. Erworb des ReichsbürgcrgesetzeB ausgeschlossen. Nur der Rcicnabürgeit, lrfinnr, nls^det%-«lleinige Trgger-dei; Rtaatspolitischcn Rechte und Pflichten-zum Reichstag wühlen und gewühlt werden, sich , an JVöllraabstiinmungcn ibeteiligeni Ehrenämterin Staat und Gemeinde: ausüben und zum Berufs- und Ehrenbeamten' ernannt werden. Es kann also ein Jude in Zukunft ein solches öffentliches Amt nicht mehr ausüben. Alle j üdischen Beamten-scheiden daher mit dem Ablauf des 31. Dezembers aus. Frontkämpfer erhalten bis zur Erreichung der Altersgrenze als Ruhegehalt die vollen zuletzt bezogenen ruhegehaltsfähigen/Bezüge. , .Die beiden Gesetze und die Ausführungsbestimmungen bringen! und wollen, wie Staatssekretär Stuckart weiter ausführte, eine klare Scheidung zwischen Deutschtum und Judentum und schaffen dadurch die gesetzliche Grundlage für einen modus vivendi,, der allen Belangen gerecht wird. Ausgehend von der Erkenntnis, daß es sich beim Judentum um eine bhitmäßige Gemeinschaft handelt, gewährleisten sie in den gesetzlich gezogenen Grenzen dos Eigenleben des Judentums. Dahin gehöre das Zeigen der jüdischen Farben. In gleicher WcUo gestattet der Staat den Juden die freie Religionsausübung; eigenes kulturelles Leben und Erziehung. Umgekehrt aber ist dem Judentum für alle Zukunft die Vermischung, mit dem deutschen Volkstum und die Einmischung in die' staatliche, politische und kulturpolitische Gestaltung Deutschlands unmöglich gemacht. Staatssekretär Stuckart erläuterte sodann die einzelnen Bestimmungen, von denen der § 5 der Verordnung zum Reichsbürgergesetz die endgültige Festlegung des Judenbegriffes bringt. Ob' .jemand Jude ist oder nicht entscheidet die überwiegende Alcnge der Erbmasse einer. Person oder das auf bestimmten Lebcnavorgängen und freiem Entschluß beruhende Bekenntnis zmn Judentum. Die beiden Verordnungen regeln ferner die Stellung .der deütsdijüdischen Mischlinge. Man darf wohl die Erklärungen des .Staatssekretärs Stuckort als eine Sinndeutung der legislatorischen Absichten der Reichs- "regiorung ansehen. Sobald der angekündigte Kommentar zu den Nürnberger Gesetzen von Lösler erschienen ist, werden wir die für daspraktische Leben der, Juden bedeutsamen Gesetze für unsere Leser erläuternd darstellen. Den Wortlaut der beiden Ausführungsverordnungen veröffentlichen wir auf Seite 3 dieser Nummer. 15 jüdirdie Abgeordnete - im neuen englischen Unterhaus , Xondon. Dem neuen Unterhaus werden insgesamt fünfzehn jüdische Abgeordnete angehören, davon acht Mitglieder , der Rcgierungsparteieni drei Liberale und vier Arbeiterpdrtciler. Wiedergewählt wurden mit großer Mehrheit auch die beiden jüdischen Mitglieder, der bisherigen Regierung, der Untorstaatssekretär für Luftschiffahrt, Sir Philipp S as.söön, und der Minister. für Verkehrswesen, Leslie Ho re - Belisha, der eine- Stimmenmehrheit von 11 000 erzielte. Unter den Gewühlten befinden sich ferner der Liberale Sir Percy Harris, E. A. Strauß und A. Mi Lyons. Wiedergewählt wurde auch der Präsident der Pico, James de Rothschild. Dagegen wurde der Führer der Liberalen Partei; und erste High . Gorrimissionor Palästinas, Sir Herbort Sanjuel,, von dem erst 24jährigen konservativen S. H. Minto- ' Russell init 1157 . Stimmen geschlagen. Von, den bisherigen i'üdischen:Abgeordnetejt unterlag ferner -Barnott Janner im Wahlkreis WUtecliapel seinem .Gegner "von der Arbeiterpartei . mit einer Stimmcndtffcrcnz von .2281, Eine schwere Niederlage erlitt der antisemitische Konservative' Eduard Daran, der die Juden wiederholt im Unterhaus-angegriffen hatte. Auch der-bisherige Minister für dje Kolonien, Ma lcolm MacD oniald; det Sohn des bisherigen stellvertretenden Premiers Ramsoy MacDpnald, der gleichfalls geschlagen' wurde," kehrt -nicht mehr iir das-Unterhaus;' . zurück. ■ i . ihren Einfluß. dahin geltend machen, daß Cypcrn wieder unter griechischo Hoheit gelange. Ahessinier bringen ihre Bandesladen an die Front London; United Press meldetaus Addis Abeba, da'ß~diö Abcssinicr unter großen Feierlichkeiten ihre Bundcsladcn an die Front geschickt haben. Hohe abessinische Priestor versammelten sich zu einem Gottesdienst in der St. Markus-Kirche und begleiteten die Bundcsladcn der St. Georges- und St. Gabrielslrirchc an die Front.- Die Bundesladen wurden zunächst nach Dessie und von dort aus an einzelne Frontabschnitte. gesandt. Sie Wien den Kriegern gezeigt werden, um sie im Kampfe gegen die Italiener zu ermutigen-. Bei den Feierlidifceiten waren 500 Priester anwesend. Als riesiger. Kontrast zu diesem farbenprächtigen orien- ItalisAen1 Bild wirkte es, als die Bundesladen nach Beendigung der Feier auf -moderne Lastkruft wagen geladen wurden und unter'Begleitung einer geistlichen Eskorte die Fahrt antraten. " Dieser'Vorgang weckt die Erinnerung an dief Erzählung des Buches Josiia, hei der Einnahme von Jericho, wo die erste Buhdeslade tun die feindliche Stadt herumgetragen wurde. •\ Haasgehilfeuknrfc für Miiiraer Cypern foll griechifch werden? ■ Sensationsmeldung der griechischen Presse . Athen. (JTA.) Die in Athen ersdicinende Tageszeitung „Ellinikon Mellon" (Griechische Zukunft) bringt die' sensationelle Meldung, daß England die Insel .Cypcrn an Griechenland zum Dank dafür abtreten wolle, daß Griechenland seine Hafen f Or den Fall eines Krieges im Mittelländischen M/oer England zur Vorfügung gestellt'habe. Die Zeitung bemerkt, dies sei der erste persönliche Erfolg des Königs nach der Rückkehr auf den Thron. - . ). Falls sich diese allerdings recht. unwahrscheinlich klingende Meldung bestätigen sollte, wird die Frage'der j üdischen JKolonisation, auf Cypern einen völlig neuen Aspekt erhalten; Die griechische Presse, hat .sich wiederholt mit diesen, Siedlungsverauchen beschäftigt tind dabei der. englischen Verwaltung von Cypern den Vorwurf, gnlachtj sie wolle eine Verschiebung der ethnischen _ Zusammensetzung der Bevölkerung herbeiführen, um der Insel ihren: griechischen Charakter zu. nehmen. Andererseits haben sich die .'.jüdischen Organisationen - voij Saldniki vor zwei Jahren, als es auf Cypcrn zu Unruhen kam, telegraphisch an die jüdischen Führer in. England mit der Bitte gewandt,- sie mögen ' .Breslau. Dic.Synago.gehgomeindc Breslau hat die Absicht, Ausbildungskurse für männliche Hausangestellte für die Mitglieder der Gemeinde einzurichten. Es sojl dadurch ermöglicht worden, daß der,jüdische Arbeitsnachweis geeignetes, und mit Ausbildungszcugnisseii versehenes männliches Hauspersonal den. jüdischen Haushaltungen zur Verfügung stellen kann. Man verspricht sich gleichzeitig davon eine Linderung der Not der jüdischen Arbeitslosen. Bombenonfchlag. j . auf die Synagoge in Sosnowltz ' . Breslau.. Auf die Synagoge in Sosnowitz. (OatoberschleBien) wurdej wie ' aus Kattowitz. gemeldet wird, ' ein Bombenanschlag vorübt. Aus der Syhagogenmaüer wurde ein großes Stück .herausgerissen, und die Fensterscheiben der umliegenden Häuser sind zertrümmert worden. Ein 1 4 j äh rigor Junge , : der mit Schulfreunden in der Nähe spielte, wurde durch herumfliegende Sprengstücke so schwer verletzt, daß er kurze Zeit darauf im Krankenhaus ' s t a rb. Seine beiden Kameraden erlitten gleichfalls. Verletzungen. Die Polizei hat mehrere verdächtige. Personen verhaftet. - Piiläftiiiawaiideruiig Direktor Stahl über d'.c linnnziclle Lage der Berliner Jüdischen Gemeinde — D'.c Praxis der Zertifikatsvcrteilung — Das Problem der älteren Menschen Während die auawandcrungawiUigcn Juden Berlin» eich an verschiedenen Gcmcüidcubendcn der letzten Wochen über die Situation in Argentinien und Chile, in Südafrika und anderen außereuropäischen Ländern unterrichten konnten, war eine Veranstaltung der Berliner Jüdischen Gemeinde am letzten Montag in der Synagoge Prinzregentenstraße dem Thema „Palästinawandcrung" gewidmet. Wanderung, so führte der erste Redner, Direktor Heinrich Stahl, aU9, soll für die Juden nicht eine Reise ins Ungewisse sein, sondern ein Marschicren mit festem Ziel. Wer die Zahlen und Berichte der letzten Wochen aufmerksam verfolgt habe, erkennt, gleichviel mit welchen Gefühlen, daß viele, die es können, und viele, die cb nicht können, mit gepackten Koffern, dastehen. Außer Südamerika und Südafriko, wo auch die Aufnahmefähigkeit und Auinohmcwilligkcit noch begrenzt sei, bleibe in der Hauptsache nur ein Ziel: Palästina. Abor bei der ungeheuren Entfaltung des Landes dürfe nicht verschwiegen werden, daß Wanderung und Siedlung noch immer größte Schwierigkeiten bereiteten. Die Wartezeit, mit der sich insbesondere die jungen Menschen vertraut machen müßten, müsse sorgfältigster Vorbereitung der Jugend in jeder Hinsicht dienen, damit sie im Lande den tausend Anforderungen gewachsen sei, die das Leben stolle. Wenn auch die Organisationen Großes -geleistet hätten, so habe man doch niemals mit einem Ansturm rechnen können, wie er sich seit zweieinhalb Jahren bemerkbar mache. Wir werden, fuhr Direktor Stahl fort, den letzten Einsatz der Wirtschaftshilfe für die Ausbildung unserer jungen Menschen wahren, obgleich ich nicht verhehlen darf, daß die finanzielle Lage der Jüdischen Genicindo ungünstig ist. Wir haben im letzten Jahr einigermaßen bestehen können. Aber die Auswanderung potenter Kreise macht sich immer mehr fühlbar. Wir haben das erwarten müssen. Aber die großen Gemeinden, namentlich Berlin, sind auf die Gcbcfrcudigkcit solcher Spender angewesen. Ihr Fehlen macht sich im Wcitcrbuu der Gemeindo bemerkbar. Diejenigen, die noch ihre Existenz hätten und noch eine größere Zahl von Angestellten beschäftigten, sollten ihren Besitz nicht im Stich laBscn. In diesem Zusammenhang bemerkte Direktor Stahl, daß die Gerüchte über die großen Geschäftsverkäufe einer Anzahl bekannter jüdischer Firmen in Berlin nicht richtig seien. Gerade für solche Fülle soi bei der Reichsvcrtrotung eine Beratungsstelle eingerichtet, die nicht nur Ratschläge erteile, sondern auch Existenzen zu erhalten sich bemühe. , Was die Möglichkeiten und Aussichten der Menschen höheren Lebensalters angehe, so könnten diejenigen mit Geld den weiteren Aufbau Palästinas mit Ruhe abwarten. Die Fortsetzung der Beimatgemcinschaft in Palästina das sei ein Ergebnis der .Einwanderung aus Deutschland. Wünschenswert sei, daß von den Möglichkeiten der Anforderung durÄh Verwandte Gebrauch gemacht werde' Wer nicht im Besitz von Mitteln sei, sei in Ungewisser Lage. Die Gemeinde bemühe sich, daß diese Menschen, die hier bleiben müßten, nicht der Verzweiflung anheimfallen. Mit einem dringenden Ruf an die für die Palästinawanderung zuständigen Stellen, immer größere Aufnahmemöglichkeiten zu bereiten und einem wannen Appell, in reichem Maße für dio Jüdische Winterhilfe zu spenden, damit kein jüdischer Mensch in diesem Winter Not leide, schloß Direktor Stahl seine Ausführungen. Sodann gab der gesebäftsführendo Vorsitzende der Z.V.f.D. und Leiter' des Palfistinuumts, Dr. Franz Meyer, einen Uberblick über die Erfahrungen! die man ini Palästinaamt,; das nicht nur eino Auswanderungsbehörde sei,; sondern auch die „Konsularische Funktion des jüdischen Palästina" auszuüben 'habe, in den letzten zwei Jahren gemacht hat. Wenn etwa 20 % aller Arbeiter-, zertifikato in den beiden vergangenen Jahren auf Deutschland entfallen seien, so sei damit der Anteil der Juden Deutschlonda erheblich. günstiger als dor der jüdischen Bovölkerung anderer Lände? mit starkem Auswandorungsdrang. Wenn sich eine , ''Mißstimmung Uber die Zcrtifikatverteilung äußere, so dürfe man nicht die Tragik vergessen, die darin liege, daß die Hälfte der jüdischen Bevölkerung Deutschlands, über 40 Jahre alt sei. Aber ein im Aufbau befindliches' Land könne nur Mensoheh im Alter von 18 bis h6i?Iist,on'ß 35 Jahren gebrauchen. Das bedeute nicht, daß das jüdisch« Palästina völlig die älteren Schichten im Stich lasse. Dor, Ent- wicklungsgang sei der, daß die junge Generation später auch den Älteren den Weg ebne. Ein solcher Prozeß aber könne bei der kurzen Zeit einer verstärkten Palästinacinwondorung noch nicht zu einem ins Breite wirkenden Ausmaß geführt haben.. Anhand einer Statistik wies Dr.-Meyer die mit jedem Jahr'