Jüdische allgemeine Zeitung
- Journal
- Jüdische allgemeine Zeitung
- Volume
- 15 (1935)
- Issue
- 44 (30.10.1935)
- Date
- 1935-10-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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BERLIN 30. Oktober 1935 Schflflleitüng lind aeschaltsstelle: Berlin - Chartoltenburg 2, Blelbtreustrallc 2. C l Steinpl.'3703. Bankk.: Kridltymln f. Handel u.'Oewerbe eOrnbH, Berlin N 24.' Postscheck-K.: Berlin 25720 — Bezugspreis: Rf/j.-1,^r^pnjtl)ch Izuzügl. RM. 0,10 ZeitungBgebtthr und' Bestellgeld), bei 8trelfljiridyertarJ<j: «u«ttgl. RM. 0.S0. . '■ ■ .;' .^O^unv.!^::- PREIS 25 PF. Nr. 44 / .10. Jahrgang AUGEMEIME Verlag: Verlagegenosaerumhaft in Deutschland onaäaalger Juden-in Berlin eOmbH., Bln.-Charlotiflaburg 2, Blolhtreuitr. 2. Anieigenpr.: Die 12geap. mm - Zelle Rpl. 8, für Famlllcnanzelgen Rpl, 6, für Steltengesuche Rpl. 6 Bei unverschuldeter Niohtbelleierung beateht kein Anspruoh auf Vergüten«. N E U;E F O L G E D ER J ü DI S C M - L I B E R A L E N ZEITUNG en für die Jüdifdlie Wiiitcrliilfe am kommenden Sonntag Wie die „Jüdische ^Allgemeine" auf Antrage bei der Pressestelle der Jüdischen Winterhilfe erfahrt, findet die erste Ilaiinsauimhmg der Jüdischen Winterhilfe in Berlin am kommenden Sonnlag, den, 3. November, Btott. I Für Sonntag, den 10.-Ndvembcr, ist ein E i u t o p f a o n utag, verbünden mit Haussammlungcnj vorgesehen^ An diese Worte mag Jeder eich erinnern, wenn am kommenden Sonntag dio Helfer des Jüdischen Opferwerkes an seiner Tür klingeln, um ihn zu mahnen an das Gebot, zu helfen, zu opfern und dadurch das Schicksal zu überwindon. Die Steuerpflicht bei Spenden zu wohltätigen Zwecken Jetzt bei Beginn des Spendenwerks der Winterhilfe ist eine Entscheidung des Rcichsfinanzhofs von allgemeinem Interesse, die sich mit der Stcucrplficht von Spenden, die zu wohltätigen Zwecken gegeben werden, befaßt. Schon im Jahre 1933 hatte der Rcichsfinanzministcr in einem Erlali die Auffassung vertreten, daß Beitrüge zu idealen, gemeinnützigen oder sozialen Zwecken bei der Einkommens- und Körperschaitastcucr nicht begünstigt werden können. Ein Abzug d c ra r t i gc r' Sp-ondcn'bc i der Berechnung des s t c uo rj>i 1 i oh t i gc ri Einkommens wurdo datier bisher abgelehnt. Auch die neueste Praxis des Reichsfinanzhofes -steht auf dem gleichen Standpunkt. In dor Begründung .dieses Standpunktes heißt es, die Anerkennung •einer solchen1 Abzu^sfähigkcit würde zur Folge haben, daß ein Teil der'Spende nicht aus den eigenen Mitteln' des Spenders^ sondern durch Verzicht des" Reiches auf seine Steucransprüchc aufgebracht wird. Dies würde aber gerade den Gaben für die Winterhilfe den Charakter des 0 p f ev T ff ' nehmen, den sie für den-Spendor haben sollen. Auch in der Neufassung des Kör- 14 Antragsteller)'' für die Winterhilfe häufen sich die 'Formulare perschaftsgesetzes hat diese Auffassung ihren Niederschlag gc- . -der Hilfsbedürftigen^ <Ü> durdi ci^ zu gemein Dbcrv30 000 hilfsbedürftige jüdische Menschen Berlins gilt es in. den kommenden dunklen Winlerrnonaten mit Lebensmitteln, Kleidung und Kohlen zu versorgen." Die Kräfte für das große Werk jüdischer Gemeinschaftsarbeit sind mobilisiert. . Schon der erste Appell hat so viclo freiwillige Helfer auf den Plan gerufen, daß mit -ihrem .-Einsatz am -kommenden Sonntag die erste Haussammlung; in Berlin durchgeführt werden kann, Es ist keine geringe organisatorische Aufgabe, die die Leitung der Jüdischen Winterhilfe mit der Durchführung dieses großen Werkes der Nächstenliebe auf sich genommen hat. Penn nicht weniger als 60 ODO. Haushaltungen mit weit über lOO'QOO Menschen, an die der Mahnruf zu opfern ergeht,V gilt, es zu erfassen. Zu diesem * Zweck, ist• Berlin;üv zehn1 Gruppen eingeteilt,.:von denen jede 25 Blocks und fünf; bis sechs Stützpunkte umfaßt. In den geprüft.'.wcrden. Die Vorarbeiten sind eoweit| gediehen, daß die . erste Verteilung der. Spenden. in der ersten - Nbvemberwocho . voraussichtlich stattfinden kann. ' Wenn in der vergangenen Woche in einer:feierlichen Kund-, gebung zur Eröffnung der Jüdischen Winterhilfe, die die fahrenden Persönlichkeiten .des jüdischen Lebens aus Berlin und dem Reich Babbincr. Dr. Lep Baeck, der Präsident der. Reichsvertretung, mit nachdenklichen und eindrucksvollen Worten Sinn und Bedeutung der Jüdischen Winterhilfe darlegte und zu Opferbereitschaft und Einsicht in das'Gebot der Stunde auf rief,. und Direktor Heinrich Stahl, der Vorsitzende der Berliner Jüdischen Gemeinde, seine Ansprache mit den Worten schloß: „Wir wollen nicht hur bezeugen, Bondern beschwören, daß wir uns; der geschichtlichen Größe unserer "Aufgabe, bewußt sind. ) Von dem Ergebnis der Winterhilfe wird es abhängen, ob die Armen, ob ."wir'alle verzweifeln oder hoffen Bollen. Wir reichen einander1 Herz und. Hand zur Jüdischen Winterhilfe" — so haben diese aufrüttelnden Worte bei keinem. der zahlreichen Versammleiten ihre Wirkung verfehlt, und sie werden weiter wirken, um jeden Juden in Deutschland an seine Ehrenpflicht zu erinnern, oft bewahrten, echt jüdischen Opferairui zii'beweisen. Ein-schönes, tiefes Wort hat Dr. Leo Baeck. an jeiicmi Abend . gesprochen, als.er ausführte: Jeder von uns ist judischer als er : c» weiß. Er braucht ijür zu sich selber zu gelangen. Unsere .'Winterhilfe wird ihm einen, ersten Weg weisen: zu dem -Guten, dem Frommen,- dem' Jüdischen, das/ in ihmjst, auf daß-er .zu sich seibor gelange, «ndü& erfahre^ ' In seinen Fragment gebliebenen Memoiren erzählt Heinrich Heine und dabei füllt alle. Spottsucht von ihm ,ab — von'der Tätigkeit seines •' Vaters als Armeupf leger in' Düsseldorf. Er erinnert: sich dabei an ,die. <lunkl?a;Frünstunden des Winters, ' wenn idcr; Vater ah einem , großen Tisch seines Zimmers saß, - der mit Gcldtütpn verschiedener Größe' bedeckt war. Die silbernen Lcuch-; ter. mitWachskerzen, deren;sich" de>, Vl^r; sonst bediente, hatte ■er, um vor der, Armut nicht, zu pjrui^eiii'-njit kupfernen, vertauscht, in denen Talglichter brannten; v-^' T. ''^'' .'<-.',' '■;.'- :'.•} ■-' .' Bis in den Vorsaal hinehi .standen arme Leute jeden Alters. 3Jiner.nach dem -andern kam,^seiiic Tüte in Empfang zu-nehmen, mancher orhielt zwei. Die große Tjlto entluclt. das Privatalmoscn des Vaters, die kleine das Geld der Armenkasse. Harry, der Junge, saft auf einem hohen Stuhl'neben dem Vater und reichte ihm die Tüteu., ,,Mein Vater", schreibt Heute, „wollte nämlich, ich sollte Jörnen, (wie. ruaii gibt, und , in diesem Faclio konnte ■ man bei meinem Voter.' etwas Tüchtiges lernen. Viele Mensclieit haben d,as Herz auf : dem tccliten. Fleck, aber sie vorstellen nicht -zu geben,.und es dauert lange, che der Wille des Herzens den Weg ■ bis, zur Tasche macht; .zwischen dem , guten Vorsatz und der ■■ Vollstreckung vergeht langsam die Zeit wie ■ bei feiner Post-v Schnecke. .Zwischen dem Herzen memes Vaters und seiner. Tasche war gleichsam schon eme Eisenbahn eingerichtet." - nützigen, mildtätigen, kirchlichen und ahnlichen, Zwecken nicht mehr abzugsfähig Bind. Auch in den Veranlagungsrichtlinien für das Jahr 1934 wird diese Auffassung vertreten. Es besteht;also nach dem jetzt geltenden Stcucrrccht für keine Steucrart mehr eine Möglichkeit, Spenden bei, der Steuer abzusetzen. Die Höhe der gegebenen Spenden ist auf die Höhe der Einkommens- oder Körperschaftssteuer ohne Einfluß. Helferinnen fallen lieh melden Die . Jüdische Win tc rhi 1 fe der Berliner Jüdischen Gemeinde teilt mit: Sämtliche jüdischen Frauen-Organisationen Berlins haben dio Sammlung und Verteilung der Pfundspende Groß-Berlins übernommen. Zur Durchführung dieses Werkes bedürfen sie ehrenamtlich arbeitender Hilfskräfte jeder Eignung. Es werden benötigt: 1) Frauen, die organisatorisch begabt sind, 21 Frauen, die geeignete Räume besitzen, um bei sich Haupt- und Ncbcnsammclslcllcn einzurichten, 3) Frauen, die bereit sind, als Werberinnen und Sammlerinnen zu nrbeiten (Adrcsscnmatcrial vor- Iwndcn), 4) Frauen, die in den Ausgabcrüumcn die Pfundpakctc, zusammenstellen» Ferner benötigen sie dringend Autos, die jeden Dicnstag- Nuchmittog ab 14 Uhr aus den Sammelstellen die Lebensmittel in die Ausgabestellen befördern. Schriftliche Angebote mit genauer Adrcascnangnbc werden erbeten an die zuständigen Bczirksleiterinncn: ' Für-Bezirk Mitte (einschl. Reinickendorf, Wedding): Ffcnu Hilde Rosenkranz, C 25, Gontardstr. 5, Für B*czirk Süden (einschl. Neukölln, Britz, Treptow, Baumschulcnwcg): Frau Kantorowsky, Neukölln, Gcygorstr. 17, Für Bezirk Norden (einschl. Wcißcnscc, Pankow, Reinersdorf, Hohenschönhausen): Frau Ncihoff, NO ,55, Prenzlauer Allee 15, Für Bezirk W ilmer sdorf-Schöncbcrg (einschl. Dahlem, Grunewald, Hnlcnscc): Frau Hamburger, Grunewald, Jagowstr. 30, Für Bezirk Westen- Kreuzberg (einschl. Tcmpclhof, Mariendorf): Frau Hanna Guttmann, W 35, Bcndlcrstr. 36, Für Bezirk Ghorlottenburg - Nordwesten (einschl. Sicmcnsstadt, Jungfcrnhcidc, Westend, Moabit): Trau Schuster, W 15, Kurfürstendamm 214, Für Bezirk O s ton (einschl. Lichtenberg, Rummelsburg): Frau Sonntag, NO 18, Große Frankfurter Str. 45/46, Für Bezirk Südwestliche Vororte (einschl. •>Stcg- 1 litz,' Friedenau, Südendc, Lichtcrfeldc usw.): Frau Winter, Steglitz, Feuerbachstr. 48. Der Vorstand der Synocogc L e v c t zo w s t r a ß e veranstaltet am Sonntag, den 3. November, um 18 Uhr 30 in der Synagoge Lcvetzowstraßc eine Wohltütigkoitsfeior, deren Gesamtertrag der Jüdischen Winterhilfe zufließt. Es spricht Rabbiner Dr. Manfred Swarscnsky. Musikalische Darbietungen sind vorgesehen von Prof. Bruno Eisncr und dem Roakinschen Chor und verstärkten Orchester. Die Eintrittspreise betragen 50 Rpf, 1 RM undi 2 RM. Karten sind erhältlich bei Max Lovy, Alt Moabit 104 a v. "ptr., Emil Scharlinski, Klopstockstr. 30 I, Buchdruckerei Hermann Felbel, Kirchstr. 12, und beim Kastellan der Synagoge Lcvetzowstraßc. Juden aus Deutlchlaiifl \ ' als Siedler in Paläitiua Voraussetzung und Ausfichten für die Anfiedlung älterer Menfchen . Wir haben,uns.in.'unserer letzten.Nummer mit d,ea Problemen . , diu ümschichtung und den Möglichkeiten der Siedlung auf dem Lande in' .Palästina beschäftigt. Das lebhafte .Interesse,das diese Ausführungen. boi dem ..nnter den Juden Deutichlocda immer i. . rfltäTter .werdenden Drang zur Auswanderung hervorgerufou haben, . ■■ yeranlAQt uns, .aaohstehead die neuesten Berichte' zu veröffent-. liehen,, über die -Erfahrungen, die mdn; mit Siedlern aus' Deutsch; \. lahd 'gemacht'hat, Und'übor die .weiteren Pläne, wio man ihr wirtachnltliches Schicksal einer günstigen Entwicklung entgegenfüliren kann. Wenn man sich auch nicht, verhehlendarf, daß im Augenblick "die -Umstände leider,, namentlich "für ältere -Menschen, nooh .manche wirtsohaftlicho und seelische Sorgen bringen* so .lassen doch die' jetzt in-die Wege geleiteten. Maßaahmon eine ■ '•• günstigere Entwicklung für die Zukunft erwarten. X . Die Zah( der Einwanderer aus Deutschland, so heißt'es in einem Bericht; der „Zentralstelle für die, Anaicdlung deutscher) J^udfn'f, die die Absicht hatten, in irgendeiner 'Form zu siedeln, war verhältnismäßiggroß. Allerdings war ein hoher Prozentsatz,1 ca. 50'o/e, als nicht crnsdiafte• Siedlungskondidatcn von vornherein in Abzug^zü bringen. Von den Übrigbleibenden hat im Laufe der Zeit ein verhältnismäßig großer Teil, etwa 60 o/0, seinen ursprüngliclien Siedlungsplan-aufgegeben. ■ - (. Die Gründe hegen cuicrseib in den subjektiven'Schwierigkeiten der. Siedler selbst: nicht ausreichendes Kapital, zu hohes• Alter, mangcbule Eignung des Siedlers .oder seiner Frau,, falsche Vorstellungen über die Schwierigkeit der Eingewöhnung in da9. palästinensische Loben, Uncntschlossenheit usw. Andererseits aber, muß man die obcjküv schwierigen Verhältnisse der palästinensischen Landwirtsdiaft überhaupt berücksichtigen, insbesondere das Nichtvorhandensein geeeigneter nuttelstBiuhscher Sicdhingsmöglichkeiten für filtere, nicht landwirtschaftlich vorgebildete Menschen mit einem Kapital vpn J000.Pfund und. wemget.: . . . '• . Dieses Urteil von offizieller ziqiüstiBcher Seite zeigt klar, wo die Schwierigkeiten bei der Ansietllung einer größeren Zahl jüdischer -Auswanderer :aus -Deutschland liegen. Sic bilden die Grundursache für das Scheitern mancher Hoffnungen und für die verhältnismäßig geringe Zahl derer, die tatsächlich mit einiger Aussicht, auf wirtschaftlichen Erfolg' angesiedelt werden konnten. Nun ist aber die Siedlung, d. h. die aktive Betätigung in dor Landwirtschaft. und ihren Nebenzweigon neben der Tätigkeit des Facharbeiters heute fast'dio einzige Möglichkeit', in einem änderen Lande 1— dies gilt für Palästina, im ganzen gesehen, ebenso .wie für andere Gebiete v . ■ , ' ■ , — sich eine neue Existenz aufzubauen. Gewiß gelingt es in Einzelfällen auch in anderen Berufen wieder ein Wirkurigsfeld' zu finden. Besonders begabte Techniker, Arzte, dio, die Mittel und die Möglichkeiten haben, noch einmal zu"studieren,-einzelne Kaufleute und Handwerker konnten zu einer neuen, ihrer bisherigen Tätigkeit wenigstens annähernd entsprechenden Arbcitsmöglichkeit kommen. Aber für'den größten Teil' doraus Deutschland ausgewanderten und in der nächsten Zeit weiter auswandernden Juden wird die Siedlung auf dem Lande das Ziel und die Hoffnung bleiben. Es sind-daher in Palästina Bestrebungen im Gange, die; Schwierigkeiten der Siedler, soweit diese .nicht m .der. Person des Auswanderers liogcn, durch Hilfe jeder Art zu. mildern. Hichtigorweiso müßte aber auch dafür gesorgt werden, daß nicht zu rosig gefärbte Berichte über diti Arbeit auf dem Lande hierher gelangen und verbreitet werden. Vcrständhcherwcise neigt der Auswanderer' dazu, den Angehörigen, die in' Deutschland gebheben Bind, Bein Schicksal und seirte Arbeit in gunstigcni Licht zu schil-