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Jüdische allgemeine Zeitung · 1935-10-23 · 43 (23.10.1935) · page 1

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Journal
Jüdische allgemeine Zeitung
Volume
15 (1935)
Issue
43 (23.10.1935)
Date
1935-10-23
Page
– (sequence 1)
Language
German
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B ERLIN 223. Oktober 1 1935 B^hinf^hiß PREIS 25 PF. Nr. 43 / IS. Jahrganq JUDISCHE ALLGEMEINE •Sclirlftlcltung und Geschäftsstelle: Berlin- Charlottcnburg 2, nicibtreustrjUe 2. O 1 Stelnpl. 3703. Bnnkk.: Kreditverein f. Handel u. Gewerbe eOrnbH, Berlin N 24. Postscheck-K.: Berlin 25720 — Bezugspreis: RM. 1,—monatlich uuiflgl. RM. 0,10 Zeitungegebühr und Bestellgeld), bei Straifbandveriand zuzügl. RM. 0,30. Verlag: Vorlaganonoasoasotaatt in DoutBQblnnd ansässiger Juden zu Berlin eGmbH., Bln.-GbarlotlonburK 2, Bloibtroustr. 2. Anzoigonpr.: Dio 12gesp. mm - Zelle Rpf. 8, tür Famlllcnanzelgen Rpt, 6, (ür Stellenßesuchc Rpf. 5 Boi imvorschuldetor NiontboHefarung beBtebt koia Anspruch auf Vorgütrma NEUE FOLGE DER JODISCH-LIBERALEN ZEITUNG Politik und Religion Innerj üdifclies Dreigefpräch Das" Berliner Jüdische Lehr Ii aus eröffnete im Hahmcn der Donnerstag-Vortragsreihe seine diesjährige Winterarbeit mit einem Drcigcsprüch zum zum Thema: Unsere religiöse Situation. Die Gesprächspartner: Dr. Bertha B a d t - S t r a u ß , Heinrich Lemmie, Ignaz M a y b a u m. Das Mitglied des Gemeindevorstandes Walter Alexander übermittelte die Wünsche und Grüfte des Kuratoriums und Gcmcindcvorstandcs. Als Beweis für die fortschreitende Vereinheitlichung des jüdischen Bildungswesens hob er hervor, daß die Donnerstag-Vortragsreihe und die Morgenfeiern künftighin gemeinsam mit der Lchrstüttc Ch. N. Bialik der Berliner Zionistischen Vereinigung durchgeführt werden. Auch wir stellen diese Neuerung mit Genugtuung fest. Wir sind am vergangenen Donnerstag Zeugen einer echten Disputation geworden. Dreierlei war an ihr zu begrüßen. Erstens die Tatsache als solche. Bertha Badt-Strauß — die sich selbst als „Weltkind in der Mitten' 'bezeichnete und damit sowohl thematisch wie geographisch recht hatte — war es, die einleitend darauf hinwies, daß man damit im Formalen den klassischen Weg des jüdischen Gesprächs, die talmudische Diskussion, beschritt. Sie selbst übernahm die Rolle des fragenden Kindes am Sederabend, und man muß ihr schon bestätigen, daß es der Chochom war, der hier sprach. Vielleicht ein etwas zu kluges Kind. Es hatte unendlich viel zu fragen und brachte seine gestrengen Lehrer dadurch zuweilen aus dem Konzept. Immerhin, der Gedanke eines Mehrgesprächs war gut und fruchtbar, nicht der Lebendigkeit halber •allein, sondern um der Nähe willen, die Podium und Publikum zu gewinnen vermochten. Zweitens der Ton. Es war fraglos ein echtes Gespräch, ehrlich und leidenschaftlich, oft fast bis zur Polemik leidenschaftlich, ungekünstelt und ursprünglich. Der gewiß störende, aber spontane Beifall, der das Gespräch vielfach unterbrach, bewies, trotzdem er fehl am Platz war, die Unmittelbarkeit von Wort und Aufnahme. Drittens die Fragestellung. Es ist das Entscheidende hierbei, daß die Aktualität des Themas weniger in seiner objektiven Gegegebenheit als in dem subjektiven Unvermögen, in,der — wie es den Anschein hat — absoluten Fragwürdigkeit eines Versuchs, etwas Allgemeingültiges zu „unserer religiösen Situation"1 zu sagen, liegt. Nichts machte das offenbarer als Verlauf und Inhalt des Gespräches selbst. Wenn etwas erwiesen ■wurde, so eigentlich nur das, daß unsere Situation noch (?) keine religiöse ist. Allenfalls eine präreligiöse, aber auch hier wären noch allergrößte Vorbehalte am Platz. Was selbst bei diesem Gespräch der wirklich Berufenen immer wieder augenscheinlich wurde, war die anscheinend ungeheuere' Verlockung, fremde Inhalte, die der politischen Debatte entlehnt ^.waren — im übrigen bewußt" entlehnt waren! — aus pädagogischen Gründen in die religiöse Diskussion einzuführen. ■ Es darf nicht verschweigen werden, daß diese Absicht in ganz bedeutendem Maße gefährlich ist, und zwar aus Gründen einer falschen Voraussetzung und einer falschen Konsequenz. Die falsche Voraussetzung: Man ging vom „b aal teschüwoh" aus, d.h. von dem verlorenen Sohn, der Jiach planloser Irrfahrt durch die säkularen „Götzenkulte" des 19. und 20. Jahrhunderts von Reue geplagt öder von neuer und besserer Einsicht getrieben, wieder im Hafen der jüdischen Gemeinschaft landet. Beide Theologen attestierten ihm — Lemmie unter gewissen Kauteleri, Maybaum bedingungslos —, daß „er auf dem Wege zu einer neuen seelischen Haltung ist, die religiös genahnt werden kann". Hier stock' ich schon. Ist diese Diagnose, die auf Grund des stärken Synagogenbesuchs gestellt wurde, richtig? Ist 'dabei in irgendeiner Form die. altersmäßige Zusammensetzung der Synagogenbesueher berücksichtigt? Ist niemandem aufgefallen, daß der Durchschnitt der Synagogenbesueher überaltert ist? Daß die Jugend fehlt? Und ist die „Bereitschaft", von der so viel die Hede war, wirklich eine echt religiöse, überhaupt nur eine Aufgeschlossenheit zu religiösem Erlebnis? Die ältere Generation hat hier — mitunter — die Möglichkeit der Erinnerung, sie kann in diesen Tagen empfinden, daß sie ihre Kindheitseindrücke vergessen hat: die junge Generation hat sie überhaupt nicht erfahren. Sie — in einer unreligiösen und unjüdischen Atmosphäre aufgewachsen — legt das lebendige Zeugnis ab, daß — wie mir jemand dieser Tage schrieb — „die Geschichte der Westjuden seit der französischen Revolution eine Geschichte der Apostasie" ist. Wie darf da schlechthin von einer religiösen Bereitschaft gesprochen werden! Die falsche Konsequenz: Eine fehlerhafte Diagnose bedingt eine fehlerhafte Therapie. Wie ist dem „baal teschüwoh" zu helfen? Gewiß nicht, wovor Maybaum zu Recht warnte, mit einem „Salto mortale in den Schulchan Aruch". Denn Teschüwoh heiße nicht Rückkehr zur Vergangenheit, sondern Rückkehr zu ^Gott. Es ist nach Maybaums Ansicht das säkulare Verdienst des religiösen Liberalismus, durch eine echte Reformation diesen Rückfall in das jüdiäche Mittelalter verlegt zu haben. Aber wie dann? Lemmie hielt einen Umweg für nötig. Er schlägt den Weg der Gemeinschaft, auch der nationalen vor. Denn das Volksbewußtsein bereite seiner Meinung nach notwendig das K1 a 1 - Bewußtsein vor. liier erhob Maybaum Einspruch. Auf die Äußerung Lemmies, daß der „Rest Israels" weniger sei als das Volk Israel, rief Maybaum mit der ganzen Leidenschaftlichkeit eines beleidigten religiösen Empfindens: „Mehr! Mehr ist der Rest als das ganze Volk." In der Tat erhellte in diesem Augenblick die ganze Gefährlichkeit der Lemmleschen „Schleichweg"-Me thode. Es zeigte sich an der Person Lemmies selbst, daß die Einführung von säkularistischen Begriffen, von „weltlichem Judentum" in den Bereich der religiösen Kategorien die Religion bedroht, statt sie bereitet. Hier kehrt sich das Werkzeug gegen den Meister. Gerade Lemmie, der sich in seinen Ausführungen wiederholt auf das Zeugnis der Werkleute berief und mit ihnen — zu Recht! — die direkte religiöse Erziehung in Frage stellte, sollte wissen, daß die Werkleutc die politisch taugliche Unterschiedlichkeit von Mittel und Zweck mit Entschiedenheit ablehnen. Bei Gerson steht es zu lesen: „Gemeinschaft ist. für uns nicht ein Mittel zur Erreichung irgendeines übergeordneten Zweckes. Sie ist Weg, — aber sie nimmt in sich zugleich ein Stück des Zielbildes vorweg. So ist ja das Verhältnis von Weg und Ziel stets, beschaffen; im Unterschied zum Verhältnis von Mittel und Zweck, wo das Mittel an sich gleichgültig und dem Zwe'ck \tfesensmäßig fremd ist, geht es hier um einen Weg, der dem Ziele, auf das er. hinführt, wesensverwandt ist und in sich jeweils schon etwas vom Werte des Zieles verwirklicht!". Lemmies Weg dagegen ist dazu angetan — trotz bester Absicht! — vom Ziel zu entfernen. Denn bei dem Versuch, das Profane auf das Sakrale hin- und anzuwenden, wird meist das Sakrale, profaniert. Darum ist auch nach Maybaums Ansicht z. B. die Partei als Partei nicht die gangbare Möglichkeit zur Religion, sondern die KehiUoh, die ihr. Zentrum in der Synagoge hat. „D i e P a r t e i, die jüdische Menschen mit den Mitteln der. Politik zusammenschließt, ist als solche nicht jüdisch legitim." So kömmt Maybaum zur Ablehnung des Zionismus als politischer Selbstzweck, zur Bejahung des jüdischen Nationalismus aber, sofern er die Z i o n s 1 i e B e realisiert. Ihm erscheint der Zionismus lediglich in der Bedeutung als ein in diesem Jahrhundert brauchbares Hilfsmittel der Zionsliebe jüdisch gerechtfertigt* Was Bertha Badt-Strauß klug durch das Zitat■ Bergmanns 'ergänzt:.„Der4Zionismus wird religiös s^ein, oder er wird nicht sein." Fortsetzung auf der zweiten Seite. Zufammenfaflung der Soieialarbeit Verband tür jiiilisch-suzialc Arbeit in Berlin gegründet In Berlin hat dieser Tage die Gründiingsvcrimnimluiig des V e r 1) a i\ <1 k s t ü r j ü d i s <■ h - s o •/. i a l c A r l> c i t stattgefunden. Wie aus den Satzungen hervorgeht, ist der Verband die Zusammenfassung aller jüdischen Einrichtungen und Vereine mit sozialem Aufgalicnkreis: zur gegenseitigen Förderung ihrer Ziele und zur planmäßigen Gestaltung der jüdischen Sozialnrbcit in Berlin. Der Anschluß an den Verband erfolgt «1s Einzelvcrcin, als organisatorisch unselbständige Gruppe. Als Kinzelvcn'iu sollen aufgenommen werden solche Organisationen, die als eingetragener Verein erhalten bleiben müssen. Die übrigen \ ereine sollen als Gruppe angeschlossen werden, die finanzielle Selbständigkeit bleibt gewahrt. Folgende Arbeitsgemeinschaften sind vorgesehen: a) Kinder- und Waiscnhilfc, b) Alteishilfe und -heime, c) Logen, d) Körperbehinderte, e) Allgemeine Wohlfahrtspflege. Organe des Verbandes sind: «) die Vertrelcrversammlung, b) der geschäftsführende Ausschuft. Die V'erlrelervcrsammlung setzt sieh aus je 1 Vertreter der dem Verband angeschlossenen Organisationen zusammen. Der gcschäflsführendc Ausschuft umfaßt 9 Mitglieder, den stellvertretenden Vorsitzenden des Wohlfahrtsamtes, den Beauftragten des Gemciudcvorstnndcä für jüdische Organisationen. 7 aus der Vertretervcrsammhing gewählte Mitglieder. Neuorganisation der Kölner Wohlfahrt Küln. Im Zuge des Neuaufbaus des Kölner Gcmcindcwcscna, der zuletzt zur Verschmelzung der verschiedenen Ch'ewraus zu ciliar Einheits-Chewra führte, ist jetzt dus Wohlfahrtsamt der Synugogcngcmcindc Köln c. V., in dem seit 1858 ullc einschlägigen Institutionen im Laufe der Zeit zentralisiert worden sind, aufgelöst, worden. Es wurden Liquidatoren .bestellt, die das Vermögen des Vereins au die Synagogcugcmeinde überführen sollen. Das Wohlfahrtswesen wird von der Gemeinde übernommen bzw. ausgebaut. Das Aaswanderungsproblem Die Mitglieder der Sachverständigenkommission für Aiiswaudcrerfragen Genf. Wie die Jüdische Telegraphen-Agentur erfährt, wird die Sachverständigenkommission, die dein Völkorhuudsrat einen Bericht über das A u s w a n d e r u n g s p r o b 1 e m im Zusammenhang mit dem Vorschlag Norwegens, eine Zentralstelle des Völkerbundes für Auswandererfürsorge zu schaffen, erstatten soll, aus folgenden Persönlichkeiten bestehen; Sir Horace Humbold, ehem. englischer Botschafter in Berlin, Marcel Holland (Frankreich), Senator de Michaelis (Italien), Gesandter Stefan Osusky (Tschechoslowakei) und Micliacl Hansen (Norwegen). Die Kommission wird am 28, November zu ihrer ersten Sitzung zusammentreten. Sic wird 'Berichte und Empfehlungen vom Obcrkomniissarint für Flüchtlingsfürsorgc, vom Niinsenamt und den an der Auswandcrorfürsorge interessierten Organisationen studieren. Der Bericht der, Kommission soll der Januar-Tagung lies Völkerbundes vorgelegt werden, und der Völkerbundsrat soll bei dieser Gelegenheit endgültige' Entscheidungen in bezug auf das Auswandcrerprobleni treffen. Auswandererhilfskomitee in Uruguay l'uriu. Wie die Zentrale des Auswandererhilfsverbandes HICEM der JTA mitteilt, wurdo auf Anregung des H1CEM- Komitccs in Montevideo von den jüdischen Organisationen Uruguays ein Hilfskomitee gegründet, das sich vor allem die Aufgabe gestellt hat, den nach Uruguay kommenden jüdischen Auswanderern aus Mittel- und Osteuropa .beizustehen. Dem Komitee wurden bereits einige größere Betrüge zur Verfügung gestellt, auch wurden Mittel durch den gemeinsamen mit den Uarlehnskassen organisierten Verkauf von Wohlfahrtsmarken aufr gebracht. PalUftiua-Ein Wanderung 1934 , Jerusalem. Das Immigrationsdepartement der Palästiuä- Rcgierung hat einen Bericht' veröffentlicht, ausdem zu ersehen ist, daß im Jahr« 1934 die Zahl der Personen, die in das Land gekommen sind oder es vorlassen haben, 308602 beträgt. Eingewandert sind 42 757 Juden, 3899 Christen und fl51 Mo^ hamedaner. Seit September 1920 sind 191064 Juden nach Palästina eingewandert. Die jüdische Bevölkerung Palästinas betrug am 31. Dezember 1934 283 000 Seelen, das sind 23 o/o der Gcsanitboi'ölkerung gegenüber 17 o/o im Jahre 1931.- Als T o u r i s t e n kamen im Jahre 1934 nach Palästina 48 000 Christen. 26 000 Juden und 16 000 Mohammedaner. Im Laufe des Jahres haben 45 000 Christen, 21000 Juden und 15 000 Mohammedaner das Land als Touristen wieder verlassen. AU) illegale Einwanderer wurden in den Monaten September bis Dezember 1934 301 Juden und 442 Nichtjüden bestraft und. deportiert. 3216 I/crsoncn haben im Johrc-1934 ihre Einbürgerung in Palästina bcautrogt.. 3 209 Gesuche wurden bewilligt, sieben abgelehnt.

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