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Jüdische allgemeine Zeitung · 1935-10-16 · 42 (16.10.1935) · page 1

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Journal
Jüdische allgemeine Zeitung
Volume
15 (1935)
Issue
42 (16.10.1935)
Date
1935-10-16
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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B ER LI N 16. Oktober 1935 PREIS 25 Pf. Nr. 42 / 1S. Jqhrgang JUDISCHE AUjGEHEINE Schrlftleltung und Geschäftsstelle: Berlin - Cliarlpltenburg 2, Blelb'treustraßo 2. C l Stclnpl. 3703. Bnnkk.: Kredllvereln I. Handel u. Qcwerbe eQmbH, Berlin N 24. Postscheck-K.:Berlin25720 — Bezugspreis: RM. I,—monatlich (zuiügl. RM. 0,10 ZsttuBgseobOir nnd Bestellgeld), boi Btrelfbandvoriand iusttgl. RM. 0,80. Vorlog; VorlagBgonoafleoflohaft in Deutschland ansässiger Juden tn Berlin eQmbH., Bln.-Oharlottonburg 2, Blolbtronstr. 2. Anioisonpr.: Die 12geap. mm - Zelle Rpf. 8, lür Famlllonanzclgcn Rpl, 6, IQr Stellengesuche Rpl. 5 , Bei unverschuldeter Niohtbelieforung besteht kein Anspruch auf Vergütung ■ N E u 5 FOLGE DER JÜDISCH-LIBERALEN ZEITUNG Aufbau der Jüdifchen Winterhilfe Die Durchführung der Winterhilfe unter der jüdischen Bc^Ikcning Deutschlands ist durch Anordnung Nr. 39 des Herrn Reichsbcauftragten für das Wintcrhilfswerk des Deutschen Volkes der Zcnlralwohlfahrtsstellc der deutschen .luden und den ihr angeschlossenen Stellen überlassen worden. Es sind Richtlinien für die Durchführung der Winterhilfe unter der jüdischen Bevölkerung aufgestellt worden, die die Zustimmung des Reichsbcauftragten für das Winterhilfswerk des deutschen Volkes gefunden haben. Im wesentlichen rinden die Grundsätze Anwendung, die für das Wintcrhilfswerk des deutschen Volkes gelten. Die RichU'nien veröffentlichen wir auf de* zweiten Seite des Blattes. Aufruf zum Opfer Gemeinsamer Appell der jüdifchen Großorganifationen; Die jüdischen Großorganisationen linben einen gemeinsamen Aufruf erlassen, der folgenden Wortlaut hat: Die Juden sind;ji diesem Jahre am Winterlülfswerk des deutschet! Volkes nicht beteiligt. Sic werden durch das Winterhilfswerk des deutschen Volkes nicht betreut und sollen auch zu Spenden nicht herangezogen werden. Der Rcichsbeaiiftraglc für das Winterlülfswerk des deutschen Vqlkes hat die Betreuung der hilfsbedürftigen Juden der Zcntralwohlfahrlsstellc in Gemeinschaft mit den ihr angeschlossenen Stellen, in Berlin mit dem Wohlfahrt*- und Jugendamt der Jüdischen Gemeinde, nach den von ihm genehmigten' Richtlinien als Jüdische Winterhilfe überlassen. ' . Die Richtlinien für die Jüdische Winterhilfe sehen für die Gebenden Opfer von gleicher Art und Hohe für die jüdischen Hilfsbedürftigen, im Rahmen der aufzubringenden Mittel Leistungen gleicher Art und gleichen Urafangs wie das Winterhilfswerk .üesldiutschen• Volkes vor. ' , , Damit steht die jüdische Gemeinschaft in Deutschland vor einer neuen groben moralischen, finanziellem und, organisatorischen Aufgabe, die zu den bisherigen Verpflichtungen für die Durchführung konstruktiver Hilfsuhd, Aufbauarbeit hier und in Palästina hinzutritt. In wenigen Tagen und Wochen muß ein Werk der gegenseitigen'Hilfe und Solidarität errichtet werden, das den letzten jüdischen, Hilfsbedürftigen in kleinsten Orten unsere Hilfe bringt und jeden Juden zum Opfer für die Jüdische Winterhilfe heranzieht. Die unterzeichneten Verbünde, Gemeinden und Organisationen rufen zur tütigen Mitwirkung an der Jüdischen Winterhilfe durch persönlichen Einsatz und durch Opfer an Geld- und Sachspenden auf! Kein Hungernder unserer Gemeinschaft darf in diesem Winter ohne Nahrung, kein Bedürftiger ohne Kleidung und niemand ohne Obdach scinl Niemand darf in seinem Vertrauen auf unsere Hilfsbereitschuft enttäuscht werden. Unsere Gemeinschaft, die für die Linderung der Not des Winters in diesem Jnßrc auf sich selbst gestellt ist, wird niemanden im Stich lassen!/ Seid Kuch Eurer Verantwortung bewußt, wenn die Jüdische Winterhilfe Euerer Gemeinde in diesen Tagen zum ersten-Male an 'Euch herantritt! Reichsvertretung der Juden in Deutschland, Zeiltralausschuß, für Hilfe.', und Autbau, .' Preußischer . Landesverband 1.jüdischer. Gemeinden, Vorstand der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Ccntral- Verciu der Juden in Deutschland, Jüdischer Frauenbund e. V., Rciclisausschuß der jüdischen Jugendverbünde, Rcichsbund jüdischer Frontsoldaten, Zentralvc'rband der jüdischen Handwerker, Zionistische Vereinigung für Deutschland. Um ihre Zustimmung sind ferner die in Berlin nicht vertretenen Landesverbände Baden, Bayern, Hessen, Sachsen, Württemberg gebeten worden. . E. To. Die (Anordnung des Reiclisbeauitragtcn für , das Winterhilfswerk des deutschen V°lk«s> wonach Volljuden weder als Spender noch als Unterstützungsempfänger, am allgemeinen , Winterhilfswork beteiligt iwcrdcn, umreißt klar den jüdischen Lebensraum, iu den uns. die Gesetze von Nürnberg gestellt haben Sie weist aber auch jedem Juden in Deutschland innerhalb dieses engen jüdischen Bezirks den Platz an, auf dem er seine ganze Kraft für die jüdische Schicksalsgemeinschaft, entfalten muß. Als in der ernstesten Stunde des jüdischen Jahres, vor Beginn des Ncild-Gebetes am Jaum Kippur^in den Berliner Synagogen von den Kanzeln herab der Appell an dio betende Gemeinde gerichtet wurde, die ganze Kraft und Hingabo der ins Leben gerufelicn jüdischen Winterhilfe, die allein in Berlin 1 etwa 30000 Mcnschcri vor den schlimmsten Unbilden des Winters bewahren, soll und muß, zu beweisen, da gab es in den zahlreichen Synagogen und Bctsülcn wohl niemand, der sich nicht gelobte, das. Letzte -an "Opferwilligkeit zu tun, damit, kein jüdischer Mensch in diesem Winter Hungor leide oder friere. , Am Versühnungstag haben wir in der heiligen Sprache der Bibel,mit Inbrunst die Worte gesprochen: „Bußfertigkeit, Gebet und Liebeswerko wenden das Unheil von uns ab." Dio ernsten Tage der Büße unddes Gebets sind vorüber; Doch Vor'uns liegen' die grauen und kalten Wintennouat«,- in dencit es gilt, mehr denn je, hingebungsvoller denn je, opferbereiter denn je mit dem Einsatz des Letzten, Liebeswerko zu tun' an den Bedürftigen unserer. Gemeinschaft, die, der Eristonzmöglichkeiten beraubt, mit Not, Sorge und Krankheit zu kämpfen haben. V> , Der Aufruf der großen jüdischen Organisationen, den wir vorstehend veröffentlichen, spricht davon, daß von uns die gleichen Opfer, für; die jüdischen Hilfsbedürftigen gefordert werden, wie sio das , Winterhilfswerk des deutschen, Volkes seinen Spendern als Ehrenpflicht auferlegt. Im Sinna des Grundsatzes unserer Religion: „Wenn Dein Bruder nebcri Dir wankt und seine Hand schlaff wird; so stütze ihn, damit er lebo neben Dir" hat auch der Vorstand der Berliner jüdischen Gemeinde, einen ernsten und eindringlichen Hilferuf an die jüdische .Öffentlichkeit gerichtet, in dem es heißt: ' ( „Schwer lastet die Not auf denen, die aichi selbst nicht'erhalten können.' Ihr Geschick zu erleichtern Boll unsere vornehmste'; Aufgabe sein. Obdach und Heizung, Nahrung und Kleidung sollen auch den Ärmsten unter uns( gewährleistet werden. Deshalb ergeht unser Ruf an die jüdische Bevölkerung, die Mittel für die Betreuung der Armen im Winter aufzubringen'. Wir vertrauen darauf, daß dieser Ruf in jedem jüdischen Hause gehört wird. Wir rechnen auf dio tatkräftige Hilfe aller, die helfen können- Regelmäßige Beitrüge von Einkommen und Vermögen, Eintopfspenden, Pfundsammlung und Kleidersammlung sind die wichtigsten Formen für dio Aufbringung der Mittel. Kein jüdischer Armer soll hungern, kein 1 jüdischer Bedürftiger soll frieren. - Jüdische Hilfsbereitschaft hat hier ein würdiges Ziel der Betätigung. Jüdische Ehre und Würde gebieten, daß jeder mithilft, daß niemand bei Seite steht." In der Ehrenkrone des Judentums hat von jeher als funkelnder Edelstein die Z'doköh geleuchtet, oin Begriff, der Gerechtigkeit und Wohltätigkeit in sich schließt. Das Bewußtsein der ethischen Verpflichtung zur Wohltätigkeit ist zu allen Zeiten im Judentum wach gewesen. Ist es nicht bezeichnend, daß die ' biblische Sprache für den Bettler keinen eigentlichen Ausdruck hat, und. daß selten des Armen Erwähnunggetan wird, ohne liinzuzufügen: dein Bruder? Das Prinzip religiöser Gleichberechtigung des Armen mit dem Besitzenden gab immer den stärksten Antrieb für Wirke der Gerechtigkeit und Mildtätigkeit. Von Rabbi Akiba wird im Talmud erzählt*, daß er so arm war, daß er sich , auf den Feldern das Stroh für sein und feiner Lebensgefährtin Lagerstätte zusammensuchen mußte, Als einmal ein anderer Armer ihn um ein wenig Stroh fürsein Weib bat, da3 seiner schweren Stunde entgegen sehe und auf hartem Roden liege, da1 teilte Akiba lächelnd mit ihm und sagte zu seiner Frau: „Du siehst wohl, daß wir noch nicht dio Ärmsten sind." ■ Es ist vornehmste jüdische Tradition, dem Nächsten zu helfen, solange mau selbst noch irgend etwas entbehren kann. Hilfsbereitschaft und Opfer 'müssen die strömenden Quellen sein, aus deneu unsere jüdischen Bedürftigen, Greise und Kinder, alle dio, die Beruf, Anstellung und Erwerbsmöglichkeiten verforen haben, gespeist werden. In keinem jüdischen Hause ist heute die Not un- ' bekannt. Fast jede jüdische Familie hat 'trotz eingeengter Wirtschaf tsverhälmiase _noch iür andere zu sorgen. Doch die Kräfte müssen weiter angespannt worden. Noch mancher kann unter Verzicht auf dies und jenes, «bis ihm bisher noch unentbehrlich1 erschien,' zu dem großen Liebeswerk, bei dem wir, schicksal- .verbunden, auf gegenseitige Hilfe und auf Selbsthilfe angewiesen Bind, sein Teil, beitragen, um der ständig wachsenden. Not einen Unsere Freude Simchas Tora 5696 Von HEINRICH STERN „Nehmt euch am ersten Tage eine Frucht vom Baum Hadar, Palmzweige, Zweige vom Räume Abot und Bachweiden, und freut euch vor dem Ewigen, Euerem Gott, sieben Tage! Begehet es als Fest des Ewigen sieben Tage im Jahr, eine ewige Satzung für euere Geschlechter, im siebenten Monat sollt ihr es als ein Fest begehen 1" Das Gebot der Freude und des Fests wird heute vielen fremd im Ohr klingen, auf denen die Not des Alltags zu drückend lastet. Und doch ist diese Freude ■itfiiittittittitiiiiiiijtjiiiiiitiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiitiiiiit ■■■ittiiitiiiitiiiiiiiiiittiiiiiiiiiiiiiitiiiiitii..........iiiiiiiiiiniii..... Auswanderung Dem Zeitproblcm der Auswanderung war ein Abend gewidmet, den der Vorstand der Berliner Jüdischen Gemeinde am Montag in der Synagoge Fasanenstraße veranstaltet hatte. Die Redner, Direktor Heinrich Stahl, Dr. Wischnitzcr und Dr. Alfred Klee, sprachen im Hinblick auf die immer mehr sich verstärkenden Auswanderungswünschc über die Bestrebungen,. die geeignet erscheinen, die jüdische Auswanderung aufzufangen, sie planvoll zu leiten und einer glücklichen1 Zukunft zuzuführen. Den Bericht "über die stark besuchte Veranstaltung veröffentlichen wir im Innern des Blattes. iiiiiiimiiiiiiiiiiiijiiiiiiiiiiiiNiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiin Pflicht und Recht für alle Geschlechter Israels. Worüber aber sollen und können wir uns heute freuen? Uns ist dieses Fest gegeben für sieben Tage, und schon dadurch^ unterscheidet es sich. von den Alltagsfreuden, die der Dichter kennzeichnet mit den Worten: „Dem Volke hier wird jeder Tag ein Fest." Es ist nicht die platte Lustbarkeit des Spießbürgers, sondern eine Freude vor dem Ewigen, unserem Gott. Wir können niemals feiern und auch dieses Fest nicht begehen, ohne uns Gott gegenüberzustellen. Dieses Vorrecht, diese Würde ist uns geblieben, was auch immer uns von außen betroffen haben mag. So empfangen wir auch - die verzweifelte Schwere des Heute nicht als eine Last, sondern als eine Gabe. Wir" sollen uns freuen über unsere Arbeit. Vielen aber ist diese Arbeit aus der Hand geschlagen, die Arbeit wenigstens, die sie für sich und ihre Familie in; Hingabe und Treue Jahr um Jahr geleistet haben. Was uns aber bleibt, ist die Arbeit für unsere Gemein- , schaft. Wir können heute für Hilfe und Aufbau keines Judeli Kraft entbehren, und wenn die Gemeinden in diesen Tagen zur jüdischen Winterhilfe (auffordern*, so soll jeder wissen, daß die Arbeit hieran, sei es Werbung, .sei es Opfer, kein Müssen, sondern ein ( wirksamen Damm entgegenzusetzen. - Menschen brauchen Hilfe — dieser Ruf muß jedes jüdische Ohr erreichen, muß und wird alle jüdischen Herzen und Hände öffnen. ■ . j ■ „Wenn euer. Gott dio Armen licbt"i so fragte ein'Römer den Rabbi Akiba, „warum, hilft er ihnen nicht?" Darauf der Weise: „Damit wir Menschen Gelegenheit haben, unseren Nächsten Gutes, zu tun." Nach einem frommen Brauch wartet derjenige,' der einen Hilfsbedürftigen unterstützt hat, nicht den Dank des Beschenkten ab, er kommt ihm vielmehr zuvor und bedankt sich, daß er ihm die Möglichkeit zu einer Mizwoh gegeben habe. Die Vorbereitungen für die großen organisatorischen Aufgaben,1 vor die die" jüdische Winterhilfe die mit seiner Durchführung beauftragten Institutionen stellt, sind getroffen. An den jüdischen Menschen ist es, im' Rohmen des großen Liebeswerkes ihre Mizwoh' zu erfüllen. Nicht nur im Sinne des. kategorischen Imperativs „Du BollBt", „Du mußt", sondern in dem jüdischer Auffassung entsprechenden: „Du darfst". t

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