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Jüdische allgemeine Zeitung · 1935-10-09 · 41 (9.10.1935) · page 1

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Journal
Jüdische allgemeine Zeitung
Volume
15 (1935)
Issue
41 (9.10.1935)
Date
1935-10-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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BERLIN 9. Oktober 1935 PREIS 25 PF. tar. 41 / IS. Jahrgan« Schrlfllcltung und Geschäftsstelle: Berlin-Charloltcnbunr 2. Blelbtreustraße 2. Cl Stelnpl. 3703. Bnnkh.: Krcdltveroln I. Handel u; Oewerbo eOmbH, Berlin N 24. Poatscheck-K.:Bcrlln.25720 — Bciugaprcls: RSl. I,- monatlich (zuiOgL RM. 0,10 ZeUnng>Kebühr und BeBteilfreld), bei Strelfbandvenand «nsdgl. RM. 0,30. Vorlag: Verlagsgenoiieruahaft in Dontsohland (UuBjalg'er Juden la Berlin oOmbH., Bln.-Oharlott«nburg 2, Bleibtronstr. 2. Anteigenpr.: Dia 12g»iPmm - Zelle Rpl. 8, iür Farnlllenanzelgen Rpl, 8, IDr Stellengesuche Rpt. S Bot anverachaldetor Niobtbelleforaag beBtobt kein Anapruob aof Vergfltnng. NEUE FOL G E E R J ÖD I SC H -LIBERALEN ZEITUNG Die Sterne bleiben Siikkausgedanken A u s ßc s p r o c Ii c n f fi r meine Gruppe un d f il r alle \ wirklich J u h gen Von HEINZ KELLERMANN Herbst ist gekommen, Frühling ist weit — Gab es denn einmal selige Zeit? Herbat ist gekommen. Wenn wir heute gemeinsam hinausziehen; dann Bpüreh wir-ihn. Die leeren Felder dampfen im Frühnebel, die Bäume und Sträucher glänzen m der frostigen Nässe des trüben Morgens, die späte Sonne ist blaß und kämpft sich mühsam durch den dichten Wolkenvorhang. Unsere Füße streifen das dichte Laub am Wege, Verfall und Untergang. So ist das Bild der Landschaft, und so sind die Gedanken vieler unter uns, wenn'wir die Zeichen der Vergänglichkeit erleben —' Hefbststimniung. Diese Elegie birgt soviel Vergleichsmöglichkeiten in sich. Was die ernste Besinnung des Jaum Kippur in uns anklingen ließ; das schwingt jetzt in dieser Stimmung aus^' Uns ist feierlich zumute, feierlich und ernst wie bei einem, schweren Abschied:., ,Füf ' viele bedeuten . diesmal,_diese .. .Tage..-, auch—wirklichen^ -bitteren vAb^-. schied, nicht- nur von der Hefle des Sommers, . Von , der sommerlichen sondern von dem Land, selbät,; vom: Segeii dieser Erde, die sie ■ getragen und genährt hat, aus der sie gewachsen sind, von ihren-Menschen, Tieren und Früchten- Unend-r .liehe. Trauer herrscht bei ihnen, dei^ri das Land -will sie: nicht mehr tragen-, Es hat'keinen Raum für ihre Sorgen, für ihre * Arbeit, für ihre Liebe. Frühling ist weit —, und der kommende Frühling wird andere Menschen finden, die, die Schollen mit dem Pflug umwerfen- Das. sind die Gefühle dieser Tage und mit ihnen, so höre ich euch fragen, sollen wir Sukkaus feiern? Sukkaus, das'' Fest: der fröhlichen acht Tage, . das anhebt mit 'Kränzen und Früchten, mit Heiterkeit und Erntefreude, .und das, in grandioser Steigerurig, jener igroßen inneren Freude,- der Simchas Tora, schließt? . '<-' Gestern noch hat der Jude gefastet, mit Recht urid in "tiefem Ernst-gefastet, und heute beginnt-er Hütten.zu bauen, Sinnbild.eines Freudenfestes? "Wo, sc; fragt ihr, bleibt - da die Ernsthaftigkeit unserer guten Vorsätze, die strenge Ordnung, die wir am Jaum Kippur in uns errichtet, haben? Die Erlebnisfüllc des jüdischen Festkalenders scheint Euch eine Fülle , von.. Disharmonien- Der Jude irrt ^scheinbar sprunghaft von einer Erinnerung zür nächsten, ohne 'Plan und ohne Ziel. Zudem: Sukkaus,; das Obstfest, ist eine Sache des Bauern und Gärtners, ein Spiel-der freien Natur. Der Mensch des Landes mag; sich an seinen Früchten freuen," er hat sie gezogen* und geerntet.^ Ihrdagegen seit Städter, Großstädter sogar^ durch tausend künstliche Bequemlichkeitender. Zivilisätipnstechnik von der Erde getrennt. Mit welchem Recht begeht Ihr Städter; das Fest des Bauern? . •' „Es ist' der Sommer nur, der scheidot; •Was geht denn uns der Sommer an!" Aber so dürft Ihr.'.-nichtsprechen. Das ist die . Sprache des Snob und der Banausen.. So spricht der blasierte Städter, der unfreie,1 der .unnatürliche, der unreligiösc Mensch. Erst der Mensch, der> die Liebe zum Boden verlernt hat, ist wahrhaft/heimatlos. Es gab schon einmal'einen: Jüdentypus, der das Verhältnis zur Natur verloren hatte; das war der Menschder Ghetti. Man hatte ihn hinter, Mauern gesteckt und hinter Tore, die abends'fest .verriegelt-wurden. Da. saß er nun im Schatten-seiner * Abgeschiedenheit, und sein Blick, der sich an den engen Lichtkreis der ■ Kerze gewöhnte, verlor die Kraft für, die Weite. Er wurde tief und brennend; ganz'mach innen gerichtet, stumpfte er gegen alles Äußere ab, wurde er blind gegenüber den Gesichtern, die man ihm schnitt, gegen die Qualen, die ihm begegneten, aber auch gegen die, Sohönheiten, die die barmherzige Natur auch dem Gedrückten bot. Und wenn er mit den Worten des Psalmes" betete": „Wenn ich Deinen Himmel sehe, Deiner Hände Werk, Mond und Sterne, die Du bereitet — was ist der Mensch, daß Du sein gedenkest, der Erdensohn, daß Du auf ihn achtest?" — dann dachte der Mensch des Gottes wohl an die Wunder der Schöpfung, aber die Kraft seiner Vorstellung stammte nurmehr aus dem Erlebnis der Schrift und nicht SUKK$US 5696 In diefer Nummer: Ungewisse Fahrt. Von Ludwig Strauß. Vom Anwalt zum Vizekönig. Von M. S. Ruest. Duell im Park von St. Qucn. Von Paul Goldmann. Begegnung mit einem Wundcrmann. Von J. E. Poritzky. Salomon Ludwig Steinheim. Ausgewanderte schreiben . . . „Judith'1 im neuen Haus. Der fünfzigjährige Intendant. Blick in die Wirtschaft. Recht im Alltag. Autn. Sonnenf.'Id ■Kinder einer Berliner jüdischen. Schule - schmücken die Sukkoh mehr aus dem- Erlebnis der Natur. - Trotzdem, der Mensch des Ghettos konnte dennoch religiös sein; er vermochte die Kraft des Erlebnisses durch die gewaltige Innigkeit des betenden JLernens, die Schönheit der äußeren Welt durch die' Tiefe seiner inneren ' zu ersetzen. Euch wird das .nie mehr so gelingen'. Ihr seid im Außen groß geworden, in der Begegnung, mit; andern Menschen. Euch formte nicht nur.das: Büch, nicht das Selbstgespräch,- Ihr,;Wr -wlle,. «ind ..'gestaltet > uad vielfältig ■-gebrochen in dem täglichen Erlebnis vön Welt und Mensch. Wie die unersättliche Ercle selbst . haben wiiliebesbedürftig: und liebpshuhgrig allebefruchtenden Kräfte der Erde in "uns aufgesaugt, sie. sind > zu unserer Substanz geworden- Verachtet 'Ihr. diese Erlebnisquellen, gleichgültig, wo Ihr sie findet, * so wäre, es ' ein:.schmerzhafter, Riß durch unser ich, ein Sprung in der Form. . ' ■•.'■':' Nein, liebe, Juiigene und Mädels,, wenn das: Sukkausfest in seiner ursprünglichsten'Anlage,1 als Naturfest, einen Sinn für uns :haben soll, so; ist es die Mahnung: Bleibt Euch.-selbst treu, werdefc':nicht'Luftexistenzen. Der Ghettömenact'ist die ..Flucht aus-.der Natur in die Schatten -der- Stadt,'-!dief;:ExiBtenz-- ohne Luft, Liebe,' Wärme und 'ErdeJ ' - ''.'.Und' noch ein anderes will das. Sukkausfest von Euch.. Da steht die'Sukköh,' die Hütte Israels. Unter dem-Reichtum des Obstes'sind vier kahle. Holzwände errichtet, der flüchtige ßchutz auf Israels Wanderschaft. Seit einigen tausend Jahren baut Israel diese Wohnungen. Bisweilen sind sie aus Zeltleinwand, bisweilen aus Holz, bisweilen aus Zement, aber eines Morgens werden sie alle wieder niedergerissen. Der Zug geht' weiter. Und trotzdem werden sie wieder aüfgebaut auf den Sand, auf schwankendem Moorböden und auf härtestem Stein. Die „vierzigjährige" Wüstenwanderung war nie zu Ende, aber dauernder als' idie Wanderschaft Israels ist sein Wille nach der Sukkas Scholaum, nachder Hütte des Friedens. Nicht der - Abbruch; nicht die Liquidation und nicht die Wanderschaft ist das Wahrzeichen Israels, so wenig , Abasver, der Gehetzte, eine. jüdische Gestalt ist. i^hasveros ist - eine nichtjüdische Konzession an den Vergangenheitsmythos der Antike. Sein Geschick ist lediglich der Fluch der Tat, die er vollbracht, unabänderlich, bestimmt. Die Chance der Selbstbefreiung ißt ihm nicht verblieben- So ist sein Gang durch die Geschichte eine planlose Irrfahrt ohne Station und Ziel. Er ist die Verkörperung des rastlosen NomadentumS: Anders Israel. Die Wanderschaft Israels ist kein Wandern um des Wanderns willen. Ihre Bestimmung liegt nicht in der Vergangenheit, sondern in der Zukunft. Seit Tausenden von Jahren ist Israel als' Israel unterwegs, aber es wandert keinem Ort der geographischen Landkarte zu. Sein Zug ist kein Zug von Land zu Land, von Ägypten nach Kanaan. So wenig Kanaan vor den 1000 Jahren der Wanderung ein Ende zu setzen vermochte, so wenig wird es das heute, so wenig wird es irgendein Land zu irgendeiner Zeit vollbringen. Israel wandert nicht dem Glück der Versorgung, sondern der Gnade der Erlösung zu. All sein Werk liegt in seiner Hand, und mit jedem Hüttenbau entrichtet es seinen Beitrag zu der Verheißung vom guten Ende, das nicht geschenkt wird, sondern das verdient werden will. Da steht die Hütte. Vier rohe -Wände, schützen Israel vor dem Sturm der Wüste. Aber der Blick zu den Sternen ist frei. Erinnert Ihr Euch an unser Lied? „Schließ nug und ohr für eine weil . vor dem getös der zeit, : •: du heilst es nicht und.hast kein heil, nllwo dein herz . sich weiht. dein nmt ist hüten harren sehn «in-tag:die ewigkeit. k!.. ' du-bist schon eo im .Weltgeschcltn befangen und befreit. die stunde kommt, da man dich braucht dann sei du ganz bereitl ' und in das feuer das verraucht wirf dichals-letztes scheiti" Das ist das Lied der Sukkoh. In den Zeiten seiher Bedrängnis: hält .Israel-.mit' den Sternen Zyiespräche. Dann ist der Jude mit sich und Gott; allein... ^Wenn unerträglich wird die Last — greift er hinauf,getrosten Mute's in 'den 'Himmel'!und. holt' Beruriter' seine; ew'feeh Rechte^ die'oben hangen unveräußerlich und unzerbrechlich wie die Sterne selbst." Wißt Ihr jetzt den

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