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Jüdische allgemeine Zeitung · 1935-10-02 · 40 (2.10.1935) · page 1

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Journal
Jüdische allgemeine Zeitung
Volume
15 (1935)
Issue
40 (2.10.1935)
Date
1935-10-02
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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BERLIN St. Oktober 1935 PREIS 25 PF. Nr. 40 / 15. Jahrganq AUGEHHNE Sehtlftleltung und Geschäftsstelle: Berlin-Chartottenburg 2,. BlelbtreustraOe 2. C 1 StelnpL 3703. Bankk.: Kreditverein i. Handel u. Qewerbe ■OmbH.'Betlin N 24. PostjcWk-K.: Berlin 25720 -^Bezugspreis: RM. 1,— monatlich izuzUgl. RM. 6.10 Zeitungs'jrebtthr und Bestellgeld), bei 8trelfbandveria,nd euzttgl. BM. 0.80. "Yr iiiWVnii. ... ..',;_-_■■ _•_■ NEUE FOLGE O E R J Q D I SC H - L I Vorlag: VerlagagenoBsensohaft In Deutschland ansässiger Juden tu Berlin eGmbH., Bla.-Charlottenburg 2, Blelbtreuetr, 2. Anzeigenpr.: Die 12geap. mm - Zelle Rpf. 8, für Familie natu eigen Rpl, 6, lür Stellengesuche Rp(. 5 Bei anverschuldeter Niohtbelieforung besteht kein Anspruch auf Vergütung." A L E N Z E IT U N G Jaum Kippm* 5696 Von Rabbjner Dr. S. SAMUEL Ein edler christlicher Religionsforscher, Rudolf Otto, h$t das Heilige, d. h. das Göttliche, als. das, „Ganz-andre" verdolmetscht. Was er damit sagen wollte, wird uns Juden besonders deutlich angesichts des großen Festes, dem wir entgegengehen, des Jaum Kippur, der in unsern frommen Kreisen nur der „heilige Tag" heißt. Es ist-darin vorab eine große Verneinung ausgesprochen: er ist der ganz andre; entrückt allen irdischen Maßstäben und Mächten. Er öffnet Tore des Himmels, hinter denen die Erde mit ihrem Glück und ihrer Pein versinkt, der Erdensohn vom verklärenden Glänze der Uberwelt umspielt wird. Er geht nicht in die Zahl der gewöhnlichen Tage ein; daher wird an ihn», auch der Jude in eine höhere Sphäre ^rsetzt, wie die Alten sagten, in den Rang der Dienstsiegel. Wer an seiner Größe und Höhe teilhaben?will muß seelisch ein tüchtiger-Wanderer sein. Dazu, bedarf es langer, andauernder Gewöhnung. Die Alpenkette, in die der Jaum Kippur, alles überragend,gehört,'ist die schimmernde Reihe' der SäTäbate. Jeder Sabbat ist ein geheiligter Tag; die Wissenschaft hat nur bestätigen können, daß er ein Geschenk des Judentums an. Myriaden Menschen in ungezählten Generationen gewesen ist und bleibt. Jaum Kippur ist der Sabbat' der Sabbate und darum ein unveränderliches Merkmal der, Jüdenheit aller Zeiten und Länder,' wahrhaft. repräsentativ für sie, ohne jeden Vergleich. Wer den Juden ohne seine Hochfeste zu kei.nen glaubt, irrt; er bedenkt nicht, daß er von ihnen aus einen völlig andern Aspekt gewinnt. Auch der billige Spott über ^das Dr eitagejudentüm trifft' nicht den Kern. f, Was macht nun die Eigenart des Jaum Kippur aus? Was jeden Sabbat (wonlgemerkt, einen wirklichen Sabbat) vom Werktag unterscheidet, doch im Höchstmaß, fast bis zur Paradoxie gesteigert1. Dasselbe Judeiitum,' das seinen Menschen, nach den ■Ui-worten der Schöpfungsgeschichte, sowie durch Pflichten und Rechte, Satzungen- und Vorschriften klar und unzweideutig auf diese Erde verweist, ruft ihn am Jaum Kippur vor die Himmelsschranken, aus der Welt üi die Überwelt; Wenn es ihn am Schlüsse wieder entläßt, danrit er .wieder an seih diesseitiges Werk gehe,' weiß es ihn gewandelt. Sooft er einen Versöhnungstäag feiern darf, erfährt der Jude1 die Gnade einer seelischen Läuterung, Verklärung, Wiedergeburt. Von . seinem Herzen wird völlige Hingabe verlangt, von-seinen Lippen Gebet. v . . Das Gebet des heiligen Tages ist freilich in allen seinen fünf Tageszeiten „vom Abend bis zum Abend" yqn; 'geheimnisvollen Kräften durchströmt Propheten und Weise, Gelehrte und Dichter haben diese; iitur-- feien geschaffen; Jahrtausende reden aus ihnen zu uns in feierUch gemessener Sprache, oft in Rhythmen und Kehrzeiien, oft 'in' kunstvoll hymnischen Poesien. Melodien unbekannten Ursprungs, von Mund zu; Mund weitergetragen, entriegeln ihre Geheimnisse. Dem Juden,- der an seinem Jaum Kippur, emporgehoben! durch Vorbeter und Chorgesang, vielleicht auch Orgel- Wang an einer Awaudoh oder Kcduacha teilnehmen darf, ist alles zuteil, geworden, wonachseine Seele verlangt. - \ ' Jeder Gebetszeit können wir etwas . Besonderes und Höheres im Süine des „Ganz-anderen" entnehmen. Der heilige, Tag zieht mit dem Abend , ein. Sons^ gilt es. da, den Fortgang der Arbeit und ihren Ertrag zu überschauen, Kraft für,'neue, nutzbringende Leistung zu sammeln. Am Kol - Nidr e sind alle irdischen Zwecke und Ziele zum' Schweigen: gehracluv Von der Herrscher- Stellung des Menschen ist nichts übrig geblieben; Cev Vasall steht Yor seinem Gebieter. Was hat man nietyt heilige am Kol-Nidre-Gebet gemäkelt, in dem übrigens die älteren Texte übereinstimmend vom vergangenen bis zum gegenwärtigen (nicht zukünftigen) Jaum Kippur sprechen! Wir gehen nicht fehl, wenn wir die Gemeinde an der Schwelle des heiligen Tages mit dem vor dem dreimal Heilig der Seraphim im Tempel erschauernden Propheten Jesaja vergleichen, der nicht aufzublicken oder zu reden wagt, bis die glühende Kohle vom Altar seine Lippen berührt und entsühnt. Daß der Zauber der Kol - N idr e - M e- 1 o d i e über die Mauern der Synagoge hinaus die Herzen ergreift, bezeugte vor einigen Jahren der vom Katholizismus zu uns gekommene Aime Palliere in seinem Bekenntnisbuche „Le sanetuaire inconnu"; er steht nicht allein damit. Keinen schöneren Abschluß der Abendliturgie können wir uns denken als Salomo Gabirols „Königskrone", die sich alle Agenden, von West noch Ost, erobert hat, und die uns Michael .Sachs in deutschen Strophen wiedergeschenkt. Der Morgen erwacht, und mit ihm pochen Eigenliebe, Eigenrecht, Eigensucht bei uns an. Aber an diesem Tage wird ihnen nicht aufgetan. Der Betende wird dessen inne, daß sein liebes Ich heute ausgelöscht sein müsse, wenn er dem Heiligen begegnen will. Was Verföhnung Von HEINRICH STERN Von-dem Jörn Kippur, der das große Ringen der einzelnen Seele um die Versöhnving ■ mit Gott beendet, soll hier heut nicht die Rede sein, so tief uns auch immer ^wieder der ehrfürchtige Schauer überkömmt, wenn wir an diese einzigartige religiöses-Schöpfung' unseres Volkes denken; In unsere Ohren dringt neute das biblische Gebet, 'mit dem die eigentliche 'Versöhnungstagsliturgie eingeleitet wird: „Vergebung werde dtfr ganzen Gemeinde der Kinder Israel, auch dem, der fremd in ihr ist, denn das ganze Volk ging in die Irre.fc Es ist das Wort, das gerade uns Juden Deutschlands einen Abschluß und einen Neubeginn bedeutet, < es ist, als wenn wir erst jetzt erfahren hätten, was das Bekenntnis zur „ganzen Gemeinde der Kinder Israels" bedeutet: daß es keine Versöhnung geben kann, die nicht endlich den einzelnen in diese Gemeinschaft hineinstellt.. Die jüdische Welt steht noch unter, dem Eindruck der ■ geschlossenen Kundgebung der Reichsvertretuhg und der in Treue hinter ihr stehenden, über alles Trennende sich zusammenschließenden Gemeinden und Gemeindeverbände; Es kann aus dieser Stunde Leben hervorgehen, das .stärker ist. als der Zusammenbruch um uns, ein Zusammenbruch, der nicht nur Morsches und überlebtes, sondern für viele auch kostbaren Besitz ihrer Seele begraben hat. Es wird Leben hervorgehen aus dieser Stunde, wenn aus der gemeinschaftlichen , Organisation die „ganze Gemeinde der Kinder Israels" wird. ■ / - Gründlage jeder echten Versöhnung ist das Verstehen. Verstehen bedeutet nicht nurj den Fehler des andern erkennen, sondern sich zu dem . Bewußtsein durchringen: „Das ganze Volle ging in .die Irre". Verstehen bedeutet aber auch, zu seiner echten Wesensart stehen in einer Zeit, in der diese Treue Opfer bedeutet; denn erst dieses Opfer macht das Schlagwort zum Bekenntais, das den Gleichdenkenden überzeugt und dem Andersdenkenden Ehrfurcht einflößt, Wir stehen vor einem Ende und einem Anfang. Was zu Ene sein soll, ist der Kampf der Parteien, in dem diejenigen führten, denen das Schlagwort und die Phrase am tönendsten aus dem. Munde troff. Dasl große Wetter, das über uns hinweggegangen ist, hat die klägliche Leere der Schreier auf beiden Seiten offenbart. Ihre Zeit is$. vorbei. Und was an Resten noch sein Wesen treibt, muß mitleidlos beseitigt werden- Was von Dauer ist, ist die jüdische Entscheidung, aus Wissen und Glaube«) zugleich geboren. Eine solche echte Entscheidung führt yprt'selbst zur Versöhnung, denn sie erkenn^, daß der .Weg verschwelen sein niag, aber ein Ziel vorbuchtet:Die Einheit und die Ganzheit der Gemeinschaft der Kfndey Israels. Wir Religiös-Liberalen, clenen unser liberales Judentum nicht Parfeei war, sondern Judentum, haben uns jmmer als. ,,Kinderif Israels gefühlt; denn wir haben den Vater auch da nicht vergessen, wo seine Leitung uns nicht verständlich schien. Ohne Gott kein Israel, nicht dem Namen nach, nicht der Geschichte nach, nicht der Zukunft nach. Wir haben aber auch des Bundes nicht vergessen, den er mit unseren Vätern geschlossen hat, und um dieses Bundes willen die Verbundenheit mit allen Gliedern des Bundes gefühlt und betätigt. Diese Verbundenheit mit Gott und. mit der Gemeinde aller Kinder Israels und die Pflichten, die dieser Bund uns gegen Gott und Menschen äuferlegt, sie haben sich nicht .'geändert durch Geschehnisse von außen her: Nur die Verpflichtung ist größer geworden, weil die Not größer geworden ist, und weil vielleicht die Gemeinde zu wachsen beginnt. Hüben hat es Menschen gegeben, die ohne die Gemeinde, und drüben Menschen, die ohne Gott auszukommen meinten, beide sind in die Irre gegangen, haben, auch wenn sie glaubten, „gute Juden" zu sein, ein Leben neben dem 'Judentum geführt. Daran hat nichts geändert die"Zugehörigkeit zu und die Tätigkeit in noch so vielen Organisationen. Erst die Einordnung in die „ganze Gemeinde" bedeutete den neuen Anfang, die neue Erkenntnis. So versteht es sich von selbst, daß diese neue Erkenntnis sich äußerlich kundgibt in der Zusammenfassung und im Ausgleichen. Das Neben- und Gegeneinander von Reichs- und Landesverbänden, von Gemeinden und Organisationen muß zu Ende seih: Eine Gemeinde, eine Führung, ein Arbeitsprogramm.. Kein einzelner Mensch hat das Recht zu verlangen, daß um seinetwillen ein Schritt unterbleibt, der diesem Ziel zu führt. Keine Autorität ist groß genug, um sich dem Streben nach äußerer und innerer Einheit ent-, gegenzustellen. Im Rahmen des gesetzlich Möglichen soll die einheitliche Gemeinschaft eine einheitliche Verfassung und Verwaltung haben. Aber das ist nur das äußere Bild. Es ist der Geist, der sich den Körper baut. Bei unserer' Arbeit, darf niemand mehr an die Partei denken, sondern nur an die .ganze Gemeinde. Und dann wird sich zeigen, wie geringfügig das Trennende und wie mächtig das Bindende ist. Echte Einheit kann nie ein Gesinnungskompromiß sein. Ah den Glauben wollen wir nicht rühren. Aber die Eitelkeit, die Erfolge nach Ziffern^ und Mandaten mißt, können wir nicht mehr schonen. Höchste Notzeit fordert höchste Einsatzbereitschaft. Jede lebendige Kraft; die sich , dem Ganzen ein- und unterordnet, hat das Recht zur Mitarbeit. Wie'sich sein Judentum benennt, ist dem einzelnen überlassen. In der Arbeit zeigt, sich erst, ob dieser Name nur ein Wort oder ein Wert ist. , . Für das „Publikum" wird es jetzt in den Gemeinden und Organisationen recht uninteressant werden. Die Zwiste und Zwistchen, bei denen der Zuschauer sich entzückt die Hände rieb, werden verstummen. Aber was das Publikum verliert, wird die Gemeuide' gewinnen. Aus dem Irrweg heraus, der alle gegen alle zur Zerfleischung und Zerstückelung hetzte, soll sich die ganze Gemeinschaft der Kinder Israel? auf den uralten jüdischen Weg begeben, den Weg der großen Versöhnung!: . :'

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