Jüdische allgemeine Zeitung
- Journal
- Jüdische allgemeine Zeitung
- Volume
- 15 (1935)
- Issue
- 37 (11.9.1935)
- Date
- 1935-09-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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BERLIN 11. September 1935 Efflkmf PREIS 25 PF. Nr. 37 / IS. Jahrqanq JUDISCHE AUGE MEINE Scjiriitleltung und OeschUfbiUUe: Berlin-Charloltenburg 2, BtelMreujtraOe 2. C 1 Stelnpl. 3703. Bankk.: Kredltveretn I. Kandel u. Qeweibe cOmbH, Berlin N 24. Po«t»check-K.: Berlin 25720 — Bezugsprela: RM. 1,— monatlich (zuiflgl. RM. 0,10 Zeitnngagebtthr und Beatellgold), bei BtreltbandTeraand nwttgl. BH. 0,80. ^§5®§S8S8S' ^-sgiggsssy JIf imm , JBKl m m iL «SSSSäSSiSSSf «S8S5SS5» JSSSSSS ÄStSW ^SöüäS-^' w Verlag: Verlagagnnoaaensobaft in Deutschland ane&ialger Jaden su Berlin eGmbH., Bln.-OharloUcnburg 2. Blelbtrenatr. 2. Anteigonpr.t Die 12geJpmm - Zelle Rpt. 8, lür Famlllenanzelgen Rpf, 6, lür Stcllcngtiuche Rpf. B Boi nnverachnldeter NiohtboIIeferung besteht kein Anapruoh not Vergütung. NE U E FOLG D E J V D I S C H - UBER A L E N ZEITUNG Die zwei Generationen Von HEINZ KELLERM4NN Die nachfolgenden Betrachtungen sind nicht geschrieben, um Gegensätze zu schaffen, sondern um bestehende zu mildern. Daß Gegensatze existieren, ist freilich die unbestreitbare Voraus*- Setzung für alle, die sehen wollen. Man könnte mit dem Einwand kommen: laßt sie heute wenigstens ruhen. Müssen, sie wirklich in einem Augenblick hervorgezerrt werden, da uns die Einheit, auch die der Generationen, wichtiger und fruchtbarer -erscheint als ihre Zwietracht? Gerade, sage ichl Gerade heute, gerade um dieser Einheit willen muß gesprochen werden. Aus verbocktem Schweigen, aus schonfflrberiscner Begütigung, «us betulichem Vortuschen wird keine Einheit, sondern nur Phrase und Unwahrhaftigkeit. Und ist denn wirklich Frieden zwischen den Generationen? „Ach, diese Jugend von heute I" sagen die einen. „Ach, diese verkalkten Greise 1" sagen die anderen. Wieviel platte-vorurteilB- ■volle Pedanterie in dem einen, wieviel oppositionelle und fruchtlos oppositionelle Anmaßung in dem anderen. Hartnackiges Geltungsbedürfnis ober in allen beiden. Beides taugt nichts und führt zu nichts. Wir wollen die Klarheit. Sie wird -aber nicht durch pädagogische Torheiten („Ach, diese Jugend ■von heutel") noch durch baccalaureische Unverschämtheiten („Am besten war's, sie zeitig totzuschlagen!") geschaffen, nicht durch nebelhafte Schlagworts, sondern durch die Aufdeckung der echten Konflikte. Vor einigen Jahren hat man von einer „Revolution 'der modernen Jugend" gesprochen. Aber was man darunter verstand, verdiente eigentlich den anspruchsvollen. Titel nicht. Es war nur ein knapper Aufstand gegen das konventionelle Gehoben, einer bürgerlichen Mittelschicht und bestand bezeichnenderweise mehr oder weniger in bewußten und unbewußten Verstößen gegen die überkommene sexuelle Moral. Die Schwungkraft dieser «raten Jugendbewegung wurde durch Krieg und Nachkriegszeit gelahmt und gebrochen. Der gesellschaftliche Aktivismus der Jugend verflachte. Den meisten Verstößen, besonders auf sexuellem Gebiet, fehlte die moralische Legitimation, obaebon sie sich — leider — als. „Geist der neuen Zeit" auftaten. — Soweit die angekündigte soziale Revolution wirklich echt blieb, war sie politisch gerichtet oder blieb sie auf ganz wenige Bünde der Jugendbewegung beschrankt. Die Zeit der politischen Revolution ist vorbei. Revolution, verstanden als der hemmungsbefreite Wille zu schöpferischer Originalität, zu Eigenständigkeit und Eigengestaltung. Was übrig blieb, ist auch keine pädagogische Revolution. Das mag den meisten unbedeutend erscheinen. Pädagogisch ist diese Tatsache ungeheuer bedeutsam. Vom Standpunkt des Pädagogen aus betrachtet, hat jede Jugend immer nur zwei polare Prinzipien gekannt: Imitation oder Aufstand. Das bürgerliche Zeitalter hat Vertreter beider Gattungen geschaffen. Den Kommis, der nicht früh genug Kragen und Krayarte tragen konnte, und den Wandervogel, für den der Schlips geradezu das verabscheuungswürdige. Symbol der Gesellschaft war, mit-der er nichts mehr zu tun haben wollte, weil sie sieh zwischen , ihn und die Natur gestellt hatte. Es braucht kaum ergänzt zu werden, daß der Wandervogel, der Bündler schlechthin, trotz mancher Übertreibungen die echtere Verkörperung jugendlichen Lebenagefühla war, die natürlichere Jugend, und. der' Kommis lediglich der antizipierte Erwachsene. Nun will es aber so scheinen, als ob im deutschen Judentum von heute dieser letztere Typ repräsentativ zu werden beginnt. Wer diese Erscheinung —■ und vom Standpunkt mancher Eltern aus betrachtet wäre es durchaus verständlich — für gut und förderlich halt, ist ein unendlich kurzsichtiger Erzieher und mit wenig sozialer Einsicht begabt. Was da heranwachsen kann, ist eine soziologisch und geistig einseitig gelagerte Schicht, ein Ausfüllsel verbliebener Positionen, eine Generation, dio in jeder Beziehung nichts anderes ist als Nachwuchs, eine getreuliche . Imitation der Vorderen, ohne die Schwungkraft der eigenen Initiative, ohne jede Originalität und Selbständigkeit, ein Abziehbild . mit verblaßten Farben, ökonomisch verwendbar, kulturell bedeutungslos. Wirtschaftlich betrachtet aber erwachst hieraus eine andere, in ihrer moralischen und sozialen Wirkung gar nicht zu unterschätzende- Gefahr; die allmähliche Plutokratisierung des deutschen Judentums. Das heißt; es könnten eines Tages nur diejenigen in wirtschaftliche Positionen ein- und aufrücken, denen das elterliche Geschäft die' nötige materielle Widerstandskraft zum Durchhalten vererbet. Man hat von einer Proletarlsierung des Judentums in Deutschland gesprochen. -Es zeigt sich nun, daß diese Prognose zwar richtig ist, daß aber der Haupt-Schauplatz ihres Eintritts noch außerhalb der deutschen Grenzen verlegt wird. Wiederholt ist zu beobachten, daß für den besten in geordneten Verhältnissen lebenden Nichtzionisten der Eintritt der Erwerbslosigkeit gleichbedeutend ist mit dem Eintritt in den Hechaluz. Ganz nüchtern gesehen: der junge deutsche Jude bringt die zur Proletarisierung in Deutschland notwendige Elastizität unter den herrschenden Bedingungen in der Mehrzahl aller Falle nicht auf. Seine psychischen Reserven reichen gerade noch hin, um in die zulässigen ausreichenden Positionen einzurücken. Bisweilen auch hierzu nicht mehr. Man könnte für diese Wendung den Einfluß höherer Gewalten verantwortlich machen. Allein es ist auch Schuld dabei, Schuld beider Generationen. Diese Schuld ist nicht fortzudiskutieren. Sic beruht schwerwiegend auf der Tatsache, daß die Juden in Deutschland ihr Schicksal heute immer noch als individuolles Ungemach empfinden, dem man auch nur individuell, d. h. in höchst eigennütziger und ebenso eigensinniger Weise begegnen oder ausweichen karai. Solange man sein Schicksal nicht als da» Schicksal einer Gemeinschaft und — mehr noch — ab eine gemeinschaftlich verpflichtende Aufgabe betrachtet, der man sich so wenig entziehen darf, wie man seinem Schicksal, das einen an diesen Platz gestellt hat, ausweichen darf, Bolange wird auch die Schuld nicht aufgehoben. Indessen: die Mehrzahl der Jugend — und hier liegt freilich der tiefgreifendste Unterschied .zwischen den Generationen — hat ihr Schicksal bIb eine direkt und trotz allem Hochpersönlichen gemeinschaftlich an alle gestellte Frage erfaßt. Diese Jugend ist gemäß dem Gemeinschaftaanruf bemüht, eine gemeinschaftliche Antwort zu geben. Sie fallt verschieden aus, aber zugrunde liegt immer eine echte Entscheidung. Das gilt sowohl von der zionistischen wie von der nichtzionistischeri Jugend, soweit Bie organisiert ist. Lediglich von Seiten der älteren Generation wird das bisher noch verkannt. Der alteren Generation, bzw. den Eltern, ist es in den meisten Fällen ein Geheimnis, daß namentlich der Teil der jüdischen Jugend, der nicht zionistisch orientiert ist, wie jede echte bündische Jugend keineswegs auf das Grundgesetz der echten Jugend - Bewegung Verzicht geleistet hat,, dag da lautet: Autonomie der Entscheidung und Autonomie dor Gestaltung. Der zionistischen Jugend gegenüber erkennt man das an. Hier weiß man, daß der Eintritt des Kindes in den Bund der endgültige Verlust des elterlichen Erziehung», rechtes und die nicht nur geographische Scheidung. der Generationen bedeutet. Beim nicht zionistischen Bund ist dagegen immer wieder vom Jugendführer die Beobachtung anzustellen, daß viele Eltern ihre Kinder nicht aus Gründen der Gesinnung in den Bund echioken, sondera weil ihnen ihrer Hoffnung nach Fortsetzung auf Seite' 2 Um die religiöse Scheidung Rabbiner Dr. Merlbach auf dem Kriegspfad In der letzten Nummer des „Israelit" befindet sich ein offener Brief, den Herr Dr. Merzbuch, Rabbiner der Trennungsgemeinde in Darmstadr, an seinen Kollegen (11) Dr. Dienern n n n richtet. Ursache dieses nach Form und Inhalt kaum zu charakterisierenden Schreibens ist dio Tataoche, daß Rabbinen Dr. Dienemann einer Frau gegen don Willen ihres Mannes die religiöse Scheidung ermöglioht hat In diesem Blatt iBt schon oft über das ungeheure Unrecht, zu dem sich das jüdische Eherecht allmählich ausgestaltet hat, geschrieben worden. Das sogen, gesetzestreue Rabbincrtum aber hat es nicht fertiggebracht, trotz der himmelschreienden Notlage der jüdischen Frau das jüdische Eherecht über den Zustand hinaus weiterzubilden, in welchem es vor mehr als 1000 Jahren, d. h. seit der Zusammenstellung des Talmud, verblieben ist. Uns liegt es nicht ob, auf die theologische Seite der Sache einzugehen, Herr Dr. Dienemann ist Manns genug, darauf zu antworten, wenn er diesen Anwürfen gegenüber eine Antwort überhaupt für nötig erachtet. Ich halte es aber für meine Pflicht, Herrn Dr. Dienemann namens der religiös-liberalen Juden den Dank dafür auszusprechen, daß er das ewige Recht gegenüber dem zeitlichen zur Geltung gebracht hat. Seine Kollegen und er dürfen sicher sein, daß ihre Gemeinden hinter ihnen stehen und nicht hinter denenen, die sich zwar gesetzestrou nennen, aber den obersten Grundsatz des Judentums verletzen, der da lautet; „Trenne dich nicht von der Gemeinschaft I" H. St. Zur Stellung des jüdifchen Sdiülers Der Reichsemehungsminister hat einen Erlaß bekanntgegeben, in dem es laut „Recht und Wirtschaft" vom 31. 8. heißt: „Ich habe Anlaß, darauf hinzuweisen, daß die Hauptaufgabe auch des Schulunterrichts, die Erziehung zu nationalsozialistischer Weltanschauung und Staatsgesinnung, durch Rücksicht auf Angehörige anderer Anschauungen niemals gehemmt werden darf. Wieweit etwa Nichtarior von einzelnen Unterrichtsstunden undSchulf eiern von Fall zu Fall befreit werden sollen, überlasse ich dem pflichtgemäßen Ermessender Schulleiter." Zu dem auch von uns erwähnten Eris^y'über die Teilnahme an Schulandachten usw. bringt das Amtsblatt des RejchseräehungBministeriums Ausführungen über den Geltungsbereich des Erlasses, in denen es u. a. heißt: Dieser Erlaß bezieht sich auf alle höheren Schulen, nicht nur auf die öffentlichen, sondern auch auf die privaten. Auch an den privaten höheren Schulen darf also künftig ein Zwang zum Besuch der Schulfeiern mit religiösem Charakter nicht mehr ausgeübt werden. Wenn der Erlaß auch zunächst nur für den Bereich des höheren Schulwesens ergangen ist, so gilt er doch sinngemäß auch für alle übrigen Schularten. Endlich sei auch noch darauf. hingewiesen, daß die Teilnahme an kirchlichen Veranstaltungen auch schon bisher für Lehrer und Schüler freiwillig war, da es sich hier nicht um Veranstaltungen der Schule, sondern um solche der Kirche handelte. Kein öffentlicher Verkauf jüdlfcher Zeitungen mehr Vom. 1. Oktober ab Der PrOsideht der Reichspresaekaromer hat auf Grund der ersten Verordnung zur Durchführung des. Reichskulturkammer- ■ gesetzes das Öffentliche Anbieten und den Verkauf von1 Zeitungen und Zeitschriften, die sich ganz öder zum Teil, sei es dem Titel oder dem Inhalte nach, an die jüd isohe Bevölkerung richten,'verboten. Der Verband Deutscher Zeitungs- und Zwtsciuiften-Grossiaten und die Reichsfachschaft des deutschen Zeitunga- und Zeitschriften-Einzelhandels werden beauftragt, die Durcnführung dieser Anordnung zu überwachen. Diese Anordnung tritt am 1. Oktober 1935 in Kraft ' iiiiiuiimiiiiiiiuiiuiiiiiiiiimiiiimimuiiiiiimiiiuimiwuiiiim ,x. SPORTTAG IM GRUNEWALD Auf dem Grunewaldsportplatz fand ein von etwa 2000 Schülern und Schülerinnen besuchtes Sportfest der Jüdischen Schulen Berlins statt Aufn. SonnenWd la&Mbliiäa^WtaädA^M*?' ».MiA* ,\i <a*%äi*<**r W«V <-Tm«£i.r r* ' tr/Vm, *.v i W^fcWw'^VÄ^^