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Jüdische allgemeine Zeitung · 1935-08-28 · 35 (28.8.1935) · page 1

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Journal
Jüdische allgemeine Zeitung
Volume
15 (1935)
Issue
35 (28.8.1935)
Date
1935-08-28
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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BERLIN 28. August 193S PREIS 25 PF. Nr. 35 / 18. Jahrgang JUDISCHE AUGEMEIHE Schrlltleltung und Ocsctalfbstelle: Berlin-Charloltenburg 2, BlelbtreüstraBe 2. C 1 Stelnpl. 3703. Bonkk.: Krcdltvereid f. Handel u. Oewetbe cQmbH, Berlin N 24. Po«t5dicck-K,i Berlin 25720 — Bezugspreis: RM. 1,— monatlich (zuiügl. RM. 0,10 Zoitungssobtthr nnd Bestellgeld), bei StrelfbandTeriand nuflgL EM. 0,80. i— rm fi *m fV-fyr Vorlag: VorlagBgcnoasonaohaft in Doataohland onsEaaleer Juden za Berlin oGmbH., Bln.-Charlottonburg 2, Bloibtreustr. 2. Aniolgonpr.: Die 12geap. mm - Zelle Rpf. 8, (ür Famlllcnanzelgen Rpf, 6, Iflr Stcllengoiucho Rpf. 5. Bei unrerachnldeter Niohtbelleforung besteht kein Anapruoh unf Vergütuna. N E U E F O L G E D ER J U DI S C H - LI BERALEN ZEITUNG .-' w Der Kongreß in Lnzern Der ' bisherige Verlauf des Zionistcnkongresaes brachte im wesentlichen die Durchführung der vorgesehenen Tagesordnung. Er stand ganz im Zeichen praktischer . Aüfbaufragen, hinter denen ideologische Erörterungen — wenigstens in den großen Referaten— faßt ganz zurücktraten. Stärker als irgend eine Deklaration zeigte so dieses repräsentative Ereignis den Gestaltwandel des Zionismus von der Idee zur Wirklichkeit. Der Eröffnungssitzung gaben zwei große Reden des greisen Präsidenten der zionistischen Exekutive, Nahum Sokolow, das Gepräge: die'eigentliche Eröffnungsrede und das andermalbstündige Referat über die „Tage des jüdischen Volkes und des Zionismus". Von. , ganz besonderer Bedeutung waren die " grund- 'sätzhenen Ausführungen Sokolows über( die . zionistische Stellung zu der Frage der Gleichberechtigung der Juden in den Lündern der Diaspora. Es sei festzustellen, führte er u. a. aus, daß angesichts der historischen Ereignisse der letzten Jahre manche der früheren Verfechter der Emanzipationsidee kleinlaut geworden seien. Dazu sei aber kein .Grund vor- " nahmen"ja" emersplclie'Hälriuig widerspreche sogar den Grundüberzeugungen des Zionismus. ■: „Nicht verzagen," fuhr Präsident Sokolow wörtlich fort, „und" nichts aufgeben von unserem Programm: Erez Israel und Gleichberechtigung in der Diaspora, die wir einmütig, auf all unseren Konferenzen im Jahre 1917 gefaßt haben und mit denen wir vor die Friedenskonterenz in getrennten, inhaltlich aber zusammenfließenden Forderungen getreten sind. Das sind unsere Postulate. Sie bedingen sich gegenseitig. Das eine ist ohne das andere kaum vor stellbar. Es ist um so notwendiger, darauf mit größtem Nachdruck hinzuweisen, als in diesem Punkte noch, immer in manchen jüdischen und nichtjüdischeix Kreisen viel Unklarheit .und Voreingenommenheit besteht. Sooft darum dies auch schon ausgesprochen ist, so kann ■ es immer noch nicht häufig und krqfüg genug wiederholt werden: es . ist eine, arge Seibattäuschung, eitel Irrtum und Wahn, den .Zionismus als'eine Antithese ' der Gleichberechtigung oder als ein Surrogat und Ersatz für diese zu betrachten. Ein entrechtetes Ghetto-Judentum kann nur ein Ghetto bauen. Auf baufälligen Kehillä-Fundamenten. kann, man kein Nationalheim errichten. Man mag die Sache drehen und wenden, wie man will, man kommt über die Einsicht nicht, hinweg, daß unsere Brüder in Erez noch völlig außerstande sind, allein aus eigener Kraft die Macht zu schaffen, die auch nur die .bescheidensten wirtschaftlichen :<ünd kulturellen Ziele zu erreichen vermöchte; Wer soll nun das Jüdische Nationalheim bauen? Wer soll das ungeheuer große Kapital, das dafür notwendig ist, geben oder leihen? Die Antwort darauf muß klar sein. Die jüdische Diaspora! Selbstverständlich kann ein verfolgtes, gehetztes, bedrohtes Diaspora- Judentum für den Ausbau des Nationalheimes wenig oder nichts leisten. Das unumgänglich notwendige Hinterland für den Erez-Israel-Zionismus ist eine in normalen Verhältnissen lebende jüdische Diaspora. . Sowohl theoretisch wie praktisch berühren sich nationale, und individuelle Emanzipation und stehen in gegenseitiger Verbindung. Eine j|ü d i s c he D i a - apqra gnb es seit jener und wird es immer in größerem und kleinerem Maßstabe ' geben." > •' : .' '• ■ ' ■; . Im Anschluß an dieses Bekenntnis schilderte Sokolow eingehend die Judennot in Polen, .gab einen Überblick über-, die'Lage in;4^.'''^rig^ weit' und schloß mit einer eindrucksvollen Apotlieose auf Sinn und Bedeutung der Palästinawanderung für die Milderung der allseitigen Schwierigkeiten. Schon heute bedeute der Zionismus nicht nur die ideelle, sondern auch die materielle Lösung der Judenfrage, weil er die Juden ihrer inneren moralischen Freiheit bewußt mache. In den weiteren großen Referaten, dem von Ben Gurion über „Verwirklichung des Zionismus", dem von Ruppin über „25 Jahre Siedlungsarbeit in Palästina und den Berichten über Keren Kajemeth und Keren Hajessod wurden der Stand. des Aufbauwerkes und die Funktionen jedes seiner Träger in allen Einzelheiten erörtert. Immer wieder hoben sich aus aller Verschiedenartigkeit der Blickpunkte uiid Standorte einige Grundtatsachen der heutigen Pälästinaproblematik heraus: das stoßweise Anwachsen der Einwanderungsziffer während der letzten Jahre, die im Zusammenhang hiermit immer drängender und immer schwieriger sich gestaltende Bodenfrage und das Problem der englischen Politik, das letzten Endes ausschlaggebend ist für Tempo und Intensität der gesamten zukünftigen Entwicklung. i Gerade im Hinblick auf dieses letztgenannte Gebiet sind die Zeichen, unter denen die Luzemer Tagung steht, nicht allzu günstig.. In der zentralen Frage dieses Komplexes, der Einsetzung des Legislative Council, herrscht zwar bei allen Kongreßparteien eine sonst nicht häufig feststellbare Einmütigkeit: man lehnt den Council ab. Aber diese klare und eindeutige Haltung der Zionisten hat nicht verhindern können, daß ein am 15. August in der Londoner „Times" erschienener Artikel die Schaffung des gesetzgebenden Rates mit möglichster Beschleunigung in Aussicht stellt. In diesem Aufsatz werden zwar die Gegengründe der Zionisten mit weitestgehendem Verständnis dargelegt und gewürdigt, aber schließlich glaubt man, über sie alle hinweggehen und dieses Instrument jüdisch-arabischer Kooperation sämtlichen Bedenken zum Trotz ins Leben rufen zu müssen. Charakteristisch an diesem Entschluß ist, daß er offenbar entscheidend durch die Aufgabe des Widerstands gegen den Legislative Council seitens der Araber bestimmt worden ist. Während diese Institution von beiden präsumptiven Partnern bekämpft worden sei, sei die arabische Seite jetzt für Mitarbeit bereit.. Die gleiche Linie einer auffallend weitgehenden Berücksichtigung arabischer Interessen ließ auch das Begrüßungstelegramm des englischen Kolonialministers erkennen, das vom Vertreter der Britischen Gesandtschaft in Bern .verlesen wurde. Es hat folgenden Wortlaut: „Es gereicht mir zu großem Vergnügen, eine Botschaft zu Neue BBliätte in Berlin N Eimveihungsfeicr der Liberalen Synagoge Weddwg-Reinickendprf Am 23. August: weihte die Liberale Synagoge Wedding-Rcinickendorf ihre neue BotstBtte (Triftstraße 63) mit einem Frei - . ta g abend - G ot t e sdi e n st ein. Seit längerer Zeit war dio religiöse Arbeit der Synagoge außerordentlich gehemmt, weil infolge der erschwerten Äußeren Verhültnisse die Betstatte mehrfach gewechselt hatte und zuletzt sogar abseits von ihrer Gemcindo lag. Die neue Bctstütte, die einzige liberale des ganzen Bezirks, soll ein Zentrum für diejenigen werden, die durch mie Einstellung wie durch die'Notwendigkeiten des Lebens dahingeführt sind, neue Wege/gottesdienstlicher Betätigung und des religiösen LcbenB^ zu suchen. . ' Der Prediger des Abends, Rabbinatskandidat Cassel, gab dem Dankgefflhl Ausdruck, daß nun. der Weg hierfür freigemacht sei, daß' auch' hier in diesem Außenbezirk wieder Aufbau und Ausbau der reUgiösen Arbeit, wie die Liberale Synagoge es ,orstrebt, mit Kraft fortgesetzt werden könne. Anknüpfend an die Worte des Wochenabschnittes „R'e": „Siehe, ich gebo heuttags vor euch:hin Segen und Fluch 1" führte er aus, wie zu jeder Zeit und an jedem Ort es in unsere eigene Hand gegeben sei, was auch immer uns. zuteil werde, zum Segen oder zum Fluche zu ^gestalten. Und er Bprach' Wunsch und Hoffnung aus, daß hier, im Geiste des Dankspruches: „Schehechejonu", mit dem er die Weihestunde be- .gonnon hatte, und des Segenswortes der Schrift: „J'worechecbo", mit dem er sie schloß, die Arbeit dei* Liberalen Synagoge , Wedding-Reinickendorf geführt werden und zum Segen sich entwickeln möge. Die Gemeinde nahm in tiefer Ergriffenheit an dem Gottesdienst teil, der auch in seiner musikalischen Gestaltung künstlerische Hohe/zeigte. Die große Zahl der Besucher brachte_ den Beweis, wie stark die Sehnsucht und das Bedürfnis nach einem solchen liberalen Gottesdienst in dieser Sladtgegend ist. H. Fg - „Juden in der Provinz" Statistische Untersuchung in Hessen-Nassau . Kassel. Die „Kurhessische Landeszeirung" in Kassel veröffentlicht eine längere Untersuchung über die „Juden in der Provinz". In -dem. Aufsatz werden umfangreiche Angaben über den Anteil der jüdischen Bevölkerung: an der allgemeinen Bevölkerung gemacht. ■ Ab Grundlage ist die Zahl von 499682 Juden in Deutschland (0,8 o/o der Gesamtbevölkerung) angenommen. In der Provinz Hessen -Nassau gab cb 46923 Juden, und zwar 13 589 im Regierungsbezirk Kasael und 33334 im Regierungsbezirk Wiesbaden. Auf die Einwohnorzahl bezogen, betragt der jüdiBcho Anteil im Regierungsbezirk Kassel' 1,2 o/o und im Regierungsbezirk Wiesbaden 2,3 0/q. Unter allen preußischen Provinzen ist, abgesehen von Berlin, der. jüdische Anteil an-der Bevölkerung am größten in Hessen-Nassau. Die -13 589 Juden im Regierungsbezirk Kassel verteilen sich auf' 21 "Land-' und 4 Stadtkreise (Fulda, Hanau,, Kassel, Marburg). " In den Stadtkreisen leben 9 412 Juden, in den Landkreisen. 4177 Juden. Von den einzelnen Stadtkreisen haben Kassel 2301 'Juden (l,3.o/o; der Gesaihtbovölkerung), Fulda 1058 (3,8 0/o), ■ Hanau 477 (l,2ö/o). und Marburg. 341 (1,2 0/0). Fulda.hat. von den .164 deuu)cnen ' Gemeiii4en 'mit 20000 bis SO000.,' Einwohnern_den höchsten' JudijnanteilJ der im Durchschnitt dieser 164 Gemeinden 0,5 o/o betragt.' .' , ' , . . Auf die eiuze 1 nen Landkroise verteilt sich die Zahl der'Juden' folgendermaßen: 864 Hanau (1,5 o/o), 791 ^Marburg (1,2 o/o), 771 Schwege (1,6 o/o), 760 Fritzlar-Homberg (1,4 0/,j), '662 Gelnhausen (1,2 o/0Y 630 Ziegenheim (1,6 0/0), 604 Schlüchtern .(l>9.ö/o),.555'Melsungch (1,7 6/0), 499 Horsfeia (1,1 o/0), 476 Hünfeld (1,9 o/o), 466 Rotenberg' (1,2 o/q), 464 Fulda (0,7 04,), 456 Frankenberg (1,3 o/0), 262 Wolfhagen (0,9 o/0), 217 Hofgeismar (0,5 o/o), 213 Kreis der' Eder (0,9 0/0), 197' Kreis des Eisenbergs (0,8 o/o), 165 Witzenhausen (0,5 0/0), 136 .Schmalkalden (0,3 o/0), 113 Kassel (0,2 o/„), 111 Kreis der Twiste (0,7 0/0). Zwei Drittel dieser Landkreise des Regierungsbezirks Kassel (14) haben mehr Juden ab es im Reichsdurchschnitt (0,8 o/0) der Fall ist. Die Stadt Esch woge hat unter 284 deutschen Gemeinden mit 10 000 bis 20 000 Einwohner den zweitgrößten Judenanteil (3,3 o/o). An erster Stelle unter den Gemeinden dieser Größenklasse steht Landau i. d. Pfalz mit 3,6 o/o. Der . Regierungsbezirk Wie b b aden - hat, abgesehen von Berlin, unter allen größeren Verwaltungsbezirken des Reiches mit 2,3 o/o den höchsten Anteil der jüdischen Bevölkerung. Das ist hauptsachlich auf dio Zahl der Juden in Frankfurt am Main zurückzuführen, das bei 26158 Juden den höchsten Judenanteil - (4,7 o/o), unter allen deutschen Städten überhaupt hatte. - Die statistische Untersuchung des Kasseler Blattes schließt mit der Feststellung: „Seit der Volkszählung im Jahre' 1933 haben sich natürlich überall mehr oder weniger große Veränderungen in der Zahl der Juden vollzogen; dennoch behalten insbesondere dio hier mitgeteilten Verhaltaisziffern ihren lehrreichen Vergleichswcrt." , Dr. Singer Leiter des Reichsverbandes jüdifcher Kulturbünde Im Einvernehmen mit der Geheimen Staatspolizei hat die zuständige Stelle im .Reichsministerium für Volksaufklarung und Propaganda ab verantwortlichen-Leiter des Reichsverbandes jüdischer TCulturverbBnde den früheren Intendanten Dr. Kurt Singer und ab Generalsekretär dieser jüdischen Organisationen den ehemaligen Handelsjournqlisten Dr. Werner L e v i e genehmigt. Unter dieser verantwortlichen Leitung haben sich bekanntlich, soweit dies noch nicht geschehen ist, bis zum 15. September einschließlich sämtliche künstlerisch und kulturell tatigen jüdischen Verbände dem Reichsverband einzugliedern. Ausgenommen hiervon sind, lediglich die religiösen jüdischen Schul- und Kultusgemeinden. Zur Stellung-des jüdifchen Schülers In einem Erlaß des bayerischen Staatsminbteriums für Unterricht und Kultus heißt es: „Nichtarische Schüler, und Schülerinnen sind in Schullandheime und dergleichen nicht mehr mitzunehmen. Sie haben wahrend der Abwesenheit ihrer Klasse nach 'Webung des Schulleiters am Unterricht einer anderen Klasse teilzunehmen. Ab nichtarisch gilt, wer von hichtarischen, insbesondere jüdischen Eltern oder Großeltern abstammt. Nichtarische Abstammung ist schon dann gegeben, wenn auch nur ein Eltern- oder Großelternteil nichtarisch ist." In einem Erlaß des, Reichsr .und Preußischen Ministers für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung ,Ober die Abhaltung naübnal- Solitischer. Lehrgänge-für Schüler höherer Lehranstalten heißt es, aß nichlarische Schüler von der Teilnahme an den naitionalpplitisohen. Lehrgängen grundsätzlich ausgeschlossen Bind. < ..', &1 «in?m weiteren preüßbchen Erlaß wird darauf hingewiesen, daß allen Schülerinnen und Schülern der höheren Lehranstalten der Besuchder von den Schulen veranstalteten herkömmlichen Morgenandachten und Schulfeiern religiösen Charakters, gleichviel ob diese in Schulraumcn odor außerhalb der'Schule stattfinden, . freigestellt ist.

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