Jüdische allgemeine Zeitung
- Journal
- Jüdische allgemeine Zeitung
- Volume
- 15 (1935)
- Issue
- 33 (14.8.1935)
- Date
- 1935-08-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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B E RL I N 14. August 1935 PREIS 25 PF. Nr. 33 /IS. Jahrgang Schrlltleltung und OucbliUstelle: Berlin-Charloltenburg 2,. Bleibt« ustraße 2. C 1 SlclDpl. 3703. Bankk.: Kreditverein f. Handel u. Qcwcrbe cdmbH, Berlin N 24. Po«tscheck-K.': Berlin 25720 — Bezugspreis: RM. >,—monatlich (zuzügl. RM. 0,1.0 ZdltnngetrobObr and Bestellgeld), bei 8trelIb&nd7oreand cniOgl. RM. 0,80. ALLGEMEINE ' Vorlag: Verlagegenoatoniohnft In Deutschland onsaialger Judon tu Berlin cOmbH., BlD.-Charlottonburg -2. Blolbtreuatr. 2. Aruelgenpr.: Die 12geap. f mm - Zelle Rpf. 8, für Pamllionanzelgen Rp(, C, lür Stellengesuche Rpt. B. ------ - ..... Bei unverschuldeter Nlohtbelloferung besteht kein Anspruoh aui VorgütanS. N EU E FO L G E D E R J 0 D I S C H - L I RALEN ZEITUNG j,-" DasiieueKulturbund-Tlteater Von Oktober ab; Theater in der Kommandantenatraße ...;v Wie bereits mitgeteilt, werden im September-die letzten Vorstellungen des Jüdischen Kulturbundes inj' Berliner Theater,' in dem der Kulturbund von. Anfang;scincs Bestehens, an, gespjclt hat* stattfinden/da mit vdem .Ende der Spielzeit die vertragliche und baupolizeiliche' Genehmigung abgelaufen ist. Im Oktober siedelt der Kulturbund in das Theater in der Kommnndantcnstrnße Über.. Das neue Hnus. wird mit tiner AuffflhrnDg von .Odo Ludwigs Drama; ,',Die Mokkabar" eröffnet werden. ■ ^pastflauja'ln da:XS^y>ttensktSi^--Y<m-dw'tiiii der Jüdische Kulturbund mit ,dcr Eorhödie ,:,Brorß-Exprcss" von Ossip Dymow verabschiedet, eines :'der Ältesten .Theater der Iteichshauptstadt, war ursprünglich für;den" Zirkus' Renz erbaut und :spBtcr zu einer' Variete"- und Operettenbühne umgestaltet worden. Es führto anfjrr% 5« ,9 twi*-*-**-****»*: -4*'- ■ r ~- 1; Sr' ~ f * pS>- \\\\\\ y^m _ \\ il*\vt §nm \f i - lil a&m <»» SEM! V „ .J'l-St i "Ä\ym: ,*h?J&3$i< Aufn.: Kikolor Das neue Haus des Jüdischen Kulturbunds fnngs den Namen „Wallhalla-Theator". Den Namen „Berliner Theater" erhielt es erst mit der Übernahme der Direktion durch Ludwig Barnay. Wesentlich jüngeren Datums ist das Theater in der Kommandantenstraße 57, in dem der Jüdische Kulturbund künftig seine Zelte aufschlagen wird. Es wurde von Anton und Donat Herrnfeld erbaut und am 25. Dezember 1907 als „Neues H.errnfcld- Thoater" eröffnet. Die beiden Brüder,-die im März 1890 nach Berlin gekommen waren, - gastierten anfänglich im Wintergartensaal des Grand. Hotel am Alexandcrplatz. Nachdem sie mit ihrer historisch gewordenen „Klabriäspartie" einen solchen Erfolg errungen hatten, daß das Stück über tausendmal gegeben werden konnte, ließen sich die beiden Brüder für dauernd in den Kolonaden am Alexanderplatz nieder. Die bauliche Umgestaltung der Kolonaden zwang Bio indessen, sich nach einer anderen Stätte umzusehen, die sie in dem eigenen Theator in der Kommnndanten- ' Straße fanden. - Das Herrnfeld-Theater bestand bis 1918 und beherbergte später als Theator in der Kommandantenstraße u. a. auch die Operette. Das Haus,- das nun dem Kulturbund dienen wird, war schon einmal eine Pflcgestfitte jüdischer Kunst. Am 1. September 1921 eröffnete dort die Direktion Galcen - Gottowt ein Gastspiel des Wilnaqr jüdischen Künstlertheaters. Die. Serie der. Aufführungen wurde mit Perez Hirschbeins „Die vorlasBcno Schanke" eröfmot und brachte eine' denkwürdige und eindrucksvolle Darstellung des „Dybuk" von Anski. Sonja Alomis, Leiser Zelaso und Alexander Asro gehörten dem Ensemble an. So ist der Boden für die Entfaltung der Kunst des Jüdischen Kulturbundes^ günstig vorbereitet. Da das Theater nur 800 Platze faßt, wird eine Vermehrung der Vorstellungen erfolgen. t Namensänderungde» Hilfsvereins Wie der bisherige Hilfsverein der DeutschW^Juden mitteilt, lautet Bein Name von nun an „Hilf s ve reijn der Juden in Deutschland i. V." . ' '« /, HiAorifdbe Synagoge in Einfturzgefalu* Warschau. Bei der Durchführung von Kanalisationsarbeiten in Bialystok sind in den Wfinden der dortigen Großen Synagoge tiefe Bisse entstanden. Eine Baukommission, hat festgestellt, daß für die Synagoge Einsturzgefahr besteht. Ihre H ä u m ü n p wurde angeordnet. Bei der jüdischen Bevölkerung hat die Nachricht'von der Gefährdung der historischen Synagoge einen tiefen Eindruck gemacht. . Kennzcidinung jüdischer GeMfifte gefordert In einem Artikel „Klarheit über jüdische Geschäfte", den, der „Frrinkfurtcy^itunji" zufolge, der „WirtschaftspolitiBcho Dienstder Nationalsozialistischen Partcikorrespondenz" verbreitet, wird eine Kennzeichnung jüdischer Geschäfte durch behördliche Anordnung gefordert, wahrend bisher bekanntlich arische Geschäftsleute dazu veranlaßt wurden, sich ihrerseits durch die Schilder „Deutsches Geschäft" zu kennzeichnen. über Gegensätze Von BERTHOLD AUERBACH ' Im Leben der. Religion kehren gewisse Grundbegriffe wieder, ohne die es seiner Stützen und Auftriebskräfte verlustig ginge. Es gewinnt an ihnen Kraft. und Richtung, ermißt aus ihnen Fülle und Wertsetzung, umkreist sie in immer" erneutem Strom undi würde ins '■ Uferlose verfließen, wenn' je sie sich auflösten. Sie gelten für alle Zeiten, für den schlichten Mann wie für den Weisen, für alle Altersstufen frühbewußter Kindheit und ausgereiften Greisentums, für alle Lebenskreise und Bindungen, ja, für alle individuellen Seelenlagen in Freude und Trauer, Einsamkeit und Verbundenheit, Lust und Schmerz. Die Ehrfurcht ist eine dieser sakralen Quellen, aus denen sich insbesondere das Judentum speist und erneut. In Zeiten des Niederbruchs religiösen Lebensgefühls verspottet und verleugnet, mit Mißachtung übergangen' oder gar als Hemmung vermeintlichen -' Fortschritts und Prinzip der Erstarrung angesehen, von führenden Geistern in historischen Betrachtungen „neuer Sachlichkeit" ausgemerzt, selbst von rationalen Philosophen ihres Gehaltes entwertet und zur Fiktion pädagogischer und gesellschaftlicher Nützlichkeit herabgedrückt, tritt ' sie wieder hervor aus ihrer' Scheinerstorbenheit und erhebt einen totalen Geltungs- und Wirkungsanßpruch. Nicht nur die Lehrer und Theologen, denen es ja Beruf ist, sie in die Seelen zu senken, nicht nur die «Eltern und Autoritätspersonen in Gemeinde und Bünjjden, denen man bei kritischer Einstellung eine Art iVerteidigungsphilosophie der eigenen Stellung vorwerfen Könnte, sondern auch die um ihr Weltbild ehrlich ringende Jugend und die ihre Weltanschauung tief durchbildenden Philosophen — also die schöpferischen Außenseiter des Daseins — beugen sich willig ihrer überpersönlichen und absoluten Macht, die sie in diesen Zeiten des Umbruchs in letzter Tiefe ergriff en\hat als neues, Segen spendendes Lebenselenient. Ehrfurcht ist ein eminent religiöses Wort, bedeutet es doch seinem Wesen nach die, hingabebereite und liebcerfüllte Achtung und Ergriffenheit vor dem höchsten Wert und allen seinen unmittelbaren oder mittelbaren' Ausprägungen, also vor Gott, .seinen Satzungen und Geschaffenheiten. Der Verstandest und sittliche Mensch kann ehren, der kreatürlich getriebene Mensch furchten, nur der religiöse ist der Ehrfurcht fähig. Und doch ist dieses Wort mehr als nur die Summe seiner Teile, denn weder die Verbindung von Ehren und Fürchten als zwangs- und angstbedingte Achtung noch ihre Erhöhung in Hinwendung auf das Göttliche, vor dein der Mensch im Gefühl der Ohnmacht und Gedrücktheit erstirbt, erfassen seine Wesensbedeutung. Sie wird nur fühlbar durch den Einbruch des Heiligen in die-Seele des Menschen, welches Furcht und Angst aus' ihrer gedrückten Passivität zur seelischen Aktivität der Liebe löst und erhellt, die der Allmächtige um um Und in uns wirkt. Denn die Ehrfurcht zwingt .nieder und macht frei, beugt und erhebt, belastet und .beschwingt, gebietet und entsetzt. Sie ist eine doppelt, wirkende Kraft, die das, was die natürliche Psychologie als 'ausschließenden Gegensatz erkennt, durch ihre übernatürliche Essenz zu einer begrifflich überhaupt nicht voll faßbaren Einheit verschweißt und überhöht. Ehrfurcht ist kein Autoritätsbegriff, wie so oft behauptet wird, sie leiht nur der natürlichen Rangordnung zwischen Eltern und Kindern wie der geistigen zwischen Lehrer und Schüler und — oft zu Unrecht — der sozialen zwischen Untergebenen und Vorgesetzten ihren tieferen Sinn und erfüllt so die natürlichen und geistigen Beziehungen zwischen den Menschen mit religiöser Weihe. Ohne sie wäre das Leben zweckhaft und vielleicht sinnhaft, aber nicht von Gott her bestimmt. Denn erst die Ehrfurcht vor Gott führt zur ehrfürchtigen Achtung vor der gottgewirkten Seele des Nebenmenschen, vor dem Geheimnis und der Eigenart, selbst vor den verborgenen Werten der Menschenseele. Aber nicht nur vor dem Menschen, sondern auch vor seinen objektivierten Schöpfungen des Geistes waltet die i Ehrfurcht, im Judentum besonders ausgeprägt gegenüber Gesetz und Lehre, die durch diese Art der Betrachtung und Erfassung von 'vornherein eine Bedeutung erhalten, die sie über den Alltag erhebt, gegenüber Brauch und Sitte, die in Kultus und Ritus selbst Formen, die das Gepräge einer begrenzten Epoche zeigen, mit dem überzeitlichen Hauch der Tradition je und je beleben; sie zeigt sich in der Pietät vor den Vätern, die hier nicht nur frommes Gefühl, sondern bewußte Wertachtung in sich schließt, ja, in der Erfassung der Natur, ihrer größten Gestaltungen und kleinsten Geschöpfe, die erst durch ehrfürchtiges Erkenntnisbemühen aus begrifflicher Klassifikation zu lebensvoller und geheimnistiefer Morphologie in Wissenschaft und künstlerischer Reproduktion herangebildet wird. DaB vergangene Geschlecht oder besser eine abgeschlossene Epoche der Weltbetrachtung hatte die Ehrfurcht aus ihrem Fühlen und Denken zum großen Teil gestrichen oder allenfalls in der veräußerUchten Form der bloßen Wertschätzung, Achtung oder Ehrung beibehalten. Die Folge„ war eine furchtbare Ernüchterung und Verflachung des Lebens wie auch der zwischenmenschlichen. Beziehungen. Die wenigen Menschen, die dennoch sich nicht der Nivellierung fügten, wurden; als weltfremd, sentimental und zurückgeblieben verlacht. Heute aufersteht der begrabene religiöse Wert und erweist sich als fundamentales Stimulans einer neuen, 'in Bildung begrif - fenen, jüdisch-religiösen Kultur. Die Jugend nimmt die Ehrfurcht in ihre Lebenshaltung und Führung auf, sie läßt Bie in allen Bein der „Jüdifchen Allgemeinen" beginnt heute tlaifyan un6 Itapoiöon / (Bin ßcitotOE Äurzcoman oon Rttfcol? 'ftanb In dem Roman „Nathan und Napoleon" wird ein fesselndes Stück jüdischen Privatlebens sichtbar inmitten des großen' Weltgeschehens von 1806—;1815, das wir aus dem schnurrigen Gesichtswinkel eines , altfränkischen, jüdischen Fuhrmanns und Holznändlers erleben, der durch seltsam zwangvolle Schicksalsver- ' kettung i ein ganzes Jahrhundert jüdisch-bürgerlicher Entwicklung überspringt, Theaterdirektor wider Willen wird und so das Leben seines heutigen Nachkommen (des Autors der Geschichte) dramatisch idyllisch vorweg . lebt. Dieses fränkischen Fuhrmanns furchtbarer Feind und Gegenspieler ist (ohne es zu ahnen) Napoleon, Kaiser der Franken. Aber zum Schluß hat der Frankenkaiser verloren und der fränkische Fuhrmann gewonnen. Noch eine zweite Berühmtheit (und diesmal ahnt der Fuhrmann nichts) ist mit im ergötzlichen Spiel: der Märchendichter Andersen.. Aber sonst waren alle Personen bis zum Erscheinen des Romans völlig.unbekannt und unbeachtet: kleine Franken, Fränkchen und Fränkels aus der Gegend zwischen Frankfurt und Nürnberg, Ururgroßcltern — jung.