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Jüdische allgemeine Zeitung · 1935-07-24 · 30 (24.7.1935) · page 1

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Journal
Jüdische allgemeine Zeitung
Volume
15 (1935)
Issue
30 (24.7.1935)
Date
1935-07-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
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r BERLIN 24. Juli 1935 Bvchelnffr^ PREIS 25 PF. Nr. 30 / IS. Jahrgang JUDISCHE ALLGEMEINE f Sohriftloitung und Geschäftsstelle: Berlin-Onarlottonbarg 2, Bloibtroustr. 2. Fernruf: CI Stelnpl. 3703. Bankkonto: krcdllverefn f. Handel u. Oewerbe eOmbH, Berlin N 24. — BeJtigsprels: KM. 1,— monatlloh (znxügl. RM. 0,10 . fceltririgsgebübr nnd Bestellgeld), bei Streifbandverland tuzügl. RM. 0,80. Verlag: VorlagsgenossenBohatt in Dentsonl&nd ansässiger Judon cn Berlin oQmbH., Bla.-Oharlotlenburg 2, Blelbtrouatr. 2. Anzeigenpr.: Die 12gesp. mm-Zeile RM. 0,16, (. Fomillenaniolgen RM. 0,10, f. StollengoBuoho RM. 0,08. Bei anverscbaldeter Niobtbelleferang besteht kein Anspruch auf Vergütung. NEUE FOLGE ER J U D I S C H - L I RALEN ZEITUNG 1 *Vr>J>t-H^' .f^Af** -4^.C-Ii.1 Ans wanderer amt des Völkerbundes? OberkommiiTor MacDonnld über die Arbeit des Hilfswerks — Nicht ungeregelte Einzelanswanderung, fondern planvolle Gemeinfchaftsarbeit Die Frage der jüdischen Auswanderung steht augenblicklich im Mittelpunkt des europäischen Interesses. Die grundlegende Veränderung der Lage der Juden in vielen Ländern läßt Hunderttausende von Juden und Nichtaricrn heute in Europa ausreichenden Lcbensraum nicht finden. Eine Müascnauswan- In diefer Nummer: Die Wandlungen «nd Wanderungen des Ewigen Juden. Von Hans Lamm. Gräber erzählen Schicksale. Von Karin Lund. Fromme Lüge. Von Alice Stein-Landesmann. Empfang in Berlin. Zum 125. Todestag der Königin Luise. Philos Sendung. Die Juden in Berlin. Blick in die Wirtschaft — Recht im Alltag — Sport — Schach. Gerung noch umfangreicher als die der letzten Jahre wird unvermeidlich Bein. Mit l>esonderer Spannung verfolgen wir daher alle Bestrebungen, die geeignet erscheinen, diese Auswanderung aufzufangen, planvoll zu leiten und einer glücklicheren Zukunft entgegen zu führen. Im Oktober 1933 hat der Völkerbund einen Hohen Kommissar James G. MacDonnld eingesetzt, um durch eine internationale Aktion die wirtschaftlichen, finanziellen und sozialen Fragen des Auswahdcrungsproblems zu lösen. Von seiner Tätigkeit hat man bisher wenig vernommen, man wußte nur, daß er eine große Anzahl der in Frage kommenden Einwanderungsländer bereist hat und war dcshalh um so gespannter auf den ausführlichen Bericht, der für die Tagung des Ve'rwaltungarata des AuswandcrungshilfswerkB in London angekündigt worden war. Der Verwaltungsrat, dem bekanntlich Vertreter einer großen Anzahl interessierter Regierungen angehören, trat am 17. Juli in London unter dem Vorsitz des Visoount C e c i 1 in den Räumen der Royal Socioty zusammen. In den Vordergrund seiher Ausführungen stellto der Oberkommissar die Feststellung, daß die Erfüllung der ihm gesetzten Aufgaben immer schwieriger werde und daß eine wirkliche Lösung nur durch Schaffung eines internationalen Organs .gefunden werden könne, das als integrierender Bestandteil des Völkerbunds selbst tätig werden müßte. Um diese Forderung, •die MacDonald auch in einem in der „Times" vom 15. Juli veröffentlichten Brief besonders unterstreicht, begründet er damit, •daß nur ein internationales Völkorbundsorgun "wirksam den konsularischen Schutz der vielen Tausende von Flüchtlingen, die jedes staatliche» Schutzes beraubt sind, unternehmen könne und daß nur ein solches Organ auf Grund seiner .Autorität in Zusammenarbeit mit den Mitgliedsstaaten des Völkerbunds und den privaten Wohltätigkeitsorganisationen eine humanitäre Gesamtlüsung des Problems finden könne. MacDonnld teilte mit, daß die norwegische Regierung im Juni den Antrag gestellt habe, diesen Vorschlag auf die Tagesordnung der nächsten VölkerbundBtagung zu setzen; es sei daran erinnert, daß hervorragende Mitarbeiter des Völkerbundes, z. B. Lord Cccil, bereits Anfang ■dieses Jahres ähnliche Forderungen geltend gemacht haben. MacDonald teilte dann nflhere Einzelheiten über dio mit einer Anzahl von Ländern in der Einwauderungsfrage gepflogenen Verhandlungen mit; Bekanntlich haben MacDonald und seine Mitarbeiter in einer Reise von mehr als vier Monaten besonders die Verhältnisse in Latein-Amerika geprüft und mehr als 16 Länder persönlich besucht. "Hier bieten nach seinen Feststellungen Argentinien und Brasilien die größten wirtschaftlichen Möglichkeiten, leider aber sind gerade dort die Hindernisse für oine allgemeine Einwanderung' besonders groß. Insbesondere kämen h i o h 11 and w i r t - Auftakt in Holland Beginn der Konferenz des religiös-liberalen Judentums ..;S o n d c r b e r i c h t für die „Jüdische Allgemeine" Den Hang, 20. Juli 35. Gestern abend 7.30 Uhr hat die Tagung der Wcltvcrcinigun^ für religiös-liberales Judentum begonnen. Ein Frcitagabcndgottcsdienst leitete sie ein, bei dem Rabbiner Dr. Diencmann, Offenbach, eine Predigt zum Thema „Unechter und echter Enthusiasmus" hielt, die die ausländischen und inländischen Andächtigen sichtlich beeindruckte. Heute drückende Schwüle mit zeitweiser Neigung zu Niederschlägen. Um 11.30 Uhr Empfang der Delogierten in Amsterdam. Herr L c v i s s o n , der Vorsitzende des „Vcrbonds van libcraalrcligieuse Joden in Nederlund" begrüßt die anwesenden Gäste, darunter insbesondere Lily Montagu und Professor Ismar Elbogcn, herzlich. Seine stets freundliche Miene iBt leicht umwölkt. Der Liberalismus in Holland hat seine ersten schweren Kämpfe gegen eine ungeheuer intolerante Orthodoxie zu bestehen. Jakobst h a 1, der Leiter der Sektion Amsterdam im Verbond, schließt seine Begrüßung an. Miß L ily Morvt a g u spricht, namens der englischen Delegierten einige herzliche Worte weniger des Trostes als der kraftvollen Mahnung. Sie entschuldigt den abwesenden Präsidenten Claude G. Montefiore. Heinrich Stern antwortet für die Delogierten aus Deutschland, als die lebendigen Zeugen eines wertbewußten und wertbeständigen religiösen Liberalismus. Seine Worte finden starken Anklang. Nachmittags um 2.30 Uhr beginnt der Festgottesdienst wiederum in Amsterdam. An seinem Ende steht keine Predigt, sondern ein auf breitester historischer Grundlage aufgebautes Referat Prof. Elbogens über „Das Gebet", das von einer imponierenden Größe au Quellenkundigkeit zeugt. Abschließend führt man nach dem Haag (hier s'Gravcnhage genannt) zurück, dem eigentlichen Schauplatz der Ereignisse. Morgen werden der Rest der englischen Delegierten und die Amerikaner eintreffen. Am Vormittag tritt das Komitee zu einer öffentlichen Diskussion zusammen, das sich die Frage der „Autor i t ä t" zum Thema seiner vorbereitenden Arbeit und der morgigen Aussprache gewählt hat. Es steht unter der Leitung von Dr. Diencmann. Bisher liegen erst einige schriftlich fixierte Vorschläge vor, die bemerkenswert» Kontroversen aufweisen. Miß Montagu zweifelte heute stark an der Möglichkeit, diese Gegensätze im Wege der Diskussion zu beseitigen. Eine interessante Dcbatto steht zumindest zu erwarten, die ihren Wert bereits in sich trägt. Am Nachmittag folgt die nun bereits traditionelle „Round Table Conference" mit dem mehrfach untcrgcüciltcn Thema,; „The Task of' Progressive Judaism" (Die Gegenwart!- aufgaben des religiös-liberalen Judentums). Forden Abend ist eine Tagung der Jugendvertreter vorgesehen. Ubermorgen tritt das Governing-Body zu seiner Gcschiiftssitzung zusammen. Wenn der Verlauf der Tagung dem guten Vorsatz entsprechen sollte, dann wird die Arbeit des religiösen Liberalismus um ein bedeutungsvolles Stück weitergeführt und seine Aktualität — trotz allem —■ erneut bewiesen sein. H. K. schaftlichc Arbeiter nur in besonderen Ausnahmefällen in Frage. Die Regierungsstellen seien mit einer wohlwollenden Prüfung des Einwanderungsproblcms befaßt, ohne daß bisher greifbare Resultate erzielt wurden. Wenig günstig sei auch die Situation in den anderen Ländern Süd- und Zentralumerikas, dort sei zweifellos jedoch für eine individuelle Einwanderung in gewissem Umfange Raum, auch gebe es in mehreren dieser Länder die Möglichkeit einer Niederlassung von Gruppen. Einzelheiten über diesen ja sehr bedeutsamen und wichtigen Punkt sind aus den bisherigen Berichten leider nicht zu entnehmen. Oberkommissar MacDonald erörterte sodann Umfang und Verteilung der Auswanderung aus Deutschland seit Januar 1933. Er bezifferte ihre Zahl auf nicht weniger als 80 000. Schätzungsweise 25 000 sollen davon nach seinen Angäben aus Deutschland direkt nach UbcrBCC, vornehmlich nach Palüs'tinu und den' Vereinigten Staaten, gegangen sein. Von den verbleibenden 55 000 Auswanderern seien 15 bis 20 o/o Nichtjuden. Von diesen 55 000 Auswanderern, so fuhr ObcrkonuniBsar MacDonald fort, gehören 11000 bis 12000 einschließlich der Familienangehörigen zu den gebildeten Schichten. Der Rest rekrutiert sich hauptsächlich aus kleinen Händlern, Bediensteten und Sekretären. Nur wenige von ihnen sind bisher in der Landwirtschaft tätig gewesen, oder haben Handarbeit in einer Industrie verrichtet. .Dieser besondere Charakter der Auswanderung gestaltete die Arbeit des Oberkommissariats besonders schwierig. Dieser Umstand machte es unmöglich, größere Siedlungspüine durchzufahren. Notwendig wurde vielmehr, Maßnahmen für die Eingliederung insbesondere jüngerer Personen zu ergreifen. Dio gegenwärtige Vorteilung dor Auswanderer auf die einzelnen Länder zeigt, obwohl er weit davon entfernt ist, zufriedenstellend zu sein, einen beträchtlichen Fortschritt. Eine Schätzung über dio Auswanderer, die sich am 15. Juni 1935 in den oinzclncn Ländern befanden, ergibt die folgende Aufstellung, wobei man sich immer vor Augen halten muß, daß die Angaben in ihr oben nur Schützungen Bind, und dalier mit der notwendigen Reserve aufgenommen werden müssen. In fast allen Ländern war es unmöglich, andere als durch Schätzung gefundene Zahlen aufzustellen. In den überseeischen Ländern haben sich niedergelassen: In P a 1 fl s t i n u 27 000, in den Vereinigten Staaten 6000, in den Landern Südamerikas 3000, in Südafrika 300, im übrigen 500; zusammen also 36 800. Auf die Länder Mittel- und Osteuropas entfallen 18000 Rückwanderer. In Frankreich leben 10000, in den Niederlanden 4000, in der Tschechoslowakei 1600, in Groß- Britannien 2500, in Österreich 900, in Italien 1100, in Spanien 2000, in Belgien 600, in den skandinavischen Ländern 1000, in der Schweiz 500, im Bonstigen Europa 1500 Palästina hat danach den größten Teil der Auswanderer aufgenommen. Worte der besonderen Anerkennung fand MacDonald für die Entwicklung des Palästina-Aufbaues, die einen Rekord darstelle, auf den die beteiligten privaten Organisationen stolz soin können. Ein ähnliches Lob sprach er dem Auswanderorhilfswerk des Hicem in Paris aus. MacDonald wies mit Recht auf die besonderen Schwierigkeiten bei der Unterbringung der ausgewanderten Intellektuellen hin, immerhin sei es bisher gelungen, 366 ausgewanderte Gelehrte unterzubringen, hiervon hätten 272 ständige Arbeitsplätze gefunden. MacDonald fülirto weiter aus, daß er seine Aufgabe vor allem darin erblickt höbe, die Arbeit der Hilfs- und Ansiedlungsorganisationen zu unterstützen und entsprechende Anregungen zu geben. Während im ersten Jahr der Tätigkeit seines Kommissariats der größti Teil der 'freiwilligen Spenden für Unterstützungszwecko verwandt worden sei, sei im. letzten Jahr der größere Teil für konstruktive Zwecke, insbesondere im Interesse der Bemühungen für eine Ansicdlung von Juden in überseeischen Ländern ausgegeben worden. Die vielen Schwierigkelten, die auf dem Gebiete der Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis, der Paß- und Staataangehörigkeitsfragc bestehen, streifend, ging Mac¬ Donald näher auf seinen' Vorschlag der Schaffung einer zentralen Völkorbundsorganisation für Auswandererfragen ein. Er betonte abschließend mit besonderem Nachdruck, daß.eine schnelle Lösung des ungemein schwierigen Auswanderungsproblems in-

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