Jüdische allgemeine Zeitung
- Journal
- Jüdische allgemeine Zeitung
- Volume
- 15 (1935)
- Issue
- 28 (10.7.1935)
- Date
- 1935-07-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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BERLIN 10. Juli 193S PREIS 25 PF. Nr. 28 / IS. Jahrgang JÜDISCHE AUGEMEINE SchrifHeilung; und Geschäftsstelle: Borlin-Oharlottonburg 2, Bloibtrouatr. 2. Fernruf: C1 Stelnpl. 3703. Bankkonto: Krcdltvcreln I. Handel u. Oewerbe eQmbH, Berlin N 24. — Bejngs'preio:' EM, 1,— monatlich («ujttgl. HM. 0,10 ZoltnngBgobtthr und Bestellgeld), bei Streifbandvorsand tuiügl. EM. 0,80. 41 Verlag: Verlagsgenossonsohaft in Dentsobland ansassigor Juden zu Borlin eQmbH., Bln.-Charlottonburg 2, Bloibtroüstr. 2. Anzoigonpr.: Dio 12gosp. mm-Zeile RM. 0,16, f. Famllienantetgon B.M. 0;10, f. Stollongeiuohe EU. 0,08. Bei unverschuldeter Nlohtbelleferang bestoht kein Anspruch auf VorgQtnng. NEUE FOLGE E R JODISG H - L I B E R ALEN ZEITUNG <eine|» Die Zwifcheiijjefchichteteii ■ ■!l \"->i »h t™j'"i!>'••>>! .v.iTii t < ■ Von HEINZ KELLERMANN ■ 1: •! ' v i1 ■ Der Historiker, der eines Tages die Geschichte der deutschen Juden irri 20. Jahrhundert zu schreiben haben wird, hat eine schwere und eine dankbare Aufgabe zugleich. Er wird Blüte und Abstieg einer Generation, Aufbruch und vielleicht — Aufstieg einer anderen Generation zu berichten haben. Aber mit der Grausamkeit, die man den „Blick für das Repräsentative" zu nennen pflegt, wird er das Schicksal einer Generation überschlagen, die Veit charakteristischer das Siegel ihrer Zeit trägt, wenn schon nicht in der' Leistung, sondern in der Haltung ihre Eigentümlichkeit und ihre Stärke liegt. Das sind die Menschen zwischen 25 und mindestens 35 Jahren, die man mit einer recht brutalen Offenheit als Zwischengeneration zu kennzeichnen pflegt, und der man damit schon bei der Namensgebung die Eigenständigkeit und den Eigenwert abzusprechen beginnt. Jahrgang 1900—1910. Den Krieg haben sie mit Bewußtsein, teils, schon mit eigenem Einsatz, erlebt. -Inflation und Deflation haben ihre ersten Ersparnisse verschlungen und mit ihren .unfairen Spekulationen und überdimensionalen Zahlenproportionen den Respekt vor dem soliden, bürgerlichen Verdienst erschüttert. Am 1. April 1933 hatten sie ihre ersten Schriftsätze angefertigt, die ersten Patienten besucht, waren ihnen ihre ersten Experimente mißglückt und die ersten Examina überständen. Studenten, Referendare, Assessoren, Landrichter,' Rechtsanwälte, Assistenz- und Kassenärzte,' Junglehrer, Doktoranden, Habilitanden, Kaufleute und Ingenieure, kurzum: beste Vertreter der sogen, guten bürgerlichen Mittelschicht mit den traditionellen Absichten auf Aufstieg und Beförderung, wie es der eigene ^Ehrgeiz, der herkömmliche Familienstolz und die Aspirationen der elterlichen Fürsorge pflichtgemäß geboten. Dann war es aus. Die Juden von 1933 nannten dieses Erlebnis „Umbruch". Sie meinten damit, daß die schnurgerade Linie, ihrer gesicherten Hoffnungen urplötzlich im Bodenlosen verschwand. Was sich nun zutrug, ist oft geschildert worden und wird im Tempel der Tapferkeit sein historisches Monument erhalten. Der Anwalt vertauschte den Termin-Kalender mit der Mörtelkelle,, der Historiker, der bisher nur die Reifen seines eigenen Wagens behelfsweise geflickt hatte, kümmerte sich nunmehr von Berufs wegen um die Pannen fremder Autos, der Student, den bis 11 Uhr morgens kein Kollegsaal gesehen hätte, begann uin'4 Uhr früh Kühe zu'melken, die Dr. phil. magna cum laude, wurde Mädchen für alles", den Volkshochschullehrer traf'man frühmorgens bei der' Straßenreihigung, die jüdische Bürokratie schluckte die Juristen und ilie theologischen Lehranstalten die letzten fanatischen Akademiker. Beruf sumschichtuhg . .V '/; Aber es war mehr als das. Es war. Milieuumsturz. Es war radikale und rücksichtslose Verschüttung des bisherigen Wegs und Durchbruch zu einem Neuen, Ungewissen. Alitagsheröismus, aber nur im Alltag ist •der Heroismus echt. Soweit der objektive, historische Befund. Die soziologische Diagnose lautet auf Mittelstand mit starkem proletarischem Einschlag, die geistige Diagnose auf gute und gepflegte bürgerliche Intelligenz, die seelische Diagnose deutet auf eine gefährliche Unr ausgeglichenheit. Damit ist eigentlich schon das Entscheidende gesagt. Jede Generation, die sich gegen ihr Schicksal behaupten will, bedarf eines moralischen ßegengewichts. Alle Energie, die nur darauf gerichtet ist, den Leerlauf der Tage auszufüllen, erlahmt mit der Zeit. Arbeit, die um ihrer selbst willen getan wird, dient nur zur Selbstbetäubung, wird mechanischer Händgriff, der die' Stunden tötpt, Betrieb ohne produktive Kraft. Ein deutsch-jüdischer Dichter hat diese Beobachtung in Dialogform gekleidet: „. . . Leerlauf? Man hört das Wort jetzt so oft, aber was war es bei dir?" — „Das Mißverhältnis zwischen dem Wirkungsfeld und der inneren Dynamik." — „Ich verstehe . . . innere Dynamik ... du meinst, was im Widerspruch zUm Praktischen . steht, zu den praktischen Aufgaben?" — „Ja, zum Betrieb ganz einfach. Man verfällt der Wiederholung deB Gleichartigen. Eine unendliche Reihe ohne Summe. Selbstwiederholung. Jede Handfertigkeit, jede Geistfertigkeit läuft auf Selbstwiederholung hinaus . . ." Soweit der Dichter. So aber auch das Schicksal jener Generation, die zwischen den Schicksalen steht. Sie hat sich „umgestellt". Jede Umstellung ist ein doppelter Energieaufwand,. Energie des Verzichts auf das, was war, Energie cjes Bekenntnisses zu dem, was ist. Die Frage bleibt: aus welcher Quelle bestreitet sie ihre Kraft? Jede Energie muß gespeist werden, und so besteht das Geheimnis des echten Widerstandes .in^dfim: YQrJbnndfin ..... ' Die junge Generation ' hat'diesem Ausgleich eine historische Form geschaffen: den Bund. Mit dem Rückhält der gleichaltrigen Gemeinschaft überwindet sie die individuelle Not. Alles Schwere, alles Widerwärtige wird aufgehoben in dem Gefühl der gemeinsamen Begegnung und Uberwindung. — Die ältere Generation kennt diesen Ausgleich nicht. Sie kennt überhaupt nicht dergleichen Greifbares, nach außen Gestalt gewordenes; von dem her sie ihre Kraft bezieht. Ihr Widerstand wächst nicht aus dem Kollektiven, sondern aus individuellen Bezirken. Es ist überhaupt kein'Widerstand, der nach robuster Betätigung drängt. Die Verwirklichung ist schon gewesen, ist gelebtes Leben, ist das Bewußtsein des inneren W e r t e s, der nicht mehr erkämpft und nicht mehr verteidigt zu werden braucht, der keiner äußeren Bestätigung bedarf, wie ihm kein äußeres Bestreiten mehr etwas anhaben kann. Der Wert ist Besitz, unangreifbar wie die Welt' Goethes, Leasings, wie die historische Größe des 18. Jahrhunderts, das nie gestrichen werden kann. Hier ist Ruhe und ^Abgeklärtheit, dort — bei den Jungen — ist Aufbruch und Sturm. Und die dazwischen? Beidem gehören sie an und beidem nicht. Deshalb bleibt der Ausgleich mangelhaft. In der Welt der älteren Generation ist sie aufgewachsen, als Imitatoren teils, teils als Opponenten der überkommenen Wert- Vorstellungen. Bevor ihre eigenen Pläne Gestalt wurden, bevor sie sich ihre eigene Welt bildeten',., wurde sie ihnen geraubt. Jetzt waren sie Unfertige, mit Maßstäben, die nicht mehr passen wollten, mit halben Arbeiten in den Händen und mit Wünschen, die nicht mehr erfüllt werden, konnten. Hinzu kam ein anderes. Sie wurden einsam. (Fortsetzung auf Seite1 2) Heldenhafte Retyungstat Köln. In Köln-Lindenthal ereignete Bich ein schweres Autounglück, bei dem mehrere Personen verletzt wurden. Der XI i F - Sportler Jo sc f Frö h lieh rettete einen der Verunglückten unter eigener Lebensgefahr aus dem brennenden Auto. Er zog eich hierbei eine schwere Verletzung des linken Armes zu. lUtualmoFdlegende Kaunas. In dem Städtchen Ponemunje in der Nähe von Kowno war in den letzten Tagen ein* eh ris 11 iehcs Kind verschwunden. Die Mutter 3cs Kindes alarmierte die Einwohner des Städtchens, indem sio ihnen erklärte, daß. ein Jude N. das Kind verschleppt habe, gewiß um es zu Schächten. Das Kind ist nach wenigen Stunden gefunden worden. Gegen die Mutter wurde von dem Verdächtigten Klage eingereicht. Ire diefer Nummer: Palästinensischer Querschnitt. „Mehr Mut und weniger Tachlis?" Von Heinrich Stern. Von der Scheune zum Gotteshause. Von M. Hellmann. Abschied von Arthur Hcllmer. Von Arthur Holde. Andre Maurois. Von Lutz Weltmann. Miirchen aus der Wirklichkeit. Von Laura Peltes o h n. Shylock-Stadt. Von Ben-Chorin. Melancholische Urlaubsbilanz. Von MaxGoldstein. Blick in die Wirtschaft. — Recht im Alltag. — Sport. Für Zurückhaltung Eine Aufforderung des Vorstandes der Berliner Jüdischen Gemeinde Der Vorstand der Jüdischen Gemeinde zu Berlin veröffentlicht im Gemeindeblatt folgende Erklärung: Wir legen Wort darauf, an alle unsere Gcmcindemitglicdcr das dringende Ersuchen zu richten, sich in der Öffentlichkeit, insbesondere auch in Gaststätten und Lokalen, stots der gebotenen Zurückhaltung zu befleißigen. Meldungsftelle für jüdifche Veranflnltungen Hamburg. Für die Veranstaltungen jüdischer Organisationen ist in Hamburg eine neue Regelung getroffen worden. Die jüdischen Organisationen haben cinq „ZcntralanmeldungBstclle für Veranstaltungen jüdischer Organisationen" errichtet, in die die Vorsitzenden der Gemeinde und der größeren Organisationen delegiert worden sind. Sämtliche jüdischen Veranstaltungen jeder Art sind in Zukunft bei dieser Stolle anzumelden, die dio Anmeldungen an die Behörden weiterleitet, so daß jeder direkte Verkehr der einzelnen Vereine mit den staatlichen Stellen fortfällt. Die Veranstaltungen dürfen nur in Baumen der Gemeinde, der Kultusverbändc und anderer bestimmt bezeichneter Organisationen stattfinden; größere Veranstaltungen in allgemein zugänglichen Sälen. Nur mit Vertrag Einschränkung der Einwanderung von Rabbinern und Kultusfunktionären nach Palästina Jerusalem. Die Palästina-Regierung hat seit einiger Zeit die Einwanderung von Rabbinern und Kultusfunktionären nach Palästina eingeschränkt. Auf Grund einer besonderen Vereinbarung konnte das Oberrabbinat früher Zertifikate für Rabbiner und andere Kultusfunktionäre entsprechend dem allgemeinen Bedarf im Lande ausstellen. Jetzt bewilligt die Regierung Zertifikate nur dann, wenn die Bewerber einen schriftlichen Kontrakt mit einer Synagoge oder Gemeinde vorlegen können. Diese Vorschrift trifft insbesondere diejenigen Rabbiner schwer, die aus Sowjetrußland nach Palästina auswandern wollen. Deshalb hat der Rabbinerverband von Tel Awiw anläßlich des 70. Geburtstages des englischen Königs an diesen ein Telegramm mit der Bitte gerichtet, die Tore Palästinas für die Einwanderung Von Rabbinern und Kultusfunktionären aus Rußland wieder zu öffnen. In einem dem Rabbinerverband vom Chefaekretariat der Palästina- Rcgierung nunmehr zugegangenen Schreiben wird erklärt, daß eine Änderung der bezüglichen Vorschriften nicht möglich sei. Vielmehr müss* darauf bestanden werden, daß im Fall der Anforderung von Rabbinern freie Posten für sie nachgewiesen werden oder daß der Vertrag oiner Gemeinde mit dem Bewerber vorgelegt wird; außerdem hat die betreffende .Einrichtung nachzuweisen, daß sie über dio Mittel zur Besoldung des religiösen Funktionärs verfügt. Zunahme der Austritte aas dem Judentum in Ungarn Budapest. Ii) dem Jahresbericht der -Pester Israelitischen Kultus"emcindo werden im Zusammenhang mit den Austritten folgende Dotcn veröffentlicht: 1932 haben 409, 1933 495, 1934 '582 Personen ihren Austritt aus der jüdischen Gemeinschaft angemeldet. ' Dio U r s a oh c . der' Austritte ist zumeist familiärer und wirtschoftlichor. Natur. 129 jüdische Vcrlobto und 121 jüdische Eheleute ließen sich ihren christlichen Verlobten bzw. Ehepartnern zuliebe taufen. Aus gemischten Ehen sind 33 Personen zum Christentum übergetreten, während weitere 30 als Grund angaben, daß sich in ihrer Familie bereits Täuflinge befinden,