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Jüdische allgemeine Zeitung · 1935-06-26 · 26 (26.6.1935) · page 1

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Journal
Jüdische allgemeine Zeitung
Volume
15 (1935)
Issue
26 (26.6.1935)
Date
1935-06-26
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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BERLIN 26. Juni 193S PREIS 25 PF. Nr. 26 / 15. Jahrgang JUDISCHE AUGEHEINE Sohriflloitung und Geschäftsstelle): Borlra-Oharlottonburg 2, Bloibtrouatr 2. FMnruI! C l Stelnpl. 3703. Bankkonto: Kreditverein f. Handel u. Oewerbe eOtnbH, Berlin' N 24. — Bezugspreis: KM. 1,— monatlioh (suzügl. HM. 0,10 ZoltungsgebOhr und Bestellgeld), bei Streifbandvetsand tutflgl. HM. 0,80. ME U E FOLGE D ER J ü D I S C H - L I Vorlog: VorlagßgonoBBßnßohaft In Deutschland anaiUalger Juden zu Berlin oGmbH., Bln.-Charlotlentmrff ,2. Bleibtroustr. 2. Anroigenpr.: Dio 12gosp. mm-Zello RM. 0,1 C, f. FamllienaMeigen RM. 0;10, f. Stellengosuoho BM. 0,08. Bai unverschuldeter Hlohtbelieförmig besteht kein Anspruch auf Vergütung. ALEN ZEITUNG .10) Anleitung rum Jude fei 11 Ein Menfcb, ein Buch. ©IM TV©g / Von EUGEN TANNENBAUM Die Reisezeit hat begonnen, und in den Buchhandlungen sind Reisehandbücher und Sprachführer gefragte Artikel. Wer sich auch nur für wenige Wochen in unbekannter Landschaft häuslich niederläßt, hat das Bedürfnis, sich mit der neuen Umgebung vertraut, zu machen. Er wird sich die Namen der Berge einprägen, die er zum Frühstück auf der Hotelterrasse serviert bekommt, die ortsüblichen Ausflugslokalitäten werden ihm bald vertraute Begriffe sein, und mangelnde Personenkenntnis der Statisterie einer Sommerfrische würde ihm nahezu als Verstoß vorkommen. Seit mehr als zwei Jahren leben zahlreiche Juden Deutschlands in einem ihnen fremden oder entfremdeten Milieu, ohne daß sie indessen auch mir den Willen bekunden, in der ihnen zugewiesenen Provinz, cÜ^ "den Namen Judentum fuhrt, Umschau zu halten. Es. gibt Menschen jüdischer Abstammung von Bildung, die den „Faust" auswendig können, die Dürers Werk und Bachs Musik tief in sich aufgenommen haben, und die imstande sind, Philo von Alexandrien für den Erfinder des Philosemitismus zu halten oder Schawuoth für eine palästinensische Provinz. DaB sjnd schon die jüdisch Vorgeschrittenen. Die Weisheit Und Tiefe des Judentums ist ihnen unbekannt. Das jüdische Gesetz . ist ihnen ein Buch mit sieben Siegeln. Unendlich groß ist die Zahl derer, denen jegliche Fundomentierung jüdischen Gefühls durch Kenntnisse fehlt. Ja mehr als das. Die die Voraussetzung eines auch nur ober- •flächliehen'Vertrautseitis mit jüdischen Dingen als eine Zumutung betrachten und noch immer glauben, sich selbst den Grundelementen des Judentums entziehen zu können. Aber es darf diese dauernde Vogelstraußpolitik des Nichtswissenwollens nicht mehr geben. 5iDer deutsche Jude soll sich genieren müssen, wenn er so wenig Bescheid weiß wie jetzt meistens" hat Franz Rosenzweig einmal geschrieben. Ein andermal registriert er den Ausspruch eines begeisterten Verehrers, der ihm über den ersten Band der gemeinsam mit Martin Buber begonnenen Bibelüber-/ Setzung telefonisch seine Begeisterung ausdrückte: Das sei, was die deutschen Juden heut brauchten, das, was Mendelssohn vor hundert Jahren gewesen sei, nur umgekehrt: damals hätten sie deutsch lernen müssen, jetzt jüdisch. * Gerade in unseren Tagen ist Franz Rosenzweig der rechte Begleiter für die Reise, für die Heim-Reise ins Judentum. Edith Rosenzweig, die Geführtin seines Lebens und Leidens, hat unter Ernst Simons. Mitwirkung fünfeinhalb Jahre nach seinem Tode; im Schocken Verlag Berlin, seine Briefe herausgegeben. Sie sind unendlich viel mehr als nur autobiographische Bekenntnisse, die erst wenige Stunden vor dem Ende des jahrelang Dahinsiechenden jäh abbrechen. Sie sind Mahnung, Trost und Wegweisung. Aus ringender Erfahrung gewonnene Erkenntnisse. Weisheiten, in Leid, Unrast und Wirrnis" der Zeit geläutert. Sie sind Aussprache und Ansprache, Anleitungen zum wahrhaften Judesein. ,* Einen Baal teschuwa, einen Heimkehrer, so hat Franz Rosenzweig sich selbst bezeichnet. Es war ein weiter Weg, den der Verfasser des Werkes „Hegel und der Staat", der lebens- und kunstfreudige Medizin- und Philosophiestudent und Historiker, der Mozart, Bach und Beethoven schwärmerisch verehrt, tagelange Skitouren unternimmt und sich auf Münchener. Faschirigsbällen „himmlisch amüsiert", von der äußer-* sten Grenze jüdischen Lebens bis in das Zentrum des Judentums zurückgelegt hat. Ein mutiges, Wort, das der junge Student geprägt hatte, wurde zum Motto seines Lebens: „Wenn der Jude (der Jude, wie ich ihn verstehe, also der Religionsjude) angegriffen wird, dann hat er die Tora nicht als Schild vor sich zu halten, sondern er gehört vor die Tora. Nicht die Juden sollen erhalten bleiben, sondern das Judentum." Rosenzweig, typische Erscheinung des Vorkriegsjudentums aus bürgerlichem Hause, war einer der ersten, die die Zeitwende erkannt und danach die Richtung ihres Lebens bestimmt hoben. Aus einem dünnen Fädchen Tradition (Jörn Kippur, Sederabend, Barmizwa; von der Heilighaltung des Freitagabends hat er erst als Student gehört) würde die unlösbare Kette, die ihn an sein Judentum band. Er trug sich Die verantwortungsbewußte Fürsorge für diejenigen jüdischen Menschen, die sich aus materiellen oder seelischen Gründen genötigt fühlen, sich außerhalb Deutachlands eine neue Existenz aufzubauen, war das Leitmotiv der letzten Jahresversammlung des Hilfsvereins der deutschen Juden, die, nach , dem Tode des Vorsitzenden Eugen Landau, unter dem Präsidium des stellvertretenden Vorsitzenden Max Werburg in Berlin stattfand. In diesem Sinne schilderte der' Leiter der Versammlung die Aufgaben des HilfsvereinB in der heutigen Zeit und wies, ohne in den Tugeskampf "3er Weltanschauungen einzugreifen, auf die Verantwortung hin, die Zionisten und Nichtzionisten in einem entscheidenden Augenblick jüdischen Schicksals auferlegt sei. Der Hilfsverein, führte Warburg aus, hat früher hauptsächlich den Juden im Ausland in schweren Pogromzeiten geholfen. Jetzt ist es in erster Reihe seine Aufgabe, denjenigen zu helfen, die aus seelischer oder materieller Not gezwungen sind, Deutschland zu verlassen. Der Hilfsverein arbeitet in Deutschland in Harmonie mit dem Palüstmaamt, indem dieses alle diejenigen betreut, die nach Palästina auswandern wollen, wahrend der Hilfsvercin sich mit denjenigen jüdischen Auswanderern befaßt, die sich eine neue Zukunft in der übrigen Welt suchen wollen. Es ist dabei unsere Hauptaufgabe, Fehlleitungen bei der Auswanderung zu vermeiden, die Auswanderung erst erfolgen zu lassen, nachdem festgestellt wurde, daß der Auswandernde in seiner neuen Heimat auch wirklich Beschäftigungsmöglichkciten findet. Im weiteren Verlauf seiner Ausführungen wandte sich der Redner der Besprechung der Schwierigkeiten in der Auswandererhilfsarbeit zu. Mit Palästina allein könne das Auswanderungsproblem nicht gelöst werden. Ebenso wichtig wie die Frage der Einwanderung nach Palästina, erklärte er, ist dio Frage der Lenkung des Auswandererstroms in die übrige Welt, denn Palästina kann auch nicht annähernd alle jüdischen Auswanderer aufnehmen, wenn auch die Zahl der Juden, die es im vergangenen Jahr aufgenommen hat, überraschend groß war. Hinzu kommt, daß auch nicht alle deutschen Juden, dio auswandern, für eine Ansiedlung in Palästina geeignet sind. Der Hilfsverein hat ein Netz von ungefähr 400 Korrespondenten in allen Landern ausgebaut, durch die er Informationen über EinwanderungsmögUchkeiten bekommt. Wenn wir im großen und ganzen Fehlleitungen in Bezug auf Auswanderung vermieden haben, so war dies nur möglich, indem wir allzu phontasierciche Projekte nach gewissenhafter Prüfung abgelehnt haben, selbst wo wir uns der Gefahr aussetzten, als zu zurückhaltend, zu kritisch befunden zu werden. Wir mußten eben in manchen Füllen — wie von anderer Seite einmal gesagt wurde — nicht Beratungsstelle, sondern Abratungsstelle sein. Wir mußten uns vorlaufig darauf beschranken, nur einzelne Auswanderer, einzelne Familien oder kleine^ Gruppen von Familien zu fördern, um es zu ermöglichen, daß diese dann, wenn sie in ihrer neuen Heimat Erfolg haben, ihre \Vorwandtcn oder Freunde nachkommen lassen. Es iBt auch eine Reihe von Planen in Bearbeitung, um über dio Förderung der Einzelwanderung hinaus auch eine größere Anzahl von Familien in geschlossenen Siedlungen unterzubringen; es wäre aber verfrüht, schon heute über diese vorbereitende Tätigkeit zu sprechen. über die Arbeit im einzelnen referierte der Generalsekretär des Hilfsvercins, Dr. Mark Wis chni t z o r. 110 000 MenBchcn hätten bisher die Hilfe des Vereins in Anspruch genommen. Als der Strom der Auswanderung 1933 einsetzte, waren dio Türen dor meisten Einwanderungslander vollständig verschlossen. Es fehlte auch (in Informationen über Auswonderungs- und Niederlassungsmöglichkeiten. Es war notwendig, eino weitgehende Ausdehnung der Auswanderungsziele vorzunehmen und die Auswanderung' den verschiedenartigsten Verhältnissen in vielen Ländern der Welt nach Möglichkeit anzupassen. Bestehende Schwierigkeiten seien mit der Absicht, sich taufen zu lassen, wie es sein Vetter Hans Ehrenberg, der spätere Pfarrer, und andere seiner intimsten Freunde getan hatten, als sich in ihm der Entschluß durchrang: „Ich bleibe also Jude." Er sah, daß die jüdische Erbschaft von Generation zu Generation kleiner wurde und zog daraus die Konsequenz: „Ich weiß nur, daß ich meine Kinder nicht ebenso haltlos in die Welt schicken möchte, wie ich selbst hineingeschickt bin." So wird ihm das Judentum Zuflucht und Kraftquelle. Aber das leidenschaftliche Herz des jüdischen Bekenners wird dadurch der deutschen Kultur und Wissenschaft nicht entfremdet. „Ich habe ja vielleicht eine besondere Harmlosigkeit gegenüber dem Problem Deutschtum und Judentüm", schreibt er, „ich glaube, die Verjudung hat aus mir keinen schlechteren, sonmit Hilfo der staatlichen und jüdischen Stellen zum Teil beseitigt worden. Die Einsicht, daß die wirtschaftlichen Verhältnisse in den europäischen Ländern sich in nächster Zeit kaum grundlegend ändern dürften, hat zu einer i stärkeren Beobachtung der Möglichkeiten einer Auswanderung nach Übersee geführt Schätzungsweise sind i. J. 1934 mindestens 4000 Personen nach Beratung bzw. Finanzierung durch den Hilfsverein in etwa 30 überseeische Länder gegangen. Es kann angenommen werden, daß außerdem ohne Inanspruchnahme des Hilfsvercins 2000 bis 3000 Menschen nach Übersee ausgewandert sind. Durch die Beziehungen des Hilfsvereins zu überseeischen und kontinentalen Organisationen konnten oft Verwandte ermittelt und von ihnen Bürgschaftserklärungen erreicht werden. Eine entscheidende Wendung in der Gesamtsituation der jüdischen Auswanderung, die einen wesentlich hoffnungsvolleren Ausblick auf künftige Möglichkeiten gestattet, wurde, wie der Redner besonders betonte, dadurch herbeigeführt, daß im Lauf des letzten Jahres in manchen südamerikanischen Staaten bereits kräftige Stützpunkte für eine weitere jüdische Auswanderung aus Deutschland entstanden sind. Dr. Wischnitzer wies auch darauf hin, daß die Auswanderer jetzt schon eine viel bessere Anpassungsfähigkeit erlangt hätten, was mit auf die Auswirkung der UmBcnichtungaarbeit in Deutschland zurückzuführen sei. Nachdem die Versammlung die Wahl des geschäftsführenden Ausschusses und des Zentralkomitees vorgenommen hatte, hielt Max Warburg das Schlußwort. Der Hilfsverein der deutschen Juden, sagte er, beeinflußt niemanden, auszuwandern, noch versucht er, Glaubensgenossen zu überreden, in Deutschland zu bleiben. Das Einzelschicksal der Juden in Deutschland kann nicht vom Hilfsvercin der deutschen Juden entschieden werden. Die Lebensumstände liegen für jeden einzelnen verschieden. Der Hilfsvercin kann sich nur helfend dem Auswanderer mit Rat und Tat zur Seite stellen. Er kann verhüten, daß für diejenigen, die entschlossen Bind, ihrem Lebensweg eine andere Richtung zu geben, im entscheidenden Moment eine falsche Weichenstellung erfolgt. In der Leidenszeit, die über dio deutschen Juden gekommen ist, finden sie große Hilfe bei ihren auswärtigen Glaubensgenossen, und es muß an dieser Stelle ihnen allen der aufrichtige Dank für diese Hilfe ausgesprochen werden. Es ist ein Zusammenarbeiten auf charitativem Gebiet, aber nur zu charitativen Zwecken, wie ich hervorheben möchte, um die immer wieder auftauchenden Behauptungen, daß es ein politisches Woltjudentum, einen jüdischen wirtschaftlichen und finanzpolitischen internationalen Zusammenschluß gäbe, zurückzuweisen. _ , Der gefcbiUtsföhrende Ausfchnß Der gcschaftsführcndc Ausschuß des Hilfsvercins wurde von der Versammlung in folgender Zusammensetzung bestätigt: Berlin: Georg AronB, Rabbiner Dr. Leo Baeck, Emil BflrwaFd, Direktor Siegfried Biber, Dr. Georg Cohn, Willy Dreyfus, Dr. Moritz Garbaty, Frau Lola Hahn-Warburg, Bcrthold Israel, Direktor Moritz Joachimsolln, RA. Dr. Alfred Klee, Alois A. S. Marcus, Professor Dr. Eugen Mittwoch, RA. Dr. Siegfried Moses, Moritz Roscqthal, Direktor Heinrich Stahl, RA. Dr. Benno Walter, Dr. Siegmund Wassermann, Frau Alice Weil; Bromens RA. Dr. J. Roscnak; Detmold: S. Simon; Dresden: Konsul Dr. Heinrich Arnhold, Rabbiner Prof. Dr. Winter; Frankfurt am Main: Julius Bloch, Dr. Felix Kauffmann, Emil Oettingor; Hamburg: David Frischmann, Jakob Hekscher, Max M. Warburg; Karlsruhe: Friedrich A. Struus; Mannheim: Gustav Würzweiler; München: Generalkonsul Siegfried Aufhäuser, Rabbiner Dr. Leo Baerwald. Stutzpunkte für Auswanderung Keine falfche Weichenltellung! - Die Tätigkeit des Hilfsvereins der deutschen Juden

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