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Jüdische allgemeine Zeitung · 1935-06-19 · 25 (19.6.1935) · page 1

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Journal
Jüdische allgemeine Zeitung
Volume
15 (1935)
Issue
25 (19.6.1935)
Date
1935-06-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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BERLIN 19. Juni 1935 PREIS 25 PF. Nr. 25 / 15. Jahrgan« JUDISCHE ALLGEMEINE Schrift)citung und Geschäftsstelle: Borlin-Ohar!ott<raburg 2, Bloibtreustr 2 , Fernruf: C 1 Stclnpl. 3703.. Bankkonto: Krcdltvcrein I. Handel u. Oewcrb« cOmoH, Berlin N 24. — Beiugsprels: BM. 1,— moaatlloh (luzflgl. EM. 0,10 ZeitungagobOhr und Boatollgold), b«i Btrelfbandvoreand »uiügl. UM. 0,80. rlagagonosflensohall In Deutschland anaasaigor Juden zu Berlin ln.-Charlottontmrg 2, Bloibtrouatr. 2. Anioigonpr.: Dlo 12goap. IM. 0,15, f. Famillonanzoigon BM. 0,10, f. StoUongeaucho EM. 0,08. jlmldoter Nlohtbelloferung bestobt koin Ansprooh auf Vergütung. NEUE FOLGE D ER JUDISCH-LIBERALEN ZEITUNG Die Probe Von Rabbiner Dr. H. M. SANGER Das große Erlebnis eines gewaltigen Schicksals gibt dem Menschen bei allem Aufruf seiner letzten Kräfte zugleich stets das Bewußtsein, daß ihm dies alles von außen geschenkt oder auferlegt sei, und er selber „Ton in des Töpfers Hand". Wir Juden erleben entscheidende Stunden einer Wende stets als besonderes uns auferlegtes Geschehen. Das ewige Judenschicksal mit seiner großen Paradoxie steht dann wieder über uns, Auserwählte zu sein und Auagesetzte zugleich. Die schlichte Weisheit des Volkes hat die Erfahrung in ein Bild gefaßt: Wenn ein Töpfer die Güte seiner Gefäße zeigen will, dann klopft er auf die starken und festen, nicht auf die schwachen, die beim ersten Schlag in Stücke gehen würden. In der harten Probe des Geschicks will jeder bestehen. Keiner möchte schwach sein, zerbrechendes Gefäß in der Hand des Meisters. Die Stunde der Not ist immer Entscheidung über die wahre Kraft und den echten Wert. Aber wir kennen auch das andere: Gott hat die Schwachen erwählt, ist die Uberzeugung der jüdischen Weisen .Abel, der schwächer war als Kain, Abraham, der vor Nimrod floh, Mose, der eine schwere Zunge hatte, David, der knabenhafte Sieger über rohe Riesengewalt. Auch Israel, schwächstes der Völker, sei so erwählt . . . Ein solches Schicksal in der Fülle und Tragik seines Widerspruchs trägt nur besondere Kraft, die sich immer wieder aus dem Leben erneuert. Dem Juden ist es noch nie beschieden gewesen, naives nationales Dasein unproblematisch leben zu dürfen „wie alle Völker". Seit den Tagen des goldenen Kalbes und der Königswahl bis in die Zeiten der Zerstreuung ist seine Existenz begründet auf die Auseinandersetzung mit einer Zeit, einem Schicksal, einem Menschengeschlecht. Immer bedeutete für die Juden ihr Dasein in einer veränderten Welt ein Sichwiederfinden und Sichzurechtfinden auf dem Boden werdender Zeit. So entstand in Alexandrien die hellenistischi'üdischc Philosophie, in Babel die Organisation des vebens in der Diaspora durch den Talmud, die spanische Blütezeit war die Frucht der Auseinandersetzung mit der arabischen Renaissance, wie der Aufstieg des 19. Jahrhunderts das Zurechtfinden jenseits der Mauern bedeutete. Alle diese Straßen aber führten eines Tages wieder in die Weglosigkeit, und neuer Aufbruch wurde immer wieder gefordert — aber gerade dies gibt dem jüdischen Menschen die Grundkräftc seines Wesens. Denn nur der, der sich dauernd auseinandersetzen muß, der nie zufrieden sein darf mit einer unzulänglichen Wirklichkeit, die er immer wieder an seiner ewigen Botschaft} mißt, kann zum geistigen Menschen par excellence werden, wie es ein tiefer Wesenszug des Juden geworden ist. Es geht dabei eine Linie von dem liebenden Gläubigen des Buches, der die Tora wie ein Kind auf seinen Armen in Samt Und Seide trägt, der den ungebildeten Juden ganz einfach als schlechten Juden betrachtet, über den Frommen des Mittelalters, der über den vertrauten und ehrfürchtigen Umgang mit Büchern so Schönes sagt, daß man diese Kultur des Lesens den Zeilenschlingern der Gegenwart mit leisem Schauder gegenüberstellt, bis zu dem modernen Bibliophilen, <ler seine Liebe zum Buch oft gar nicht mehr als etwas Jüdisches empfand, bis zu den abstrakten, zergliedernden Verstandesmenschen, die ihr Gescheitsem so gern als Waffe benutzen, und, die man leicht als. entwurzelt betrachtet,; weil sie oft nichts von der echten Wurzel ihrer geistigen Eigenart wissen. Aber gerade diese Herkunft aus echtestem Erleben gibt Jüdisqher Geistigkeit ihr Lebendiges und Leben schaffendes. Für uns Juden besteht ihr Wert auch heute noch ' im Zeitalter deß kompromittierten Geistes. Den Menschen, die im Weltkrieg und in aller Erschütterung, die ihm folgte, zu oft hinter einem Ideal das Interesse entlarvt haben, ist der Geist zur Fata morgana, zum Irrtum geworden. Heute wird der Jude vor die Probe des Bestehens oder Untergehens, des Bewährens oder Versagens gestellt. Sein letztes Heldentum wird heute gefordert, und nur seine geistige Kraft kann ihn hier halten. Denn „Heldentum ist die Fähigkeit, bewußt leiden zu können" (Richard Wagner), und allein der Geistige ist der bewußte Mensch. Bewußt zu leiden heißt auch die Bewährung in der Prüfung und Auseinandersetzung mit sich selbst. Wir müssen uns ständig Rechenschaft ablegen, wenn Verantwortung von außen/ gefordert wird. Gerade bei ernster Rechenschaft muß heute jeder empfinden, daß vieles, was heute als menschliche Bewährung1 gefeiert wird, die Eingliederung in die jüdische Gesamtheit, die Heimkehr ins Judentum doch eigentlich noch vielfach Wünsche und nicht Erfüllungen sind, Erstrebtes, aber noch oft nicht Erreichtes. Das Schicksal fordert, aber es teilt nicht Geschenke aus an Wartende, an die, die auf halbem Wege müde oder träge stehen bleiben, die ihrem Judesein noch immer nichts Positives und Echtes abgewonnen haben, bei denen es eigentlich nur Negatives und bloßes Ressentiment ist: Nichtzugehörigkeit zu einer anderen Gemeinschaft — aber eben nicht unverbrüchliche Zugehörigkeit zu uns. Erst recht sind die auf dem falschen Weg, die das erschütternde Erleben, das über uns gekommen ist, nur als aktuelles Ereignis ihres Lebens, nur als Stimmung oder Mode betrachten und „mitmachen". Weil nicht die notwendige Tiefe da ist, konnte es dazu kommen, daß manchmal Schlagwort und Phrase den lebendigen Menschen verdeckt haben. Überschätzung des Wortes war schon oft Menschen unserer Gemeinschaft eigen, und auch diesmal stürzten sich die Menschen auf Worte, auf Formulierungen, die ihnen eine neue Hoffnung oder Richtung zeigten, und das Goethesche Wort bewies seine Wahrheit, daß allgemeine Begriffe und großer Dünkel immer auf dem Wege sind, großes Unheil anzurichten. Was heute dringend not tut, ist geistige Vertiefung unseres Gemeinschaftslebens. Wenn wir eine Junge Generation haben wollen, die bei aller Unklarheit ihrer äußeren Lage gerade innerlich ihre Sicherheit hat, dann sollte der Gedanke besonderer Fortbildungskurse für Schulentlassene, der gerade jetzt geäußert worden ist, besonders ernst erwogen werden, um möglichst bald verwirklicht werden zu können. Der ebenfalls soeben skizzierte Plan einer Jüdischen Wissenschaftlichen Ge- (Fortsetzung au! Seite 2) Die Zahl der Mchtarier Ministerialrat Dr. Conti Ober Rassenstalistik in Deutschland In einem Vortrag über „Rasscnpflego im völkischen Staat" vor dem Seminar für nutiortalpolidscho Pädagogik an der Hochschule für Politik kam der preußische Staatsrat, Ministerialrat Dr. Conti, auf die Frage zu sprechen, wieviel Juden noch in Deutschland lebten. Er erklärte, es' habe in Deutschland immer „nur" 600 000 Juden gegeben. Diese Zahl sei auf eine Zahlung von 1912 zurückzuführen, bei der unter „Juden" nur die Angehörigen der jüdischen Konfession verstanden wurden. Tatsächlich aber habe es damals 2,5 Millionen Nichtaricr gegeben. . Diese Zahl sei inzwischen etwa auf 1,5 Millionen geaunken, und zwar zähle m'an heute in Deutschland 500000 mosaische Volljuden, 300 000 Volljuden nichtjüdischen Glaubens und 750 000 Mischlinge. Jüdifdicr Tennigklub aufgelöft i Hamburg., Die Poliacipresseatello teilt mit: Auf Grund des § 1. der Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutze von Volk und Staat vom 28. Februar 1933 (ReichBgcsetzblatt I Seite 83) wird dejr „Tennis-Klub an der Führe 193 5" für das gesamte hamburgische Staatsgebiet verboten und aufgelöst. Die Gründung steht im Widerspruch zu den in Berlin herausgegebenen Richtlinien über die Neubilduiig.jüdischer Sportvereine. Den Mitgliedern des Vereins ist es verboten, sich unter anderem Namen wieder zu- Wichtig für die Miifteruiig Die deutschen Juden sind wehr- und dienstpflichtig § 15 des Wchrgcsctzcs, der den aktiven Wehrdienst grundsätzlich an die Voraussetzung der arischen Abstammung knüpft, hat vereinzelt Zweifel darüber hervorgerufen, inwieweit die jetzt stattfindende Mustcrungund A u b h c b u n g 1 9 3 5 dio deutschen Juden bctrilit. Zur Behebung einer etwa hier bestehenden Unkenntnis gibt die Reich »Vertretung der deutschen Juden folgendes bekannt: Der Wehrdienst, durch den die Wehrpflicht erfüllt wird, umfaßt sowohl den aktiven Wehrdienst als auch den Wehrdienst im Ilcurlaubtcnstande. Arische Abstammung ist lediglich Voraussetzung für den aktivon Wehrdienst. Hieraus folgt, daß die deutschen Juden Dienstpflichtige im Sinne der auf Grund des Wchrgcsctzcs ergangenen Verordnimg über die Musterung und Aushebung 1035 sind. Zu dieser werden jetzt erstmalig die Wehrpflichtigen der Jahrgänge 1914 und 1915, in Ostpreußen auch des Jahrgangs 1910, herangezogen. Der Dicnstfcdcm'Tinbcru^^^ Wchrdicnft Folgte zu leisten. Da die deutschen Juden wehr- und dienstpflichtig sind, auch wenn sie nicht zum aktiven Wehrdienst herangezogen werden, haben sie ihrer Gestellungspflicht im vollen Umfange nachzukommen. Es wird in diesor Beziehung auf die Verordnung vom 1. Juni 1935 (RGBl. Teil I, S. 697), nui die öffentlichen Anschläge und Tagcsviach § 19 Abs. 2 der genannten Verordnung werden wehrfähige Dienstpflichtige nichUirischcr Abstammung, die innerhalb der Frist von 2 Wochen nach dem Mustcrungstagc keinen Antrag auf Heranziehung zum aktiven Wehrdienst einreichen, der Ersatzreserve II überwiesen, womit sie in den Bcurlaubtcnstand übergehen. Die Möglichkeit dieser Antragstcllung beruht darauf, daß nach § 15 des Wchrgcsctzcs ausnahmsweise von der arischen Abstammung bei der Heranziehung für den aktiven Wehrdienst abgesehen werden kann. Diese Ausnahme kommt für reinrassige Juden nicht in Frage; der Leiter des Wchrmachtumts im Rcichskricgsministcrium, Generalmajor von Reichenau, erklärte in seiner amtlichen Auslassung vor der deutschen Presse am 22. Mai 1935: „Reinrassige Juden werden zum aktiven Wehrdienst nicht herangezogen." Es ist demnach zwecklos, daß deutsche Juden ihre ausnahmsweise Heranziehung zum aktiven Wehrdienst beantragen. Dies muß festgestellt werden, so schmerzlich auch die gesetzliche Regelung das deutsche Judentum berührt. Die Stellung solcher Anträge wäre auch unverträglich mit rückhnltung. t jüdischer Kekrutenvereidigung in Poren Posen. Auf dem Kascrncnhofc des 57. polnischen Infanterieregiments in Posen fand eine Rekrutenvcrcidigung statt, an der der Rektor der Poscner Universität, der Burgstarost, der Eiscnbalinpräsident u. a. Ehrengäste beiwohnten. Nach der Anspracho des Kommandierenden Generals Kiioll-Kownacki und einem Hoch auf Rekruten den Eid ab, während die Rekruten der anderen Glaubensbekenntnisse von ihren Geistlichen vereidigt wurden. Die Feier wurde mit der Nationalhymne und dem Vorbeimarsch der ncuvcrcidigtcn Rekruten beschlossen. Weltkonferenz jüdifcher Frontkämpfer Festempfang im Pariser, Rathaus Paris. In der Zeit vom 15. bis 20. Juni findet in Paris eine Weltkonferenz von Verbänden jüdischer Kriegsteilnehmer zahlreicher europäischer und außereuropäischer Länder statt; Vertreten sind auf dem Kongreß u. a. jüdische Frontkämpferbünde aus Ägypten, Australien, Belgien, Bulgarion, England, Frankreich, Litauen, Ostorrcich, Palästina, Polen, Südafrika, der Tschechoslowakei und den Vereinigten Staaten von Nordamerika. Die feierliche Eröffnungssitzung fand unter dem Vorsitz des früheren Kriegsministers G e n e r n 1 M a u r i n statt. Am Sonntag nahmen die Delegierten des Kongresses an der feierlichen Einweihung eines Denkmals für die auf dem Felde der Eliro gefallenen Ostjuden teil. Diese Feier stand untor dem Elircnschutz des Präsidenten der französischen Republik und unter der Leitung des Pensionsministers. Am 17. Juni erfolgte ein Fcatgottesdienst in der Synagoge in der Ruo de la Vict-™ A™ 10 ein Festempfang im Pariser Rathau- •■ eWninff flfntt ttai (T Am 19. Juni findet __________r___o ....._______-n Abend eine Festsitzung statt, bei der u. a. auch der gegenwartige Kricgeministcr Oberst Fahry das Wort ergreifen wird. Dio Tagesordnung des Kongresses umfaßt u. a. eine Erörterung der Geschichte und Statistik der- Beteiligung der Juden am Weltkrieg .Fragen der Zusammenarbeit der jüdischen Frontkämpferverbände, Maßnahmen zur Wahrung des Ansehens und der Rechte der jüdischen Geroeinschaft und dio Auawanderung nach Palasüm "Hl An der Universität Göteborg wurde für den hervorragenden Vertreter der ' neukantianischen „Marburger Schule«, Prof. Ernst Caosirer, der bis 1933 an der Univorsitat Homburg wirkte und 1929 ihr Rektor war, aus einem durcli freiwillige Beiträge gebildeten Fonds ein eigener philosophischer Lohrstuhl errichtet. t

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