Jüdische allgemeine Zeitung
- Journal
- Jüdische allgemeine Zeitung
- Volume
- 15 (1935)
- Issue
- 24 (12.6.1935)
- Date
- 1935-06-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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BERLIN 12. Juni 1935 PREIS 25 PF. Nr. 24 / 15. Jahrgang JUDISCHE AUGEMEIME Sehriftlcilnne und Geschäftsstello: Berlut-Oharlottoaburg 2, Bloibtroustr. 2. Fernruf: Cl Stelnpl.3703. Bankkonto: Kredltvercin f. Handel u. Oewcrbe eOrabH, Berlin N 24. — Betugsprois: HM. 1,— monatlich (mzügl. KM. 0,10 Zeltungagebühr und Bestellgeld), bei Btreifbaudveround iniügl. RM. 0 80. I . Vorlag: VerlogsgonoBaonsobaft tri DDUtsohlnad ansiUsiaor Judon zu Berlin eOmbU., Bla.-Charlott«nburg 2, Bloibtroustr. 2. Anzoigonpr.: Dio 12gosp. mm-Zeilo RM. 0,16, f. Famillormntoigon KM. 0;10. f. Stellongosuobo KM. 0|08. Bot onvorscbuldoter Niohtbellofoniag besteht kein Anapruoh auf Vergütung. NEUE FOLG DER JODISCH-LIBERALEN ZEITUNG 9 ipf ums Leben nicht um Weltanfehauung / Von FABIUS SCHACH Der Rückweg Nach jeder erlebten Enttäuschung ertönt uns von innen oder außen der Ruf: Zurück! Aber der Rückweg ist häufig der Weg des Schmerzes, der Lebenstragik. Vorwärts schreitet die Freude, rückwärts die Verzweiflung. Der Rückweg ist fast immer die Rückkehr aus unerfüllten Hoffnungen, aus unverwirklichten Träumen. Und wohin zurück? Ins Alte? Finden wir es jemals so, wie wir es verlassen haben? E9 gibt nichts Traurigeres, als wenn eine Frau aus unverstandener Ehe ins Elternhaus zurückkehrt. Unser Schicksal gleicht beinahe diesem. Noch tragischer im klassischen Sinne ist es, wenn man gerade dann umkehren muß, wenn man sich dem Ziele ganz nahe fühlt. Wo nicht Naturgesetze, sondern unbeachtete Umstände den Weg ins Reich der Hoffnung versperren, da nennen wir es Schicksal —ein Wort, das das Unglück nur verhüllt. Seit zwei Jahren sprechen wir vom Zurückkehren, und: begreifen'mcht, -(l4ß — innerlich und fiußejrjich. gesehen —- dieses das schwierigste Problem ist, und daß unsere Zeit weder den Beruf, noch die Möglichkeit hat, große Lösungen zu schaffen. Wie war unser Weg? Und wohin wollen wir zurückkehren? Das sind die Fragen, die wir klar ins Auge fassen müssen. Der alte Weg Die Judenheit Deutschlands ging seit der Emanzipation, ja seit der Sehnsucht nach Recht und Freiheit den Weg der, Anpassung — ich gebrauche nicht gern das verbrauchte und unklare Wort Assimilation. Sie mußte ihn gehen, weil es der Weg des Lebens ist. Wenn ein an Zahl geringes Volkselement dauernd unter einer Umwelt mit großer Kultur lebt, muß es sich innerlich und äußerlich anpassen, und vom Grade dieser Anpassung hängt häufig sein Schicksal ab. In der alexandrinischen, arabischen, spanischen und napoleonischen Epoche war es nicht' viel anders als in Deutschland. Ja, die alexandrinischen Juden unter dem Philosophen Philo waren sicherlich assimilierter als jemals die Juden in Deutschland, Die Befreiung aus der Rechtlosigkeit, der Austritt aus dem Ghetto bedeutete, den Eintritt in die große Welt als gleichstrebende, , gleichtätige Mensphen. Das war ohne kulturelle und zivilisatorische Anpassung nicht denkbar. Gewiß Unterhofen da, wie bei jeder Wandlung, große Fehler. Aber die Linie war richtig: vom Engen ins Weite, vom Erstarrten ins pulsierende Leben. Ndr sah man das Leben der Stunde und nicht der Zukunft, die äußeren Vorteile und nicht die inneren Realitäten. In der Epoche Mendelssohns sehen wir Blüten ohne Früchte, eine mit. gar zu schweren Opfern erkaufte „Aufklärung", die vielfach entartete. Man schaute zuviel um sich, um in sich schauen zu können. Außen- und Innenleben standen:,- wie oft in der jüdischen Geschichte, im Gegensatz zueinander. Selbst auf religiösethischem Gebiet war eine Erstarrung eingetreten, man zehrte vom Alten, ohne es zu bereichern. Dieser Zustand war früher noch allenfalls erträglich, als man an eine baldige „Erlösung" glaubte. Sohald man sich aber äußerlich dauernd in der deutschen Umwelt einrichtete, mußte auch innerlich vieles sich ändern; Eine Anpassung mußte also kommen, nur brauchte sie nicht mit der'Sehnsucht nach völligem Aufgehen verbunden zu sein. Mit der Gleichberechtigung brauchte keine Gleichmacherei einzutreten. Es fehlte schon damals : nicht an Männern, die tiefer schauten und ihre warnende Stimme erhoben. Solange Taufen und Mischehen sporadische Erscheinungen waren, waren die Irrtümer bedauerlich,; aber ohne ernste Gefahr. In der Tat gab es bald auch für das innerjüdische Schaffen mehr Möglichkeiten. Es genügt,. darauf hinzuweisen, daß die Zeit der Emanzipationskämpfe zugleich die Zeit des Aufblühens der jüdischen Wissenschaft in Deutschland war. Wir können heute vergangene Fehler kritisieren, müssen aber bedenken, daß auch geistige Bewegungen an Zeit und Umstände gebunden sind, und daß das Gesunde wie das Verfehlte mit zum Charakter jeder Zeit gehört. Noch haben wir bis heute in der Geschichte keinen Fortschritt und keine Lebensmöglichkeit für eine Minorität gesehen, wenn sie sich nicht in den großen Rahmen runeinfügt. Natürlich braucht sie ihre Eigenart nicht ganz aufzugeben, aber auch den geistigen Moden einer Zeit vermögen wir uns nicht ganz zu entziehen. Wo der Rationalismus die Welt beherrschte, konnten die Juden nicht irrationalistisch sein, wo das Europäische zum Schlagwort wurde, konnten die Juden nicht Orientalen bleiben. Was erreichte die Emanzipation? Einen nie geahnten geistigen Aufschwung unter den Juden. Voller Begeisterung'stürzten sich -diedeutschen Juden' in' das neue, farbenreiche Leben, sie beteiligten sich auf allen Gebieten und leisteten in Kunst, Wissenschaft, Politik und Wirtschaft Großes. Daß sie im Rausche häufig ihre kleinjüdische Welt ganz vergaßen, wer wird es nicht bedauern? Aber darum braucht man nicht zu verkennen, daß erst die Emanzipation die Kräfte freigemacht hat, daß sie die Pforte freudigen Schaffens bildete. Wir können uns gar nicht vorstellen, wie die Judenheit heute seelisch-geistig aussehen würde, wenn die Emanzipation nicht gekommen wäre. Es lag an der Konstruktion der Emanzipation, daß sie den Juden nicht wegen, sondern trotz seines Judentums achtete und dadurch zur Verblassung des Urelements verleitete. Hätte man den Juden zugleich mit der Emanzipation, genau wie den Katholiken und Protestanten, eine geschlossene Kirchenverfassung und damit auch eine Emanzipation des Judentums gegeben, dann wäre vieles vermieden worden, was nachher böse Früchte trug. Daß es den Juden in Preußen bis in die jüngste Zeit hinein an einer einheitlichen staatlichen Organisation fehlte, das minderte nicht nur das Ansehen des Judentums, sondern schwächte auch das Gefühl jüdischer Würde, Heß das Bewußtsein nicht aufkommen, daß man Jude in ReihundGliedist und nur so sich behaupten kann. Das waren verhängnisvolle Unterlassungssünden. Und doch, — würde man uns heute diese Emanzipation wieder anbieten, wir alle — die Zionisten nicht ausgenommen — würden sie gern annehmen. Nur würden wir das Recht und die Pflicht empfinden, aus der Geschichte zu lernen und manches Falsche zu korrigieren. Wo stehen wir? Sprechen wir es aus: wirJeben heute in der Luft, wir sind unterwegs, ohne zu wissen, wohin. Wir lebten fast ein Jahrhundert in einer Welt, die vielleicht nicht gar so war, wie die Illusion sie malte, aber wir waren doch darin mit Leib und Seele zu Hauser. Nun sind wir draußen und können uns noch nicht zurecht finden. Nicht daß unsere Rechte geschmälert worden sind, ist unser Unglück, sondern daß wir ins Ungewisse hineinleben. Wie wir unser äußeres Leben eingeschränkt haben, ohne inneren Schaden zu erleiden, so könnten wir auch — unsere Geschichte zeigt es — mit weniger Rechten, mit geringerer Freiheit leben. Aber das Wenige muß stabil sein, man muß mit sicheren Faktoren rechnen können. Das Schicksal gebietet, daß wir uns den neuen Verhältnissen anpassen, und wir haben den Willen und die Kraft dazu. Wie aber sollen wir den Charakter unserer Bestrebungen bestimmen, den Umfang unseres Wirkens begrenzen, wenn yiir, zur Entscheidung! unseres Schick* sals nichts tun können?; Wir sind ausgeschaltet aus Der Fall Prinz Nachprüfung eingeleitet — Der Allgemeine Rabbinerverband vermittelt Der Fall Prinz, hervorgerufen durch eine Ansprache des Rabbiners Dr. Prinz um 17. Mai im Friedcnatempcl, der in der jüdischen Öffentlichkeit großes Aufsehen hervorgerufen hat, dürfte ulier Voraussicht nach jetzt eine alle Teile befriedigende Lösung finden. Nachdem vom Vorsitzenden des Vorstands der Berliner Jüdischen Gemeinde in der vergangenen Woche eine Erklärung veröffentlicht worden war, in der eine Nachprüfung des Sachverhalts in Aussicht gestellt wurde, wird jetzt vom Vorstizendeu der Berliner Jüdischen Gemeinde folgendes mitgeteilt: . „V on seiner Reise zurückgekehrt, hat der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin die in Aussicht gestellte Nachprüfung der Sistierung des Herrn Rabbiner Dr. Prinz erteilten Predigtauf träges eingeleitet. Ein Angebot des Allgemeinen Rabbinerverbandes Deutschlands zur Vermittlung ist dankend angenommen worden, damit diese berufene Stelle an der Prüfung und Erledigung der Angelegenheit mitwirken kann." Rabbiner Dr. Prinz Kfilt sich, wie wir hören, gegenwartig in Zürich auf. Leo Baedk Ehrendoktor des Hcbrcw Union College in Cinncinati Cinncinati. Anläßlich der diesjährigen Promotionen ora Hcbrcw Union College wurde dem Rabbiner Jon ah B. Wise von der Central Synagoge in New York, der die Bacculaurcats- Ansprachc hielt, sowie in absentiu dem Präsidenten der Rcichsvertretung der deutschen Juden, Rabbiner Dr. Leo Bacck, und dem ungarischen Oberhausmitglicd Immanuel Loew das Ehrendoktorat des hebräischen Hechts verliehen. Der Vater von Rabbi Jonah B. Wibc, Rabbi Isaac M. Wise, war der Gründer des Hebrcw Union College im Jahre 1873 und bis zu seinem 1900 erfolgten Tode sein Präsident. Das Staatsbürgerrecht Rcicluministcr Dr. Frick über die Durchführung des Programms der NSDAP. Wie dos „Deutsche Nachrichtenbüro" meldet, empfing der Reichs- und Preußische Minister Dr. Frick den kanadischen Schriftsteller Erlond Echlin zu einer längeren Unterredung, in der der Minister zu einer Reihe politischer Fragen Stellung nahm. Auf die Frage, in welchem Umfange das Reich die Absicht habe, die im Parteiprogramm der NSDAP, festgesetzten Grundsatz« durchzuführen, antwortete Reichsministcr Dr. Frick, er könne sich einen Parteigenossen nicht vorstellen, der die Auffassung habe, daß dos Programm der NSDAP, nicht restlos durchgeführt werden sollte. Es hängt von den Zeitumständen und von den taktischen. Möglichkeiten ob, wann dor eine oder andere Punkt des Parteiprogramms durchgeführt wird. Zum Schluß der Aussprache fragte Mr. Echlin, ob der Minister es für möglich halte, daß das neue deutsche Staatsbürgerrecht schon in der nächsten Zeit Gesetz werde. Rcicisministcr Frick antwortete, daß die Arbeiten zu diesem Gesetzeswerk im Gange seien. Es handele sich um umfangreiche Vorarbeiten, die durch die neu zu schaffenden Sippenämter (geleistet werden müssen, und die deshalb nötig seien, weil es von ihren Feststellungen abhängig sein werde, wer deutscher Staatsbürger ist und wer es nicht, sein kann. dem Staatsleben. Wir. Bind ausgeschlossen aus dem politischen Leben; Aber — darin sind alle Parteien sich einig — wir sind doch Menschen deutscher Kultur, und wenn sie uns verschlossen bleibt, dann ist unser ganzes Innenleben; in'Frage gestellt. Wilhelm Stapel sagt,-wir könnten uns ja als Fremde an den deutschen Kulturgütern bereichern. Aber die Kulturgüter wollen ja nicht nur aufgenommen, sondern mit dem eigenen Wesen verschmolzen sein, sie wollen nicht passiv bleiben, sondern lebendig Bich auswirken. Haben wir die Möglichkeit dazu? Noch.nie hßt sich ein großzügiges Kulturwerk, .ein. gesundes Schulwesen für: die. Dauer aus; privaten Mitteln. allein, halten können.. . Unsere