Jüdische allgemeine Zeitung
- Journal
- Jüdische allgemeine Zeitung
- Volume
- 15 (1935)
- Issue
- 23 (5.6.1935)
- Date
- 1935-06-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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/ 6 BERLIN S. Juni 1935 BtokiMtje^ PREIS 25 PF. r. 23 / 15. Jahrgang JUDISCHE AUiGEMEIME Schriftloiluner und Geschäftastello: Borlin-Oharlotteoburg 2, Bloibtrouatr. 2- Fernruf: C1 Stelnpl. 3703. Bankkonto: Kreditverein f. Handel u. Qeweibe eQmbH, Berlin N ,24. — Bezugspreis: RM. 1,— monatlich (tuzügl. RM. 0,10 Zeitongsgobühr und Boatellgold), bei Streifband Versand inzügl. RM. 0,80. Vorlag: VerlagBgenosBenBohaft in Deutaohland ansELsaigor Juden tu Berlin cGmbH., Bln.-Cbarlotionburg 2, Bloibtrouatr. 2. Anzaigonpr.: Dio 12gosp. ram-Zeilo RM. 0,16, f. Familienanioigon RM. 0;10, f. Stellongoauoho RM. 0tO8. Boi unverschuldeter Niohtbolleferung besteht kein Anspruch auf Vergütung. NEUE FOLGE DER J ü ISCH-LIBERALEN ZEITUN Herde oder Gemeinfchaft? Sinn des Sinai-ErlebniiTes Von allen Festen, um deren Sinn und Gestaltung der jüdische Mensch sich heutigentags neu bemüht, scheint ihm keines so unnahbar und schroff verschlossen wie das Fest der Offenbarung. Allein das Monumentale des Namens schüchtert ein und erschwert dem einfachen Menschen, der in den nüchternen Kategorien des Alltags zu denken gewöhnt ist, die unbefangene Annäherung. Zu wunderbar ist das Geschehen, das dem Fest zugrundeliegt, zu stark scheint die historische Reminiszenz dem sakralen Rahmen eingeschmolzen, um noch als Stück einer Wirklichkeit, geschweige denn der unseren, empfunden zu werden. Chanukka, Purim, Pessach, Feste der Not und der Schicksalswende, — hier schafft das eigene Erlebnis des Juden den sentimentalen Zugang. Die Erkenntnis dieser Tage ist die erschütternde schicksalsmäßige Verwandtschaft aller jüdischen Generationen. Nur beim Schowuausfest scheint die historische Parallele urplötzlich abzubrechen. Darum eben geht es uns. Um das Fehlen jener Vergleichsmöglichkeit. In der Tat, der Sinai hat nicht seinesgleichen, und die Tora kennt keine zweite neben sich. „Und «s geschah am dritten Tage, als es Morgen ward, da waren Donner und Blitze und schwere Wolken auf dem Berge und sehr starker Posaunenschall; da erbebte das ganze Volk, das im Lager war . . . Und der Berg Sinai rauchte überall, weil der Ewige auf ihn herabgekommen war in Feuer, und sein Rauch stieg auf, wie der Rauch des Brennofens, und der ganze Berg bebte sehr." An diese Zeichen reicht keine Wirklichkeit heran. Hier kann nur noch der Gläubige verstehen, der Realist unserer Tage wird schweigen. Und doch — wer hier schweigt, wer sich hier nicht nur dem Wunder, sondern der ganzen im Wunder Vollzogenen Offenbarung und der offenbaren Lehre selbst verschließt, der steht eigentlich noch immer, wie das Volk seinerzeit „unten am Berg", vor dem Sinai, außerhalb der Bundschaft, die Israel Gott zu eigen machte „aus allen Völkern". So aber steht es mit dem Juden Deutschlands am Tage des Schowuausfestes 5695. Das objektive Schicksal des Juden, tausendfach dargestellt in seiner Geschichte, tausendfach gestaltet durch die Politik der umgebenden Mächte, tausendfach erfahren und erlitten am eigenen Leibe, ist ihm nichts Fremdes, mehr, aber die subjektive Gestaltung, das Indiehandnehmen seines Geschicks, die Inpflichtnahme der eigenen Person, all daSj was den Menschen zur Erkenntnis seines Wertes, die Gemeinschaft zum. Beweis ihres Rechts und den Juden zur Erfüllung seiner Pflicht" bestimmt, all das bleibt ihm vielfach noch so verborgen wie dem Volke am Sinai die Herrlichkeit Gottes in der Dichtheit des Gewölks, In den Tagen seiner Prüfung hat das deutsche Judentum' eine erstaunliche Kraft bezeugt. Mit dem geschärften Blick eines umsichtigen Kalkulators hat es die Ökonomie des täglichen Bedarfs auf die enge -Spanne des nunmehr beschränkten Raums abgestellt. Vieles, was von Tatkraft und Umkehr zeugt, ist geleistet worden, "tmd unter der Etikette Hilfe und Aufbau möchte leidlich scheinen. Aber man hat den wirtschaftlichen! Erfolg bereits als soziale Leistung gewürdigt und darüber hinaus sogar als Hagen wir vorsichtig — kulturelle Tat gewertet. Das Wort von der „jüdischen Gemeinschaft ist so beliebt wie die „Rückkehr zum Judentum" im Schwange ist. In beiden Fällen.'aber wird eine inhaltlich recht umstrittene Forderung bereits zur fertigen Tatsache gestempelt. Wir haben uns im Interesse der Gemeinschaft und des Judentums, der echten Gemeinschaft und des echte n Judentums nämlich, wederholt gegen dieses Antizipationsverfahreri: gewehrt. Das deutsche Judentum in seiner Totalität hat uribestrittenermaßen historische Vqrglcichsmöglichkciten, aber sie sind politisch-sozialer \Vcgcn der Feiertage gelangt unsere nüclistc Ausgabe erst Mittwoch abends zur Auslieferung. und nicht durchweg moralischer, geschweige denn relifiöser Natur. Es teilt das Schicksal aller soziologisch, ulturell oder national erfaßbarer Minoritäten, die kraft geographischer, sozialer oder sonst politischer Lage dem Willen oder Wohlwollen einer anders gestimmten Majorität überantwortet sind. Als solche ist es zunächst eine Zwangsgemeinschaft, die ihre Existenz einer Wirkung von außen her verdankt. Wir verwahren uns aber dagegen, einem solchen Gebilde, das von außen betrachtet negativen Einflüssen sein Leben verdankt, das von innen betrachtet nach dem tIllllllllllMIITII11]lllllllllllllllllllIltll|l|||||||lllltllllllllllllIllllItllll)1llllttllltltlllttllllllllllllllll]ttllltlllItlMIIII,lillllMIIIII1111lllll RUTH Von BEN-CHORIN Iu dio Gebetordaunff des Schowuausfcstcs wurde das Idyll des Buches Ruth eingefügt, das Ooothc in seinem WostösMichen Divan „das lieblichste kleine Ganze" nennt, „das episch und Idyllisch überliefert worden"'. Die nachstehenden Verse entstammon dem Gedichtband „Dio Lieder des ewrjflD Brunnons" von Fritz Rosenthal (Ren-Chorin), der im Vorlag R. Löwit, Wien-Leipzig, erschienen ist. Sie stand inmitten des Gesindes Wie eine Blume, die im Acker steht, Und ihre Augen waren eines Kindes Augen, das noch im Land der Murchen geht. So fand er sie an seines Feldes Raine Schon in des Abends tiefer Heimlichkeit. Stumm legte er zu ihrer auch noch seine Korhlcsc in ihr weites Kleid. Und er entließ sie mit der Liebe Segen — Sie, die ein Sturm in seine Stadt verweht — Da mußte er die Hände auf bic legen Und ihre Worte wurden zum Gebet. Der junge Tag besiegelte den Bund, Und Könige entwuchsen seinem Grund. II........Hill.......CK 111M..............1J J11MIJ11 Iii 1111E1111J11J..............E b..........U.........11111 [I [...............11 ] 111.............III....... Ablauf zweier unerhört schwerer Jahre seine politische Kraft in Parteienzwist um Positionen betätigt und verzettelt, das in so geschwächter wirtschaftlicher Lage noch immer kein erträgliches und gesundes Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer zu finden gewußt hat, das in erschreckendem Maße zu einem Teil den individuellen Nutzen vor den der Gesamtheit stellt, die Bezeichnung der Gemeinschaft und das Prädikat jüdisch zuzuerkennen. Wir haben vor zwei Jahren die so über Nacht entstandene „Gemeinschaft" als eine bloß passive bezeichnet, als eine Gemeinschaft von Gleichbelasteten, aber nicht von Gleichgearteten oder gar Gleichgestimmten. Es hätte sich in diesen zwei Jahren, in denen sich außen a n uns und u m uns so viel geändert hat, auch manches i n uns ändern können. Es hat sich fast nichts geändert, wenn man davon absehen will, daß die loyale und offene Gegnerschaft im jüdisch-politischen Kampf ihr praktisches Arbeitsfeld um ungeahnte Möglichkeiten erweitert hat. Oder wie anders soll man die Tatsache verstehen, daß jüdische Einzelhandelsbetriebe offen und zugegebenermaßen von Juden um deswillen bei der Vergebung von Aufträgen in verletzender Form zurückgesetzt werden, weil die Besitzer die Stirn haben, anderer Gesinnung zu sein als die Kundschaft. — Rückkehr ins Judentum? Armes Judentum! Fast scheint es ein Wunder, daß trotz alledem sich das Judentum in Deutschland bis heute behauptet hat und so behauptet hat. Wir wissen, es ist nicht das Verdienst derer, die sich so an unserer Gemeinschaft versündigt haben, sondern die stille Arbeit aller, die sich an verantwortlicher Stelle oder im eigenen Kreise bescheiden um unsere Zukunft bemühen. Aber auch diese bekaunten und unbekannten Soldaten werden scheitern müssen, wenn Unverstand und böser Wille auch weiterhin im eigenen Kreise hausieren gehen können wie bisher. Wenn viele wüßten, wie sehr das Schicksal einer Gemeinschaft nicht nur von den äußeren, sondern von inneren Kräften abhängt, wenige würden die eigene Stoßkraft durch inneren Widerstand lähmen. Nötiger als je ist heute in einer Stunde, in der man nicht weiß, wieviel geeignete noch nachfolgen werden, an eine Bereinigung im eigenen Räume zu denken. Die Kraft einer Gemeinschaft bemüht sich auf Die Legende von der Rabbinerverfammliing auf dem Präger Judenfriedhof Prag. Die im Roman „B i a r r i t z" des Antisemiten Gocdsche beschriebene mitternächtliche Versammlung auf dem alten Prager Judenfriodhof ist bekanntlich ein Bestandteil der gerichtlich als FiiUrliung gekennzeichneten „Protokolle der Weisen von Zion" geworden. Der von dem Antisemiten Leonhard redigierte „Volksbund" in UusüI hat Gocdschcs Schaucrmür vor einigen Monaten aufgegriffen. Es war dort zu lesen von der Rede eines Rabbiners Rcichborn am Grabe des Großrabbiners Simeon ben Jchuda aus dem Jahre 1869. Auf eine Anfrage der Jüdischen Gemeinde in Vcvcy-Montrcux hat nun die Jüdische Gemeinde in Prag folgendes Schreiben gesandt: „P. T. Abraham Lckus, Ministrc officiunt de la Communaute Isruclitc de Vcvcy-Montrcux, La Tour-dc-Pcilz. Iu Beantwortung Ihrer Zuschrift vom 28. November 1934 teilen wir höflich folgendes, mit: Die im Archiv unserer Gemeinde und die bei der jüdischen Bccrdigungsbrüdcrschaft in Prag eingeleiteten Nachforschungen haben ergeben, daß im Jahre 1869 kein Rabbiner Simeon ben Jchuda in Prag gestorben oder beigesetzt wurde, so daß auch keine Grabrede auf dem jüdischen Friedhofe gehalten werden konnte. Weiter wurde festgestellt, daß weder im Jahre 1869, noch überhaupt im ganzen neunzehnten Jahrhundert ein Rabbiner namens Reichborn in Prag gewirkt hat, und nicht einmal dem Namen nach in Prag bekannt ist. Ebenso wurde festgestellt, daß weder in dem Archiv noch in der Bibliothek der jüdischen Gemeinde eine Grabrode eines Rabbiners Rcichborn oder eines Rabbiners Simeon ben Jehudn enthalten iät und daß über eino solche Grabrede absolut nichts bekannt ist. Infolgedessen halten wir uns für berechtigt, zu erklaren, daß Mitteilungen über eine soldie Grabrede und ihren vermeintlichen Iiüialt botreffend, erfunden sind. Jüdische Kultusgemeinde-Reprflsentanz Prag: Der Präsident gez. Reiner." Die jüdische Siedlung in Groß-Gaglow Dio im Jahre 1931 ins Leben gerufene jüdische Siedlung in Groß- Gaglow bei Kotlbus, die, jetzf auf Anordnung der Behörden geräumt werden mußte. .