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Jüdische allgemeine Zeitung · 1935-05-22 · 21 (22.5.1935) · page 1

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Journal
Jüdische allgemeine Zeitung
Volume
15 (1935)
Issue
21 (22.5.1935)
Date
1935-05-22
Page
– (sequence 1)
Language
German
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BERLIN 22. Mal 1635 PREIS SB PF. Nr. 21 / 16. Jatorgang JUDISCHE ALLGEMEINE 8ohrifUeilung und Geschäftsstelle: B«rlin-Oharlottonburg 1; Bloibtrouatr. 2. Fernruf: Cl Stelnpl. 3703. Bankkonto: Kreditverein f. Handel u. Oewerbe.eQmbH, Berlin N'&i. — Bezugspreis: KM. 1,— monatlich (iniügL EM. Oao Zoltnngogobühr und Beatallgeld), bei StraifbandTeraand xucfigL EM. 0.30. & "Z2 h -Z, Verlos: Verlagsgenossensoh&ft in Deutaohland ansässig»* Juden m Berlin oGmbH., Bln.-Chorlottantmrg: 2, Bloibtrenstr. 2. Anzeiaenir.: Die 12goin. mm-Zeile BM. 046, f. ffamilienanieigen EM. 0;10, f. Stellenseauehe EM. 0i08. Bei rmTeracbuldeter Nlohtbelieferang beateht kein Anspruch auf Vergütung. NEUE FOL G E DER JOD IS C H - L I R A L E N ZEITUNG der Geiftcr Von HELMUT CALLEVER Wenn dem Gedenken Abraham Geigers zu seinem 125 Geburtstage am' 24. Mai mehr Anlaß als das Kalendarische zugrunde liegen soll, dann dürfte die Frage nach dem Standort des religiös-liberalen Judentums in Deutschland, wie er sich aus der geschichtlichen Entwicklung ergibt, die einzig sinngemäße Erörterung darstellen. Als ein Moment seines Jahrhunderts hat er sich selbst empfunden, und als „Bausteinchen" nach seinem Tode in der Weltgeschichte verwendet zu werden, würde ihn, wie es in einem Brief an den einstigen Bonner Studienfreund und späteren Prof. an der Ecole pratique des Hautes Etudes (Paris), Joseph Dernburg, heißt, zufrieden stellen. Die Geschichte hat ihn um diesen Anspruch auf Wirksamkeit in ihr nicht betrogen; er ist das Fundament des liberalen Judentums geworden. Die Jahre 1810 bis 1874 umschließen nicht nur den Lebensweg Abraham Geigers; sie bedeuten zugleich den steilen Anstieg der Wissenschaft-des Judentums, dessen Ansehen und vielfältige Anstrahlungen nicht zum geringsten Teil ihm zu verdanken sind. Am auffälligsten erscheint uns,- beteachtet _man_ Opus und Vita miteinander im Zusammenhang, die so ungeheuer systematische.Durchfuhrung, dies Nach und Nach der Reform des Judentums. Durch1 seine eignen' Jugenderinnerungen und durch die von seinem Sohn Ludwig besorgte Biographie wie der Nachgelassenen Schriften können wir . sein Denken und Handeln von seinem 2. bis zu seinem 64.. Lebensjahre miteinander vergleichen. Mag denn beim Künstler das Werk in Absehung der Person beurteilt werden, für den jüdischen Theologen ist der Ausweis innerer Wahr heit und in der Ubereinstimmung von Denken und Handeln zu suchen. Die Gleichstellung der Juden, so hatte Zunz erklärt, wird aus der Anerkennung der Wissenschaft des Judentums erfolgen. In der von ihm herausgegebenen- Zeitschrift sagte Immanuel Wolf 1822, daß das Verhältnis der Fremdheit in dem Juden und Judentum siph zur .Außenwelt befänden, verschwinden würde, wenn die Juden sich auf den Standpunkt der Wissenschaft erheben werden; denn dies sei der Standpunkt des ^europäischen Lebens. Von diesem unbändigen Vertrauen aufdie Wissenschaft ist auch Geiger beseelt. Schon als 25jähriger gründete er die „Wissenschaftliche Zeitschrift für jüdische Theologie". Wir bedürfen der Männer, heißt es hier,'die nachweisen können, daß das Judentum sich allmählich zu dem entwickelt hat, 'wasr es ist; die sich' nicht scheuen, dem befangenen Glauben entgegenzutreten, daß vieles nicht Überlieferung, nicht durch richtige Auslegung des Schriftwortes, sondern durch die, Zeit Entstandenes sei und deshalb auch die Zeit wieder "aufzuheben vermöge. ' Diesen Nachweis hat er tatsächlich später erbracht. ■■ < Er hat das im Talmud selbst waltende Reformprinzip aufgewiesen* und damit den legitimen WegLdes liberalen Judentums' geschaffen. Allein die Spannungen der Zeit waren zu gewaltig. Einen außerordentlich guteq Einblick in den Widerspruch des Lebens zur Religion, diesem völlig Konträren des Religionsunterrichtes'für die Kinder zu dem» Tun der Eltern hat Sigismund Stern in seinen Vorlesungen über die Religion des Judentums (1845). vermittelt Wenn diesen Zuständen kein Ende gemacht; wird, so rief Geiger genau 10 Jahre früher aus, so wird Israel sich in einigen Jahrzehnten „in völliger Auflösung'' befinden, Die Zeit schien reif und überreif zur. öffentlichen; Austragung der Gegensätze und zur Klärung der Meinungen. Als ein solches Zeichen der Zeit Bind' die von .Graetz: und Dubnövy geschmähten Rabbinerversammlungen (1844/45/46)' zu betrachten. Die Vehemenz, mit der Geiger sich für ihr Zustandekommen einsetzt, ist ebenso anerkennenswert, wie die von ihm betriebene Verhinderung, der 4. Versammlungi ^Er hatte; die Stimmung des Volkes ' /Abraham Geiger , Nach einem Gemälde von Lesser Ury ,' ' Aufn.:. Sonnenfeld und die Klarheit oder besser Unklarheit! seiner Kollegenkehripn gelernt, .und'.er erkannte, .nachdem über die notwendigsten., Reformen. des Gottesdienstes eine Einigung erzielt. worden war, daß die Zeit selbst 'zu einer-. Scheidung der Geister beitragen werde. Für ihn beginnt jetzt seine fruchtbarste literarische Periode. Die Wissenschaft 'dürfe der Praxis voraneilen, so meinte er, aber heide dürfen nicht auseinanderfallen. Hatte die. erste Zeitschrift (1835—1847) hauptsächlich zur theoretischen Grundlegung beigetragen, so drückt die von 1862 bis zu seinem Tode erschienene zweite Zeitschrift schon rein äußerlich diesen Zusammenhang aus: „. . . für Wissenschaft und Leben." Er beherrschte den gesamten Stoff des Judentums, den sprachlichen wie den geschichtlichen, d[en kultur- und literarhistorischen, den praktischen" wie . den philosophischen Teil. Aber er sieht das alles im Zusammenhang mit dem Ganzen, mit der jüdischen wie mit der allgemeinen Geschichtet Wissenschaft und Praxis. Welche bitteren Worte sagt er dem von ihm so verehrten Zunz über dessen Buch „Zur Geschichte und Literatur", welches bei aller Achtung vor der Gelehrsamkeit seines Verfassers der Frische, entbehre, dessen Ve/serikuhg in die Masse des .Stoffes ihm, nicht den höheren und freieren Geist ersetzen könne. Kurz, hier, spricht die Verärgerung, .in ihtn nicht einen'Streitgenossen, sondern einen verknautschten, mißmutigen und yerärgeyten Archivar zu finden,'der die Hebung der Literaturschatze nicht zur Förderung der Gegenwart,, sondern zum Schlupfloch vor den „frischen Strömungen der Gegenwart" benutzen wolle. ■ ' An dem endgültigen Sieg des ■ Liberalismus über die Orthodoxie hat Geiger, trotz endloser. Schwierigkeiten.'nicht-gezweifelt. Er, hat seine Gelehrsamkeit, die ihm sogar „Der. Israelit" im Nekrolog bescheinigt, und .seine Wirksamkeit für!, die Zukunft nicht überschätzt:. Er war kein. Systematiker "im Sinne eines Hermann Cohen, der einmal auf die Frage, ob man Ideen lieben könne, antwortet: ob man denn überhaupt etwas anderes lieben kann, da man 'doch selbst bei der Vi-I ■■'..< ■'.."!; r(Fortaetzung auf .Seile 2) Wahlsieg der Religiös- Liberalen in Spandau Unter der Devise: „Sachliche Arbeil, keine Partei-Interessen" Bei den Repräsentantenwahlcn dar Jadischen Gemeinde Spandau, die am 12. Mai stattfanden, haben die De Ii giö s - Lib e r a 1 e n einen überwältigenden Sieg davongetragen. Von 177 stimmfähigen Gemeindemitgliedcrn haben 149 ihr Wahlrecht ausgeübt. Es waren vier Repräsentanten und drei stellvertretende Repräsentanten zu wühlen. Während auf die Kandidaten der Ziorüetcn 56, 56, 55, 54 Stimmen entfielen, erhielten die Kandidaten der Liberalen 95, 93, 92, 92 Stimmen. Entsprechend war das Ergebnis für die stellvertretenden Repräsentanten. Die zionistischen Kandidaten erhielten 55, 53, 53 Stimmen, die Liberalen dagegen 96,93, 93. Dieses Ergebnis ist um bo bemerkenswerter, ah bei der oreten Wahl, am 31. März, die von der Behörde für ungültig erklärt würde, die Religiös-Liberalen ungleich schlechter abgeschnitten hatten. Der Wahlkampf war von Seiten der Liberalen unter der Devise „Sachliche Arbeit, keine Partei-IntereBsen I" geführt worden, um den Frieden im Interesse des gesamten Judentums zu erhalten. Aus einem Wahlaufruf seien die nachstehenden Sätze wiedergegeben, da sie auch im Hinblick auf die Vorgänge in Berlin von Bedeutung sind. „Man braucht nicht Zionist zu sein", heißt es da, „um für den Aufbau Palästinas einzutreten. Haben nicht Bchon immer große Teile der deutschen mchtzionistisch.cn Juden für den Aufbau Palästinas gewirkt und "groß'/'Sinnnien dafür hergegeben! Auch die Spandauer Gemeinde hat stets im Rahmen ihrer Geldmittel in vollem Umfang ihre Pflicht getan gegenüber Palästina und allen jüdischen Belangen. Wir rufen hiermit alle Mitglieder der Spandauer Gemeinde auf, nur die Männer zu wählen, dio wir ihnen empfehlen, die nicht gebunden sind an Partei-Programme und die sich dafür einsetzen werden, daß nuch fernerhin Friede, Eintracht und Rücksichtnahme auf alle religiösen Einstellungen innerhalb der Gemeinde herrschen werden." Die Schulpflicht jüdifcher Kinder Staatliche Neuregelung bevorstehend? In der Zeitschrift des Nationalsozialistischen Lehrerbundes wird eine Anfrage zum Anlaß genommen, sich mit der Schulpflicht der jüdischen Kinder in Preußen auf Grund der jetzt geltenden Bestimmungen auseinanderzusetzen. Es heißt dort, daß die Grundlage der Schulpflicht für jüdische Kinder auch heuto noch der § 1 des Schulpflichtgesetzes vom Dezember 1927 ist. Dieser lautet in der jetzt geltenden Fassung: „Die Schulpflicht in Preußen besteht für alle Staatsangehörigen sowie für diejenigen anderen reichsangehörigen Kinder, die sich dauernd in Preußen aufhalten. Sie ist durch den Besuch einer deutschen Volksschule zu erfüllen." Dio Kinder jüdischer Staatsangehöriger, so schreibt das Blafl weiter, sind also gezwungen, in Ermangelung einer eigenen eine deutsche. Volksschule zu besuchen. Welche Schule für diesen Besuch in Frage kommt, >Bt in dem L40 des Volksschulunterrichfsgesetzes. von 1906 geregelt Diese ider müssen die öffentlichen Volksschulen dann besuchen, wenn besondere jüdische Schulen nicht vorhanden, sind. Die gesetzlichen Bestimmungen darüber sind noch formal in Geltung. Es ist anzunehmen, daß sowohl wegen des jüdischen Volksschulwesens wie auch wegon der Erteilung von jüdischen Religionsunterricht von Reiohswegen eine grundsätzliche Neuregelung .erfolgt. Wegen der Teilnahme am nationalpolitiachen Unterricht verweist das Blatt auf den Erlaß vom 21. 8. 1934 und die vorhergehenden .Erlasse, aus denen hervorgeht, daß jüdische Kinder vom Staatsjugendtag auf Wunsch zu befreien ainef. Unsere neue Adresse; Berlin-Charlottenburg 2 Bleibtreustraße 2 C l Steinplatz 3703 JÜDISCHE AUGEMEINE zetruMC Verlag und SthrltUeltuog r'

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