Jüdische allgemeine Zeitung
- Journal
- Jüdische allgemeine Zeitung
- Volume
- 15 (1935)
- Issue
- 20 (15.5.1935)
- Date
- 1935-05-15
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/4109741-2613367-2613386--327-2615155- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Zwei jiidifebe Frauen Paula Ollendorf 75 Jahre Der klugen und gütigen Frau, die heute ihr 75. LcbcnBjahr vollendet, werden in allen Lilndern, wo Juden wohnen, diesseits und jenseits des großen Wassere, freudige und freundschaftliche Wünsche entgegengebracht werden. Denn es gibt kaum ein Gebiet jüdischer Arbeit, in das sie nicht fördernd eingegriffen und gar viele, in denen sie bahnbrechend gewirkt hat. In den Spalten dieser Zeitung soll aber nicht der großen Sozialpolitikcnn, der fürsorglichen Betreuerin aller Hilfsbedürftigen, soll nicht der für die Stellung der jüdischen Frau vorbildlichen Kämpferin gedacht werden —-, w i r grüßen sie heute als einen der ältesten und treuesten Mitarbeiter auf dem Gebiet dcB religiösen Liberalismus. Nicht nur in ihrer Hcimatgemeinde Breslau hat sie in Wort und Tat die Grundsätze eines aufbauenden liberalen Judenrums stets vertreten, sondern sie gehört zu den nicht sehr zahlreichen Vertretern unserer Bewegung, die auch außerhalb Deutschlands als Trägerin eines hochstrcbcndcn, geistig und seelisch immer weiter bauenden religiösen Judentums anerkannt und hochgeschätzt werden. In den Vereinigten Staaten hat sie zu wiederholten Malen und an den verschiedensten Stellen in ihrer hinreißenden und begeisternden Art für die Sache des religiösen Liberalismus geworben. Auf den Zusammenkünften des Wcltverbandcs für religiöses Judentum war sie die viclbcwundcrtc über der Sache stellende Dolmetscherin, die zwischen den deutsch und englisch sprechenden Teilnehmern einen wunderbaren Kontakt herstellte. So vermitteln kann nur, wer sprachlich und seelisch sich beiden Gemeinschaften verbunden fühlt, wer die Persönlichkeiten der Redner aus ihren Worten zu erkennen vermag, und wer zugleich nicht nur in der Sache, sondern über der Sache steht, wie es Paula Ollcndorf beschieden ist. Es darf hierauf hingewiesen werden, daß sie nicht nur langjähriges Vorstandsmitglied der Vereinigung für das religiös-liberale Judentum in Deutschland, Vorstandsmitglied der liberalen Fraktion des Preußischen Landesverbandes, sondern auch seit der Begründung Vorstandsmitglied des Wcltverbandcs für religiös-liberales Judentum iBt. Sic not an den meisten Sitzungen des Vorstandes und an fast allen Vollversammlungen teilgenommen, immer durch das jugendliche Feuer und durch die gereifte Würde ihrer Persönlichkeit zugleich in vorderster Linie stehend. Menschlich ist diese Frau, die durch alle Höhen und Tiefen des Lebens gegangen ist, die getragen hat, was einer Frau und Mutter beschieden sein kann, pinc der anziehendsten und ergreifendsten Erscheinungen des deutschen Judentums gewesen und geblieben. Sie gehört nicht zu den älteren Menschen der heutigen Zeit, die mit allen Worten, die sie sprechen, sich jung machen wollen und um die Gunst der Jugend buhlen, und trotzdem ist mir kaum ein älterer Mensch begegnet, der so sehr die Zeit begriffen hat wie sie. Im Nomen ihrer vielen Freunde wünschen wir ihr, daß sie ihr heißes Herz und ihren klaren Kopf in eine Zeit hinüberretten möge, in welcher ihr das Glück eines wohlverdienten Ausruhens bc6chicdcn sei, nicht nur eines Ausruhens von äußerer Arbeit, sondern auch ein inneres seelisches Aufatmen. Mit ihren Kindern und .nahen Freunden werden tausende deutscher Juden in allen Teilen der Erde den Namen Paula (Düendorfs heute dankbar grüßen und segnen. Heinrich Stern. ■ Das Kölner Gemcindeblatt, das wegen Verächtlichmachung des nationalsozialistischen Empfindens verboten worden war, wird, wie uns aus Köln geschrieben wird, mit dem 1. Juni wieder erscheinen. Der verantwortliche Redakteur Fritz Neuländer wurde zu sechs Wochen Gefängnis verurteilt, die durch die Untersuchungshaft als verbüßt gelten. * ■ Im Zusammenhang mit der Umbenennung< einer Reihe von Straßen und Wegen in Berlin wurde die Ullsteinfltruß« zwischen Schöneberger und Gottlieb-Dunkel-Straßc im Bezirk Tempelhof in Zastrowstraße umbenannt. * ■ Wie die Ita aus München berichtet, wurde bei einer Ausschußsitzung, die anläßlich dcB 10jährigen Bestehens des Deutschen Museums von Meisterwerken der Naturwissenschaften und Technik in München stattfand, die Aufstellung von Denkmälern für Friedrich Wöhler und Adolf von Bayer beschlossen. Die Mutter des Nobelpreisträgers Adolf von Boyer war Jüdin. Sie entstammte der bekannten Familie Hitzig. * ■ Die Versteigerung des zweiten Teils der berühmten Sammlung Geheimrat Ottmar Strauß findet Ende dieses Monats bei Hugo Helbing in Frankfurt am Main statt. * ■ Die Berliner Kabaretts „Tingeltangel" und „K a - t a k o m h e" wurden auf Veranlassung des Reichsministers für Volksaufklärung und Propaganda durch die Geheime Staatspolizei geschlossen, weil, wie die Tagespresse mitteilt, das weitere Treiben dieser Unternehmungen im Interesse des Ansehens des nationalsozialistischen Staates nicht weiter geduldet werden konnte. Von zuständiger Seite wird dabei u. u. betont, daß der Nationalsozialismus es für gänzlich unerträglich hält, daß deutsche Angelegenheiten von Juden oder für Juden lächerlich gemacht werden. * ■ Wie die Jüdische Telegraphen-Agentur erfährt, wird der erste große Palästina-Tonfilm „Land der Verheißung" demnächst in seiner deutschen Fassung in Berlin uraufgeführt werden. + ■ Von dem Scheidungsgericht in Rcno (U.S.A.) hat Max R e i ah ardt die Bestätigung seiner bereits von einem Rigacr Gericht ausgesprochenen Scheidung von seiner Gattin Else Heims und die Genehmigung zur Verheiratung mit der Schauspielerin Helene Thiniig erholten. * ■ Die Große Strafkammer in Dortmund verurteilte den 65jährigen Sally Rosenthal, der sich als Vertreter einer Textilfirmo auf seinen Besuchskarten als F. Rose ausgab, um, der Anklage .zufolge, zu verheimlichen, daß er Nichtarier ist, zu einer Geldstrafe von 7 5 RM, mit der Begründung, Die 80jährige Pauline Münchhaiifen Von jeher hat der Jude besondere Ehrfurcht vor dem Alter gehegt. Unsere Altersheime spiegeln diese Ehrfurcht wider. Überall erkennt man das Bestreben, unseren Alten nach den Mühsalcn tätigen Lebens ein wirkliches Heim zu bieten, das sie ihr Alleinsein vergessen läßt. Gerade jetzt brauchen unsere betagten Menschen solche Zufluchtsstätten mehr denn je. Eine der schönsten ist das Israelitische Lehrerinnenheim in Bcrün- Lichtcrfcldc, ein ideales Tuskulum inmitten weit sich dehnender Gärten. Die Frau, die mit liebevollem Verständnis für die Bedürfnisse geistig-interessierter Menschen dieses wundervolle Haus im Grünen geschaffen hat, war Poulinc Münchhausen. Weil sie selbst als Privatlchrcrin tätig gewesen ist, kannte Bic alle Sorgen und Nöte der jüdischen Lehrerinnen, die bis auf wenige Ausnahmen keine ausreichende Versorgung für Alter und Krankheit zu erwarten hatten. In dor Zeitschrift „Die Lehrerin" gab sie im Jnbrc 1886 die erste Anregung zur Gründung cincB Heims für jodische Lehrerinnen, die auf fruchtbaren Boden fiel. Dennoch bedurfte es 13 Jahre unausgesetzter werbender Arbeit seitens Paulinc Münchhausens, um für ihr Werk helfende Gönner zu finden, bis im Jahre 1899 der Verein „Israelitisches Lchrcrinncnheim" sich konstituieren konnte. Man fing mit einem bescheidenen Heim in einer Steglitzer Mietwohnung an. Durch die großherzige Spende des Philanthropen Max Wygodzinsky und seiner Gattin Fanny wurde es bald möglich, ein eigenes stattliches Haus zu errichten, eben jenes Israelitische Lchrcrinncnhcim in Liehtcrfeldc, in dem ständig 26 Lehrerinnen — die aus allen Teilen Deutschlands kommen — wohnen und verpflegt werden, während ein Zimmer für eine erholungsbedürftige. Dame zur Verfügung steht. Die Gründerin, Paulinc Münchhausen — ihre Heimotstadt ist Münster i. Wcstf. — begeht am 25. Mai ihren 80. Geburtstag. Seit 50 Jahren steht ihr Leben ganz im Dienste ihrer BcrufsschwcBtcm. In ihrer schlichten, einfachen Art verstand Bic es, dem Heim immer neue Freunde zu gewinnen. Noch heute setzt sie sich für ihr Werk mit großem Elan ein. Im' Vorstand, dem gegenwärtig Dr. Scligeohn-Ncttcr als erster Vorsitzender, Dr. Köhler als Schatzmeister, die Witwe des Gchcimrdts Oliven, die Rabbiner Dr. Bacck und Dr. Warschauer angehören, ist Pauline Münchhausen als Ehrenvorsitzende noch eifrig tätig. Sic hat nur den einen Gedanken, ihr Lebenswerk gesichert zu sehen. Tod und Auswanderung hallen in dem Kreis der Gönner und Gönncrinnen des Heims klaffende Lücken gerissen; die Zurückgebliebenen vermögen oftmals nicht mehr so zu helfen, wie ihnen das cinstmolB möglich war. Dcnnooh ist jedermann sich darülicr klar, daß das Israelitische Lchrcrinnen-Hcim bestellen und erweitert werden muß. Wenn auch die jüdische Jugend auswandert — diesen Alten darf keine der Zufluchtsstätten genommen werden, die ehrfürchtige Nächstenliebe ihnen geschaffen hat. Möge sich der Wunsch der Jubilarin sich verwirklichen und dem Heim neue Freunde zu den alten gewinnen, damit ihr Lebenswerk erhalten bleibt. Möge sie selbst weiter gesegnet sein, um noch lange dafür wirken zu können. Etty llirschfcld. Rosenthal höbe wohlüberlegt und raffiniert dem Zeugen seine jüdische Abstammung zu verheimlichen versucht. Der Zeuge hätte zweifellos keinen Liefervertrag abgeschlossen, wenn er gewußt hätte, daß eB sich um einen Nichtarier handele. * ■ Im Monat April sind, einer Ita-Mcldung aus Jerusalem zufolge, rund 4200 Juden naoh Palästina eingewandert. * ■ Auf der in Washington stattfindenden Convention «Ich Indcpendcnt Order Bnei Brich hielt der Vorsitzende des Hepräsentantenliauscs des amerikanischen Bundcsparlaments, Joseph Byrns, eine Ansprache, in der er die Leistungen der Juden im bürgerlichen Leben Amerikas lobend hervorhob und erklärte, daß Amerika ohne seine Juden kulturell ärmer sein werde. * ■I Wie aus New York berichtet wird, wurde der Schwergewichtsmeister Max Buer bei einer Probe zu einem Rundfunkhörspiel durch einen mit Platzpatronen geladenen Revolver, der sich in seiner Hand entlud, verletzt. Nach Behandlung der Brundwunden im Krankenhaus konnte er wieder entlassen werden. * ■ In der letzten Sitzung des Vorstandes der Jüdischen Gemeinde Rom wurde beschlossen, den Oberrabbincr Professor David Prato als Nachfolger des verstorbenen Oberrabbiners Angelo Sacerdofi nach Rom zu berufen. Professor Prato war früher Oberrabbiner in Florenz. ■ Nach einer Meldung aus London sollte Richard Tauber gelegentlich des englischen Regierungsjubiläums im Londoner Rundfunk singen. Der Vertrag scheiterte jedoch an den hohen Honoraronsprüchen des Sängers. * ■ Im Warschauer Vorort Grochow schössen unbekannte Täter in die Fenster einer jüdischen landwirtschaftlichen Schule während des Unterrichts. Dabei wurde eine Schülerin 15 d - 1 i o h verletzt. » ■ Wie amerikanische Blätter berichten, ist der jetzt 21 Jahre alte Jackie Coogan bei einem Automobilunglück, das eich auf einer Fahrt von Hollywood nach Los Angeles ereignete, verletzt morden. Sein V a t o r, der sich mit zwei Filmschauspielern' gleichfalls im Auto befand, wurde getötet. * ■ Die Washingtoner Convention des Independent Order Bnei Jlrith wurde mit der Wiederwahl Alfred M. Cohens zum Or de iispräsidenten geschlossen. Die nächste Convention findet im Jahre 1938 statt. *. ■ In dem historischen Palazzo Doria in Rom wird demnächst eine Ausstellung von Handzeichnungen und Radierungen Max Liehermunns eröffnet. ,9p^p Liquidation der deutschen Judenfrage" Eine Anfsatzrcihc des „Völkischen Beobachter" Mit einem Artikel, der sich hauptsächlich mit der wirtschaftlichen und politischen Zukunft Palästinas beschäftigt, hat dor „Völkische Beobachter" seine Aufsatzreihe über die „Liquidation der deutschen Judenfrage" abgeschlossen. Der erste Artikel beschäftigte sich mit den „Jüdischen Kapitalverschicbungcn" und gab an, daß man im Berliner Gchcimon Staats-Polizciamt, dessen Erhebungen Bich auf Preußen beschränken, die Zahl der jüdischen Emigranten ouh dem ganzen ltcicli auf rund 90 000 schätze, die der arischen, durchweg politisch belasteten Flüchtlinge auf 20 000. Rückwanderungen seien nach der gleichen Qucllo bisher in Stärke von etwa 10 000 erfolgt, und zwar zu 99 Prozent Juden. Da die Heimkehr dieser draußen enttäuschten Auswanderer in letzter Zeit sehr im Zunehmen begriffen sei, habe man sich zu ihrer einstweiligen Unterbringung in Schul ungnlagern entschlossen, schon deshalb, um den heimischen Stcllcnmarkt nicht weiter zu belasten. Als Stichtag für diese Maßnahme soi der 28. Januar 1935 festgesetzt worden, so daß alle nach diesem Termin heimgekehrten oder noch zurückkommenden Emigranten sich darauf gefaßt machen müßten, interniert zu werden. Die große Masse der jüdischen Emigranten halic sich, um die Stcucrquote ihres Vermögens dem Zugriff der Finanzämter zu entziehen, [lolizcilich nicht abgemeldet. Im HcicbswirtschaftHministerium schätze man vorsichtig den durch Transaktionen der Steuerflucht entstandenen nationalen Verluste auf etwa 400 Millionen Reichsmark. Vermutlich komm*; jedoch der effektive Schaden an die Milliarde sehr nahe heran. In dem zweiten Aufsatz heißt es u. n., doß die überwältigende Mehrzahl der Emigranten (rund 70 000) in europäische Nachbarstaaten gegangen sei, was für die jüdische Grundcinstcllung typisch sei. Sie hätten nicht im entferntesten daran gedacht, dem Lond ihrer Väter, Palästina, zuzustreben. Der Grund bierfür sei klar. Für jene Massen handelte cb sich einzig und allein darum, ihre liebe Gewohnheit, auf Kosten der „Dummen", in deren Mitte sie leben, möglichst hohe Prof.tgeschäfte zu machen und entsprechend behaglich zu leben, in den neuen Ländern nach altem Muster fortzusetzen, nachdem das neue Deutschland einen dicken Strich durch ihre Rechnung gemacht habe. Palästina galt ihnen demgcgcnfllier nichts. 1933 seien daher auch nur 7210 Personen, von denen bezeichnenderweise die kleinere ^Hälfte (3129) Arbcilcrzcrtifikotc besessen habe, ins Land gekommen. Der Zionismus ,so heißt es in dem Aufsatz weiter, habe bis vor zwei Jahren bei der Judenschaft in Deutschland eine völlig untergeordnete Rolle gespielt. Neuerdings sei der Prozentsatz der überzeugten Zionistcn auf 40 bis 50 Prozent gestiegen. Die für die Auswanderung und deren Finanzierung zuständigen deutschen Behörden, heißt es weiter, waren von Anbeginn lebhaft daran interessiert, den regellosen Strom der Emigranten in vernünftige und legale Bahnen zu lenken, über die Devisenb c t r ä g c , die den jüdischen Emigranten zur Verfügung gestellt wurden, wird berichtet, daß Iiis - Anfang 1934 den Auswanderern, die ihre Reichsfluchtstcucr korrekt beglichen hotten, Devisenbcträge bis zu 20 000 RM. erhielten. Im Johrc 1933 wuchsen dergestalt die Dcviscnausguben für Auswanderungszwecke vom Mai mit 1,5 Millionen KM. bis U Millionen UM. im Oktober an, um dann wieder zu fallen. Im Jahre 1934 betrug die monatliche Dcviscuouszahlung an Auswanderer zwischen' 5 und 7 Millionen RM. „In den ersten Monaten des laufenden Jahres haben die Devisenstellen mit Rücksicht auf den geringen Bestand an Auslandsvaluta scharfe Restriktionen bei der Abgabe an Emigranten vorgenommen. Diese erhalten, Bowcit Bic sich andern Ländern als Palästina zuwenden wollen, seit Herbst v. J. überhaupt keine Barbeträge mehr. Ihre Finanzierung kann nur noch in der Form des Clearing erfolgen. Wenn dem Interessenten gelingt, deutsche Waren im Ausland abzusetzen, dürfen 25 Prozent der fällig gewordeneu Devisen dem Emigranten auf Auslandskonto gutgeschrieben werden, nachdem er den gleichen Betrag in Reichsmark auf Inlandssperrkonto eingezahlt hat. Wie man hört, ist die legale jüdische Auswanderung ins europäische Ausland wie nach Ubersee infolge dieser geldlichen Erschwernisse neuerdings fast völlig eingeschlafen. Nur nach Palästina dauert die Emigration, wenn auch unter ganz besonderen Umständen, weiter an." In dem dritten und letzten Artikel des „Völkischen Beobachter" wird ausgeführt, die wirtschaftliche und politische Zukunft Palästinas sei für Deutschland nicht ganz ohne Wichtigkeit, weil zum Teil auch von diesem Faktor die Läsung des Judenproblcma im Reiche abhänge. Entwickle Bich Palästina in den nächsten zehn Jahren so, wie die Zionistcn es hofften, so dürfe damit gerechnet werden, daß nach dieser Zeitspanne eine Abnahme der Juden in Deutschland Tatsache werde. Palästina Bei an sich durchaus imstande, mindestens eine Million Juden zu ernähren. Allerdings ständen diesen Aussichten der heftige Widerstand der eingeborenen Araber gegenüber der jüdischen Einwanderung und dann die große Unlust entgegen, die die Juden dem anstrengenden Feldbau bisher bezeigten. In dem Aufsatz heißt es, daß die Verbitterung_ der Araber, vor allem auf die rücksichtslose Bodenspekulation, die gcldkräftige jüdische Einwanderer betreiben, zurückzuführen sei. Dies sei auch einer der Hauptgründe (neben der deutschen Reichsfluchtstcucr), weshalb viele an sich auswanderungslustige, vermögende Juden im Reiche die Entwicklung der Grundstftckspreise in Palästina erst mal abwarten wollen. Andererseits mache dort die Kultivierung von Ödland rasche Fortschritte. Emigranten, die die. Kraft aufbringen, sich von ihren bisher in Deutschland ausgeübten kaufmännischen oder intellektuellen Berufen völlig zum Landwirt umzustellen, fänden in dieser neuen Tätigkeit anscheinend Auskommen. Der Aufsatz geht sodann auf die wachsende Einwanderung nach Palästina ein und wendet sich der Frage zu, ob die Juden in Deutschland aussterben. Es wird ausgeführt, daß der Rückgang der jüdischen Bevölkerung in Deutschland zwischen 1925 und 1933 in seiner Berechnung insofern nicht stimme, uIb daa verhältnismäßig starke Kontingent jener Juden, die sich in den Volkszahlungslisten nicht als mosaisch, sondern als konfessionslos, Protestanten oder gar als Katholiken bezeichnet habe, nicht zur Zahl der religiösen Juden addiert worden sei. In Wirklichkeit sei die Zahl der Juden in Deutschland stets wesentlich höher gewesen. 1927 »ei die Zahl der jüdischen Rassen zugehörigen im Reiche auf 615 000 geschätzt worden. Seitdem seien bekanntlich erhebliche Zuwanderungen von Ostjuden> nach Deutschland erfolgt-, in den letzten fünf Jahren vor der nationalsozialistischen Revolution insgesamt 15 000 bis 20 000 Personen. Gegenwärtig müßten immer noch rund 535 000 Juden im Reiche vorhanden sein. Uber die weitere Entwicklung bemerkt der „Völkischo Beobochter", daß die erste Panik, wenn von einer solchen überhaupt die Rede sein konnte, schon längst verpufft sei und einer philosophischen. Auffassung der Lage in jüdischen Kreisen Platz gemacht habe. Man besitze Geld und könne leben, häufig wgar sehr gut. Der Aufsatz spricht sich zum Schluß gegen eine Berechnung aus, wonach die jüdischo Seelenzahl in Deutsch; land schon in zehn Jahren auf wenig mehr als 100 000 zurückgehen dürfte. Es wird gemeldet: