Jüdische allgemeine Zeitung
- Journal
- Jüdische allgemeine Zeitung
- Volume
- 15 (1935)
- Issue
- 20 (15.5.1935)
- Date
- 1935-05-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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BERLIN 15. Mal 1938 Btokekt PREIS 25 PF. Nr. 20 / 18. Jahrgang AUGEMEME SchriftloituDg und GesohOftsatollo-. Borlin-Oharlottenburg 2, Bloibtrouutmßo 2. Bankkonto: Kroditrerein. für Handel und Geworbe cGmbH., Berlin N 21. — Beiagtprela: BM. 1,— moaatüoh (tuiOgl. BM. 0,10 Zoltnsgggebahr und BeitsUgsld), bei Strelfbandiereand miflgl. EM. 030. Verlag: Vorlagiffonosseasohaft .In Deutflohland ariBäsBlser Juden tu Berlin oQmbH., Rln.-Charlottenliurg 2, Blelbtraustr. 2. Anteigcnpr.: Die 12gtep. mm-Zelle BM. 0,15, f. JnmillenanieiBen BM. 0;10, f. Stelionaeiacho RM. 0,08. Bei unferacbuldeter NlahtboUeferung besteht kein Anipruoh auf Vergütung. N EUE FOL DER JODISCH-LI ALEN ZEITUN Wozu der Lär In der vorigen Nummer unseres Blattes gaben wir unserer Leserschaft von der Resolution der Fraktionen des Jüdischen Volksbundes und der Zionistischen Vereinigung in der Berliner Jüdischen Gemeinde Kenntnis. Wir qualifizierten dabei diesen Vorstoß als das, was er ist; juristisch: als Vertragsbruch, moralisch als einen bedauerlichen Beweis mangelnden Verantwortungsgefühls. Es mag schon so sein, daß auch dem zionistischen Sektor der jüdischen Bevölkerung eine parlamentarische Berufung auf die kraft Statut oder Vereinbarung festgesetzte Dauer der gemeindlichen Legislaturperiode nicht mehr imponiert; schwerer wiegt der Vorwurf, daß bei dieser Gelegenheit auch der Respekt vor dem Grundgesetz freundnachbarlichen Verkehrs aller Gemeinschaftsgattungen verloren gegangen scheint: pacta sunt servanda — Abkommen (die einmal geschlossen worden sind) müssen gehalten werden. Indessen, da uns Juden die rechtliche Möglichkeit zur Verfolgung unserer klagbaren Ansprüche in Form autoritärer, d. h. vom Streit der Parteien unberührter, Institutionen im eigenen Kreise kaum gegeben ist, haben juristische Urteile nur moralischen wert. In der Tat handelt es sich hier um jüdischp.o 1 i t iac h e Ereignisse»: deren -Wirkliche Iiintergrüiide. auch erst in den Perspektiven politischer Betrachtungsweise sichtbar werden. Man hat das Vorgehen der Zionisten als „Verstoß" gekennzeichnet, das mag richtig sein, durchaus verfehlt scheint es uns aber, aus der Lautstärke von Detonationen auf die Reichhaltigkeit der Pulvermagazine zu schließen. Wie überall, so ist es auch hier eine Frage des Bestandes, wie schnell einer sein Pulver verschossen hat. Dem eifrigen Leser der jüdischen Presse wird es nicht entgangen sein, daß das nach eigener Aussage überparteiliche „Familienblatt" bereits seit einiger Zeit ein neues Thema „jüdische Gemeindepolitik" kreiert hat, das nach einigen ruhigen Sätzen der Einleitung in eine ständig schärfere Tonart transponiert wurde. Es hatte den Refrain: Umbesetzung des Gemeinde- Vorstandes 1 Die Gemeinde hat die Weise vernommen und ihrerseits dem Israelitischen Familienblatt, dessen geschätzte -Mitarbeiter z. T. ja nicht allzuweit von der Oranienburger Straße zu finden sind, kräftig den Marsch geblasen. In dieses intime Hauskonzert hat sich nunmehr auch die Meinekestraße mit einem Tusch wirkungsvoll eingeschaltet. Nun täte man dem Israelitischen Familienblatt bitter Unrecht, wenn man zwischen diesem familiären „Streich"-Konzert mit der Gemeinde und den Posaunenstoß'aus der Meinekestraße einen mehr als zeitlichen Zusammenhang vermuten würde. Andererseits würde man auch, die Breitenwirkung der zionistischen Intervention-unterschätzen,. wenn man den Ausgangs- und Angelpunkt ihrer politischen Absicht lediglich in dem Sturm auf Gemeindeposten erblickt. Hier geht bei weitem Grundsätzlicheres vor. Man kommt der Sachlage näher, wenn man die zionistischen Ambitionen auf die Gemeindeverwaltung nicht als Einzelaktion, sondern als eine logisch unangreifbare Folgerung der sonst nicht intakten bekannten Generalresolution wertet, die u. a. lautet: „Die sachliche Führung gebührt dem Zionismus auf allen Lebensgebieten, auf,,denen die zionistische Initiative den deutschen Juden neue Wege zu konstruktivem Aufbau und systematischer Hilfsarbeit gewiesen hat" und dementsprechend fordert: „Wir deutschen Zionisten fordern, ebie ^personelle reorganisatorische Umgestaltung derV zentralen und örtlichen Instanzen der deutschen Judenhelt,< die den Zionisten 'den ihnen zustehenden, - Einfluß jaüf: ,die. Qestaltung ,.ider, jüdischen Arbeit in Deutschland ^verschafft und sichert." Dieses-nicht übertrieben bescheidene Verlangen ist das Resultat: einer; wie man 'zunächst weiß, Arbeitstagung'der Grofefunktionär'e der ZiV.f.D., die unter der Leitung des rührigen Benno Cohn stand, und an der interessanterweise' zwei .besonders prominente Vertreter des Weltzionismus teilnahmen: Kürt Blumenfeld und David Ben Gurion. Gerade die letzte Tatsache gibt erheblich zu denken und scheint uns die Resolution noch in ein besonderes Licht zu rücken. Wenn man auch füglich nicht behaupten kann, daß die Zusammenarbeit aller wesentlichen Richtungen des Judentums in den letzten zwei Jahren in stets ungetrübter Harmonie verlaufen ist, so hat sieh doch im großen und ganzen der große Geist einer kameradschaftlichen Zusammenarbeit. bewährt. Mit einem Schlage scheint sich das Bild zu ändern. Man fragt sich unwillkürlich nach dem Anlaß. Das bei uns noch vorhandene gesamtjüdische Verantwortungsgefühl sagt uns, daß die allgemeine Situation für innerjudische Zwistigkeiten eigentlich recht wenig Anreiz bietet. Was also stärkt sonst das politische Rückgrat unserer zionistischen Freunde? Es bleibt kaum ein anderer Trauer um Pilfudfki Kundgebungen der Juden Polens Die Nachricht von dem Ableben des Marschalls Joseph P i l - sudskis hat auch in den jüdischen Kreisen tiefe Trauer hervorgerufen. Die jüdischen Gemeinden, Organisationen und Verbünde bereiten würdige Trauerkundgebungen vor. i-u - Unter-PUsud^s; Führüng.-hutten. zahlreiche Juden, manche iu verantwortungsvoller Stellung, an den Freiheitskämpfen und am russisch-polnischen Kriege von 1920 teilgenommen. Die von der polnischen Judenheit für ihr Vaterland gebrachten Opfer hat Pilsudski nie vergessen und sich spater, wiewohl er in Fragen der eigentlichen jüdischen Politik niemals eingriff, für die Wahrung der Rechte der jüdischen Staatsbürger immer wieder tatkraftig eingesetzt. Nach der von ihm im Jahre 1926 durchgeführten Mai-Umwälzung wurde der antisemitische Kurs, der im,Anschluß an die polnisch-ukrainischen Kampfe des Jahres 1918 eingesetzt hatte, verlassen. Seinen Gegnern gegenüber betonte Pilsudski, daß diese eine Politik der Progrome führen wollen und sie als eine polnische Politik bezeichnen, wahrend in Wirklichkeit nur eine Zusammenfassung aller Kräfte im Staate den Anspruch erheben könne, als nationale Politik zu gelten. Zu verschiedenen jüdischen Persönlichkeiten unterhielt der verstorbene Marschall freundschaftliche Beziehungen. Für Ruhe und Ordnung Eine Warnung des Duisburger Polizeipräsidenten Der Duisburger Polizeipräsident Knickmann erließ am 7. Mai die, nachstehende Bekanntmachung, die der „Duisburger' General- Anzeiger" veröffentlicht: „Gestern, Montag, haben au verschiedenen Stellen der Stadt Zusammenrottungen stattgefunden. Anscheinend sollte gegen jüdische Geschäfte demonstriert werden. Ich warne vor jeder Störung der öffentlichen Itulic und Ordnung; Die Polizeibeamten sind angewiesen, gegen derartige Ausschreitungen, die nicht im Sinne der nationalsozialistischen Staatsführung liegen, mit allen Mitteln vorzugehen." „Nationaldeutfche Juden" Eine Äußerung gegen den Naumann-Verband Essen. Die „Nationalzeitung" in Essen schreibt: „ ,Natiönaldeutsche Juden' — welch eine Contradictio in adjecto I Die Auslandspresse Will von einem Protest dieses von einem gewissen Juden Naumann geführten Klubs „gegen den Flaggcnorlaß Dr. Fricks" beim Führer und' Reichskanzler wissen. Ein „Protest' 'also gegen das elende JudenBpicl mit den alten und neuen Fahnen des 'Reiches! Die Abfertigung auf diese Unverfrorenheit wird eindeutig und -immer gültig sein. Wir wundern uns, daß dieser Klub unter dieser herausfordernden Beizeichnung überhaupt noch bestehen und damit Anlaß zu unangebrachtem Meckern finden kann. ' Als wenn es überhaupt „nationaldeutsche Juden" gübel Um das zu begreifen, braucht man sich nur einmal vorzustellen, Deutsche, die das Unglück hatten, in Palästina zu sitzen, kamen auf den verbogenen Gedanken, einen Klub---„nationaljüdischer Deutschef" zu gründen . . . Auch für Zwitter ist Kein Raum im neuen Reich." ' . , , 1919. Juden nach Brasilien eingewandert Rio de Janeiro. Wie aus einem Bericht'der Vereinigung für Einwandererschutz (Hicem-Abteilung in Rio de Janeiro) hervorgeht, sind im Jahre 1934 1819 Juden nach .Brasilien' eingewandert: Fast' die HBlfte der'Einwanderer, nämlich' 900''Personen, stammten'aus Deutschland! 90 o/o von diesen hatten durch die Pariser Hicem-Zentral« Auswanderungshilfe erhalten. Die zweitstärket« Gruppe, 749 Personen, stammte aus Polen. 1435. Personen haben mit Hilfe der.Vereinigung in Ria de Janeiro und benachbarte^ 'Landesteilen festen. Fuß gefaßt. , Schluß übrig als der auf Initiative des auswärtigen Besuchs. Man wird nicht fehlgehen, in Blumenfeld und Gurion zumindest die Mitverantwortlichen der bedenklichen Demarche zu suchen. Die zionistische Exekutive muntert ihre „deutsche Abteilung" auf. Oder wollte die Z.V.f.D. der anwesenden Prominenz ihren besonderen Eifer beweisen? Warum dies im Augenblick? Wer die palästinensische Entwicklung im Laufe des letzten Jahres gewissenhaft beobachtet nat, der hat allen Anlaß zu der Feststellung, daß prosperity durchaus nicht immer mit Fortschritt identisch ist. Wir haben die bewegten Klagen sehr ernsthafter Persönlich^ keiten in führender Position des Zionismus gehört und gelesen und wiederholt eine erhebliche Distanz zwischen den wenig kritischen Ankündigungen der zionistischen Propaganda und den palästinensischen Realitäten festgestellt. Wir kennen aus Briefen und Berichten heute den Unterschied im Verdienst zwischen dem Grundstückmakler in Tel-Awiw und dem Chaluz im Rechowoth, und wir wissen, daß die Jüdische Rundschau beim palästinensischen Arbeiter keineswegs das beliebteste Blatt ist. Von dem Profit der Bodenspekulanten ist darin recht selten, wie z. B. in so ehrlichen Aufsätzen wie dem letzten von Kurt Loewenstein, etwas, zu lesen und auch, nicht von dem wochenlang vorenthaltenen Arbeitslohn der Leute auf dem Bau/ Ben Gurion persönlich kommt zudem aus einer einigermaßen fatalen Situation. Der auch von ihm unterzeichnete Arbeitsplan der Agency mit dem Revisionismus hat ihm persönlich das Mißtrauensvotum von zwei Drittel seiner Histadnith eingetragen, darüber hinaus aber nicht zuletzt zu der kürzlich erfolgten Spaltung des Zionismus geführt. Die Folgen dieses Ereignisses sind einstweilen nicht absehbar: Sicher scheint nur, daß sie sich in der Diaspora, in der sich der Revisionismus außerordentlich im Wachsen befindet, stärker auswirken als in Palästina selbst, und sicher ist daher, daß es nunmehr das Bestreben des Allgemeinen Zionismus sein muß,, seine Positionen in den Ländern der Diaspora erheblich zu verstärken. Hier aber ist Deutschland der Gegenstand der besonderen Aufmerksamkeit und die Einsicht, Deutschland zu dem ersten Kräftereservoir für Palästina zu machen, realisiert sich in dem praktischen Bemühen, den momentan herrschenden .Mängel an Arbeitskräften in Palästina durch eine verstärkte Alijah zu kompensieren. Die bisherigen Anstrengungen waren zwar erfolgreich, aber wie das Zeugnis des „Völkischen Beobachr ter" beweist, der die Zahl der 1934 nach Palästina ausgewanderten Juden auf 9429 beziffert, nicht ausreichend. Die Schuld an der geringen Höhe liegt keineswegs bei der Z.V.f.D., wohl aber ist sie dann zu suchen, daß die bislang der Propaganda zur Verfügung stehenden Mittel nicht genügten* Der Aktionsradius der Parteiinstanzen ist zu kurz, also müssen die offiziellen Institutionen des deutschen Judentums eingespannt werden. Was folgt daraus? Daraus folgen die zitierten Resolutionen. Das sind die politischen Hintergründe. Man hat in Palästina Terrain verloren uund sucht in Deutsch- Bitte notieren Sie unsere neue Adresse: (ftetein-GAateottenßHW 1 (^Coidttou&txaßo £ JÜDISCHE AUGEMEWE ',' icitung : Vtriw MtrifUeltung -u