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Jüdische allgemeine Zeitung · 1935-05-08 · 19 (8.5.1935) · page 1

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Journal
Jüdische allgemeine Zeitung
Volume
15 (1935)
Issue
19 (8.5.1935)
Date
1935-05-08
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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BERLIN 8. Mal f 935 Fwkiuf^eußttmli PREIS 25 PF. Nr. 19 / 1S. Jahrgan« JUDISCHE AUGEMEINE SohriftJeltung und Geooh&ttsstollo: Borlla W IG, uhlundstr. 158. Femruh J 2 Oliva G0G8. Bankkonto: Kroditvoreln für Bandol nnd Goworbo oOmbH, Berlin N 21. — Bezugspreis: RH. 1,— monatlich (tuiügl. BM. 0,10 Zflltungogebtthr und Bestollgold), bei Stralfbondvciaand latOgl. BM. 0,80. In Deutschland ans&snigot Judon tu Berlin l W15, Uhlandstr. 168. Anzolgonprafso: Dia 12geapolteno m-Zeilo UM. 0,16, f. Farolllenanielgon RM. 0.10. (. StollengoBUoho BM. 0,08. >1 unverschuldeter Nlohtbolloforung bestoht koln Aniipruoh auf Vergütung. NEUE FOLGE DER JÜDISCH-LIBERALEN ZEITUNG Burgfrieden? Pflicht der Gegenwart i der vergangenen Woche ist in Berlin eine Ver- ' «^^7 einbarung des Jüdischen Volksbundes und der zionistischen Fraktion der Berliner Jüdischen Gemeinde zustandegekommen, die offenbar aufnichts Geringeres abzielt, als die bisherige Gemeindeführung hinwegzufegen; Aber nicht nur das. Die Zionisten, die ihre Zeit für gekommen halten, fordern darüber hinaus „eine personelle und 'organisatorische Umgestaltung der zentralen und örtlichen Instanzen der deutschen Jud'enheit, die den Zioniaten den ihnen zustehenden Einfluß auf die Gestaltung der jüdischen Arbeit in Deutschland verschafft und sichert". Mit großem Impetus hat der Vorstoß gegen den Vorstand der Berliner Jüdischen Gemeinde eingesetzt. Daß die Forderungen nicht gerade bescheiden sind, geht aus folgender Resolution hervor, die zwar unseres Wissens der Gemeindeverwaltung bisher nicht zugeleitet worden ist, die jedoch durch die Jüdische Telegraphenagentur verbreitet wird., „Die Fraktion des Jüdischen Volksbundes und der Zionistischen Vereinigung in der Berliner Jüdischen Gemeinde erachten es im Interesse der jüdischen Gesamtheit für untragbar, daß der Vorstand der Jüdischen Gemeinde in . einer Zusammensetzung bestehen bleibt, die dem wirklichen Sinn der jüdischen Bevölkerung nicht mehr entspricht. Die beiden Fraktionen,_sick. dessen überwiegende Mehrheit der BerlinerJuden steht, fordern eine unverzügliche Veränderung, in der Zusammensetzung der Gemeindegremien unter stärkster Berücksichtigung der von ihnen vertretenen Anschauung, auch durch entsprechende Umbesetzung der Dezernate. In dem Kampf um die Erfüllung der jüdischen Gemeinde mit dem lebendigen Geist des Judentums erwarten sie die volle Unterstützung der gesamten jüdischen Öffentlichkeit." Wenn wir uns recht erinnern, ist vor einigen Monaten zwischen Zionisten und Liberalen ein Burgfrieden vereinbart worden. Es wurde ein Kompromiß geschlossen, wonach die Mehrheitsverhältnisse innerhalb der Berliner Jüdischen Gemeinde bis zum Ablauf der verlängerten Wahlperiöde nicht geändert werden dürfen. Wehn jetzt von zionistischer Seite versucht wird, innere Zwistigkeiten in die Gemeinde zu tragen, und.zwar auf Grund von Behauptungen, die durch nichts bewiesen sind, so zeigt das von wenig großem Verantwortungsgefühl und bleibt um so bedauerlicher, als gegen den , Berliner Gemeindevorstand sachlich nicht die geringsten Beanstandungen erhoben werden körinen. Direktor Heinrich Stahl hat erst dieser Tage in einem vielbeachteten Artikel des Berliner Gemeindeblattes dokumentiert, daß die Gemeindeführung .auf keinem Gebiet ihrer verantwortungsvollen und verantwortungsbewußten Arbeit die Zeichen der Zeit verkannt hat und. allen Richtungen in jeder Weise gerecht geworden ist. . , „Wir alle haben umgelernt und kennen in jüdischen Fragen und Sorgen keine rückschrittliche Gesinnung oder parteigebundene Engstirnigkeit. Nicht formal, sondern begeistert fördern wir mit äußerster Anstrengung die jüdische Schule und zeigen gerade bier volles Verständnis für die veränderten Erfordernisse bei der Erziehung jüdischer Kinder. Wir sehen aüclr in der Verbundenheit mit der jüdischen Gesamtheit und besonders mit Palästina kerne liebenswürdige Geste oder gar ein Kompromiß, sondern den Ausdruok unserer Überzeugung. Wenn wir die Hebräische Universität feiern, wenn der Unterzeichnete nach einem sorgfältigen Besuch von Erez Israel in Wort und Schrift zum-Amdruck brmgt, daß die dort geleistete Arbeit zu rühmen ist, dann , geschieht das nicht um der Konjunktur willen, sondern stammt aus unserem Herzen undyzeigt den ehrlichen Versuch, in der Palästinafrage noch abseits Stehende zu unserer Ansicht zu bringen." Was auf dein Gebiet des Wiederaufbaus, der Umschichtung, der Stellenbeschaffung, zur Linderung wirtschaftlicher und allgemeiner; jüdischer Not seitens der Berliner Jüdischen Gemeinde in den letzten Von FAMI S SCHACH Versteht man unter Würde nicht angelernte äußere Haltung, sondern Ausstrahlung innerer Größe, Wertbewußtsein eines höheren Lebenssinns, dann hat das Judentum durch seine Geschichte seine Würde, wie nur wenige, gewahrt. Denn es ist sicherlich leichter, im Glück als im Unglück Würde zu bekunden. Geknechtet und verachtet durch die Welt zu ziehen, und dennoch die innere Würde nicht zu vergessen, dazu gehört ein Heroismus, den nur eine tiefeReligiosität zu verleihen vermag. Die jüdische Würde ist eben in Religion und Geschichte verankert, sie ist Selbstbewußtsein und Volksbewußtsein, frei von Uberhebung und Machtgefühl. Aus dem Glauben an Gott schöpfte der Jude immer den Glauben an sich selbst. Wenn man seine Gemeinschaft gedemütigt sieht, seine Heiligtümer geschmäht, und dennoch an Gerechtigkeit nicht verzweifelt, nicht vergißt, daß man berufen ist, die ewige Wahrheit zu verkünden, ja, durch Leiden für sie zu zeugen, so zeugt das von wahrer Würde. Es ist merkwürdig: die Juden haben immer im Unglück. mehr als im Glück ihre Größe und ihre Würde gezeigt; -Wennder Tsdrirad xlie Armut als - die schönste Zierde "Israels rühmt, so liegt eine psychologisch tiefe Erkenntnis darin. Ethisch gesehen, hat die Judenheit gerade in den Epochen schwerster Not ihre Stärke offenbart. Vielleicht weil der Weg zur Verinnerlichung des Lebens, zur Seelentiefe immer mit Dornen gepflastert ist. Vielleicht auch, weil das Judentum, seiner inneren Beschaffenheit nach, mehr in schlichte, bescheidene Verhältnisse hineinpaßt. Vorsehung, und Geschichte haben Israel mit der Märtyrerkrone geschmückt, und die Volksseele hat sich drein gefunden. Wenn der Jude mit aufwärts gerichtetem Blick zum Scheiterhaufen für seine Uberzeugung schritt, wenn er, auf der Sjtraße von Torheit verspottet, von Grausamkeit gequält, in seinem Familienheim Patriarch war, wenn er bei allen Katastrophen nicht feig, die Anderen anklagte, sondern darin das jüdische Schicksal erkannte und seine Zuflucht zu Gott nahm, so ruht darin wirkliche Würde. Auch der Jude späterer Zeit, der „Ghetto-Jude", vergaß seine Würde nicht. Er trug sein Schicksal mit Geduld, nahm alles auf sich, solange man sein Kostbarstes, seinen Glauben, seine Familie ihni ließ. Alles Äußere glitt an ihm ab, weil er innerlich stark war. „Mögen sie höhnen, sie kennen meinen Kaftan, aber beiden Jahren geleistet worden ist, spricht für sich selbst und bedarf nicht im geringsten irgendeiner Korrektur. Hoffentlich findet die Leitung der Berliner Jüdischen Gemeinde die richtige Sprache, um solche Forderungen, wie sie jetzt seitens der Zionisten angemeldet werden, zurückzuweisen. Unbekannter jüdifcher Hirteiiltamm An der Byrisch-törkUclien Grenze entdeckt Jerusalem. Unweit, der oft im Talmud erwähnten Stadt Neziwinan der syrisch-türkischen Grenze wurde vor kurzem — wie die hebrflische. Presse mitteilt — eine bisher unbekannte Siedlun» von etwa 5 0 00 jüdisohen Familien entdeckt, deren Mitglieder. hauptsächlich von Viehzucht leben. Das Dorf, in dein . sie wohnen, heißt- Kmischleh. Die Einwohner sind . wie'Beduinen gekleidet und sprechen türkisch und arabisch. Vom hebräischen Schrifttum sind ihnen lediglich einige Gebe te üb.e rlie fe r t.. Auf Anregung eines französischen Juden, der sich in dies Dorf verirrte,, wandten sich die jüdischen) Beduinen an . den Leiter der Allionce-Schulo in Beirut mit der Bitte, _etwas für die Befriedigung ihrer religiösen und sozialen Bedürfnisse zu tun. Die Pariser Allionco-Leitung hat eine Geldsumme zur Errichtung einer Schule für die . Kinder dieser jüdischen Hirten bewilligt. Ein sephardiseber Jude Übernahm bei ihnen die Funktion eines Rabbiners und Lehrern. Juden des Irak sandten ihnen eino Tora-Rolle. nicht meine Seele, meinen armseligen Handel, aber nicht das Reich meiner Größe." - Erst mit dem Außtri^t jrts dem' GhaT.t^C häufig die jüdische Würde erschüttert Nicht weil die jüdische Würde sich mit Freiheit nicht verträgt, sondern weil die innere Entwicklung mit der äußeren nicht Schritt hielt. Nicht der Kampf ums Recht hat den Juden entwürdigt, — er war ja immer Kämpfer des Rechtes. Nicht der Bildungsdrang hat ihn innerlich entwurzelt, — das „Lernen" war ja immer sein Stolz, sein höchstes Glück. Wohl aber das Streben nach völligen Aufgehen im neuen Element, die Sehnsucht, sich zu verlieren, wurde zur Quelle der Würdelosigkeit. Es war vielfach nicht einmal ein Rausch, sondern eine kalt berechnete, töricht anmutende Selbstvernichtungspolitik. Man sah alles Jüdische als minderwertig an. Das Spötteln über unverstandene jüdische Formen ■ war Tagesmode, das Protzen mit jüdischer Unwissenheit galt als Aufklärung. Für viele war es beinahe Gebot der Zeit, wenigstens die Kinder taufen zu lassen. Man zahlte seine Kultussteuern und machte dem lieben Gott dreimal im Jahre seine Paradevisite. Man verstecktesetö"Judentum scr -gut es ging; man- Keß sich „aus Pietät" "die jüdische Zeitung im Kuvert schicken, damit möglichst niemand merkte, daß man Jude ist. Man erschrak, wenn man öffentlich ein jüdisches Wort hörte. Die Angst vor dem Antisemitismus war das Einzige, was alle Juden vereinigte, und man lebte mehr von Antisemitenfurcht als von Gottesfurcht. Sturm und Sonnenschein, Philistertum "und Erkenntnis lösten in den letzten dreißig Jahren im jüdischen Lager einander ab, und heute, da das ganze jüdische Leben in Deutschland eine andere Gestalt angenommen hat, ist die Metamorphose, die die Not geschaffen, offenbar. Die Juden sind jüdischer geworden, daran ist gar kein Zweifel. Viele sind freiwillige oder gezwungen äußerlich, und wohl auch ein wenig innerßch, zum Jüdischen zurückgekehrt. Nun entsteht erst recht die Frage: Was gemietet die jüdische Würde in unseren Tage n? Die deutschen Juden leben heute mitten in einem Volke, das von Grund aus umgelernt hat. Andere Begriffe, andere Werte, andere Maßstäbe, andere Erkenntnisse. Es steht uns kein Recht zu, das zu kritisieren. Wir Juden, die wir dadurch leiden, müssen Verständnis aufbringen auch für Anschauungen, die uns schmerzlich sind. Wenn aber sogar jüdische Stimmen laut werden, daß wir nicht ohne Schuld an unserem Unglück sind, dann muß sich das jüdische Empfinden gegen diese Würdelosigkeit empören. Selbstkritik ist ethisch sehr wertvoll, und die jüdische Psyche neigt besonders stark dazu, aber wenn wir gesündigt haben, dann gegen uns selbst, wenn wir geirrt haben, dann zu unserem eigenen Schaden. Wir vertreten die Lehre vom ewigen Recht als Prinzip des Lebens, sollen wir das verleugnen? Begreift man nicht, daß damit der Boden wankt, auf dem unsere sittlich-religiöse Existenz ruht? Wir sind Freunde des Friedensgedankens, weil wir den Frieden als Grundlage des Menschenglückes ansehen. Sollen wir da umlernen? Aber unsere alte Literatur kennt Frieden und Wahrheit als Zwilling, unzertrennlich, unlöslich. Und unsere Geschichte zeigt uns, daß jeder Krieg letzten Endes für uns immer ein Unglück war, ja, daß auch der Weltkrieg, tiefer gesehen, zum. neuen Quell des Judenhasses wurde. Wir sollen zugeben, daß es schlechte Juden gUit. Wer hat das Jemals geleugnet? Wir leugnen nicht einmal, daß eB. — aus geschichtlicher und sozialer Entwicklung stammend — spezifisch jüdische Fehler und Tugenden gibt. Aber bei uns wird alles generalisiert. Können wir es ändern? Wir sollen Verantwortung, Würde lehren! Wem sollen wir predigen? Die Schlechten erreichen wir nicht, und die Unschuldigen finden diese Weisheit trival. Sprechen wir doch offen die Wahrheit aus,

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