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Jüdische allgemeine Zeitung · 1935-05-02 · 18 (2.5.1935) · page 1

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Journal
Jüdische allgemeine Zeitung
Volume
15 (1935)
Issue
18 (2.5.1935)
Date
1935-05-02
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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B ER LI N St. Mal 1935 B^ckinffr^ PREIS 25 PF. Nr. 18 / 15. Jahrgang JUDISCHE AUGEMEINE f 8ohri{tleittrag und Gcsohaitsstollo: Berlin W 15, Uhlaudstr. r'oruruf: J2 Oliva 6908. Bankkonto: Kroditvorein für Handel und Gewerbe cGinbll, Borlin N 24. — Bezugspreis: EM. 1,— monatlich (zuzüsl. HM. 0,10 Zeitungsgebühr nnd Bestellgold), boi Stroifbandvorsand zuzügl. EM. 0.30. NEUE F O LG DER J ©BSC - L I Verlag: Vo rlag Buenos so na ohaft in Doutaoliland aßsäsaigor Juden tu Berlin oGmbH., Berlin W 16, Uhlandatr. 158. Arueigonproiao: Dio 12Bcapaltene mm-Zeilo RM. 0,16, f. FamilionamoiRon RM. 0,10, f. Btellongeaucho RM. 0,08. Boi unvorßchuldoter NiahtboUofonmg besteht kein Anapruah aaf Vergütung. ALEN ZEITUNG Wer ift heifer? - Wer ift fdilediter? e; ■*n- T Mit Entschiedenheit mußte einmal von der lleichsvertretung erklärt, als unabdingbare Meinung festgelegt werden, daß es keine Mehrleistungen einzelner Teile des deutschen Judentums gäbe, damit dieser erschreckende Streit einzelner Weltanschauungsgruppen aus der Welt geschafft wurde. Und wenn es mitunter leise schmerzt, daß es zu dieser Erkenntnis eines Machtspruchs der Reichsvertretung bedurfte, so kommt einem doch mitunter leise der Wunsch, daß alle ähnlichen Grundlagen unseres Seins auf diese Weise einmal bindend und verpflichtend klargestellt würden. Denn noch wird zu wenig nach dem Schicksal, zu viel nach der Schuld gefragt. Und bei allzuvielen noch vermißt man schmerzlich das Wisseil darum, daß ein Weg erst dann gangbar sein wird, wenn wir aufhören, danach zu fragen, ob einer von uns, ob Gruppen jüdischer Menschen dafür verantwortlich sind, daß das Schicksal dieser Zeit über das deutsche Judentum gekommen ist. Das seien Selbstverständlichkeiten, ja sogar Banalitäten, von denen zu sprechen heute, nach nun über zwei Jahren unseres neuen Schicksalsweges sich nicht lohnt — man wünschte, daß dieser auf der Hand liegende Einwand die Wirklichkeit träfe. Aber sie sieht anders aus, und kein noch so fester Glaube daran, daßdies nicht wichtigsei, hilft uns, über. die Tatsache hinweg, daß überall, wo Juden zusammen sind, noch immer mehr über die Schuld als über das Weiterschreiten gesprochen wird. Ein Beispiel statt theoretischer Erläuterungen: Ein Berliner Jude verläßt aus privaten Gründen die Stadt und siedelt in einen kleineren Ort in Süddeutschland über, der als kultureller und wissenschaftlicher Mittelpunkt von Bedeutung ist, und an dem lebhaftes und aktives jüdisches Leben besteht. Der Empfang ist freundlich und herzlich, in jeder Beziehung. Aber bei aller Liebe, die einem als einzelnen jüdischen Menschen entgegengebracht wird, spürt man doch immer eine Unterscheidung und Abgrenzung, die man nicht versteht: sie richtet sich, das erfährt man bald, gegen Berlin. Man muß hiervon sprechen, es ist wichtig. Denn es "handelt sich nicht um die Menschen, die gegeneinander stehen, — dies glücklicherweise ist nicht der Fall —, sondern darum, daß die einen den anderen die „Schuld" an dem zuschreiben, was uns geschehen ist. Was soll man denn erwidern, wenn einem ein kluger und guter Mensch in Süddeutschland sagt: „Sehen Sie, wenn nicht soviel Juden in Berlin gewesen "wären und wenn sie sich nicht alle in den akademischen Berufen breitgemacht hätten — Sie können mir schon glauben, es sähe anders ausl" Helfen hier Argumente oder Statistiken? Oder helfen sie auf der anderen Seite bei den vielen, die in Berlin Argumente gegen die Juden im Reich bereit zu haben glaubten? Und wenn diejenigen, die solche Ansicht vertreten, sich auf das seinerzeit erschienene objektive Buch „Gerechtigkeit" des Freiherrn von Oppeln-Bronikowsld sich beziehen, der auch neben vielem Schönen auch die Behauptung niederschrieb, der Materialismus großer Teile des Provinzjudentums habe den Judenhaß sehr gefördert — soll man ihnen sagen, daß von Oppeln-Bronikowski sich hier verständlicherweise geirrt hat, weil er viele von denen, über die er solches sagte, nicht kannte? Wir haben viel von überkommenen Meinungen und Vorurteilenzusammenstürzen sehen, wir müssen auch die begraben, die wir noch immer ungeprüft behalten. Seien wir ehrlich: es gibt sicherlich welche unter uns, die auf das immer wiederkehrende Beispiel von Nichtjuden für Ursachen der Judenfeindschaft, den „betrügenden jüdischen Viehhändler", nichts weiter zu antworten wußten, als daß man doch nicht danach das ganze deutsche Judentum beurteilen dürfte. Werden sie nicht vielleicht doch anders sprechen, wenn sie lesen, was einer der größten und edelsten Menschen, der deutsche Arzt, Theologe und Orgelspieler Albert Schweitzer in seinen wunderbaren Jugenderinnerungen über einen jüdischen Viehhändler sagt? Es darf hier niedergeschrieben werden, weil es über alles hinausragt, was üblicherweise von Nichtjuden über Begegnungen mit „anständigen" Juden erzählt wird und von allgemeinster Bedeutung ist, um deretwillcn alle es kennen sollen: — „Ein Jude aus dem .Nachbardorfe, Mauschc genannt, der Vieh- und Länderhandel betrieb, kam damals mit seinem Eselskarren bisweilen durch G. Da bei uns keine Juden wohnten, war dies jedesmal ein Ereignis für die Dorfjungen. Sie liefen ihm nach und verspotteten ihn. Um zu bekunden, daß ich anfing, mich als erwachsen zu fühlen, konnte ich nicht anders, als eines Tages auch mitzumachen, obwohl ich eigentlich nicht verstand, was das sollte. So lief ich mit den anderen hinter ihm und seinem Esel her und schrie wie sie „Mausche! Mausche!" Die Mutigsten falteten den Zipfel ihrer Schürze oder ihrer Jacke zu einem Schweinsohr zusammen und sprangen damit bis nahe an ihn heran. So verfolgten wir ihn bis vors Dorf hinaus. Mausche aber, mit seinen Sommersprossen und seinem Bart, ging so gelassen fürbaß wie sein Esel. Nur manchmal drehte er sich um und lächelte verlegen und gütig zu uns zurück. Dieses Lächeln überwältigte mich. Von Mausche habe ich zum ersten Male gelernt, was heißt, in Verfolgung stille zu schweigen. .Er ist ein. großer Erzieher. für mich geworden. Von da an grüßte ich ihn ehrerbietig. Später, als Gymnasiast, nahm ich die Gewohnheit an, ihm die Hand zu geben und ein Stückchen Weges mit ihm zu gehen. Aber nie hat er erfahren, was er iür mich bedeutete. Es ging das Gerücht, er sei ein Wucherer und Güterzerstückler. Ich habe es nie nachgeprüft. Für mich ist er der Mausche mit dem verzeihenden Lächeln gebhehen, der mich noch heute zur Geduld zwingt, wo ich zürnen und toben möchte". Es mag manchem doch zu denken geben, aus dem Munde eines, dem die Liebe der Welt gehört, diese Worte für einen Juden zu hören, der er in eine von ihm selbst gebildeten Wertrangordnung gering einschätzen will. Es will scheinen, als ob dieses Wort vieles von dem aufwiegt, was man Einzelnen vorwerfen zu müssen geglaubt hat. Aber es geht um etwas Anderes: Die in Berlin und die in allen Teilen des Landes, die Ärzte, die Kaufleute, die Juristen und die Viehhändler — sie alle gehören ja heute zu einer unlöslichen Schicksalsgemeinschaft. Sie gehörten schon immer zu ihr, nur sie hatten es oft vergessen, weil sie nicht mehr deutlich war. Minister Dr. Goebbels hat einmal in einer Rede das Beispiel der Chatten erwähnt, die aneinandergekettet in den Kampf zogen. Einer, der sich aus der Kette befreien wollte, mußte notwendig alle anderen zu Boden reißen. Gilt das nicht auch von uns? Und derjenige, der da meint, daß ihn selbst keine Schuld an dem Schicksal der Zeit träfe, daß er vielmehr die der anderen mit tragen müsse, ist dem sehr verwandt, der nicht begriffen hat, was es heißt, zum Kampf aneinandergekettet zu sein. Denn nun, in diesem Augenblick, .sind alle vorherigen Unterschiede verschwunden, gleich ist die Entfernung von einem Güed der. Kette, zum nächsten. Vielreicht hat dieser oder jener mehr „Schuld" auf sich geladen; was kommt es heute darauf an. Für uns Juden jedenfalls ist keiner besser und keiner schlechter. Dieses Wissen aber muß man von allen verlangen, die am Neuaufbau des Judentums helfen wollen. Und wer vermöchte davon sich auszuschließen? Hans Samter. Wieder Berner Prozeß Um die „Protokolle der Weifen von Zion" Bern. Im Börner Schwurgerichtssaal wurde am 29. April, 9 Uhr früh, der Prozeß um die „Protokolle von Zion" wieder aufgenommen. Nachdem der Gerichtspräsident das Zeugenverhör als abgeschlossen erklärt und ein weiteres Vernehmen von Zeugen der Klüger oder Beklagten abgelehnt hatte, wurden die Verhandlungen durch mündliche Darlegungen der drei Sachverständigen, des Baseler Universitätsprofessors Dr. Arthur Baumgarten, des Herausgebers des Bulletins für antisemitische Auslandspropaganda „Welt-Dienst", Oberstleutnant Ulrich Fleichhauor, und des gerichtlichen Sachverständigen Schriftsteller CA. L o o s I i eingeleitet. Die Kittger, die Jüdische Gemeinde Bern und der Schweizerische Jüdische Gemeindebund, sind durch den nichtjüdischen' Rechtsanwalt Prof. Dr. H. Marti vertreten. Da die tanze Prozedur mündlich ist und die Berichte der Sachverstanigen sehr. umfangreich sind, wird diese Schlußphase des Prozesses voraussichtlich fünf bis sechs Tage in Anspruch nehmen. Dor Gerichtspräsident wird seinen Urteilsspruch ebenfalls in mündlichen Ausführungen begründen. Von den Beklagten waren Acbersold, Haller und Silvio Schnell erschienen. Aus München war dio Mitteilung eingetroffen, daß dor Angeklagte Fischer verhindert sei, an den Verhandlungen teilzunehmen. Zu Beginn der Verhandlung teilte Gerichtspräsident W. Meyer mit, daß der Untersuchungsrichter der vom Anwalt Rusf eingereichten Strafanzeige wegen falscher Zeugenaussage gegen Dr. Weizmann, Exminister Miljoukeff, Prof. Swatikoff, öberrabbincr Ehrenpreis u. a. in bezug auf neun von zehn der Angeklagten keine Fo 1 gc. gegeben habe. Uber die Anzeige gegen den zehnten Zeugen der Oktobcrverhandlungeh, Burtzeff, wird der Untersuchungsrichter später die Entscheidung treffen. Für diese Verhandlung sei im Einvernehmen mit der Staatsanwaltschaft die Strafanzeige aufgehoben. Im Vorlauf der Verhandlung erfolgte eine Aussprache über die Betätigung des Gutachters Fleischhauer in der antisemitischen Bewegung, wobei diesor bei der Beantwortung der Frage eines Anwalts u. a. erklärt: „Wir wollen dio Judenfrage im Sinne Theodor Herzls läsen. Wir wünschen keine jüdischen Parasiten mehr, die nach festgelegten Plänen zum Kriege hetzen, wir wollen dio Judenfrogc unblutig lösen." Aus dem „Welt-Dienst" Btellt Rechtsanwalt Brunschwig fest, daß liier von einor Ausbürgerung dor Juden, von einem Absprechen der Menschenrechte dio Rede Bei. Die Aussprache wird schließlich mit der Feststellung des Vorsitzenden, daß ein Ablehnungsantrag gegen den Gutachter Fleischhauer nicht vorliege, abgeschlossen. Das Gutachten Profefför Banmgartens Nach einer kurzen Pause nahm sodann der von der Klägerseite "benannte Sachverständige, dor Professor der Rechtswissenschaft an der Universität Basel, Dr. A. Baumgarten, das Wort. Er führte ungoführ aus, Den ersten Eindruck, den man beim Lesen der „Protokolle" gewinnt, ist, daß es sich um ein phantastisches Gobiide handelt, über das dio Geschichte nichts zu berichten weiß. Die „Protokolle" widersprechen auch jedem gesunden Menschenverstand, dcmi Liberalismus und Demokratie sind doch sicher etwas anderes als teuflisches Machwerk. Die „Protokolle" sind nicht» als eine Fälschung. Diese Fälschung bezweckt, die Juden in den wüstesten Farben zu schildern. Eino solche Fälschung kann nur das Machwerk eines Antisemiten des 33. Hochgrades sein, und nicht eines „Repräsentanten Zions des 33. Grades", wie die gefälschten „Protokolle" unterschrieben sind. Die „Protokolle" erschienen zuerst in dorn Blatt der berüch- " tigten. russischen Reaktionäre, dio man als „Die Schwarzen Hundert" bezeichnete, in der „Snama". Prof. Baumgarten beschäftigte sich sodann mit den Ausgaben der „Protokolle" von Nilus und Butmi und schildorte dio Persönlichkeit des Nilus, der halb geistesgestört war. Nilus selbst habo absolut nicht an dio Echtheit der „Protokolle" geglaubt und erklärt, Gott könne auch durch den Mund eines Fälschers dio Wahrheit sprechen. < Eino bedeutende Rolle in der Gesclüchto der „Protokolle" habo der notorische Fälscher Ratsclikowsky, der überdies ein großer Judenfeind war, gespielt. Sein Hauptmitarbeiter war der Fälscher Golowinsky. Bejde seien hervorragende Agenten der russischen Geheimpolizei des Zarenreiches gowesen, denen für ihre Zwecke jedes Mittel recht war. Die gefälschten „Protokolle" standen Ratsclikowsky schon in. den 90er Jahren zur Verfügung. Die russische Regierung schenkte ihnen jedoch vorerst keine. Beachtung, und es war auch nicht leicht, dem großen Publikum die Fälschung als echte Protokolle hinzustellen. Die ,;ProtokolIe" wurden' sodann Nilus in die Hände gespielt, der mit ihrer Hilfe am Hof Einfluß zu gewinnen und insbesondere den mit vielen hochstehenden Persönlichkeiten, u. a. auch Ratschkowsky, verfeindeten Günstling des Zaren Nicolaus IL, den ■ französiscl Magneliseur Phillip, zu verdrängen suchte; Da Phillip Mariir, war, also einem mit dem Freimaurertum in Beziehung stehenden Orden angehörte, mochten die „Protokolle" als geeignete Waffo gegen ihn gelten. Die Intrigue mißlang jedoch, und Nilus konnte sich am Hofe nicht halten. ' Bedeutungsvoller als dio Vorgeschichte erscheint dem Begutachter die Frage nach den literarischen Quellen der

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