Jüdische allgemeine Zeitung
- Journal
- Jüdische allgemeine Zeitung
- Volume
- 15 (1935)
- Issue
- 14 (3.4.1935)
- Date
- 1935-04-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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BERLIN 3. April 1935 Eitokurl-j^ PREIS 25 PP. Nr. 14 / IS. Jahrgang JUDISCHE ALLGEMEINE 8ohriftleitung and Geschäftsstelle: Berlin W IG, UMandstr. 108. Fernruf: J 2 Oliva G9G8. Bankkonto: Kreditvorein. für Handel und Oeworbo eOmbH, Berlin N 24. — Bezugspreis: KM. 1,— monatlich (r.uzügl. BM. 0,10 Zeitangegebuhr und Bestellgold), boi Strolfbandvorsand tuzllgl. RM. 0,30. «SSSSSS&f Verlag: VorlagSBonoBsonsohaft in Doutaohland ansässiger Juden tu Berlin eOmbH., Berlin W 16, Dhlandstr. 158. Anrelgooprolso: Die 12gespaltene mm-Zeile KM. 0,16, f. Familionantoigen KM. 0,10. f. Stellongeauoho KM. 0,08. Bei unverschuldeter Niohtbolieforung bosteht kein Anspruch auf Vergütung. NEU E FOLGE DER JUDISCH-LIBERALEN ZEITUN Reiie durch DeutMiland Von HEINRICH STERN :j Wenn man nach so ziemlich beendeter Winterreisetätigkeit /iher/dio innere und Süßere Lage der religiös-liberalen Gruppen .dn'.Bild entwerfen will, so ist zunächst folgendes zu sagen: Einige ganz wenige Fülle müssen ausscheiden, in denen Außere Umstände eine gedeihliche Arbeit erschwerten oder unmöglich gemacht haben. Leider Bind davon einige unserer ältesten und besten Gruppen betroffen worden. Im allgemeinen aber darf man wohl sagen, daß unsere rein religiös aufbauende Tätigkeit von keiner Seite beanstandet wurde. Immer wieder bleibt erstaunlich, wie sehr die Stammcsunterschiedo in Deutschland auch auf die jüdische Bevölkerung Einwirkung hatten. ' Nicht nur Dialekt und Landschaft, nicht nur Ausdrucksform und Arbeitstempo sind verschieden, auch die ganze Einstellung zu geistigen Dingen, insbesondere zu jadischer Arbeit, ist grundverschieden, ob es sich etwa um Bremen oder Augsburg, um Dortmund oder Liegnitz handelt. In Nord- und Ostdeutschland ist die Lust am Theoretisieren größer, in Suddeutschland legt man mehr Wert auf praktische Betätigung, auch wenn diese Tätigkeit alles andere eher als liberal im klassischen Sinne zu nennen ist. Wer hier vermitteln und verschmelzen will, hat es daher nicht immer leicht, sich umzustellen. Selbst wenn man hintereinander drei Gemeinden besucht, die so nahe ancinandcrlicgcn wie Nürnberg, München und Augsburg, so ergeben sich erstaunliche Verschiedenheiten des Temperamentes und der Arbeitsweise, die nicht nur auf äußere Einwirkung zurückzuführen sind. Gerade die Judenhcit in Bayern, die Jahrhunderte auf dem Lande golobt hat, ihid erst verhältnismäßig spät Stadtvolk wurde, hat von ihror fränkischen bzw. altbayerischen, bzw. schwäbischen Umwelt außerordentlich' viel übernommen. Hochinteressant und noch lange nicht genug ausgemünzt ist dio Familiengeschichte dieser alteingesessenen jüdischen Familien, ihr Aufstieg aus dem Handwerk zu Handel und Fabrikation, wie ich ihn an verschiedenen Orten urkundlich belogt gefunden habe, und ähnliche wirtschaftliche und soziale Vorgänge. Die starke Verbundenheit mit Landschaft, Sprache und Kultur der Umwelt .zeigt sich, wohin aucli immer man kommt. Wenn daher heute von gewisser streng orthodoxer Seite der Versuch gemacht wird, ein Diaspora-Judentum aufrecht zu erhalten, das Bich sprachlich und kulturell absplittern und einkapseln will — man lese z. B. das in seiner Weltfremdhcit kaum noch ernst zu nehmende Buch des Rabbiners Schwab, das euphemistisch „Heimkehr ins Judentum" genonnt ist — wird er an den gcschichtlii hen und natürlichen. Gegebenheiten scheitern, wobei ich hier noch gpnz außer Betracht lassen will, wie abwegig die ganze Reaktion vom rein jüdischen Gesichtspunkt aus ist. Im allgemeinen ist eine erfreuliche Tatsache an die Spitze zu stellen. Die- Notwendigkeit religiös-liberaler Aufbauarbeit wird durchgängig bejaht, das Ausruhenkönnen von innerjüdischer Politik wird fast überall nicht nur begrüßt, sondern gefordert. In 'der Praxis freilich gibt es zahlreiche Schwierigkeiten. Menschliches, Allzumcnschliches spielt immer noch , eine unerfreuliche Rolle, auch in dieser ernsten Zeit und auf dem innerlichsten Gebiet menschlicher Arbeit, auf dem religiöson. In manchen Gemeinden kann man sich, nicht entschließen, einem „bewährten" (lucus a non lucendo) Ortsgruppenvorsitzenden, der seit Jahren nichts getan hat, den notwendigen deutlichen Wink zu geben; an anderen Orten wird dieselbe Arbeit an drei oder vier verschiedenen Stellen getan, und da dio Leute sich sagen, daß' man nicht zu allen Veranstaltungen und Organisationen gehen könne, so will man keinem weit tun und bleibt ganz zu Hause. Das Tragikomische dabei ist, daß sehr oft dieselben Menschen etwa als Voraitzende des SynagogcnvcrcinB lebhaft dagegen Protest erheben, daß sie selbst als Vorsitzende dor liberalen Gruppe tätig werden; sie beschweren sich bei eich selbst über sich selbst. Ich habe wederholt vorsucht, zu erreichen, hie und da mit Erfolg, daß die religiöse Arbeit zusammen gelogt wird. Das ist mehr als cino organisatorische Notwendigkeit, denn in vielen „Einheitsgcmoindcu", die in Wirklichkeit zu 90 bis -95 Prozent liberal sind, richtet man dio religiöse-Arbeit nicht etwa, nach den 90 Prozent. Mehrheit, sondern nach den 10 Prozent . Minderheit orthodoxer , oder ..— schinkenorthodoxer Gemeindcmitglieder. Hier sollte die liberale Ortsgruppe dio Arbeit fest in die Hand nehmen, noch mehr natürlich überall da, wo das Vorhandensein wirklich beachtlicher Mengen religiös andersdenkender Gcnieindemitglicdor die Gemeinde davon abhält, sich einseitig festzulegen. Diese Fälle sind aber äußerst selten. Ich' habe unter zwei Dutzenden mittleren und größeren .Gemeinden eigentlich nur einen einzigen Foll gefunden,, in denen dio Konservativen ernsthaft Wert darauf gelegt hoben, mit den Liberalen auf religiösem Gebiete auf sozusagen mittlerer Liuio zusammenzuarbeiten., . Im allgemeinen —und wie ist es Einfamkeit / Von FABIUS SCHACH Einsamkeit ist seelische Tragik, sich verlassen fühlen, unverstanden und im inneren Wert verkannt sein, ist ein schweres Schicksal, das nur Wenige ohne inneren Schaden ertragen können. Denn der Mensch ist nach Aristoteles ein zoon politikon, ein geselliges Geschöpf, oder, wie wir heute sagen, ein soziales Wesen, zum Geben und Nehmen bestimmt. Die Einsamkeit kann zur Erstarkung der inneren Kräfte, zur Entwicklung des Charakters, zur Vertiefung des Wesens führen. Sie kann aber auch zur Einseitigkeit, zum Trotz werden und sich als Ungerechtigkeit, als Verkennurrg des Lebenssinnes auswirken. Und es gibt auch eine Einsamkeit unter den Völkern. Israels Schicksal in der Geschichte ist die Einsamkeit. Schon der heidnische Prophet Bileam bezeichnet die Juden als „ein Volk, das einsam ruht und unter den Nationen nicht gewertet wird". Und die „Auserwähltheit" Israels, was ist sie anders, als eine Auserwähltheit zu besonders schweren Pflichten, als eine Einsamkeit mitten im rauschenden Leben? Wenn eine ganze Gesellschaft einsam wird, dann schließen sich die Mitglieder enger aneinander, es entsteht eine Potenzierune aller Kräfte, aber es fehlt der Blick ins Weite, die allumspannende Größe der Lebensauffassung. Die Judenheit war in ihrer langen Leidensgeschichte fast immer einsam, sie wurde dadurch geschützt vor mancher Entartung, aber sie verkümmerte auch häufig aus Mangel an Luft, aus seelischer Enge. Die guten, aber auch die schlechten Seiten der Juden haben durch diese Einsamkeit eine Erstarkung erlitten. . ,Die Einsamkeit hat im' Laufe der Jahrhunderte häufig ihre Gestalt geändert, das Wesen ist geblieben. Solange die Juden in der geschlossenen Welt des Ghettos lebten, fühlte man die Einsamkeit weniger. Sie wurde fühlbarer, schmerzlicher mit dem Eintritt ins moderne Leben. Sich gleich fühlen und doch verkannt, mit seiner Sehnsucht alles umfassend, und sanft oder roh zurückgestoßen zu werden, nach Harmonie mit dem Ganzen, Großen lechzend, und zurückgewiesen wegen des Namens, den Generationen in Ehren getragen haben, wegen des Blutes der großen Ahnen, das in den Adern fließt, — das ist das Schicksalsbild Israels. Oft wurde die große Maskerade als Ausweg gesucht. Man versuchte die -Flucht ins Große, man wollte sich als Jude verlieren, um sich als moderner Mensch zu finden, das Blut der Väter revoltierte. Oft betrat man den Weg der Paktierung, der ewigen Konzessionen: halbjüdisch, vierteljüdisch sein, — das führte, wie alle Wesensverleugnung, zur Schwäche und nicht zur Stärke. Noch schlimmer wurde die jüdische Einsamkeit, wo die äußere Emanzipation nur Schein war, wo man auf dem Papier, aber nicht im Herzen die Gleichheit der Juden anerkannte. Eine menschliche Annäherung als juristischer Akt ohne Liebe ist ein Zerrbild der Kultur. Wo man das Jüdische garnicht verstand, wie sollte man ihm gerecht werden? Man verzieh großmütig den jüdischen Schönheitsfehler, in der stillen Hoffnung, daß er allmählich ganz schwinden werde. Wie sollte dabei Gesundes, Ganzes, Harmonisches entstehen? Der Jude sah den Weg ins Wehefrei, er sah nicht die unterirdischen Hindernisse. Er stürzte sich ins große Leben, schuf Hervorragendes in Kultur und Wirtschaft, und das Jüdische in ihm verarmte. Häufig fing er selbst an, das Jüdische mit den Augen des Gegners zu betrachten. Merkwürdige Experimente zeigte diese Situation. Es entstand eine Sorte von Juden, die ihr Judentum, sei es aus Erkenntnis, sei es aus Pietät, nicht aufgeben wollten, und sich gleichsam in zwei Teile teilten: draußen modern, in der Synagoge und Familie traditionell. Oft kollidierten beide Elemente miteinander. Es entstand eine Sterilität ohne Entwicklung, und das Religiös-Schöpferische, das eigentlich jüdische Element, wurde abgeschnitten. Wo die auch anders möglich I — gehen die Konservativen ihre eigenen Wege, und die Liberalen sollten es ebenso machen. All diesen Differenzen und Schwierigkeiten wird dio Spitze abgebrochen, wenn für religiöse Arbeit, die über den elementaren Geschichtsunterricht oder die elementarste Unterweisung in jüdischem Brauchtum hinausgeht (wie es etwa dieKlcinkindorarbeit verlangt), die religiös-liberale Gruppe dio Führung für ihre Leute übernimmt. Will die Gemeinde etwas tun, so mag sie Geld und Räume geben. Dos führt nun auf das Gebiet der jVcreinsarbeit selbst. Wir haben glücklicherweise eine Reihe von Grappen — ich nenne z. B. ohne Anspruch auf Vollständigkeit Breslau; Mannheim und Dortmund —, die' sich nicht groß den Kopf zerbrochen, sondern angefangen haben zu arbeiten. Ein Erlebnis, wie dio Frcitagabendfeier des Breslauer liberalen Vereins, iBt wegweisend und richtunggebend. Wenn hier für 150 Ärmste dor Armen eine Stunde innerster Erhebung gerade von religiös-liberaler Seite geschaffen wird, wenn hier führende Männer der Verwaltung und ihre Familien in herzlicher Verbundenheit gerade mit den „kleinen Leuten" Sabbattisch und Sabbatmahl teilen, so ist das Erbauung und Aufbau zugleich. Es bricht sich auch immer mehr die Erkenntnis Bahn, daß man dio religiöse Arbeit nicht nur auf Kinder und Jugendliche abschieben kann. Gerado die Generation zwischen- 30 und 50 Jahren' bedarf am stärksten dieser. Zurückführung 'ins Judentum.Außerordentlich aufschlußreich in diesem Sinne ..waren die Aussprachen, die sich in' engerem Kreis an gehaltene Vorträge anschlössen. Derartige Diskussionen über tiefste religiöse Probleme und jüdische Gemeinschaftsaufgaben wären in diesen Kreisen noch vor wenigen Jahren unmöglich gowesen. ' Man ist oft versucht, mit oiner gewissen Wehmut den Segensspruch ,,m' schanneh hbittim" zu sprechen. Als ganz besonders wichtige-Aufgabe erweist sich überall die Nptwendjgkeit, sogen. Elternabende zu schaffen, welche in den Geist und in dio Form häuslichen jüdischen Lebens hineinführen. Die Schwierigkeit' liegt nur leider, namentlich in kleinen Gemeinden, an dem Mangel an geeigneten Lehrern und Führern, die oltjüdischcs Wissen mit moderner pädagogischer Befähigung vorbinden. Pädagogik an Erwachsenen ist besonders schwierig. Auch liier müssen neben die Rabbiner die wenigen „gebildeten Laien" treten, welche auf Grund ihres Wissens und noch mehr auf Grund ihrer Persönlichkeit in der Gemeinde Einfluß haben. Dio Notwendigkeit, hier weitere Gebiete zu umfassen, wird unsere Vereinigung dazu zwingen, Landesverbände aufzubauen und ihnen Redner und Lehrer zur Verfügung zu stellen. Zu all dem aber gehören wirkliche Opfer. Neben einigen Menschen von hingebender Treue und Opferwilligkeit steht immer noch die Menge dorer, dio die Zeit nicht begreifen können. Sie sind mit „anderweitigen Verpflichtungen" überlastet und können unmöglich für eino Organisation einen Jahresbetrag auswerfen, der den Gegenwert eines besseren Kinobesuches darstellt. Hier stehen wir noch sehr am Anfang. Dio Versäumnis von 30 Jahren ist nicht in 30 Monaten nachzuholen. Ein Letztes und dos Erfreulichste: Das Erwachen der Jugend für die Notwendigkeiten religiösen Aufbaues. Hioi muß mit sehr weichen Händen angofaßt werden, und man muß sich in gleicher Weise fernhalten von Gönnerhaftigkeit und von Liebedienerei. Tage wio die kürzlich stattgehabte Jubiläumatagung in Liegnitz zeigen liier die Möglichkeiten, die gegangen werden können, und dio Grenzen, die nicht überschritten werden dürfen. . An vielen Orten wunderte man sich idorüber,. daß ich von zu hastiger Mitgliederwerbung abriet. Eine solche Werbung darf erst, stattfinden, wenn eilte praktische. Arbeit geleistet ist,-auf dio man hinweisen kann. Propaganda lediglich auf Grund eines Vortrages, dem nichts, nachfolgt, führt dazu, daß die Ncugoworhenen doppelt enttäuscht nicht nur dio Organisation aufgeben, sondern ari der Bewegung irro-werden. Eine lebendige Bewegung,. wirbt leicht, eine noch so fähige Organisationsleitung aber'kann auf die Dauer nicht über dio Gedankenarmut 'lünwegtäuBchen. Ceteruxo, censeo:' Ernst hincueiil. An irgendeiner Stelle anpacken, dann aber nicht mehr loslassen!