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Jüdische allgemeine Zeitung · 1935-03-20 · 12 (20.3.1935) · page 1

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Journal
Jüdische allgemeine Zeitung
Volume
15 (1935)
Issue
12 (20.3.1935)
Date
1935-03-20
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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BERLIN 20. Märac 193S /^d^^^^M^ REIS 25 PF. Nr. 19 / Ift. Jahrgang JÜDISCHE AUGEMEIME BohrifUeitiüi* and OeKbUtestell«: Borlin W 16, Dblsodstr. 16S> Fornrai: J2 OHTofi9€8. Bankkonto: Kredttvoroln ftti Handel und Geworbe odmbH, Berlin N SHi — Bezugspreis': UM. 1,— monatlloh («asflgl. HH. 0,10 Zeitang'«4r«Mhr und BtttolJfald), bei Strolfbandvanond luiOgl. RM. 0.B0. / r ^-tt» r*v t *7 ft*?^? #iwC*7 .mS- £./ S>..¥ S^,,/ Verlag: VorlnffSffcmoBSeinobnft <o Sontsohland inslMigcr Juden tn Berlin cQmbH., Berlin W 16, tlhlandiir, 158. AuzoUlbnprolBo: Die 12gupaltens mm-Zelle RM. 0.16, f. FamUlonanuigen IUI. 0,10, f. BteUengoauohe RM. 0,08. Bei unverschuldeter Nlohtbelieferung besteht kein Aniprnoh aal Versütang. NEUE FOLGE DER JÜDISCH-LIBERALEN ZEITUNG Opferbereitfchaft Als am Vorabend des Heldengedenktages Extrablätter den Aufruf des Führers und Reichskanzlers, zur allgemeinen Wehrpflicht verkündeten und damit der Anspruch auf Wahrung der Ehre und Sicherheit der deutschen Reiches proklamiert wurde, wurde zugleich auch dem Andenken an die Helden, die in den schicksalsschweren Jahren des Weltkrieges den Tod für das deutsche Vaterland erlitten haben, ein ehrendes Denkmal gesetzt. In der Heldengedenkfeier im Berliner Sportpalast, in der Reichsminister Dr. Goebbels jenen Aufruf verlas, der auf alle deutschen Sender übertragen wurde, schloß er die Verkündung des Gesetzes für den Aufbau der Wehrmacht mit den Worten: „Damit sind. die Toten des großen Krieges geehrt." Von den hunderttausend Juden — einem Fünftel der jüdischen Bevölkerung Deutschlands —, die zum Heeresdienst eingezogen waren, und von denen alle an dem Platz, an den militärische Notwendigkeit und Befehl der Vorgesetzten sie gestellt haben, genau so -ihre Pflicht erfüllten wie ihre nichtjüdischen Kameraden — haben zwölftausend ihr Leben für Deutschland hingegeben. Sie alle haben sich tapfer geschlagen, und sie wurden ausgezeichnet. Sie wurden . befördert und wurden dekoriert, und wenn sie , fielen, dann übermittelte-man den Angehörigen die Eisernen' Kreuze und sprach dabei rühmend von den gefallenen „Helden". Am Jahrzeittag darf man der guten Taten der Verstorbenen gedenken. Man darf dabei auch das Selbstverständliche sagen. Und man darf auch betonen, daß die deutsche Judenheit ein Recht hat, mit Stolz und in stiller Ehrfurcht ihrer Söhne zu gedenken,, die gemeinsam mit allen anderen und erfüllt von demselben Geist und von derselben Opferbereitschaft, sich in heldenmütigen Kämpfen als Helden bewährt haben. Um so schmerzlicher waren die Empfindungen der Besucher des sonntäglichen Trauergottesdienstes für die Gefallenen in 'der Synagoge in der Oranienburger Straße, als sie sehen mußten, daß das Gotteshaus auf behördliche Weisung ohne den Flaggeinschmuck bleiben mußte, der an diesem Tage sonst das äußere Symbol der Ehrung der Toten war. Tiefreligiöse Weihe lag über dem geheiligten Raum, als unter Orgelklängen die endlose Schar der Kameraden de9 RjF, die Mitglieder des Militärvereins „Deutsches Vaterland" und des Kameradschaftlichen Vereins deutscher Soldaten mit ihren Bannern ihren Einzug hielten. Dem Zug vorangetragen wurde ein aus Blumen gebildeter Schild des Reichsbundes Jüdischer Frontsoldaten. Nach dem Chorgesang des Lewandowskischen „Enausch" hielt Rabbiner Dr. Lewkowitz die Predigt. „Es gehört;'zum Leben des jüdischen Menschen, daß wir dem Leben der Gegenwart zugewandt sind. Doch das heißt nicht vergessen, was früher war. Das ganze deutsche Judentum gedenkt heute der zwölftausend Juden, die im Weltkrieg ihr Leben für das Vaterland hingaben. Ereignisse von unerhörter Macht haben in unser Leben eingegriffen. Eine ganze Welt, ist für uns versunken. Neue, harte Wirklichkeit umgibt uns. Doch hell leuchtet das Bild jener Zwölftausend in das Dunkel unseres heutigen Lebens. Wir erblicken in ihnen das Symbol selbstloser Heimatliebe. Denn nicht um der Ehre und der Anerkennung willen sind sie in den Kampf gezogen, allein das Gefühl der Verpflichtung ihrem Heimatlande gegenüber hat sie geleitet. Wenig ist uns von dem Glück der Heimat geblieben. Man hat unseren Lebensraum eingeengt, und bange Sorge erfüllt uns um die Zukunft. Um so wert-* voller ist uns das Vorbild unserer Toten. Sie haben uns gelehrt, die Heimat selbstlos zu liehen. Trotz allem . Leid wollen wir uns seelisch nicht von ihr lösen, mit deren Sprache und Bildung wir verbunden sind, auf deren Boden Juden seit Jahrhunderten gelebt haben. Aber auch ab Juden sind jene Männer in den Kampf gezogen. Sie wollten Zeugnis ablegen für den Geist des Judentums. Man sieht in uns Vertreter einer materialistischen Weltanschauung, die die Seele des deutschen Volkes vergifte. Gibt es einen idealeren Beweis für die Selbstlosigkeit als diese Opferbereitschaft im Kriege? Sie muß auch heute bereit sein. Verzichtet nicht — rufen die Toten uns zu — auf die bescheidenen Freuden des Daseins, aber vergeßt darüber nicht euer Judentum! Seid nicht deshalb Juden, weil man euch dazu gezwungen hat, sondern seid bestrebt, im Glauben der Väter euer Leben zu einem jüdischen zu gestalten! Wir haben für unser Judentum viel Schweres zu erdulden. Wir werden nur fähig sein, es zu ertragen, wenn der Glaube unserer Väter uns beseelt, wenn Treue und Opferbereitschaft vorhanden sind. Unsere Helden im Weltkriege haben ihre Treue zum Judentum bewiesen. Ihr heldisches Kämpfertum zeigt auch uns den Weg. Wenn auch unserer Aktivität weitreichende Grenzen gesetzt sind, so dürfen wir doch unser geistiges Leben nicht verarmen lassen. Als religiöse Juden haben wir die Pflicht, uns in den Grenzen zu halten, die man uns gezogen. Aber die Ehre des Judentums verlangt von uns, daß wir nicht Menschen minderer Ehre sind. Wir wollen uns durch all das Traurige nicht die Liebe zur Heimat zerstören lassen. Wir wollen innerhalb der engen^Grenzen unsere Pflicht Kölner Gemeindeblatt verboten Köln. Der „Westdeutsche Beobachter" meldot: „Das in Köln erscheinende Gemeindeblatt für die jüdischen Gemeinden in Rheinland und Westfalen wurde wegen Verächtlichmachung des nationalsozialistischen Ilasseempfindens und einer dreisten Beschimpfung des Westdeutschen Beobachters auf drei Wochen verboten. Der verantwortliche Rcdakteur, der Kölner Judo Fritz Neulaender, wurde von der Staatspolizei in'Schutzhaft genommen." Das Blatt fügt seiner Meldung folgendes hinzu: „Der Westdeutsche Beobachter hatte unlängst mit einem Artikel seines Redakteurs Peter Schmidt das wieder unglaublich dreist gewordene Geschäftsgebahren jQdischer Hundler in der Kölner Altstadt gebrandmarkt. Anstatt die Leser des Jüdischen Genieindeblattes zu der Bescheidenheit anzuhalten, die ihnen als uneingcladenen GüBtcn des deutschen Volkes zukommt, hatte der Redakteur Neulaender einenzynischen Artikel verfaßt, der im Weltbühnen- Stil den Westdeutschen Beobachter und seinen Aufklarungskampf in der rheinischen Bevölkerung zu ironisieren versuchten. Dem Schriftleiter und Gauabteilungsleiter Pg. Schmidt waren ab Verfasser des Artikels im Westdeutschen Beobachter eigennützige Motive unterschoben worden. Die Staatspolizei hat Neulaender nunmehr wegen dieses dreisten Angriffs auf dos Rcgierungsorgan in Schutzhaft genommen und das Verbot seiner Zeitung vorhängt 1" Gegen Warenhäufer und jüdifche Gefchäfte Scharfe Stellungnahme des Gauleiters Grohe Im Rahmen der Kölner Frühjahrsmesse fand, wie das „Berliner Tageblatt" berichtet, eine große Kundgebung des Westdeutschen Einzelhandels in Verbindung mit der Reicnswirtschaftsgruppe IX Handel statt. Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand die Rede des Gauleiters Staatsrat G r o h 6, der sich in - grundsätzlichen Ausführungen gegen die Warenhauser und die jüdischen Geschäfte wandte. Früher sei, so meinte der' Gauleiter, dos Warenhausproblem rein wirtschaftlich angesehen worden. Das Warenhaus verkaufe Schundware zu billigen Preisen, so daß ein großer Teil des Volkes um sein Geld im Warenhaus betrogen werde. Die Warenhauser seien im allgemeinen in jüdischen und damit in freriidrassigen Händen. Es sei ein Verrat an der deutschen Wirt schaf t,'wenn heute noch Kaufe in einem Warenhaus gemacht würden. Es Bcien loider, noch weite Kreise' in der Wirtschaft, die nicht die moralische Verpflichtung fühlten, das vom deutschen Staat ihnen gezahlte Geld zudeutschen Volksgenossen zu tragen. Die Konsumvereine dürften mit dem Warennaus nicht auf eine Stufe gestellt werden, da sie durch das Kapital von deutschen Arbeiten] aufgebaut worden seien. Man müsse endlich ernst damit machen, jeden Einkauf bei Juden abzulehnen. Dies wolle man nicht , nur für den. Einzelhandel, sondern auch für alle Kreise des deutschen Volkes durchgeführt wissen. Es sei ebensogut Aufgabe des Mittelstandes wie der Behörden, den jüdischen Unternehmungen so schnell wie möglich' den Guraus zu raachen, indem man keinen Einkauf mehr bei Juden vornehme. Je schroffer und entscheidender jedes Fremdrassig« abgelehnt werde, um so 6tolzer werde einst die Go- Bchichte Über die heutige Zeit berichten. erfüllen im Interesse der Gesamtheit, ohne daß die jüdische Pflichterfüllung gemindert wird." Mit einem Gebet schloß Dr. Lewkowitz seine Ansprache, der Oberkantor Gollanin, während sich die Fahnen auf dem Almemor senkten, mit ergreifender Andacht das „El mole rachamin" und das Kaddischgebet der Seelenfeier folgen ließ. Chorgesang beendete die ergreifende und erhebende Feier, in der unsichtbar das Memorbuch aufgeschlagen war, in dem die Zwölftausend verzeichnet sind, die in treuer Pflichterfüllung mit ihren Kriegskameraden starben, damit Deutschland leben kann, Pflichterfüllung und Opferbereitschaft! Sie müssen heute mehr denn je zu Leitsternen unseres innerjüdischen Lebens werden, das es nicht verträgt, wenn es in dieser sorgenvollen Zeit durch überflüssige Polemiken Belastungsproben ausgesetzt wird, denen die Situation alles andere als günstig ist. * Nach der Trauerfeier in dor Synagoge, an der u. a. auch der Vorsitzende des GemeindevorstandeB, Direktor Heinrich Stahl, und das Vorstandsmitglied Moritz Rosenthal teilnahmen, begab sich eine starke Abordnung des Reiclrsbundes jüdischer Frontsoldaten zum Hcldcnmal auf dem jüdischen Friedhof in Weißensee, wo der blumengeschmückte Silberschild dos RjF nach Ansprachen von Kammergerichtsrat i. R. Dr. Dienemann und dem Landesverbandsvorsitzenden des RjF für Berlin und Brandenburg, Walter Callmann, niedergelegt wurde. Gedenkfeier in Hannover Hannover. Auch in' diesem Jahr verlief die Gedenkfeier für die im Kriege Gefallenen höchst eindrucksvoll. Die Synagogo war dicht gefüllt. Der Chorgesang „Ober den Sternen" von Flemming eröffnete die Feierstunde. Währenddessen zog das umflorte Bundesbanner des RjF durch den Haupteingang der Synagoge und nahm auf dor Estrade Aufstellung. Das „Schiwissi" von Sulzer leitete über zu der Predigt des Landrabbiners Dr. Freund, der ihr daa Wort des letztsabbatlicben Propheten-Abschnittes: „Wahrlich, gewichen ist die Bitterkeit des Todes" zugrundclcgte. Es folgten weitere hebräische Gesänge, Moskir und der Rabbonon- Kaddisch. Beim Schlußgesang „Sei still" von Humperdinck wurde das Bundesbanner mit feierlichem Geleit hinausgetragen. Anschließend fand eine Kranzniederlegung au der Gedenktafel auf dem Friedhof an der Strangriede statt. Die religiös-liberale Tagung in Liegnitz Liegnitz. Der Religiös-liberale Verein der Synagogengemeinde zu Liegnitz und die mit ihm gleichzeitig gegründete .Tugendgruppe, vormals Iii, heute Ortsgruppe des Bundes Deu ts eh - j üdis che r Jugend, blicken dieser Tage auf eine Arbeitszeit von zwanzig Jahren zurück. Aus Anlaß dieses Ereignisses trafen sich die Freunde beider Gruppen zu einer gemeinsamen Tagung am Sonnabend, den 16., und Sonntag, den 17., in Liegnitz, Uber den Verlauf dieser eindrucksvollen Kundgebung, deren Höhepunkte der mit einer Heldengedenkfeier verbundene Festakt in der Synagoge bildete, werden wir in der nächsten Nummer berichten. In die Verantwortung und in den Erfolg der Tagung teilten sieji der bewährte Vorsitzende des Vereins, Rechtsanwalt Dr. Scheyer, und die Ortsgruppe des Bundes. Präfident Roöfevelt über feine x Abltammnng New YoW. Auf eine ihm von Pressevertretern gestellte Frage, ob seine Vorfahren Juden gewesen seien, hat Präsident Roosevelt folgende Antwort gegeben: „Meine Ahnen sind vor 300 Jahren aus Holland hier eingewandert. Ob diese holländischen Vorfahren Juden, Katholiken oder Protestanten waren, kümmert mich nicht solongo ich weiß, daß sie gute Bürger und gottesgläubig waren." II Die Zeit itt nahe in der Ihnen der Briefträger die Quittung über daB Abonnement des kommenden Monats vorlegen wird, übersehen Sie bitte nicht, für die rechtzeitige. Erneuerung Ihres Abonnements Sorge zu tragen, damit keine Unterbrechung in der Zustellung eintritt. Der Bezugspreis beträgt RM. 1,— zuzüglich 10 Pfg. Bestellgeld.

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