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Jüdische allgemeine Zeitung · 1935-03-13 · 11 (13.3.1935) · page 1

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Journal
Jüdische allgemeine Zeitung
Volume
15 (1935)
Issue
11 (13.3.1935)
Date
1935-03-13
Page
– (sequence 1)
Language
German
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wpm BERLIN 13. MAr* 1Ö3S PREIS 25 PF. Nr. 11 >/ 1S. Jahrqang AUGEHEME eohilfUeHrai« und BeflohäftoBWlto: iBsrtln 15, Dhlnodstr. 168. Fomraf: J 2 Oliva 6968. Bankkonto: Krodltvoroln für Handol Und Geworbo tnOmbH, Berlin N 2L — Bemusprois": RM- 1,— monatlloh (tazugl. BM. 0,10 ZoltuHgogebübr und Baatelltfeld), bei Slrelfbandvorwlwä luiugl. KM. 030. Verlag: TerUKttrtUaswniohnit In DeUCsanland niuaiaigQr Juden iu Berlin eOmbH., Berlin W IIS, ühlaadatr. 168. Anielsanproise: DIo ligospalten» mm-Zelle BÄ. 0,16, t.'gitrhilionftntolafen RM. 0,10, f. Stellenjesuohe W. OjX. Bei iia»or»chula*<iter ftlahtbeUeferung Ueatoht koln Anaprudn ouf Vargutang. N E U E FOL Q E DER JUDISCH-LIBERALEN ZEITU NG g des Laibs / Von HEINZ KELLERMANN Mit den ersten Vorboten des nahenden Frühlings wird die strenge Folge des jüdischen Jahres durch eine bunte Maskerade unterbrochen. Hineingestreut in die Festreihe der ernaten Anlässe ist ein Märchen voll Farbigkeit und beschwingter Laune: P u r i m. Alles ist hier zu finden, was ein rechtschaffenes Märchen bieten muß: der mächtige König, die stolze Königin, die gute Fee, der bestrafte Bösewicht, der belohnte Held. Eingetaucht in die Pracht des orientalischen Hofes, entrollt sich die Welt in. der primitiven und urgesunden Folge, wie sie sich die Phantasie des einfachen Volkes von jeher wünscht. Das Aschenputtel aus seiner Mitte gelangt zu königlichen. Ehren, Hochmut kommt vor dem Fall, und die gerechte Sache siegt. Von einem großen Lehrer des Talmud wird das harte Urteil berichtet: „Das Buch Esther ist nicht mit dem heiligen Geiste geschrieben." In der Tat, von Religion und ,gar von Theologie ist in dem Buch Esther herüüch wenig zu spüren. In seinen zehn Kapiteln fällt nicht ein einziges Mal der Name Gottes. Ja, nicht einmal historisch' verbürgt ist Fabel und Fest. Kaum etwas gibt es an ihnen, was' nicht unbestritten wäre. Ungewiß sind. Ort und Zeit der' Gesohichte, ungewiß Zeit und Ort ihrer Entstehung. Von Ahasverus, in dem man König Xerxes I. (485—465 v.) vermutet, abgesehen, sind die Personen des Spiels so unbekannt wie ihr Dichter. Wie weit tatsächliches Geschehnis hier zugrundeliegt, wie weit freie Erfindung am Werke ist, hat die wissenschaftliche Forschung bis heutei nicht erweisen können. Selbst der jüdische Charakter wird vielfach bezweifelt. Unjüdisch ist der Name des Festes, unjüdisch die Namen der handelnden Figuren. Pur hu hagaurol — Pur, das ist das Los, heißt es in der Geschichte, und willkürlich wie das Los; das seine Zeit bestimmte, seheinen Grund und Charakter des Festes. Ein illegitimes Buch und ein illegitimes Fest, haben Historiker und Theologen geurteilt. Mag sein. Aber was tut das? Mag sein, daß das Buch Esther keine geschichtliche Quelle hat, mag sein, daß seine Begebenheiten sich „in Wirklichkeit" nicht oder nicht so zugetragen haben. Spricht das schön gegen die Wahrheit, daß sie keine Wirklichkeit ist? Geschichte ist Wirklichkeit, ist erlebte oder berichtete Wirklichkeit, groß, gut, alltäglich, gemein, nackt oder verkleidet. Märchen aber sind Wahrheit. „Es war einmal ..." Wann oder wie gilt gleich, und es wäre schon kein rechtes Märchen mehr, wenn wir um Ort und Stunde und Name wüßten. Wahrheit hängt nicht an der Einmaligkeit; tut sie es aber, so ist sie keine Wahrheit!' Darum sind Märchen nicht nur geschichtslos, d. h. ohne bestimmten Anlaß, sie sind zeitlos, d. h. von jener schlichten Philosophie des kleinen Mannes, die heute gilt, weil sie gestern galt und morgen wieder gelten wird. — Wir Juden haben im Lauf unserer jahrtausendalten Geschichte immer wieder Gelegenheit gefunden, die Wahrheit von Purim zu überprüfen. Jener Ausspruch Hamans: . . . „es lebt ein Volk zerstreut und abgesondert unter den Völkern" . . . wurde das klassische Motiv der Judenverfolgung, aber auch — in anderem Sinnel — des jüdischen Selbstbewußtseins; an ihm orientierte sich — zeitgemäß gesprochen — das Urteil der Andersartigkeit, wie das der Minderwertigkeit. Purim war Wahrzeichen der Verfolgung, war -Wahrzeichen des—Opf,ermutcsj war Wahrzeichen der Freiheit. In trüben Zeiten war es zum Gedenken an Haman Erweis der Dissimilation, in helleren war es zum Gedenken Esthers und Mordechais ein Fest der Emanzipation. So feierte es z. B. noch Steinthal. Immer wieder aber, zu allen Zeiten, war Purim, das Los-FeBt, das Gedenken unseres Loses, das Märchen von den Juden in seiner ganzen Vielfältigkeit und Buntheit, jene ewige Kette von Verfolgung und Erlösung, von Willkür und Befreiung. Pur hu hagaurol lifne nomon mijaum Pjaum umechaudesch l'chaudcsch- Pur, das ist das Los, vor Haman, von Tag zu Tag, von Monat zu Monat und — wie wir hinzufügen könnten —: l'daur wodaur — von Geschlecht zu Geschlecht. * Wir deutschen Juden von 1935 fühlen die Wahrheit von Purim greifbar nahe. Die Schwere unseres Drucks ist so stark in uns wie die Hoffnung auf Erlösung. Beides verheißt Purim, und wenn schon die Von 1816 bis 1933 YcrölTentlidiuug des Statiftifchen Reichsamtes über die jüdifehe Bevölkerungsbewegung in DeutfcMand Im Rohmen Beiner Arbeiten über dio Religionsgliederung der Reichsbovfilkcrung nach der letzten Volkszählungveröffentlicht das Statistische Reichsamt im neuesten Hoft „Wirtschaft und Statistik" abschließende Zahlen über „die Juden im Deutschen Reiche von 1816 bis 1933". Die Statistik umfaßt also den Zeitraum seit der Emanzipation der Juden in Deutschland. Bei der letzten .Volkszählung 1933 betrug die Zahl der Juden in Deutschland ,ohne Saargebiet 499682, was gegenüber der . Zahlung Von 1925 «ine Abnahme um rund 65000 Personen, bedeutet. Im Jahre 1816t mit dem die statistische Betrachtung beginnt, wurden im Gebiet des Deutschen Reiches 214 000 Juden gezählt. Ihr Anteil an der Gesamtbevöjkerung betrug 1933 0,77 Prozent. Von den deutschen Juden wohnten in den Großstädten rund 334 000. Als Gründe für die BevSlkerungsyerminderung , der Juden, die., von 1925 bis 1933'11,5 Prozent betrug, nennt das Statistische Reichsamt im wesentlichen Sterhefälleüberschuß, Aus- . tritte aus der jüdischen RelijrionsgeijieinBchaft,; Mischehen und die Auswanderung von Juden, die im Anschluß an die. Neuordnung der pclirischen Verhältnisse stattgefunden und noch über die Zählung vom 12.-Juni 1933 hinaus angedauert habe. Seit dem Jahre .1880 ist der jüdische Bevalkerungsanteil in den Großstädten ', gesunken. Er betrug 1933 mit1$ Prozent weniger als die Hälfte des Anteils von 1871. Der Anteil an der Gesamtbcvölkeriüi« Berlins, der 1880,4 v. H. überstieg, ist seit 1900 gesunken, . In .Be'r'l in, sowie in Frankfurt a. M., Breslau, Hamburg, Köln und Leipzig wohnen aber noch heute mehr als 10 000 Juden. Bei der Zählung von 1925 gehörte noch München zu dieser Kategorie. Mit einem jüdischen Bevolkcrungsanteil von .4,7 Prozent (gegenüber 1925 und 1910 6,5 Prozent^ steht Frankfurt a. M. an der Spitze nicht nur der Großstädte, sondern aller Kommunalgemeinden mit 10000 und mehr Einwohnern, Unter , den Kommunalgemeinden zwischen 10000 und 100000 Einwohner ist. oh erster Stelle Püi'th tu nennen, das bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts die zahlenmäßig stärkste - jüdische Gemeindein Franken und. in Bayern überhaupt gewesen war. Der Hauptteil der kleinstädtischen Juden (über ein Viertel) wohnt in der Provinz Hessen-Nassau und im1 Lande Hessen; Die benachbarten .Verwaltungsbezirke um Rhein und Main, älteste Niederlassungabezirke der'Juden in Deutschland,'hohen die höchste Wohndichte der kleinstädtischen Juden. •' . In Unterfranken wohnt die Mehrzahl der Juden in. Gemeinden mit weniger als 10 000 ..Einwohnern. In Nqrdwest-, Nord- und Mitteldeut«cblan'd, aber auch in Ostdeutschland, ist der Abstrom der kleinstädtischen Juden nach der Darstellung, des Statistischen Reichsamtes größer als in den viel älteren jüdischen Niederlassungsgebieten um Rhein, Main und Neckar. In einigen norddeutschen Ländern, die bisher schon eine sehr geringe Zoll] von Juden' gehabt, haben, sind dio kleinstädtischen Juden - heute nahezu verschwunden. Enge unser Teil heute ist, so ist uns doch auch die Weite der Freiheit Verheißen. Indessen: mit den jüdischen Märchen hat es seine eigene Bewandtnis. Sie erfüllen sich nicht von selbst, sie wollen erfüllt werden. Uns Juden ist zwar das gute Ende verheißen, aber geschenkt wird es uns nicht. Weil dem aber so isti darum hat das jüdische Los auch nichts mit blindem' Zufall zu tun. Wie zu Esthers und Mordechais Zeiten will es noch heute aus eigener Kraft gestaltet werden. Duröh frommes Handefalten wird es nicht gewendet. Nicht'jene Stelle' enthüllt die Wahrheit von Purim, in der es heißt! „Bei den Juden war Licht und Freude, Wonne und Ehre1', sondern die Entscheidung Esthers, die mit den Wprten schließt: „w'chaascher owad'ti owod'ti — und wenn ich umkommen soll, nun so komme ich um!" Dieser Entschluß ist Esther nicht leicht gefalleil. Er ist die Folge einer Mahnung, ja, fast möchte es scheinen, einer Drohung;, die Mordechai an sie ergehen läßt. Auö konventioneller Rücksicht und aus Besorgnis um ihre Person hat sich Esther zunächst geweigert, zum König zu gehen, um für das Leben ihres Volkes ..zu .bitten. „Da. sprach Mordechais Denke nicht, in deinör Seele, daß du allein von allen Juden entrinnen werdest, weil du im Hause des Königs bist!" In diesem Augenblick verfliegen alle geheimen, persönlichen Wünsche der'Königin Esther, die Jüdin Esther hat zu sich selbst und zu ihrer Gemeinschaft zurückgefunden. Sie ist bereit, die wiedergewonnene Bindung mit dem Preis ihrer eigenen Person zu bezahlen. Gemeinschaftlicher Einsatz trotz aller Ungewißheit des Ausgangs — das ist der Sinn des jüdischen Loses, wie es das Purimfest verkörpert. Die jüdische Geschichte ist reich an Beispielen, die beweisen, daß sie von den Juden selbst nicht immer verstanden wird. Das gilt gewiß von den Zeiten in denen das jüdische Los die Juden nicht so stark anrührte. Zeiten der Freiheit waren Zeiten der Lösung und der Flucht aus Geschichte und Gemeinschaft. Der Individualismus siegte in Plan und Neigung allerorten. Erst in den Zeiten des Zwangs erwachte die Selmsucht nach Gemeinschaft. Es gibt zwei Arten von Gemeinschaft, eine unechte und eine echte. Der unechten ist es um die Sorge für die eigene Person zu tun; ihr Element ist der Herdeninstinkt. Der echten ist es um die Sorge für den anderen zu tun; ihr Element ist die Verantwortung. Im . Beginn lassen sie sich schwer unterscheiden. Die Angehörigen beider Gruppen geben vor, der gemeinsamen Sache zu dienen und mit dem Schwur zu Gesamtverantwortung oder auch gesamtjüdiBcher Haltung lieben sie es, ihr Gemeinschaftsbewußtsein zu bekräftigen. Diese Ununterecheidbarkeit des Bekenntnisses dauert genau so lange, wie die Ununterscheidbarkeit der Situation. Sie ist in dem Augenblick zu Ende, in dem sich die erste Chance zur Flucht aus der gemeinsamen Situation bietet. Nichts gegen den, der aus innerem Bedürfnis und echter Not die neue Chance als seihen alten Weg erkennt und ihn beschreitet. Er bleibt sich selbst treu und kann auch jetzt noch ohne den Verdacht eines falschen Pathos der .Gemeinschaft von Nutzeh seih. Was aber ciii rechter Herdenmensch' ist, der vertauscht Die Zeit ift nahe in der Ihnen der Briefträger die Quittung über das Abonnement des kommenden Monats vorlegen. wird. Übersehen Sie .bitte nicht, für die rechtzeitige Erneuerung Ihres Abonnements Sorge zu tragen, damit keine ■ Unterbrechung in der Zustellung eintritt. Der Bezügspreis betrügt RM. 1,— zuzüglich 10 Pfg. Bestellgeld.

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