Jüdische allgemeine Zeitung
- Journal
- Jüdische allgemeine Zeitung
- Volume
- 15 (1935)
- Issue
- 9 (27.2.1935)
- Date
- 1935-02-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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B ER LI N 27. Februar 1935 PREIS 25 PF. Nr. 9 / 1S. Jahrgang Eohrlftloitaua und Geschäftsstelle: Berlin W IG, ülibndstr. 158- Foraruf: J2 Oliva'6068. Bankkonto: Kreditverein (Qr Handel und Goworbo eOmbH, Berlin N 24. — Berogspreis: EM. 1,— monatlich (satflgl. -HM. 0,10 ZeltuntsgSbflhr md Bestellgeld), bei Stretfbandvenitnd zntllgi. RM. 0,80. Verlag: VorlagogonoBfloaachaft in Deutschland aniasaiaor Juden tu Berlin eQmbH., Berlin W IG, Uhlandstr. 168: Aniolgonproljo: Die 12eeapoltene mm-Zeile BM. 045, {. Famillerumuiigen BM. 0,10, f. 8tellongeauoho EM. 0,08. Bei unvorschnldeter Nlohtbelieferun» besteht kein Anspruch auf Vergütung. neue: f o l g e der j a d i s c h - l i b e r a l e n z e it u n g '"r,*.\ Von FABIUS SCHACH Es ist häufig so: Wenn man durch eine Gemütserschütterung zur Erkenntnis begangener Fehler gelangt, dann nimmt man auch Sünden auf sich, die man nicht begangen hat. Die Grenze zwischen Schicksal und Schuld wird verwischt, die Kette von Ursache und Wirkung wird durch den Nebel der Gefühle unsichtbar. Wir Juden waren ja von biblischer Zeit her gewohnt, allen Niedergang im Volksleben als Folge der Sünde anzusehen. Ein Blick in die Liturgie der hohen Feiertage zeigt, daß wir Verbrechen beichten, die weder der Einzelne noch die Gemeinschaft — wir beichten ja in Pluralform — jemals begangen hat. Ist das in der Religion, wo daB Gefühl vorherrscht, begreiflich und von Demut zeugend, so kann das übertriebene, der überwachenden Vernunft Entwichene im sozialen und politischen Leben gefährlich werden. Es ist der tiefere ethische Sinn des Leides, daß es zur Besinnung, zum Nachdenken und Uberprüfen des Lebens führt. Räumt man aber, gegen die Wahrheit, ein, daß das Erlebte Selbstverschuldung ist, bo kann das zur Schwächung der inneren Kraft führen. Ein schweres Schicksal kann manohne inneren "Schaden ertragen — davon zeugt unsere leidensreiche Geschichte —i Schuld wirkt erdrückend und zermürbend. Solange man-seinen inneren Wert kennt, ist man moralisch stark, fängt man an, daran zu zweifeln, dann beginnt die Zersetzung. Namentlich bei uns Juden, die wir immer, ob wir wollen oder nicht, das Schicksal und die Verantwortung unserer Gemeinschaft tragen, kann ein falsches Schuldbekenntnis nach innen und außen verhängnisvoll werden. In manchen jüdischen Kreisen hört man heute häufig klagen, daß wir lange eine falsche Politik getrieben haben und daß es „so kommen mußte". Das ist Philister-Logik, und wir Juden sollten eigentlich keine Philister sein, weil das mit unserem Wesen sich nicht verträgt. Man vergißt dabei ganz, daß wir nicht „trieben", sondern getrieben wurden, daß wir selten eine längere Epoche gesunder freier Entwicklung hatten. Wir waren, genau genommen, sichtbar oder unsichtbar, Objekt .und nicht Subjekt der Staats- und Gesellschafts-Politik. Gewiß war es ein ungeheurer Zustand, daß ein großer Teil der deutschen Judenh'eit sich zu den linken Parteien bekannte. Aber haben wir es verschuldet? Die konservativen Parteien huldigten^ einer feudal-reaktionären Weltanschauung und nahmen keine Juden auf, das Zentrum war bei aller religiösen 'Toleranz eine katholische Partei. Ein Blick nach England, wo die Verhältnisse von jeher anders waren, zeigt uns, daß viele Juden dort nicht nur konservativ wählen, sondern auch führend in den konservativen" Reihen sich betätigen. Aber — denken wir uns, daß alle deutschen Juden in Vorkriegszeit konservativ und' nach dem Kriege deutsch national gewesen wären, wäre die heutige Lage auch nur um ein Haar anders?, Wir werden ja/ nicht als politische Gegner, sondern als fremde Risse ausgeschaltet; Unser Blut können wir nicht verwandeln, unsere Eigenart^ in der unsere Kraft, unser geschichtliches Wesen; ruht, können und wollen wir nicht aufgeben".;• Und auf'so zialem Gebiete ..ist es nicht anders.- Auch hier ist das Gewordene Schicksal und nicht Schuld. Wo der Prozeß des Werdens in enge Bahnen, gedrängt wird, kann das Gewordene nicht dem Ideale des Wollens entsprechen. Gewiß Svar unser sozialer Bau ungesund, ein Bau, in die Höhe hineinragend ohne festes ..Fundament, eine' Fassade, die in keinem Verhältnis, zum Inhalt stand- Jeder ernste Denker tadelt es, daß die jüdische Gemeinschaft hauptsächlich aus Kaufleuten und Akademikern bestand.1 Aber wer geschichtlich denkt, muß einsehen, daß dieses auf einer .'ungesunden Judenpolitik von Jahrhunderten beruhte',, und daß die relativ kurze Epoche der Gleichberechtigung, die dazu nicht frei von'Rückfällen war, nicht gutmachen konnte, was Jahrhunderte verdorben haben. Daß diese Struktur nicht in der jüdischen Struktur lag, zeigt ein Bück über die östliche Grenze, wir finden in .Polen, in Rußland und den Randstaaten nicht nur alle Handwerker unter den Juden stark vertreten, sondern auch Scharen jüdischer Industrie- und Hafenarbeiter. Die Juden sind ja noch mehr als die anderen Produkt politischer und sozialer Verhältnisse. Dort wurden sie zum Handwerk, hier zum Handel gedrängt. Vom Hause aus waren sie ein schlichtes Landarbeitervolk, und wo die Verhältnisse sie nicht ihrer Natur entfremdeten, blieben sie einfache, , unkomplizierte Menschen. Daß die Juden Deutschlands in den letzten fünfzig Jahren den akademischen Berufen zuströmten, war sicherlich nicht heilsam für sie und ihre Zukunft. Aber auch das war :— neben den Rudimenten des Ghettos und der Familieneitelkeit — vielfach aus tieferen Quellen stammend. Das „Lernen" war seit Jahrhunderten, heilige Beschäftigung bei den Juden. Lernen war religiöses Gebot, Lernen war höchster Seelengenuß,. .war^Lehfj«.,. — vL.erne,n: des. Lernens we g en. 'Darin 'Bteckt echter jüdischer Idealismus. Früher lernte man Talmud, dann Religionsphilosophie, darin deutsche Klassiker und moderne Wissenschaften. Wer die Begeisterung, ja die Inbrunst kennt, mit der man lernte, wird nicht darüber spotten. Hermann. Cohen fand darin Verwandtschaften mit dem deutschen wissenschaftlichen Idealismus. Ehemals war der seligste Wunsch der jüdischen Mütter, der Sohn möchte Rabbiner werden, später schwärmten sie dafür, er möchte Professor werden. Und wenn man weiß, mit welchen schweren Opfern das erzielt wurde und Unter welchen dürftigen Verhältnissen häufig studiert wurde, dann wird man es sicherlich nicht als Konjunkturpolitik, sondern als Sehnsucht nach tiefer Geistigkeit, werten. . ' Es waren gewiß zu viele jüdische Akademiker in Deutschland, aber — wer mag es leugnen? — es waren neben den Mittelmäßigen auch viele Hervorragende darunter. Ärzte von einem seltenen Idealismus, die wahre Wohltäter des Volkes wurden, Juristen, deren Werke grundlegend wurden, -Professoren von Weltruf. Die Irrwege langer Jahrhunderte hätte nur eine lange Epoche freier Entwicklung ausgleichen können. Und diese Entwicklung hatte bereits begonnen — Wein, aber verheißungsvoll. Schon Jahrzehnte vor dem Weltkriege gab es in Deutschland jüdische Vereine zur Förderung von Handwerk und Bodenkultur, und Männer mit warmem Herzen und weitschauendem Blick Btanden an der Spitze dieser Bewegung. Man gab jüdische Knaben als Lehrlinge zu Meistern, und sie wurden gute Handwerker. Für Ackerbau war — die Gründe sollen hier nicht erörtert werden — der Boden in Deutschland weniger günstig, und doch gab es auch hier vereinzelte Juden, die ausgebildete Landwirte waren und mit Liebe an ihrer Scholle hingen. Die Zahl der jüdischen Handwerker wurde von Johizu Jahr größer. Und auch jüdische Industriearbeiter kamen vielfach vom Osten und wurden hier heimisch. Sie brachten manche neue Industriezweige, so die Zigarettenfabrikauön, nach Deutschland. Die Tendenz der Nachkriegszeit ging dahin, die, Juden immer mehr aus den akademischen und kommerziellen Berufen herauszunehmen. Der Zwischenhandel wurde immer mehr gefährdet, der Mittelstand, dem 95 Prozent der Juden angehörten, stark bedroht. Erkenntnis und Not hätten den' Wandel begünstigt, und langsam aber sicher hätten wir in einigen Generationen ein anderes soziales Bild gehabt. Und wir hätten, wie heute in Palästina, einen neuen Typus von Handwerkern und Bauern bekommen. Das Schicksal hat es anders gewollt. Ein Teil unserer besten ärbeitshistigen Jugend wanderte aus, und die Existenzbasis für jüdische Handwerker und Arbeiter wurde immer schmäler. Niemand bedauert es mehr ab wir. Wir beugen uns dem Schicksal, wie es unsere Väter getan, und suchen im enggewordenen Räume Nützliches zu leisten für uns und die anderen. Aber eine Schuld auf uns zu häufen, die wir nicht haben, entspricht weder unserer Würde, noch nützt es unserer Zukunft. Heinrich Stahl über Paläftma KritifcherBericht über eine Reife sind.. Als Heinrich Stahl vor dreißig Jahren zum ersten Male im Heiligen Lande War, hielt er, wie er gestand, einen Aufbau dieses Landes aus Stein and Wüste für unmöglich. Was in diesen drei Jahrzehnten dort geleistet worden sei, um dem Boden seine Schatz« abzuringen, sei unglaublich, Wenn heute an Palästina gelobt .werde; wo Kritik angebracht sei, und kritisiert werde1, wo) die Verhältnisse Lob herausforderten, so dürfe min nie vergessen, daß das Land sich gleich geblieben sei. „Palästina", so sagte Heinrich Stahl, ,,ist ein Koloniaationsland, und man kann die Dinge nicht nach europäischen Begriffen betrachten. Manches fehlt, was den deutschen Einwanderern selbstverständlich ist, und das Leben erfordert eine völlige Umstellung. Bis zum Jahre 1933 bestand die Mehrheit der Eingewanderten au!> osteuropäischen Juden, größtenteils Arbeitern, Schrien und Töchtern des mittleren und kleinsten. Standes: Unter großem Aufwand an Energie und unter schweren Opfern auch an Menschenleben hoben sie den wüsten, Öden Boden in fruchtbares Land verwandelt: Aber sie haben auch dem Land den eigenen Stempel aufgedrückt. Es ist fraglos^' fuhr Direktor Stahl fort, „daß , . durch den Zuzug der deutschen Juden auf den verschiedensten Gebieten mancherlei" verbessert wird." -v Es war besonders dankenswert, daß Heinrich Stahl, der dos ganze Land:mit offenen Augen' bereist hat, der die Städte ebenso eingehend besichtigt hat, wie die Kolonien 'und Kwuzoth, in seinem Vortrag, keineswegs, nur schöne Bilder, .vor das Auge der Besticher zauberte, sondern gerade da mit sanier Kritik einsetzte, w*> sie. für den weiteren Ausbau und Aufbau Palästinas produktiv zu sein ' scheint. So memte er, daß daj starke\Zusamnienleben, besonders in Tel Awiw,' mit dem ostjüdischen Element •'■„■>' ■' '•','"• Mißbehagen ausläsen' \ ' .' , ^:. '- . , "<.', müsse. Nicht nur auf dem Gebiete des' Bauwesens sei, besonders nach der ästhetischen Seite manches' verbesse^gswürdig. Gerade •> Tel A wiw mit seinem hastigen Treiben und seinem stark pul- . - V' . ■ -■ Anta.;> Abraham Direktor Stahl'sprichtin der Synagoge Prinzregehtenstraße , Die Ankündigung eines Vortrags.des Vorsitzenden der Berliner Judischen Gemeinde mit dein Thema „Bericht über, eine Palästinarcise" hatte einp. große Viqteresaierte . Zuhörerschaft. am Sonntagvormittag in cUe Syjiagoge Prkzregentcnstraße gelockt. ■ . Ausgehend von.dem.Gesichtspunkt, daß den Juden in Deutschland das Land Palästina, durch RciseJ>eschreibungen und Berichte so'nahe gerückt sei, daß es keiner - Schilderung bedürfe, stellte Direktor Heinrich-Stahl 'in den Mittelpunkt seiner Auiführungen'die-Betrachtung, wie es .'"> den aus.. Deutschland eingewanderten' Juden dort ergehe und welche Möglichkeiten für feinen Aufbau gegeben