Jüdische allgemeine Zeitung
- Journal
- Jüdische allgemeine Zeitung
- Volume
- 15 (1935)
- Issue
- 7 (13.2.1935)
- Date
- 1935-02-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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BERLIN 13. Februar 1935 PREIS 25 PF. Nr. 7 / 1S. Jahrgan« Solvriftloitang anä QoBohaftsstolle: Barlin W 15, ühlandatr. 158. Fernruf: J2 OlWo. 6968; Bankkonto: Kreditvorcin für Handel und Gewerbe cGmbH, Berlin N 24. — Bezugspreis: BM. 1,— monatlich (inzilgl. BM. 0,10 Zoltangsgebuhr and Boatollgold), bei Stroifbnndvoriand tuzfigl. BM. 0,30. :.:C" ' AUGEMHNE Jf Vorlag: Vorlogsgenosioosohaft in Deutschland ansässiger Juden «u Berlin cGrabH., Borlin W 16, UMandatr. 168. Anzelgouprolso: Die 12gespalteao. mm-Zeile BM. 0,16, f. FamlHenanzolgoa BM. 0,10, f. Stellengoeuoho BM/ 0,08. SSSSS# Bei unverschuldeter Hichtbelleferung besteht kein Anspruoh auf Vergütung. NEUE FOLG E J U D I S C H - L I B E R A L E N Z E I T U N G Prof. Dr. E. SELIGMANN: ■*..« ■■=sr Sorgen um ärztlichen Nachwuchs Das Ende des ärztlichen Berufes? . Zulassung zu Prüfungen und Approbationen nur bei arischer Abstammung Der nachstehende Artikel, in dem Professor Dr. E. Seligmann die schweren Sorgen am den ärztlichen Nachwuchs eindringlich behandelt, war bereits im Satz fertiggestellt, als wir bei Redaktionsschluß Kenntnis von einer amtlichen Mitteilung des Reichs- und preußischen Innenministers erhalten, durch die die Situation aufs äußerste verschärft wird. Danach wird in Zukunft, die Zulassung zu den ärztlichen Prüfungen und die Erteilung der arztlichen Approbation von dem Nachweis arischer Abstammung abhängig gemacht. Ausnahmen sind nur aus ganz besonderen Gründen zuIQgsig. " Diese Änderung der ärztlichen Prüfungsordnung geht weit über den Gedanken des „Numerus clausus" hinaus und bedeutet bei -voller, und unbefristeter Durchführung für die deutschen Juden d as En de d e s ä r z 11 i c b e n B e ruf e s öberTiäupt. ^Sie bedeutet weiterhin hinnen kurzem üücfct das Ende der. jüdischen Kranken-, Heil- und Pflegeanstalten in ihrer bisherigen, viele Jahrhunderte alten Form, aus Mangel an jeglichem ärztlichen. Nachwuchs unter den Juden» Trotz der veränderten Situation geben wir den bemerkenswerten Ausführungen Professor Dr. Seligmanns Raum. * Der ärztliche Beruf ist von jeher eine bevorzugte Domäne für jüdische Menschen gewesen. Hygienische, von tiefem ärztlichen Verstehen getragene Vorschriften finden sich in der heiligen Schrift immer wieder, die Gedanken neuzeitlicher Sozialhygiene sind — nicht nur in nuce schon Jahrtausende Gemeingut der mosaischen Lehre. Jüdische Ärzte von Ruf und Ansehen haben im Mittelalter und in der Neuzeit in vielen Ländern segensreich gewirkt — dieses Jahr feiern wir einen Großen unter" ihnen, Maimonides —,. noch in jüngster Zeit haben' jüdische Ärzte und Forscher viel , zum Fortschritt medizinischer Wissenschaft beigetragen, mehrfach ihren Ländern den Nobelpreis heimgebracht, ' ) All. das spricht für die besondere Neigung der Juden für diesen. Beruf und für ihre nicht geringe Eignung. Kein Wunder,'daß die Zahl jüdischer Mediziner relativ groß wurde, daß viele — bei der Sperrung anderer. Berufe — die Berufung'des Heilens und Forschens vernahmen, und so eine Ziffer .jüdischer Ärzte, namentlich in den großen' Städten, sich ergab, die den relativen Anteil der Juden .an der Gesamtbevölkerung, selbst an der Großstädtbevölkerung, weit überschritt und in neuester Zeit Anlaß zu Gegenmaßnahmen gab; Es ist unerheblich, ob man eine solche Prozentrechnung als nicht schlüssig betrachtet, indem man auf die zahlreichen Beruf Barten weist, in denen die Juden nicht annähernd ihrem Zahlenverhältnis gemäß vertreten sind; es ist unerheblich, ob man bei besonderer Eignung für bestimmte Berufe nicht auch stärkere Beteiligung für berechtigt hält, — die Tätsache besteht, daß dem ungehemmten medizinischen; Studium sehr ernste Erschwerungen bereitet werden.- Dem gilt es in Zukunft Rechnung zu tragen und den Versuch zu machen, menschliche und sachliche Härten nach Möglichkeit zu mildern. - 1,5 Prozent nichtarische Schüler dürfen in Zukunft nur noch zu den höheren Schulen und Hochschulen zugelassen werden.' .'Außer Ansatz bleiben hierbei Kinder, dereu Väter im Weltkrieg für das deutsche Reich oder seine Verbündeten an der Front gekämpft haben, sowje Kinder aus Ehen, die vor dem Inkraftv .' Fortsetzung auf der 2. Seite Max Liebermanns Professor Dr. Max Liebermann, der frühere. Präsident der Preußischen Akademie der Künste, Ehrendoktor der Berliner Universität und Ehrenbürger der Stadt Berlin, der am vergangenen Freitag im Alter von fast 88 Jahren in seiner Wohnung am Pariser Platz nach kurzer Krankheit entschlafen ist, wurde Montag am frühen Nachmittag auf dem' alten Friedhof der Jüdischen Gemeinde in der Schönhauser Allee zu Grabe getragen. Obwohl Tag und Stunde der Beisetzung nicht bekanntgegeben worden waren, hatten sich einige hundert Leidtragende in der Friedhofshalle versammelt, in der vor dem Altar der Sarg, überdeckt mit einer Fülle weißen Flieders, aufgebahrt worden war. Zur Seite nahmen die Hinterbliebenen Platz: die Gattin, die Tochter, der Schwiegersohn und die Enkelin. Musik umrahmte die eindrucksvolle schlichte Feier, bei der Rabbiner Dr. Warschauer die Gedenkrede hielt.' Dr. Warschauer sprach von der Gnade des Sehens, die Gott. Max Liebermann verliehen, und er sprach von Liebermanns künstlerischer Begabung, die plötzlich in einem Generation um Generation dem Kaufmannsstand angehörenden Geschlecht zutage getreten sei. Er. schilderte Liebermann in seiner engen Verwurzelung mit Berlin, mit Preußen, Deutschland, dem Judentum und widmete Worte seiner bürgerlichen Art, seinem sich "selbst nie genügenden Streben. „Schaffen und Dienst , fuhr Rabbiner Dr. Warschauer fort, „war 70 Jahre lang Lebensinhalt des Verstorbenen bis. zum Abend seines Lebens. Klar schied sein Blick Hohes und Niedriges, Unwertes und Wertvolles. Unbestechlich war er im Urteil über sich selber und .sein Schaffeh. Die Fülle. der Ehrungen machte , ihn niemals .satt. Er stürmte ohne. Unterlaß vorwärts, immer wieder über sich selbst hinaus. Sein Werk ist seiner sittlichen Auffassung der Heiligung des Künstlerischen entsprungen. Es ist gepaart mit. Strenge und Härte deS Pflichtgefühls, die ihn mit dem Geiste des deutschen Idealismüs und des Preußentums erfüllt sein ließen. Iii seinem künstlerischen Ethos erkenueh wir den heiligen Quell'der, Größe von Max Liebermahn. So fühlen wir, was er uw wär und bleibt. Wir scheiden, von ihm mit einerTrauer, die' ein •schmerzliches Wissen ist. . Wir: wissen, seinesgleichen wird im Reiche der Kunst, wird dem deutschen' Lande und dem Judentum, die sich -in seiner Welt; zusaminen* fanden, denen beiden er. bewußt und mit Liebe' gehörte, so bald nichtwieder, erstehen. . Wir-, schöpfen Trost aus dem Bewußtsein, was wir an ihm besaßen und für immer besitzen.,;. Wir rufen , ihm den Abphot. Hans Pinn schiedsgruß mit seinen eigenen Worten, die er einem Künstler ins Grab sprach: „Wir sind eines großen Menschen und Künstlers beraubt. Aber Dein Werk wird bleiben zu Deinem Ruhme, uns aber als leuchtendes Vorbild eines von idealstem Streben erfüllten Mannes," Wir wissen, fügen wir hinzu, daß Gottes Gnade und Du selber Dich und Dein Leben. gesegnet. Du warst und bleibst ein Gesegneter. So lassen wir Dich ziehen in Frieden." Dann sprach Liebermanns Biograph, der Schriftsteller Karl S c h e f f 1 e r, der formvollendet, in warmempfundenen Worten ein Charakterbild des Verstorbenen entworf, dos Bild eines Mannes, der immer mehr sein als scheinen wollte, der das Symbol einer ganzen, nun abgeschlossenen Epoche war, und dessen \Verk als Zeuge dieser Epoche fortleben wird.' Karl Schettler führte weiter aus: „Liebermann zeigte, daß das, Wahre schön und das Schöne wahr sein kann. Weil Wahrheit und Schönheit in seinem Werke eins geworden sind, konnte er. zwei Generationen von Künstlern Autorität sein. Er. konnte, das Gewicht einer Institution annehmen. Alle fühlten, daß hier ein Echter das Echte hütete und das ganz selbstlos tat. Seine Werke \vurden Vorbilder.' Seinen kategorischen Formulierungen des Kuruitgesetzes konnte sich niemand entziehen, weil sSjfifcTalent,so zwingend war wie sehr Charakter. In ihm lebte, immer ein Dämon, der unersättlich schaffen wollte. Diesem Dberpersönhehen in Max Liehermann haben die deutschen' Künstler und Kunstfreunde gehuldigt. Alle fühlten, daß sie ihm Dank schuldig waren* Mit ihm tragen wir eine ganze Zeit, auch im Künstlerischen zu Grabe. Er war der symbolische Mensch einer Epoche- Aber