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Jüdische allgemeine Zeitung · 1935-02-06 · 6 (6.2.1935) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische allgemeine Zeitung
Volume
15 (1935)
Issue
6 (6.2.1935)
Date
1935-02-06
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
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MS)g Wm WOEF E)Qg ^MyTlS Parifer Erlebnis f Professor Dr. Paul Iloscnatcin, der Direktor der chirurgischen und urologischen Abteilung am Krankenhaus der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, der kürzlich zum auswärtigen Mitglied der Urologischen Gesellschaft in Rom ernannt wurde, stellt uns den nachfolgenden Beitrag zur Verfügung. Der Beruf des Chirurgen, der wegen seiner ernsten Aufgaben und der großen Sorgen um die ihm anvertrauten Kranken mit dunklem Wolkenschleier umhangen ist, lichtet sich mitunter durch ein paar freundliche Gestirne, die den Schleier zerreißen und eitel Sonnenschein um Kranken und Arzt verbreiten. So ist mir unter vielen Erlebnissen einmal etwas begegnet, was zunächst gar nichts mit meinem Beruf zu tun hatte, und später doch auf den vielen Wegen zum jüdischen Krankenhaus in Berlin zurückführte. Es war einige Jahre nach der Inflation, als wir uns wieder einmal zu einer größeren Erholungsreise anschickten. Meine Frau und ich waren' nach Paris gekommen und genossen im Mai die einzige Schönheit dieser Stadt und ihrer Umgebung. So führte uns auch der Weg nach dem Schlott Malmaison bei Versailles, das einst Richelieu gehört hatte und später von Josephinc Beauharnais, der geschiedenen Gattin Napoleons, bewohnt wurde. Das Schloß ist das Ziel zahlreicher Besucher, weil die herrlichen Kunstgegenständc und die Erinnerung an den großen Nationalhelden das Publikum besonders zugkräftig herbeilocken. Natürlich begegnet man auf dem Wege vom Schloßporta) bis zum Schloß selbst zahlreichen Händlern mit Postkarten, Photographien, Erfrischungen etc. Das rollende „R'* Wir entstiegen dem Taxameter, als dicht hinter uns der Ruf erschallte: „Carrrrtes postales, carrrrtes postales!" Ich sagte zu meiner Frau: „Dieser ,,H'' stammt nicht aus Frankreich", drehte mich nach dem Postkartenverkäufer um und war zunächst sehr erstaunt, einen großen blonden, jungen Mann zu sehen, der diese Anpreisung immer wieder laut Iicrvorknallte. Kurz entschlossen ging ich un ihn heran und sagte zu ihm: „Sie sind d o c Ii s ic h e r a ü s L emb e rgl" Das Gesicht des Ausrufers verfärbte sich, er sah mich erschrocken an und sagte: „Woher weißen Sie? Ich bin doch takisch aus Lemberg." Trotzdem ich diesem guten Mann immer wieder erklärte, daß ich es wirklich nur geraten hätte, vermutete er in mir einen Kriminalbeamten, wies ängstlich seinen Paß vor, versicherte, daß er durch die persönliche Bekanntschaft des Kastellans die Erlaubnis bekommen hätte, hier zu handeln usw. Die Ängstlichkeit des Mannes war so außerordentlich groß, daß es rnir leid tat, ihn nicht genügend überzeugen zu können, wie harmlos meine Bemerkung war, und daß ich wirklich nur auf Grund dieses dramatischen „tt"'s die Diagnose habe stellen können. Er hätte natürlich ebenso gut aus Jaroslau oder Krakau sein können. Aber die Gegend des San mußte es sein! Die siebenjährige Tätigkeit an den Universitäts-Kliniken in Königsberg um die Jahrhundertwende, da dieses Publikum die Institute fast zur Hälfte bevölkerte, hatte bei mir ein Erinnerungsbild ihrer Sprache hinterlassen, das bei dem Ruf „Carrrrtes postales" sofort in mir aufleuchtete. Außerdem hatte die sehr nahe Berührung während der Kriegsjahre, die ich viele Monate hindurch in diesem Gebietsteil Galiziens verbrachte, den Sinn dafür noch geschärft. Der Gruß an die Mutter Ich hatte schließlich Mühe, den Mann los zu werden und konnte, nachdem ich glücklich meinen von dem Händler festgehaltenen Rock aus seinen Händen befreite, mit meiner Frau das Schloß besuchen. Es war kein Wunder, daß wir nach Rückkehr aus dem Hause, eine Stunde später, den Mann bereits ängstlich wartend auf uns zukommen sahen mit den Worten: „Sind Sie auch wirklich kein Krimineller? Ich habe die Erlaubnis, Iiier zu handeln, ich kann auch schön fotografieren'.', usw. Zum Zeichen .meines guten Willens und meiner absoluten Harmlosigkeit ließen wir uns fotografieren und erhielten in .wenigen Minu- Von Professor Dr. PAUL ROSENSTEIN ten eine kleine Blechplatte mit recht gut gelungenen Bildern. Als ich ihm nun auch noch ein paar Ansichtskarten abkaufte, war das Vertrauen wieder hergestellt, und er fragte mich nach Namen und Stand. Ich ging darüber hinweg, sagte ihm aber, daß es mich interessieren würde, wie e r hieße, worauf er mir noch einmal seinen Paß vorwies, der auf den Namen Silberpappel lautete. Ich gestand ihm meinerseits nur, daß ich in Berlin wohnte. Er erzählte mir nun schon vertrauensvoller, daß er in Berlin seine alle Mutter habe, der er regelmäßig monatlich von seinem Verdienst etwas zuschicke. Auf seine Ritten gab ich ihm einen Zehnmarkschein, den er ehrlich in Francs umwechselte, um ihn der Mutter in einem Kuvert zu senden. Überraschung bei der Visitc Ich hatte dieses kleine Erlebnis beinah vergessen, als ich mehrere Jahre später bei der Visite auf meiner Station eine neu aufgenommene alte Frau mir auschen sollte, da die Entscheidung einer Operation sehr dringlich war. Ich trat an das Bett heran und bemerkte auf der Tafel den Namen Silberpappel. Die Frau war sehr elend, litt an einem eingeklemmten ISruch und bedurfte dringend eines sofortigen Eingriffs, in ihrem durch Schmerzen verzerrten Gesicht ruhten die Augen auf dem Bett und blickten auch bei der Unterhaltung mit mir nicht nach oben. Sie war durch ihre Krankheit sehr mitgenommen und hatte wohl nicht viel Hoffnung, die Operation zu überstehen. Ich überlegte mir, wie man ihr den Entschluß zum Eingriff leichfer machen könne.- Kommt denn dev Name Silberpappel zweimal im Leben vor? Der Angich(skurtcnhändlcr von Malmaison Als ich sie untersuchte und ihr gesagt hatte, daß man möglichst bald eine Operation vornehmen müsse, um sie wieder gesund zu machen, und ich das erschreckte Gesicht sah, fiel mir das Pariser Erlebnis ein und ich fragte sie: „Huben Sie einen Sohn, der in Paris vor dem Schloß Malmaison Ansichtskarten verkauft?" Sofort hoben sich die Augenlider, die Augen leuchteten, die Züge glätteten sich, und Frau Silberpappel fragte jetzt schon voller Hoffnung: „Woher weißen Sie?" Ich konnte ihr nun in aller Kühe daa Erlebnis mit ihrem Sohn erzählen und voller Freude feststellen, daß ihr Gemütszustand sich zusehends hob. Sie gab dann auch nach einigem Schwanken die Erlaubnis zur Operation, die sie nach Aussage der Assistenten noch eine Stunde vorher gänzlich abgelehnt halte. Die Operation wurde ausgeführt und verlief glücklich. Erschwerende Umstünde Wer die Psyche der so oft verlästerten sogenannten Ostjuden in Krankheitsfällen kennengelernt hat, wird von dem Einfluß der Familien Zusammengehörigkeit und des bis zur Aufopferung treuen Zusammenhaltens immer wieder gerührt sein. Daß diese Eigenschaften dem ärztlichen Berater nicht immer sehr bequem sind, ja, die Behandlung besonders in Operationsfällen äußerst komplizieren, wird mir jeder bestätigen, der diese Verhältnisse kennengelernt hat. Wenn man als Operateur auf dem berechtigten Standpunkt steht, daß es nur eine Rücksicht gibt, nämlich die auf den Kranken, so wird man zugeben, daß die durch den Einfluß der Verwandten geschaffene Verzögerung bei dringlichen Eingriffen dem Kranken nicht gerade nützlich sind. Ich erinnere dabei an eine witzige Frage, die ein bedeutender akademischer Lehrer in diesem Zusammenhang gestellt hat: „Welches sind die beiden schlimmsten Komplikationen der Operation? ' Antwort: „1. Die Infektion; diese wissen wir zu bekämpfen. 2. Die Mischpochc." Andererseits kann, wie das geschilderte Erlebnis beweist, auch die eigene Beziehung zu der Verwandtschaft Gutes stiften. Ich hin mir keinen Moment im Zweifel darüber, daß Freude und Glücksgefühl über die der Frau gebrachte Nachricht von ihrem Sohne wesentlich dazu beigetragen haben, einen guten Ausgung zu ermöglichen. Exißenz taufender jüdifcher Arzte bedroht Wien. Soeben wird ein neuer Gesetze ntwurf betreffend die Sozialreform in Österreich bekanntgegeben, in dem das Krlösuiicn der Vertrüge sämtlicher Kassenärzte vorgesehen ist. Die Kassennrztstcllcn sollen auf Grund einer neu zu treffenden Auswahl besetzt werden. Im Hinblick auf die trotz allen grundsätzlichen Hrklilrmigcn bei Amtsstcllen und öffentlichen Körpersclia(te-i verfolgten Tendenzen zur Ausschaltung der Juden aus ihren bisherigen Berufen, bzw. zur nachdrftckliehen Bevorzugung des ,,).<Klc>iM/iii»li»cii Elements'", eine Ausdnirksweise, die nur zur \ crlmllung der of feukundigen antisemitischen Bestrebungen gewühlt wird, bedeutet der neue Gesetzentwurf die Bedrohung der Kxislrnz lausender jüdischer Arzte in Österreich. Dr. Fleifcher Leiter einer Poliklinik /um Keiler der gynäkologischen Poliklinik im Krankenb a u s d e r J ü il i s c b c u Gemeinde zu II c r I i n ist Dr. K u v t V 1 e i s c h e r "ewählt worden. ®&&m? m MMm Prozeffe um das Kind In der „Deutschen Justiz" wird zu zwei in der Presse und in juristischen l'aclizcilschriften mehrfach erörterten faimlicnrcchtlichcn Urteilen Stellung genommen. Im ersten ('alle haben drei Instanzen den Autrag eines Jugendamtes abgelehnt, einem arischen Vater dus Sorgerecht für sein uns erster lilie mit einer Aricrin stammendes Kind wegen seiner W jede r v c r b e i - r a t u n g mit einer Jüdin zu entziehen. Die Gründe gehen zwar zu, daß die Verheiratung eines Ariers mit einer Jüdin gegen den staatlich als maßgebend anerkannten Grundsatz der rassenniiißigen llcinhaltuiig des Blutes verstoße, stellen aber gemäß i> ,1666 des DGB. die Entscheidung lediglich darauf ab, ob die Persönlichkeit der Stiefmutter, wenn sie auch Nichtarieriii sei, liinreichcndcn Anlaß zu. der Befürchtung gebe, daß das geistige oder leibliche Wobt des Kindes gefährdet werde. Es wird dabei die Bildung eines Vorteils auf den einzelnen Fall abgestellt und die allgemeine Feststellung, daß die Erziehung eines arischen Kindes „zu einem unständigen Menschen und guten Volksgenossen" durch eine nichtarischc Stiefmutter unmöglich »ei, abgelehnt. Hiergegen wird in der „Deutschen Justiz" ausgeführt: „Mit dieser Stellungnahme ist völlig verkannt, daß die Erziehung durch einen artfremden Menschen auf jeden l'uli eine G e f ü h r d u n g des arischen Kindes in dem Sinne hedeutel, daß es in Beinen Charaktcranlagcn, seiner seelischen Haltung und seinem geistigen Denken volköfrcmden Einflüssen, die bei jedem Artfremden;egcbcn sind, ausgesetzt wird. Wenn mau bedenkt, wie sehr seihst ei erwachsenen Menschen ein stündiger Umgang mit rassefremden Menschen Einfluß hat auf das gesamte Denken und Fühlen, um wieviel mehr wird dies dann hei einem Kinde der Fall sein. Zur rassischen lleincrholtung gehört «ber gerade auch die Bewahrung vor artfremden Einflüssen auf die Seele und das Denken, Weshalb in dem genannten Fall dem Antrag des Jugendamtes hütte stattgegeben werden müssen." Im zweiten Falle ist die Klage eines arischen Vaters, dessen liliefriiu inzwischen wegen lühcbruciis mit einem Nichtarier von ihm geschieden war, auf Anfechtung der Ehelieh keit 3 c i n e 9 Kindes abgewiesen worden, weil nach der gesetzlichen Vermutung das Kind als sein eheliches zu gelten habe, obwohl außer ihm auch der Nichtarier, wegen dessen Ehebruchs seine Ehe geschieden worden war, in der fraglichen Zeit mit seiner geschiedenen Frau Verkehr gehabt hatte. Dos Goricht sah den Gegenbeweis gegenüber der gesetzlichen Vermutung aus § 1591 Abs. 2 UGli nicht für gegeben an, wobei allerdings infolge der Weigerung des Nichtaricrs, eine Blutprobe von sich entnehmen zu lassen, die letztmögliche Aufklärung nicht hatte erfolgen können. Im Anschluß hieran wird in der „Deutschen Justiz'* ausgeführt, daß jede Hewcismöglichkcit im Interesse der Reinerhaltung der Hasse hatte ausgenutzt werden müssen, um einen solchen Fall der „rassischen Unterschiebung" zu vermeiden. Es wird dann weiter dargelegt: „Sowie die Ileinerhaltung der Rasse selbstverständlich eine Mischehe mit einem Juden verbietet, so wird auch jede seelische, geistige oder auch nur gesellschaftliche Verknüpfung zu. unterbleiben haben, und gerade die Gerichte wie die Beamten überhoupi werden als Vorkämpfer für die von der Staatsidec eingeschlossene rassische Auffassung in der dienstlichen Arbeit wie im sonstigen Leben hierauf besonders bedacht sein müssen." i i [;3 L—r. J F i) Die Staatsangehörigkeit bei der Ehefclieidung Durch ein im Bcicbsanzcigcr verkündetes Gesetz ist in Abweichung von den bisher geltenden Bestimmungen eine Änderung des bei Ehescheidungen geltenden Hechts beschlossen worden. Danach sind für die Klage einer Frau auf Scheidung ihrer Elte die deutschen Gesetze auch dann maßgebend, wenn nur die Littauer-Nähmaschiiien Für Haushalt u, Gewerbe / neu - gebraucht - Teilzahlung - Miete Zentrale: Berlin NO 18, Frtedenstrafle 14 7 Höchste StnBe 39 Telefon Sammel-Nummcr E3 Konigstadt 0517 Pianos z. Nletel Gelegenheiten Holtfrete/r, Cfiailotfenbiirg, Pestaloziletr. 43, C 1 Stelnpl. 6771 Eigens Konditors! und PtallnenfabrUitlon SpezIaHtäUnPrageru.WlenerBackwaren la bittere Pralinen, Wein, Teeu. Kallcegeback. SUndiger Eingang V. Neuheiten WAG EN KNECHT Berlin W15 Oliva« PlaU 9 J 1 Bismarck 4369 Möbel- Kamerllng N, Kastanienallee 56 e. FenrbelllnerStr. 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