Jüdische allgemeine Zeitung
- Journal
- Jüdische allgemeine Zeitung
- Volume
- 15 (1935)
- Issue
- 6 (6.2.1935)
- Date
- 1935-02-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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.1 BERLIN 6. Februar 1935 Etttki^ PREIS 25 PF- Nr. 6 / IS. Jahrgang JUDISCHE ALLGEMEINE Sohtiftloitaiuj lind GescböftBstelJo: Berlin W 15, Dhlaadstr. IM- Fornruf: J 2 Oliva G968. Bankkonto: Ereditvoroin für Baadol und Goworbq eGmbH, Berlin N 24. — Bejagaprols: BM. 1,— monatlich (ttniuTi. KM. 0,J0 Zoltnngsgebdhr und Bestellgeld), bei Streifbandvorsand zuiügl. BM. 0,80. Vorlog: VorlagsgonoBsensohaft in Doutsobland ansässiger Juden tu Berlin eQmbH., Berlin W16, Dhlandstr. 168. Anioigonprolso: Die 12gospaltone mm-Zoile BM. 0,16, f. Familiononieigen BM. 0,10, f. Stellengesuoho BM. 0,08. Bot unverschuldeter Niohtbolloforung bestoht kein Anspruch aut Vergütung. NEUE FOLGE DER JDDISCH-LIBERALEN ZEITUNG Gefpräch in Genna Unterredung mit Oberrabbiner Brecher — Die Situation der italienifcnen Juden — Mufloliiii: „Zwei Vaterländer gibt es nicht" Sonderbericht für die „Jüdische Allgemeine" von HERBERT WOLF " ■ lt , Genua, im Februar. , Jl8 Wenn man als Fremder nach Genua kommt und »jdem der italienischen Sprache bis auf die Worte rt?*on giorno und Spaghetti nicht mächtig ist, dann ist ...,, s. eine keineswegs leichte Aufgabe, die Synagoge ausfindig zu machen. Erat nach langen Verhandlungen mit einem Polizisten, der seinerseits wiederum einen Kollegen zu Rate zog, konnte ich eine eindeutige Auskunft erhalten. Als ich später in einem entlegenen Hafenviertel vor einer einfachen Mietskaserne stand, die mir als das Gotteshaus bezeichnet worden war, glaubte ich noch immer an einen Jfcrtum. Ein Mann mit einem breitrandigen Hut fragte mich auf französisch nach meinen Wünschen. Es stellte sich' heraus, - daß ..es.jde.r_ Schamknes„der „Genueser. (Synagoge war... |'r;f...'-BereitwiIUg;lißiJ T er. mich einen''Blick in' den Tempel tun. Wehn diese in dem Mietshaus in der Nähe der Piazza Cavoure untergebrachte Synagoge auch allen j Anforderungen, die man. nach spanischer Sitte, an ein Gotteshaus stellt, vollauf genügen mag, so wirkt .doch der ganze Raum reichlich primitiv. Interessant ' allerdings die umfangreiche, mit alten und seltenen Werken ausgestattete Bibliothek der Genueser Gemeinde, die auf eine lange und wechselreiche Ge- *( schichtp zurückblicken kann. Die ältesten Dokumente ' - über die Anwesenheit von Juden in der Hafenstadt stammen aus der Zeit' Theoderichs (493 bis 526), der ihnen erlaubte, ihre Synagoge wieder herzustellen und die Judenprivilegien, die ihnen vorher eingeräumt worden waren, bestätigte. Wie ich schon hier hörte, sei eine neue Synagoge gebaut worden, die zu Pcssach feierlich eingeweiht werden soll. Um Näheres über die Situation der italienischen Juden zu erfahren, stattete ich dem stellvertretenden ' Oberrabbiner Brecher einen Besuch ab. Wie schon der Name verrät, ist das Haupt der Juden von Genua ii -— die- Stelle des vor einigen Jahren verstorbenen; "Oberrabbiners ist zur Zeit nicht besetzt — nicht . italienischer Abstammung. Rabbiner Brecher, ein Mann .........;--in jugondliohem. Alter, ist vorejnigen. Jahren aus Wien .. . nach Genua gekommen, um dfe Würde des Rabbino capö' zu bekleiden. Rabbiner Brecher' war mit beson- ' . derer Freude bereit, mir für die Leser der „Jüdi- ' sehen Allgemeinen Zeitung" einige Auskünfte zu erteilen. Du er gerade Religionsunterricht zu geben hatte, bat er mich, ihn auf seinem Weg zur jüdischen Schule zu begleiten, . Da die alte Synagoge den Ansprüchen der heu- , tigen Gemeinde nicht nidhr genügt, hatte man vor drei Jahren .mit dem . Bau eines neuen Gotteshauses in der -Via.Passa Assarotti begonnen, daSj wie gesagt, im April seiner eigentlichen Bestimmung' übergeben werden soll. Etwa anderthalb Millionen Lire wurden für diesen, .jüi', orientalischem Stil gehaltenen' Bauaufgebracht, in; dessen oberen Etagen'auch die bereits in Betrieb \gepommene jüdisch^ Schule untfergebrapht jf?t. yöh.yiUpn umgeben, erhebt pracKfige Kuppelbau,, m dem breite' Stufen emporführen. Die Arbeiter-sind gerade ' damit beschäftigt; den Alt a r ajuif z M s t e 11cm.' Auf eirieni Ballcon rjüt herrlichem ^jrtsfcjpick 'a,^, ^e' Genua ijmiaeheiid{^;H0gel!^t: Raun» für' eine Laubhütte vorgesehen.; Alles ist verschwende^ tisch.; unddennoch 'Solide''ausgestattet: . i Aücfi die Selwlräume einsprechen, dem Geschmack; der modernen Raumkunst und-der Hygiene.- In jedem Raum der fünf Klassen umfassenden Elementarschule hängt ein Bild Mussolinis und des Kiinigs, die beide von den Juden Italiens sehr verehrt werden. Frühstücksräume, luftige Ankleidezimmer, große Hallen und ein Filmvorführungsraum sorgen für Erholung und Belehrung. <Als ich an der Seite des Rabbiners die Klassen betrat, erhoben sich alle Schüler und grüßten mit erhobenem Arm. Als wir später im Arbeitszimmer des Rabbiners Brecher saßen, schilderte er mir auf meine Bitte die Situation der italienischen Juden. „Wir haben", begann Rabbiner Brecher, „das Schicksal der deutschen Juden mit lebhafter Anteilnahme verfolgt. Wir haben für die Auswanderer aus Deutschland auch Komitees gegründet und für sie weitestgehend gesorgt. Es ist ja, bekannt,,«Jaß. es.bei uns_eine^.An;tJÄe4n,it i.8mu8 wie er in Deutschland besteht, nicht,gibt. Auch für eine Änderung der Lage der italienischen Juden In diefer Nummer: Pariser Erlebnis / Von Prof. Dr. PAUL ROSENSTEIN Offener Brief an die Gemeinde / Von HEINZ KELLERMANN Eine Tragödin / Von ALICE STEIN-LANDESMANN Lccho daudi Im Eismeer / Von FRITZ LOEWE Forner: Wie entsteht eino. Radierung? / Ein Beruf für dlo Jugend" / Recht im Alltag J Blick in die Wirtschaft / Aus der Welt des Arztes. sind nicht die geringsten Anzeichen vorhanden. Die italienischen Juden sind große Patrioten, sie sind ihrem König und dem Duce treu ergeben, und sie wissen, daß ihre Treue erwidert wird. Für die italienischen Juden", fuhi- Rabbiner Brecher fort, „gibt es kein anderes\Vaterland als Italien. Die Regierung Mussolinis hat ihne/i im Jahre 1930 alle erdenklichen Rechte eingeräumt, unter anderem auch das Recht, neben der religiösen die zivile Trauung vorzunehmen, wie dies auch bei den übrigen Konfessionen der Fall ist. Das italienische Judentum genießt in jeder Beziehung den Schutz des Staates. Von Rassengesetzgebung weiß man hier nichts." Auf meine Frage nach der beruflichen und gesellschaftlichen Schichtung der Juden und ihrer Verteilung auf die Bevölkerung in Italien wurde mir folgendes geantwortet: „In Italien gibt es unter 45 Millionen Einwohnern etwa 50 000 Juden.' Davon leben in Rom etwa 13000. .in Mailand 7000, in" Turin 4000, in Venedig 2200, in Genua 8000, in Florenz 3200, in Fritz Engel | Kurz vor Vollendung seines 68. Lebensjahres ist Fritz Engel, der langjährige Theaterkritiker des „Berliner Tageblatts", in seiner Berliner Wohnung nach schwerer Krankheit gestorben. * Ein gutiges Herz hat am Sonntag zu schlngcn aufgehört. Schon vor Jahresfrist hoben seine Freunde um ihn gebangt — weniger vot dem Messer des Chirurgen als vor der seelischen Verfassung des Kranken: hatte Fritz Engel doch all seinen heiteren Gleichmut eingebüßt, seit der RIß mitten durch ihn hindurchging, seit nicht mehr als wahr galt, was er sein Leben lang nicht nur geglaubt, sondern auch gelebt hatte: daß man Deutscher, daß man Jude sein könnte, und daß selbst das Komma zuviel der Trennung bedeutete. Als sein nüchstcr Mitarbeiter ihn durch einen menschlichen Vertinucnsbruch und in einer Form, die ihm von amtlichen Stellen nicht geheißen wurde -tdie Neuregelung wurde bis heute nicht bekanntgegeben — aus der von ihm'und Richard Dehmcl gegründeten K1 e i s t - S t i f t u n g, die deutsche Dichter vor dem Schicksal' Kleists schützen sollte, ausschaltete, war er innerlich gebrochen; dieser Preis, der seine im Einzelnen;zuweilen angefeindeten Entscheidungen autoritär traf und Ober die Umwälzung hinweg sein Ansehen als wesentlicher deutscher Litcraturpreis bewahrt hatte, war sein liebstes Kind gewesen. " i Trotz seiner Bescheidenheit war es eine stattliche Anzahl von Ehrenämtern in Verbünden und Stiftungen geworden, die er niederlegen mußte: seiner Lauterkeit hat dieser schlesiache. Judo, der Bich nie in den Vordergrund gedrängt hatte, sie verdankt, über vier Jahrzehnte, lang war er, Redakteur und Kritiker eines Wcltblattcs — lind stark ochrundscchzigjfihrig ohne einen Feind. An den. „Zeitgeist'.' dos „Borlnjer. Tageblattes",, knüpfte sich seip Schöpfer-Glück, mit diosor Zeltung: fühlte er sieh verwuchsen, über Zeiten' der Boulevurdisieruhg und Politisierung der, Kirnst hinweg, lind uncitcl undtreuj wie.cr. dii Literatur- und Theaterkritik aus-, üb,te,;sab.,er neidlos, so jung er Bich, fühlte,- tüeso Amter, in, jüngere Hunde Übergehen..' ' r i >' ' >■.■ .:■ Als ihm auch wirtschaftliche Sorgen nicht erspart blieben, sorgte e,r. sich, rnehr als urn sich, sojbcr ura dM'Schicksal der einst von ihm Geförderten. Wir" ehren sein Ändenken am besten, indem wir 'feinedrei' Hauptrugoh.deii:: Gfite'i Lauterkeit, Bescheidenheit,, zu jmseren eigenen, rnac|iet>l .., . ' , ' \. '.'. ', ' ''".; Fritz Engel , wird . um lioutigen, 'Mittwoch, in, aller Stille .,in Weißeiisce.; beigesetzt. Lutz We l t ma n u . spricht: Worte . des Gedenkens. Dr. Ludwig Bauer geflorbeu Zürich. Im Alter von 59 Jahren ist in Luguno der bekannte Publizist und Schriftsteller Dr. Ludwig Bauer, langjähriger außenpolitischer Mitarbeiter und Leitartiklor der „Baseler Nationalzcitung" gestorben. Seit über dreißig Jahren lebte Dr. Bauer, der österreichischer Jude war, in Frankreich und in der Schweiz. Obwohl or in soinor Jugend mit Theodor Iferzl befreundet war, stand er bis zu seinem Lebensende der zionistischen Bewegung fremd, teilweise sogar ablehnend gegenüber. In seinen Büchern und Schriften berührte or oft das jüdische Problem. Die Gedächtnisfeier für Fritz Haber Die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften, die Deutsche Chemische Gesellschaft und die Deutsche Physikalische Gesellschaft veranstalteten, wie wir angekündigt hatten, am vergangenen Dienstag zum einjährigen Todestag des großen Chemikers eino würdige Gedächtnisfeier im Hurnack-Haus, Berlin-Dahlem. Musik umrahmte, wie wir dem Bericht der „B. 2." entnehmen, die schlichte Feier. Der Präsident der, Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, Professor Mar Planck, ferner Professor Hahn, Direktor des Kaiscr-Wilhelm-Instituts für Chemie, Oberst a. D, Dr.-Ing. e. h. Joseph K o e t h , ein olter Mitarbeiter von Hobcr aus den Zeiten des Weltkrieges, gedachten mit ehrenden Worten der zahlreichen Verdienste des froßen Gelehrten im Frieden und .im Kriege. Professor Knrlriedrich Bonnhöfer, der am 'Erscheinen'"verhindert-war, ließ seine Gedenkrede verlesen. Wer lieh uiifozial verhält Ein Aufruf der israelitischen ^Gemeinde Bremen. Bremen. Die Israelitische Gemeinde in Bremen beruht im Gegensatz zu den meisten anderen jüdischen Gemeinden, in Deutschland auf dem Prinzip dor freiwilligen Mitgliedschaft. Daher sind nicht alle der, 1200 in Bremen ansässigen Juden Mitglieder der Gemeinde. An sie wendet sich vornehmlich .ein Aufrur des Vorstandes und Rates der Israelitischen Gemeinde Bremen, in dem an das Gemeindegewissen der jüdischen Menschen appelliert wird. - , ■ '. '■■> In dem Aufruf heißt es: „Vorstand und Rat der Gemeindo erklären hiermit feierlich und mit ernstestem Nachdruck: Die jüdische Gemeinde einer Stadt ist für alle in ihr lebenden Juden der heilige Bezirk ihrer geschichtsgemeinschaftliclien Verankerung und der Mittelpunkt alles jüdisch-religiösen, sozialen und menschlichen Geschehens, ... Wer heute glaubt, seiner indischen Gemeiuiehaft forn bleiben zu können, lldt schwerste 'Schuld auf sich, denn er handelt treulos. Monge Indes Verantwortungsbewußtsein gerade uV einer ' Zcitj' twolihe die' Trei(e...zur Gemeinschaft, und die. Veraivtwort^ing ihr getenüber mit zu den höchsten' aller Gebot? \ menschlicher .SUtliclikeit erhoben haf, bedfcutet Verrat' an sich' selbst und VerriiVan '<j(er Gemöhjechait. : -t' ". Wer .heutp nöch rglöubt, die Lasten der Gemeinde .getrost von anderen Itragejri Iasseh.zu können, o!er beleidigt die' Gemcinscliaft und treibt'Sabotage an' ihr." ' : ' v'. .. ■ ' '; Wir, Vorstand und Rat, werden ihn' Sofort ältne Ansehen der Person, und deä'Standes'der Kritik' def 'Gerheitideö'f f entrichköit'ubergeDeh". : ." "'!' .•:"'"'"''''.":i" '-'•<