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Jüdische allgemeine Zeitung · 1935-01-16 · 3 (16.1.1935) · page 1

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Journal
Jüdische allgemeine Zeitung
Volume
15 (1935)
Issue
3 (16.1.1935)
Date
1935-01-16
Page
– (sequence 1)
Language
German
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BERLIN 16. Januar 1935 PREIS 25 PF. Nr. 3 / 15. Jahrgang JÜDISCHE ALLGEMEINE Schrlftloltumj nnd Gosohäftsstollo: Berlin W 16, Uhlandstr. 168- Fernruf: J2 Oliva COGS. Bankkonto: Ereditvoroin für Handel und Goworbo eÖmbH, Borlln N 24. — Bojägspreia: KU. 1,— monatlich (zuzügl. EM. 0,10 ZeHnsffBffebuhr and Bostella-old), bei Strolfbandvorfland Euüügl. AM. 0,30. J üiF Ä MV £ rCwi ^^^^p- 1 f Vorlag: VorlagsgonoBaonaohaft in Doatsohland ansässiger Judon zu Borlln eOmbB., Berlin W16, Uhlandstr. 108. Antoigonproloo: Dio 12gospaItens mm-Zeile KM. 0,15, f. Famlllcnantoigon KM. 0,10, {. Stollengosnoho KM. 0,08. Bot unverschuldeter Kiobtbolieforung bestobt kein Anspruch auf Vergütung. NEUE FOLG R J ü D I SC H - LIBERALEN ZEIT UN Im Hauptquartier des WHW Wo flehen wir heute? Bcfodi in der Gauleitmig der NS-Volkswoldfahrt Das grandiose Winterhilfswerk des deutschen Volkes hat es sich auch in diesem Jahre wieder zur Aufgabe gestellt, alle in Deutschland notleidenden Menschen, nach Möglichkeit vor Hunger und Kalte zu bewahren. Eine solche gewaltige Aufgabe — allein in GroßrBerlin werden 900ODO Menschen vom Winterhilfswerk bedacht — wird' natürlich nur dureh den'Opferwillen des gesamten deutschen Volkes ermöglicht.;5We im vergangenen Jahr hat es auch diesmal das deutsche Judentum für seine vornehmste und selbstverständliche Pflicht gehalten, sich an den Spenden für das Winterhilfswerk zu beteiligen, und wir dürfen mit Befriedigung feststellen, daß auch diesmal wieder jüdische Notleidende von diesem sozialen Werk bedacht worden sind. Ein Mitarbeiter' der „Jüdischen Allgemeinen" hat der Gauleitung der NS-Volks Wohlfahrt, dem Hauptquartier der Winterhilfe in der Kaiser-Wilhelm-Straße, einen Besuch abgestattet und schildert nachstehend seine Eindrücke, Schon im Anmeldezimmer der Winterhilfe, von der nach dem Willen der Reichsregierung nach Möglichkeit jeder in Deutschland Notleidende betreut wird, gewinnt der Besucher einen interessanten Einblick in dos große soziale Werk. Der Raum ist dicht gefüllt mit Besuchern, Ordonnanzen und anderen Beauftragten der Winterhilfe. Es ist ein standiges Kommen und Gehen. Hier bittet eine Frau, ihren Fall persönlich vortragen zu dürfen, dort wird jemand zu einem Abteilungsleiter geführt. Von den Auf die Frage, welche Spenden die Hilfsbedürftigen in diesem Jahre erhalten, wurde mitgeteilt, daß dies vom Eingang der Spenden abhänge. Bisher wurden reichlich Kartoffeln, monatlich ein Zentner Kohle pro Haushalt, ferner Lebeturaittelscheine sowie zahlreiche zusätzliche Spenden zur Verteilung gebracht. Es wird betont, daß der Aufbau der jadischen Stellen des WHW richtig Bei und daß die örtlichen Helfer, die mit den lokalen Stellen des WHW zusammenarbeiten, mit den Verhältnissen ihres Bezirks gut Der Sieg an der Saar Bei Redaktionsschluß unseres Blattes, während diese Zeilengeschrieben werden, verwandelt, sich . Deutschland in ejn -ungeheures Flaggenmeer. In wer.. rügen Stunden werden die Glocken von allen Türmen zu läuten beginnen. Die Entscheidung an der Saar ist mit einem überwältigenden, stolzen Sieg Deutschlands gefallen. Ein fiirifzennjähriger Kampf um deutsches Land hat seinen ruhmreichen Afcscliluß gefunden. Mit der gewaltigen Mehrheit' von 90,5 Prozent aller gültigen Stimmen hat sich die Bevölkerung an der Saar zu ihrem Vaterlande bekannt. Wenn der Reichskanzler und Führer Adolf Hitler in seiner Rundfunk-Erklärung dem' Gefühl des Glücks Ausdruck verliehen und die Freude über die Rückkehr der Saar zur Heimat als die Freude des ganzen deutschen Reiches bezeichnet hat, so dürfen wir als Deutsche und als Juden dieses Gefühl, das jedes deutsche Her/, erfüllt, mit teilen. Ohne Einschränkung, mit rückhaltloser, innerer Anteilnahme betrachten wir mit den deutschen Bürgern die Rückgliederung der Säärbevölkerung als eines der verheißungsvollsten Zeichen deutschen Wiederanstiegs. Etwa 5000 Juden wohnen-an .der Saar, deren Familien zum großen Teil seit Jahrhunderten mit diesem urdeutschen Boden verwurzelt sind, und die keine andere Welt haben als Deutschland, die als Deutsche und als Juden genau so zur Heimat stehen wie wir. Wenn auch die Ariergesetzgebung für sie erst in einem Jahr wirksam werden soll, so wird dennoch ihr Schicksal, gleich dem unseren, nicht leicht sein. Dieses Schicksal gilt es, mit Würde zü tragen. Mit dem Sieg an der Saar sind Spannungen von ungeheurer Tragweite beseitigt, gefahrenvolle Konfliktstoffe aus der Welt geschafft. Der Weg ist frei für eine ruhigere Entwicklung der Dinge auf dert verschiedensten Gebieten. Wir können nur hoffen, daß er uns, schicksalverbunden mit der deutschen Heimat, einer lichtvolleren Zukunft zuführt. WHW-Geschäftsstellen wird Post gebracht und geholt. Werbeplafcate. macheil* wirksam auf' den Zweck des, Winterhilfswerks aufmerksam.,..... In der Presseäbteilung erhalt der Besucher, der den Wunsch hat, die jüdische Öffentlichkeit von der; unparteiischen. Arbeit der Winterhilfo zuunterrichten; die im vergangenen Jahr nach Feststellung von jüdischer Seite in Groß-BcrHn etwa 21 000 jüdische Gemeindemitglieder mit Spenden bedacht hat, bereitwillig die Auskunft, - daß selbstverständlich puoh in diesem Jahre' die j irdischen -Hi 1 f sbodür f ti gen —■ auch dio nichtdeutschen Juden — von dem WHW auf dem .Weg über dio Abteilung Wiiitorhilfe.,der jüdischen. Gemeinde betreut werden. Die Zahl der Ablehnungen -sei ganz minimal. So« wurden in einem Bezirk von über 3000- Antragen nur i.7 abgelehnt, und z.war erfolgten die Ablehnungen zum Teil auf ■ Vorschlag des jüdischen Wohlfahrtsamtes. Wenn auch nichts dagegen einzuwenden sei, daß die Juden die jüdischen Wohlfohrtseinrichtungen in zulassigem Rahnien durch Spenden unterstützten,. so würde es doch begrüßt werden, wenn alle Juden, die dazu in der Lage sind, ihre Spenden^ wie im letzten Winter dem WHW zuführen Würden. ' Es wird durchaus anerkannt, daß die jüdischen Einwohner Berlins genau so bereitwillig für, das Winterhilfswerk gespendet hoben wie die niahtjüdischen, ., Bei den Gauführern und Kreisleitern sind häufig Spenden ' in beträchtlicher Höhe eingegangen. In einem Fall ist sogoir eine anonyme Spende von tausend., Mark,durch das Jüdische Wohlfahrtsamt weitergeleitet.'worden.., •_■ ■■< .'. Die Zu>« iaznena'rbei't'mit dem Jüdischen Wohlfahrtsamt und dessen Abteilung Winterhilfe .vollzieht sich in beater Weise. Auch die Kreise und Ortsgruppen des WHW arbeiten mit den jüdischen Helfern gut zusammen., Von Bedeutung ist auch, daß das J ü d i 's o b. «' W o h 1 f a h r t'f» m t jetzt als 8 p 11 z e h - 0 r g a n i s a t i o p der j ü d i a q b> n .Wo n 1 f » h r.t s p 11 <t,g e anerkannt worden ist •■ ••- Bescheid wissen. Zu begrüßen wäre vielleicht, wenn das Jüdische Wohlfahrtsamt -dio Grenzen seiner Bezirke entsprechend den Grenzen der - Städtischen Bezirksamter festlogcn würde, wie das WHW es bei Einteilung der Kreise und Ortsgruppen tat. Es ergeben sich sonst. zu große Schwierigkeiten, wenn eine Stelle mit mehreren jüdischen Bezirken verhandeln muß. Wie man weiter erfahrt, lassen die Nachrichten aus dem Reich (Iber die Betreuung von.Juden, erkennen, daß die Zusammenarbeit - mit den: jüdischen Stellen Ohnlich'' wie in Berlin gehahdhabt wird. Die Unterstützung der WinterhilfBarbeit,' wie sie von selten der Abteilung Winterhilfe der Jüdischen Gemeinde in Form der seelischen Winterhilfe „Freude im Winter" geschieht, wird durchaus anerkannt, um so mehr,' als diese Bestrebungen hi der Richtung des Herrn .Propagandaministers liegen, der im Winterhilfswerk ja den Menschen, als Ganzes, erfaßt wissen will. Vertreter der Gou- ' leitung haben auch einige dieser Veranstaltungen besucht und sie sowohl in ihrer' Programmgestaltung als auch in ihrer Wirkung auf die Hilfsbedürftigen für richtig befunden. Dio Bedeutung des WHW' für' die' deutsche 'Wirtschaft ist -ungeheuer, wenn, man.bedenkt, welch?, Mengen von Lebensmitteln und Brennmaterialien verteilt werden, und wie sehr gerade diese Lieferungen den) Einzelhandel zugute kommen. Gerade der kleine Kohlen- oder Lebensmittelhondler erhält durch die Verteilung von Lebensmittel- und Kohlengutscheinen an Hilfsbedürftige* einen. Antrieb seines Geschäfts, Dss alles, hat zur Folge, daß auch der,kleine Mann Anschaffungen vornehmen und dadurch andere Industrien wieder in Nahrung setzen kann. Nicht zu vergessen andie Arbeitsbeschaffung. Da die WHW-Gufscheine auch in jüdischen Geschäften eingelöst werden können, so liegt es auf dor Hand, daß die wirtschaftlichen, Vorteile auch den jüdischen Kaufleuten zugute kommen. "' " Der 'Besucher erfahrt sehUeßUch noch, daß die NS-VoUa- Wohlfahrt, auch in,' der neugeschaffenen W o h u u n g s i ü r s o r g e Zar Tagung der Vereinigung für das religiös-liberale Judentum Von HEINBICH STERN Wie bereits mitgeteilt, findet am kommenden Sonntag in Berlin die Hauptversammlung der Vereinigung für das religiös-liberale .Judenrum statt. Rabbiner Dr. Max Diene» mann wird über die Situation des religiösen Liberalismus sprechen, Rabbiner Dr. Leo Baeck und Dr. Julius L. Seligsohn werden sich in ihren Referaten mit der Frage der Sabbatgestallrmg befassen, und Dr. Alfred Fabian, Breslau, wird die Stellang der jüdischen Jngend behandeln. Über die im Brennpunkt der Tagung stehenden" Fragen schreiben in dieser Nummer neben Heinrich Stern, dem Vorsitzenden der Vereinigung für das religiös-liberale Judentum, Rabbiner Dr. Hennann VogelBtein, Breslau, Rechtsanwalt Dr. Julias L. Seligsohn und Heinz Kellermahn, deren Beitrage wir in der ersten Beilage veröffentlichen. Der Hauptversammlung der Vereinigung für das religiös-liberale "Judentum, die am nächsten Sonntag in Berlin stattfindet, kommt erhöhte Bedeutung zu. Sie ist, trotzdem gewiß auch mannigfache Fragen der Organisation und Propaganda zu besprechen sind, gedacht als eine gemeinschaftliche Rechenschaftsablegung. Wir haben uns zu prüfen, ob dos ungeheure Erlebnis der letzten zwei Jahre an den Grundfesten-unserer jüdischen Anschauung und Arbeit gerüttelt hat, oder ob wir sie, vielleicht in einzelnen Akzenten verändert, mit gutem Gewissen fortsetzen können.. Wir schulden diese Rechenschaft nicht den vielen Andersdenkenden, die, mitleidig oder hämisch, den Tod des liberalen Judentums seit langem verkünden. Wenn ein Mann wie Babbinor Emil Cohn, der ■in seinem Leben schon' manches 'Städium jifdischer Weltanschauung durchgemacht hat, erst jüngst wiederum unsereWeltonschauung als .überwundenen Standpunkt beiseite legte, so Kannen wir demgegenüber immerhin ruhig darauf hinweisen, daß es doch keine ganz judentumsfremdo Weltanschauung sein muß, dio den deutschen Juden in ihrer größten Notzeit unter anderem dtn Präsidenten der Reichsvertretung, den. Vorsitzenden des , Zentralvereins, die Führer fast aller großen jüdischen iGemeindcn und Gemeindeverbändo, und zuletzt auch don Leiter derjenigen jüdischen Jugend gegeben hat, dio zukunftsfroh und, obzwar innerlich aufgewühlt, dochunerschüttert ihren jüdischen Weg auf deutscher Erde weiter gehen, will. An ihren Früchten sollt Ihr sie erkennen I Uns selbst aber sind wir es schuldig, in dieser Zeitwende' uns erneut über unseren jüdischen Standpunkt klar zu werden. Ist es wahr, daß unsor Judentum, freilich kein Judentum der Mode, aber ein lebendiges Judentum sein und bleiben soll, so darf es nicht mit Scheuklappen durch die Zeit gehen. Wir erhoffen viel innere Klärung von dem Referat unseres Freundes Dionemann und mehr noch von seiner .Schrift, die, wie uns bekannt'ist, zur Veröffentlichung fertig, diesen Rechens schaftsbericht enthalten wird.. Ich selbst habe versucht,, in. gedrängter . Form zum 20. Januar in einer' kleinen Schrift unter dem Titel „Ernst machon!" das Allernotwendigste zu .den Fragen, dio uns angehen, zu sagen. Daher hier nur in Kürze einiges Wenigol ' Von Wesen und'Aufgaben :dea liberalen. Judentums habe ich in meinem Schriftchen folgendes gesagt: Liberales Judenrum erkennt und bekennt, die jüdische Gemeinschaft ab eine von Gott geschaffene und erwählte geschichtliche Gemeinschaft, deren Grundlage und unterscheidendes Merkmal die jüdische Religion, dos Judentum ist.' Liberales Judentum' gründet dieses Bekenntnis zur Gemeinschaft, und zum Judentum zugleich auf die. Ehrfurcht vor der Offenbarung Gottes und auf die eigene Entscheidung, und Verantwortung; es betätigt dieses Bekenntnis, also nicht am die Erfüllung eines von außen kommenden-. unausweiphlichen Befphjs, Liberales Judentum will Bich im Dasein,des einzelnen, Menschen, und. im. Leben;\der Gesamtheit verwirklichen. als .verpflichtend für die seelischen und sittlichen Beziehungen. des'Individuunis, und der Gemeinschaaft zu Gott, zum Nebenmenschen und zur, Menschheit. Liberales. Judentum fordert die Erhaltung der gesamten J'üdischen Gemeinschaft als solcher, damit an allen. Stätten,, wo nden wohnen, die Aufgaben des Judenrums .verwirklicht werden können in' Ausdrucksformen .des Gemeinschafts- und Einzellebcns, (Fortsetzung auf der -2. Seite) . . . .; mit dem Jüdischen Wohlfahrtsamt zusammenarbeitet und daß i schon mancher Fall durch Verhandlung. der Abteilung Winterhilfe' ' des Jüdischen: Wohlfahrtsamtes.. erledigt; . werden; konnte,.,;Sq konnten Fälle, in denen ein jüdischer Heuswirt etwas allzu scharf , vorging oder ein jüdischer,; Mieter geschützt ' werden ■ •mußtey , bestens geWärt werden.' . ■ '•"'>" ," '/'"•''■ : Zum. Schluß, wird, nochmals betont, .daß , Iii. der zweiten,; Etappe des. nun mit voller Kalte einsetzenden..Winter« die ' Spendenkraft doppelt verstärkt wercVn"'muß,. um; allen' Hilfsbedärfiigen die Harte des Wintert, dureh Brennmate-? rialien and Lebensmittel lindern zu können! Auch den jüdf- ': sehen Bewohnern Berlin* erwächst hierdurch die Pflicht, . ihren bedürftigen Glaubensgenossen gegenüber' wie .allen Bedttrf- ■ tlgen, durch . Spenden an das WH^ hilfreich belzpitehw, :>.,;.' .... :: ■.,-,.......! >•,....,< .,(„:.■,.. Juli« iWdjMWf.

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