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Jüdische allgemeine Zeitung · 1935-01-09 · 2 (9.1.1935) · page 1

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Journal
Jüdische allgemeine Zeitung
Volume
15 (1935)
Issue
2 (9.1.1935)
Date
1935-01-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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BERLIN 9. Januar 1935 PREIS 25 PF. Nr, 2/15. Jahrgan« JÜDISCHE AUGEMEINE SohrifÜeittuig und Gcscbaitmtollo: Borlia W 15, ühlandstr. 168. Fororof: J 2 OliVa 6968. Baakkoato: Kroditvorota für Handol und Goworbo eQmbH, Berlin N 24. — Bezugspreis: RM. 1,— monatlloh (zuzügl. HM. 0,10 Zeltongsgobttor and Bestellgeld), bei Strolfbandvorsand zutflgl. RM. 0,30. Vorlag: Vorlagsgenossonsohaft in Doutaohland ansasaigor Judon zn Berlin oGmbH., Berlin W16, Ühlandstr. 168. Anzeigenproiso: Dio 12geapaltcne mm-Zcilo RM. 0,16, t. FamUlonanzoigen RM. 0,10, f. Stellengesuche RM. 0,08. Bai unvarachuldeter Niahtbelioferung bosteht kein Anspruch auf Vergütung. NEUE FOLGE JÜDISCH-LIBERALEN ZEITUN Umfchau Von HEINRICH STERN In Rcichsvcrtrctung, Landesverbänden und Gemeinden sitzen jetzt die Finanzgcwaltigcn über den Etatsarbeiten. Eine schwere und keineswegs beneidenswerte Pflicht I Wünsche zu äußern, Forderungen zu präsentieren, ist leicht, schwer die Aufbringung der Mittel. Sic ist heute doppelt schwer, weil die eigentlichen Träger der Lasten, dio großen und mittleren Gemeinden, nicht nur die Aufgabe haben, für ihre eigenen Bedürfnisse zu sorgen, sondern auch für die Bedürfnisse der Spitzcnorganisntioncn, denen ihrerseits wiederum die ehrenvolle Pflicht obliegt, für das wirtschaftliche und soziale, für das religiöse und geistige Leben in den noch immer sehr zahlreichen, aber stets schwächer werdenden kleinen Gemeinden einzutreten. Wer Gelegenheit hat, das Leben dieser kleinsten Herde jüdischen Feuers zu beobachten und mitanzusehen, welchen heroischen wirtschaftlichen und vor allem seelischen Kampf diese jüdischen Menschen führen, um das heilige Feuer des Judentums zu erhalten, der kann nur immer wieder wiederholen, daß keine Opfer an Geld die Opfer an Beelischer und sittlicher Kraft aufwiegen, die diese Menschen bringen. Hier ist wirklich dos alte Wort lebendig geworden, daß es nicht um die Zahl, sondern um den Geist geht. * Um den Geist aber geht es auch bei anderen „Positionen" des Etats. Es wird ja mit Recht jetzt immer wieder darauf hingewiesen, daß wir deutschen Juden jede „Position" halten sollten, die wir innehaben. Nun, hier ist eine, und noch dazu eine, die uns von außen nicht bestritten wird, wenn wir sie nicht selbst aufgeben: das jüdischo Geistesleben auf seinem ureigensten Gebiet, der Erhaltung und dem Ausbau des Judentums! An die Menschen und Körperschaften, die hier zu entscheiden haben, ergeht der ernsteste Appell, hier nicht mit Tausenden zu sparen, um Unschätzbares preiszugeben. Mit' einem Bruchteil von dem, was für Sportplätze und Wanderheime, was für Alters- und Krankenhäuser — gewiß alles höchst nötige Dinge — ausgegeben wird, ist die Schaffung von Lehrhäusern möglich und, was beinahe noch wichtiger ist, die finanzielle Sichcrstellung der wenigen selbständigen Denker und Forscher auf dem Gebiete efts Judentums, ohne die eine Erhaltung und Fortpflanzung jüdischen Geisteslebens in Deutschland nicht möglich iBt. Videant Parncssiml * In diesem Zusammenhang ist die Tatsache zu werten, daß die jüdische Gemeinde Mannheim ihren Rabbiner zum Vorsitzenden des Geraeindevorstandcs gewählt hat. Mich hat diese Nachricht zwiespältig berührt. Wer wie ich seit meinem Eintritt in das jüdischo Leben eingetreten ist für die Hebung des Ansehens des Rabhinerstandcs, sich immer eingesetzt hat für die Heranziehung des Rabbiners zu den Sitzungen des Vorstandes, empfindet auf der einen Seite Genugtuung darüber, daß der Gedanke der Religionsgemeinde eine gewisse Krönung findet darin, daß jetzt der religiöse Führer dio Religionsgemeinde auch äußerlich führt. Trotzdem scheinen mir die Bedenken gegen diesen Schritt' zu überwiegen. Ich lasse die boamtenrechtlichen Fragen ganz beiseite und möchte nur zwei schwerwiegende Gründe, hervorheben: Ich habe das Gefühl, daß der Rabbiner, wenn er das Haupt der Verwaltung wird, zwar äußerlich sein Ansehen hebt, aber es doch innerlich mindert. Bisher war er eine Fjnzelpersönlichkeit, ein Mann eigenen Wesens und eigenen Werks. Jetzt wird er „Einer aus dem Kollegium". Er muß in zahlreiche Fragen hineinsteigen, die er nicht versteht und nicht verstehen kann, die er aber als Leiter des Gremiums verstehen müßte. So wird er oft in „weltlichen" Fragen entweder überstimmt werden oder ohno Sachkenntnis mitstimmen', cb steht zu fürchten, daß allmählich darunter auch sein Ansehen auf seinem ureigensten Gebiete leiden wird, und daß eines schönen Tages das ^Kollegium" ihn auch auf religiösem Gebiete überstirhmen wird, phne.daß! er sich darüber beklagen darf. Noch viel wichtiger aber erscheint mir, daß der Rabbiner, je mehr er sich der Verwal- . tungsarbeit widmet, seinem heute unersetzlichen Arbeitsgebiete entzogen wird: der Forschung und. Lehre. Seit Jahren klagen wir ,,1^016^' darüber,'daß die speziell theologische, Wissenschaft nicht vorwärts, kommt, weil .Rabbiner und Lehrer. für. den Schreibtisch; keine 'Zeit jjiehr. finden, wir bedeuern, daß, sie neben der zu ihrem Arnle/ gehörigen „Seelsorge',', (richtig ' verstanden, ein ungeheures'Gebiet gerade .in heutiger Zeit), neben den „Kasuslien" wie' Trauung, Beerdigung usw. ihre Freizeit unzähligen Vereinen find Org'aiusaU^nen für Ansprachen,;' Vorträge-, usw.; widmen, die verpuffen, .währeridv das ,.Buch", welches der eine oder der andere schreiben könnte- und mußte; und-daslanjjfc nachwirken würde, ungeschrieben bleibt Belastet sich nun noch der Rabbiner mit den Deutfche Juden in USA Bericht für die „Jüdische Allgemeine" von SIEGFRIED LEVIN New York. Die neue Welt übt seit jeher eine besondere Anziehungskraft auf alle die aus, die au9 irgendeinem Grunde sich gezwungen sehen, ihre alte Heimat zu verlassen. So war es kein Wunder, daß gerade in den letzten Jahren viele deutsche Juden Nordamerika aufsuchten, lim sich dort eine neue Existenz aufzubauen, wenn auch die Einwanderung nach den Vereinigten Staaten keineswegs sonderlich leichte Bestimmungen aufweist. Die Krife wirkt fich ans Was darüber hinaus die Auswanderung nach Amerika zu einem nicht leicht zu überwindenden Problem macht, ist die Möglichkeit, dort einen Erwerb und ein Fortkommen zu finden. Man weiß ja, daß auch Amerika in einer wirtschaftlichen Krise steht, daß die Not dort vielfach nicht geringer ist als in Europa. Die Wohltäter großen Stils, die Amerika immer aufzuweisen hatte, können auch nicht mehr in gleichem Maße in Anspruch genommen werden, denn es steht fest, daß kaum irgend jemand von den Krisen der letzten Jahre verschont geblieben ist, und daß es hier niemanden gibt, der heute noch mehr als 25 o/o des Vermögens Besitzt, das er noch vor zwei bis drei Jahren sein eigen nennen konnte. Die Mehrzahl der Spenden kam zudem immer nur aus der großen Masse der Bevölkerung, und man darf sien nicht täuschen lassen, wenn irgendwo einmal Riesenzahlen über die Ergebnisse eines Banketts auftauchen, das zugunsten irgendeiner guten Sache veranstaltet wurde. Diese Summen stehen leider nur allzu häufig allein auf dem Papier. Der jüngst verstorbene Sendbote einer bedeutenden wissenschaftlichen Anstalt Europas pflegte zu erzählen, daß er auf einer Propagandareise durch Amerika trotz größter Veranstaltungen und Banketts mit hohen Zeichnungen von Beiträgen in Wirklichkeit nur einen größeren Betrag erhalten habe, und das war das Ergebnis einer Sammlung bei einer Beerdigung, wo sich irgendein amerikanischer Prominenter hatte bewegen lassen, an die versammelten Massen zu appellieren. Man darf aber nicht glauben, daß die amerikanischen Juden deswegen nicht doch alles täten, was in ihren Kräften steht, um notleidenden Juden aus aller Welt zu helfen. Die Hilfsbereitschaft ist geradezu enorm, nur stehen eben nicht mehr die Mittel zur Verfügung, wie noch vor einiger Zeit. Besonders der deutschen Juden, die sich entschlossen, nach Amerika zu gehen, nehmen sich die Organisationen der aus Deutschland stammenden Juden, aber auch die der anderen amerikanischen Landsmannschaften mit größtem Eifer an, und es gibt nicht viele, denen man nicht in durchgreifender Weise geholfen hätte, wenn Bie Beü>Bt zum mindesten die Hand dazu boten. Mit dem Einwandern ilts nicht getan Leider gibt es unter Auswanderern manche, die der Meinung sind, sie hätten mit dem Aus-.und Einwandern nun alles getan, waB man von ihnen verlangen könne, ihnen weiterzuhelfen, dazu seien die anderen da. Wer auswandert, muß sich darauf gefaßt machen, auf wirtschaftliche Schwierigkeiten schärfster Art zu stoßen, er muß im Existenzkampf vor keiner Arbeit zurückschrecken, dann wird er es zu etwas bringen können. Wer sich davor geniert, tüchtig zuzugreifen, wo ihm etwas geboten wird, kann nirgends auf eine neue Existenz rechnen, und besonders nicht in Amerika. So beklagte sich bei mir neulich ein Herr, der lange Jahre in Deutschland eine verantwortliche Stelle in einem großen Warenhaus innehatte, daß man ihm in Amerika noch keine richtige Stellung besorgt habe. Er erzählte, daß er Lebkuchen habe verkaufen sollen. In Amerika gibt es eben keine Tätigkeit, die sozial unter einer anderen steht. Ergreift jemand nicht die ihm gebotene Gelegenheit zu einem Verdienst, so wird man ihm dort niemals wieder etwas anderes bieten. Schaffner, Fahrftuhlführer, Kinooperateur Zwei andere Fälle mit jüngeren Menschen sind ebenso typisch, wenn auch nach der anderen Seite hin. Der Sohn einer hochangesehenen deutsch-jüdischen Familie hatte einen PoBten als Schaffner der elektrischen Straßenbahn in New York erhalten. Wenn irgendein Bekannter in seinen Wagen einstieg, reichte er ihm die Fahrkarte mit abgewandtem Gesicht.' Bis schließlich amerikanische Freunde ihm gehörig den Kopf zurechtsetzten und ihn darüber belehrten, daß in Amerika keine Tätigkeit ihren Träger gesellschaftlich herabsetze. Ein anderer junger Mann, ebenfalls aus bester deutsch-jüdischer Familie, war überall gern gesehen und als guter Gesellschafter geschätzt. Niemand wußte, was eigentlich seine Beschäftigung war. Durch Zufall erfuhr jemand, daß er Fahrstuhlführer in einem der großen Miethäuser an der Riverside war. Niemand entzog ihm deshalb Achtung und Freundschaft, im Gegenteil, man bemühte sich, ihm weiterzuhelfen. Schließlich erhielt er eine Stellung in einem der großen Kinopaläste, avancierte allmählich dort zum Vorführer, am Ende zum Operateur, und gerade jetzt wird ein erster Film, den er aufgenommen hat, in New Yorker Kinos gespielt. Ein großer Fehler In der Tat schätzt man hier im allgemeinen die Lage der Einwanderer so ein, daß zum mindesten . 50 o/o sofort, natürlich mit einiger Mühe und mit Unterstützung der einschlägigen Organisationen, in Arbeit gebracht werden können. Den größten Fehler machen die Einwanderer, die glauben, nicht ins Innere gehen zu dürfen, sondern in den Hafenstädten sitzen bleiben. Im Lande selbst, in der Provinz, ist Amerika tatsächlich vielfach noch das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, und ein tüchtiger Mensch wird sich dort gut durchbringen. Ohne Fachkenntnisse, ohne. Sprachkenntnisse, ohne Arbeitswillen gerade heute ungeheuren Arbeiten des Gemeindevorsitzes, so wird er.,entweder' zum. Rqutinier oder er bricht zusammen. Das erscheint Raubbau zu sein mit unserem edelsten geistigen Gut I; Die' p o I n i s c h e O r t h o d o I i e hat es durchgesetzt, daß die Gemeinde Warschau, die größte europäische Gemeinde, an den Mäimo nide a f eie r ii, die. jetzt' überall vorbereitet, werden, nich t teilnehmen darf. Die .Orthodoxie• sei,' so heißt es, grundsätzlich gegen die' Abhaltung von 'Feiern, „da' dies nicht) jüdischer Brauch ist". Das. liberale Judentum" hat wahrhaftig keinen Anlaß, den Verfasser der „Mischnch Torah", "den Redaktor der „Glaubensartikel" zu den seinen zu rechnen. Dennoch mutet es überaus befremdlich an, daß es wieder die Hüter der „rechten Meinung", die Orthodoxen, sind, die sich bewußt und demonstrativ von einer Gemeinschaftstat des gesamten Judentums ausschließen. Der unversöhnliche Haß, den gewisse Kreise des rabbinischen Judentums dem großen Philosophen, dem Verfasser des .„More Nebuchim", einst entgegengestellt haben, scheint nach 800 Jähren noch nicht erloschen zu sein; Dieser Haß mächt die allmächtige Warschauer Orthodoxie' blind für die Größe , des! Gedankens, daß sich.ganz Israel, unabhängig von innerjüdischer Weltanschauung, einig fühlt im Andenken an seine großen Männer. Geistige Größe zu,ehren, ist, das sagen wir den großen Herreu m. Warschau mit allem Respekt "ins Gesicht, sicher eher „jüdischer. Brauch" als sich von solcher gemeinsamen Ehrung auszuschließen.

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