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Jüdische allgemeine Zeitung · 1935-01-02 · 1 (2.1.1935) · page 1

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Journal
Jüdische allgemeine Zeitung
Volume
15 (1935)
Issue
1 (2.1.1935)
Date
1935-01-02
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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f w^yy^? J w ■: .'■>.'• 'y-s.l"'":. ■ii" -," '* Bf £ R L I N St. Januar 1933 "v(it^~f,i y '1 ih , i .^Ti'v j> * •HXTjtf » " OC <• ••"-v;rr«»5K.- i h r« JXntfASfj eiM' "fr"» ,3" '*^wt;^"v -,v f PREIS 25 PF. Nr. 1 / IS. Jahrgang sc. ^anuar iv^a JL^1#^^^//VlUWVUfl %m wr. i / i». «lanrgang JÜDISCHE AUGeWeME Sabriftloituntf und QcscbMtBstollo: Borlln W 15, Uhlandstr. 168. Forarnf: ,J2 Oliva6908. Bankkonto: Kreditvoroln für Handel und Gewerbe oQmbH, BorMn N 24. — Beiugsprelo: BM. 1,— monatlioh (zniflgl. BM. 0,10 ZoitnnioBebflhr und Beatellgeld), bei Streifbandveroand miügl. KM. 030. JIF Jlpsr JErJL .«äs» mä Vertag: Verlngsgonosaoosohaft in Poutsobland ansässiger Juden zu Berlin oQmbH., Berlin W15, OhTandatr. 168i Anzolgcnprolso: Die 12ge»palteno mm-Zeilo HM. 0,16, f. FamUienanzolgen BM. 0,10, f. Stellengesnohe BM. 0,08, Bei unverschuldeter Niohtbolieforung besteht kein Anspruch auf Vergütung.; NEUE FOLGE D ER JODISCH-L I B E R A L E N Z E ITH N Q im i ■:\ Bilanz der deutschen Judenheit Von LUDWIG HOLLÄNDER : Stellt man die Aktiva der deutschen Judenheit im Jahre 1934 den Passiven gegenüber, so wird man die Wörde, das Gefühl für Ehre in erster Reihe zu berücksichtigen haben. Das Gefühl für Selbstachtung, die Empfindung der Höchstverantwortlichkeit des Einzelnen der Gesamtheit gegenüber ist in schweren Zeiten der Maßstab, nach dem alles bemessen werden muß. Vornehmheit der Gesinnung, die unbedingt gebotene Zurückhaltung sind geübt worden. Leider nicht überall. Hier gilt es klar zu sehen. In den Großstädten insbesondere sind viele Zeichen des Sich-gehen-Iassens, viele Beweise; daß das schwere Geschick ein gerade in begüterten Zirkeln sehr kleines Geschlecht gefunden hat, nicht zu verkennen. Immer war es in solchen Zeiten der Judenheit Rettung, daß das Gefühl für die Einigkeit und damit die Verantwortung vor dieser gestärkt wurden und daß diese Verantwortung daB Maß aller Dinge zu sein hat. Wenn die Passivseite gerade in den Großgemeinden immer noch. stark belastet erscheint, wenn ,man allzu Bchnejl zu vergessen gelernt hat, so muß darin ein Wandel eintreten. Man nehme sich, ein Muster an unseren Mittelgemeinden, die; durch' Selbstkontrolle,, 4urch< die . Strmgt!,-'imt!dw''Sie :lErläM^giM'\'^a Zeit; auf alle Mitglieder, abfärben, den Beweis dafür abgeben, daß das Ziel der Gesamtheit in dem Umfang liegt, in dem der jüdische Mensch sich selbst hocherhaben fühlen kann über die Angriffe, die in der großen Menge gegen ihn geschleudert werden. Die Hebung der inneren Verantwortung überragt alles Wissen, alles Streben. Zu leicht ist man geneigt, in der Förderung jüdisch-kulturellen Strebens die menschliche Verantwortung zu verkennen, die allein in diesen Fragen den Ausschlag gibt und uns zu zeigen berufen ist, wie wir vor unserer Zukunft dastehen Wörden. Man sollte zur Beseitigung dieses Passivpostens vor keinem anständigen Mittel zurückschrecken. Die Menschen müssen in eine Luft versetzt werden, die erfüllt ist von dem Sauerstoff, der sie nicht einlullen läßt von den Stickstoffatomen, die eine zeitweilig ruhige Atmosphäre in gefahrbringender Weise um sie verbreitet. Die . Hebung dieses Verantwortungsgefühles, die nur durch die Einwirkung der Gesamtheit auf den Einzelnen erreicht werden Kann, und zu der keine Botschaften, Erklärungen und solcherlei gutgemeinte Dinge führen können, wird auch das richtige Maß in den Beziehungen unseres Seins zu unserer nicht-jüdischen Umwelt bringen. Deutschland steht vor der Abstimmungüber, »das Schicksal des. Saar gebictes. Unsere Stellung muß getragen sein von dem Empfinden für die Ehre deutschen Landes. Gewiß ist unser Schicksal hart. Aber stets ist der glaubenstreue Jude für die Ehre seiner Heimat eingetreten. Wir erinnern uns mit Recht an den großen Krieg, an die Tausende Kelirleite der Prosperity „Kauft Bauplätze bei Tel Awiwl" — Warnrufe eines zioiiillifehen Blattes In einem beachtenswerten Artikel über die Verhältnisse, unter denen sich der Palastina-Aufbau vollzieht, hat die „Jüdische Rundschau" kürzlich auf die weniger glänzende Kehrseite der Medaille hingewiesen und nachdrücklich Betont, daß es bei allen Fortschritten der Arbeit an Fehlschlagen, Schwierigkeiten und Mißständen keineswegs mangele und daß die Situation durch das Findringen skrupelloser' Elemente verschärft werde. Eine wesentlich deutlichere Sprache führt ein Artikel der zionistischen Präger „Selbstwchr", die warnend ihre Stimme gegen gewisse Auswüchse in Palästina erhebt. Einmal gab es, bo schreibt die jjSelbstwehr", einen zionistischen Stolz: wir verwandelten Wüste in fruchtbares Land, führten Krieg, gegen Sümpfe, verdrängten Sanddünen. Wo gestern Brach- - land. lag, sprießt und grünt es heute. Wir bauten Tel Awiw in den Sand'und pflanzten ringsum im weiten Bogen Orangerien. Weithin dehnten eich . diese kleinen duftenden Wälder, Ihre Früchte wurden zum ersten und bedeutendsten Ausfuhrprodukt des Landes und machton ihrem Namen „Goldapfel" alle Ehre. . . Das soll jetzt , anders werden. Eine Reihe von Spekulanten, die auf dem Rücken der Prosperity emporgeklommen sind, kauften Pardeaim in der'Umgebung von Tel Awiw. und lassen die ganzen'Pflanzungen,/ Baiun Wr Baum, ausroden. Wo es gestern grünte und duftete, gähnt heute wiederum das ode Grau der Erde. Aus Pardeaim wurden über Nacht Migraschim, Bauplätze. Man schreit es in alle. Welt: „Kauft Bauplätze J>ei Tel Awiwl", erzeugt Stimmung , und . künstliche Nachfrage. . Das Blatt stellt dann fest, daß infolge dor ungeheuren Einwanderung die Konsumkraft des Jischuw angewachsen ist und immer neue Produzenten anlockt, lind fährt fort: Der jüdische landwirtschaftliche Sektor reicht nicht mehr aus, um die Städte mit den erforderlichen Lebensmitteln zu versorgen. Die Lohne zeigen eine steigende Tendenz und ermöglichen auch den Arbeitern einen höheren Lebensstandard. Nicht allen allerdings, und hier, sind wir auch Bchou dort, wo das Licht der Prosperity endet. Es steigen die Bodenpreise rapid an und in ihrem Gefolge auch ■ die» Mieten; Man zahlt für ein Stäbchen in Tel Awiw, in dem man eich kaum, wenden, kann,' einen Betrag, der vom Durchschnittslohn des' Arbeiters nicht allzu viel mehr übrig läßt. Der Beamte, der'sich eine kleine Wohnung leistet, hat seine verfluchten Sorgen, um mit dem Rest seines'Gehaltes auszukommen. Auf dem Lande ist es. nicht viel besser, nur die Löhne sind hier weitaus kleiner. . Kein Wunder, daß es gar, manchen Arbeiter in die Stadt zieht, zu der „großen Chance", einmal soviel zu ver- «hentn, um , sich auch etwas ersparen zu können, vielleicht gar das Geh), für die Anijiedlung. Das jüdische Dorf in Palästina verliert Arbeitskräfte an die Stadt, in der auch die Mehrheit der Neuankommenden haften bleibt. ■■'■■.'. Ss :' S Im Rausch der großen Einwandorungszalilcn hat man vielerorts an daB zionistische ABC vergessen. War da nicht vorher von einer Pyramide die Rede, die auf der Spitze stand und von jedem Windhauch zum Kippen grWeacht werden konnte? Man wollte sie doch umdrehen und fühlte in sich die Kraft dazu. Die breite Basis sollte wiederum die Landwirtschaft werden. Wollte man nicht aus Stadtmenschen Bauern formen? Bauern, die durch ihre Arbeit im Boden wurzeln? Eine gesunde Berufsgliederung? Einen neuen Lebensstil? Eine Bodenreform? Wenn der Zionismus kein bloßes Transport- oder überwiegend philanthropisches Emigrationsunternehmen, sondern vielmehr eine Bewegung sein wollte, die den Aufbau eines normal geschichteten Volkes anstrebte, dann mußte er in dem Lande, wo sich 'dieser Prozeß vollzog, Schluß machen mit der alleinigen, Struktur und Psychologie der Stadt und des Städtchens, aus denen jede Einwanderungswelle kommt. Dann mußte er wieder die Landwirtschaft als wesentlichen Beruf in das jüdische Wirtschaftsleben einführen. Zu einem ernsten Problem, schreibt die;,Selbstwehr" weiter, wird die „illegale Ali iah", die fern jeder Beratung und Auslese in ihrem Gefolge allerlei'Elemente mit sich ins Land führt, die höchst ungeeignet sind. Die »schwarze Einwanderung", - für die es vielfach nur ein Unterkommen' für den Augenblick' ankommt, hat zahlreiche Menschen ins Land gebracht, die der erste und leiseste Kriscnhauch empfindlich treffen wird, die heute wohlgemut die Städte füllen und„Lu f texisten zen" sind, auch dann, wenn sie zeitweise davon wenig verspüren. Es sind keineswegs nur Sentimente, dio bewirkten, daß dem Aufbau einer jüdischen Landwirtschaft im zionistischen ABC eine so hervorragende Stelle eingeräumt wurde. Die Gründe dafür bleiben gewichtig, auch wenn man im Trubel des Palästina-Alltags an jenes so leicht vergißt. Das Blatt erblickt in der Bodenspekulation in Palästina eine unheimliche'innere Gefahr für die Verwirklichung des Zionismus und weist Wege, um sie zu bannen. Der1 Artikel schließt mit |den gölten: „Wenn der Keren Kajemcth nach den an sich verständlichen Prinzipien des einzelnen Bodenbesitzers vorgehen würde, dann müßte auch er heute" — wie. die' Besitzer'der noch, unbebauten Bauf liehen, die sich mit Rücksicht: auf die veränderlichen Preise nur. sehr schwer, iu Verkäufen entschließen .— „Orangenbäume aus'dem Boden reißen, die Arbeit , in vielen Siedlungen ' einstellen lassen und durch seine Beamten in Tel Awiw una aller Welt „MigraschimI Migraschiml" ausrufen lassen. Dann konnten wir aber auch den Schlußpunkt hinter' all unseren Zionismus setzen." ■ ■;':i; '■' •■*; 7'r : 7! ",f;!i ■if,;;t. V"-'-'} •I^H ■■•!.•■'.';■. , ■ ::■'.' ,;';;.;!^;< •"■^'5 unserer Gefallenen, an jene schönen Worte, die 1914 bis 1918 von uns gesagt und gesungen wurden: Brüder, was da kommt, gilt gleich, Leben oder Sterben, Aber blühen muß das Beich, Uns und unseren Erben. Darum muß die deutsche Saar deutsch bleiben, und die saarländischen Juden können keine . andere Wahl haben, als die Wahl für Deutschland. Gewiß werden sie mit vielen Gefühlen der Unfreundlichkeit von manchen Leuten empfangen werden, denen die Juden „unser Unglück" sind. Geschichtlicher Sinn und jüdische Erfahrung werden ihnen aber beweisen, daß jüdisches Schicksal im deutschen Land oft genüg bedroht gewesen ist, daß aber immer die alte Lehre von der Pflicht der Juden, zur Heimat zu stehen, der Gesamtheit den inneren Frieden gebracht hat. : » Die Bilanz in wirtschaftlicher Beziehung bringt' auf der Aktivseite die Erkenntnis, daß die leitenden Stellen unseres Staates die Gesetzgebung in Beamtenfragen und* deren Nachbargebiete nicht auf das Gebiet der Wirtschaft übertragen wissen wollen. Die Passivseite, zeigt, daß der Ausschluß der Juden-in .der, Praxis vielfach geübt wird. Berufsmöglichkeitenschwinden. Hier sind gewaltige Aufgaben gestellt, die zu lösen im Einverständnis mit den maßgeblichen behördlichen Stellen unsere Organisationen bestrebt sind. _.' Buhe und Vertrauen sind hier die besten Mittel, um diese Bilanz zu bessern. Wie überhaupt jeder; Geist zersetzender Kritik in unseren Reihen energisch ausgejätet werden muß. Wodurch mit keinem Worte gesagt werdensoll, daß Uniformierung aller Anschauungen verlangt werden soll. . Eine solche j Forderung in unserem Lager müßte nachdrücklichem Widerstand begegnen. *, ';•- Ein erfreuliches Aktivuni bildet endlich das -überall erkennbare Streben nach Vertiefung der jüdischen Werte in uns. Das fortschrittliche Judentum wird durch Wissen gewinnen; es wird darüber ins Klare kommen, daß es im Judentum keinen Stillstand, keine bloße Beharrung geben darf. Gewiß ist als Passivum eine gewisse Uberfütterung zu buchen; auch ein Heran: drängen an die geistigen Krippen kann von übel'b^.^'y^|| aber wo Gnade ist, gibt es auch Verhängnis. Es 'islk'^.ji betrüblich, wenn sich Menschen, denen jüdische Intor-i!.;'-:.!!^;^ essen bis zum Frühjahr 1933 meilenweit fem lagen,- :V:'ä*-l jetzt als Künstler, Lehrer und sogar als Erzieher aufspielen dürfen; Ein geläutertes Empfinden wird jedoch auch dieses Defizit unserer Bilanz ausgleichen. . ' ' '^.Yv^ ■:v-v;i„; •;'-'tv •' ' _v:'|' \ ■-.■'Iii*' «■;>':>' Lord Rothermere über fein«) Reife durch. DeutfcMand In der Londoner , „Daily Mail" veröffentlicht 4er '-'Beä^.'^^jj^ dieses Blattes, Lord Rot^ermere, «inenrAul»^,'in-.4eai.V^J^^,{?'! den tiefen Eindruck schildert,' den ■ er auf -'•einer. Reise'.4tirär:£v^|P** ' Deutschland empfangen hat. Er.kommt darin auch auf die Juden -.V>;» zu sprechen. Der Passus hat nach dem Bericht des DNB.: 'foK: genden Wortlaut: '' , ... , * „Begreifen wir Engländer, was diese Genesung bedeutei, ..oder ist unser Urteil noch immer getrübt von: den Zewhjjdiril'«M^^ftt Vorurteil und Propaganda? Beinaho alle. Nachrichten über-das nationalsozialistische Regime, die sogar in unserenypnatMf»t^:\m/k liebsten Zeitungen veröffentlicht werden, sind Unsinn. ■ Sie ihakenv" z. B. den Eindruck erweckt, als ob die Juden in D.eut»c,Jj,..,. land beinahe dos Leben gehetzter. Tiere fuhren. Aber in dent- .* sehen Hotels und Gaststätten habe ich oft fröhliche und fe«tUch;:^ gestimmte Gesellschaften von deutschen Juden gesehen, die kein . .■; f- Merkraal der Unsicherheit oder des Leidens zeigten/'? i >v ' .! irlMr1

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