Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, elfter Jahrgang 5625 (1864/65) (1865)
- Date
- 1865-01-01
- Page
- Seite 341 (sequence 361)
- Language
- German
- Belongs to
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341 Du denn nicht müde von Deiner Kunst? Wem Gott so erschienen ist wie Dir, mein Kind, und wer die Menschen so erfreut wie Du, der muß seine Gesundheit so betrachten, als wäre sie ein Stück Leben Anderer und muß darauf sehen, daß Ein Blutstropfen so fließt wie der andere. Thust Du das, Bella, mein Kind?" Plötzlich riß er sich von ihr los, und bedeckte sein Antlitz mit beiden Händen. „Was habe ich gesagt!" rief er in einem Tone, der die Wiedergefundene erbeben machte. „Verzeih' mir, Vater! verzeih' mir! Ich habe mich schwer an Dir vergangen!" sagte die Sängerin, und ihre Thränen flössen. „Verzeihen?" ries der Alte, und der Ton seiner Stimme klang trocken, ja voll Herbigkeit. „Was habe ich Dir zu verzeihen? daß Du mir nicht geschrieben hast, daß Du mich absterben ließest, daß ich nicht gewußt habe, soll ich mich zur Schiwe (siebentägige Trauer) hinsetzen um mein todtes Kind, oder soll ich glauben, daß sie noch am Leben ist? Was soll ich Dir verzeihen? Du lebst ja, und wo gibt es einen Vater, der nicht jede Kränkung aus seinem Herzen herausreißt, und vergißt Alles und läßt es nicht anmerken, wie wehe man ihm gethan hat, wenn er nur weiß, daß sein Kind lebt?" Dann, wie von einem andern Gedankenstrome mächtig erfaßt, näherte er sich wieder seiner Tochter; er ergriff ihre Hand. „Sag' mir, Bella, mein Kind", ries er, seinen Mund hrem Ohre nahe, mit unheimlichen Flüstern, „muß ich mich wirklich auf den niedern Schemmel hinsetzen, und um Dich trauern und weinen sieben Tage? Oder muß ich es nicht? Sag' die Wahrheit, Bella, mein Kind, und fürchte Dich nicht vor mir!"