Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, elfter Jahrgang 5625 (1864/65) (1865)
- Date
- 1865-01-01
- Page
- Seite 321 (sequence 341)
- Language
- German
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321 Es war hellichter Tag geworden, als sie durch das düstere „Porizer" Thor schritten. Sie waren in Prag! Von diesem Augenblicke an trat in der äußeren Erscheinung des alten Mannes eine seltsame Wandlung hervor. Die Mühe der weiten Wanderung schien erst jetzt über ihn gekommen zu sein; seine Lippen waren schmerzlich geschlossen; er erhielt sich kaum ausrecht auf den Beinen. Dennoch verrieth er durch keine Aeußerung, wie sehr ihn die Mattigkeit übermannt hatte. Nur als sie durch den „alten Pulverthurm" schritten, von dem aus der Weg durch die „Zeltnergasse" über den „Altstädter Ring" in die düstern Gassen des Ghettos führt, sagte David Brod, indem er den Arm seines Gefährten krampfhaft drückte: „Feiwelmann, wenn sie es doch nicht wäre!?" Ein Mann mit einer weißen Schürze klebte gerade ein bedrucktes Papier an die alte Mauer des Thurmes. Wiewohl flüchtigen Blickes hatte Feiwelmann der Baß doch erkannt, daß es der Theaterzettel der heutigen Vorstellung war; denn mit großen Buchstaben war darauf zu lesen: «Die Hugenotten," große Oper von Meyer beer. „Fraulein Jsabella Brod in i als Valentine." Feiwelmann verschwieg aber seine Entdeckung! Erst jetzt, nachdem der Baß seinen alten Meister in einem jener kleinen Einkehrhäuser, wie sie die engen Gassen und Gäßchen der böhmischen Hauptstadt so zahlreich aufweisen, untergebracht hatte, wo David Brod, in einem Stuhle sitzend, fast augenblicklich in einen tiefen Schlaf gefallen 21