Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, elfter Jahrgang 5625 (1864/65) (1865)
- Date
- 1865-01-01
- Page
- Seite 307 (sequence 327)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2609281-2609302--5958-2613310- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
307 „David Brod, ich sag' es Dir, wenn Du Dich nicht änderst, so schnür' ich mein Bündel, und gehe wieder nach Baiern zurück." „Warum nicht, Feiwelmann", hatte dagegen David Brod gesagt, „da hast Du nicht weit nach Frankfurt am Main und kannst wieder Deine großen Künstler spielen sehen." Dieser höhnischen Anspielung gegenüber, die deutlich bewies, daß aus dem Gedächtnisse des alten Mannes auch nicht die leiseste Erinnerung an jahrelange Erlebnisse geschwunden war, fühlte sich Feiwelmann schwach wie ein Kind. „Hab' ich denn schon gesagt", rief er stotternd, „daß ich gehen will? Bis Du nicht Deinen Stecken nimmst, David, und jagst mich auf und davon, gehe ich nicht von Dir. Was soll ich auch in Baiern thun? In Böhmen gefällt es mir, da will ich bleiben." In einer Nacht wachte Feiwelmann der Baß in seiner Kammer, es war dieselbe, die einst dem Kinde des Borbeters zur Schlafstätte gedient hatte, länger als es seine Gewohnheit war. Er konnte keinen Schlummer finden; sein Gehirn war in Folge einer jener peinlichen Unterredungen mit David Brod, die jetzt öfters stattfanden, tief aufgeregt, alle Ruhe war von ihm gewichen. Sollte er wirklich sein Bündel schnüren und sein Mutterland Baiern wieder aussuchen? Seine Habseligkeiten waren schnell gepackt . . . dann ein Sprung durch das niedere Fenster und er war außer dem Bereiche des Grolles und des nagenden Kummers, der ihm stündlich und täglich seine Tage vergällte. Da durchzuckte ihn ein merkwürdig „wilder" Gedanke, sein Gesicht flammte hoch aus, all sein Denken und Fühlen war wie ein glühender Erzstrom in Fluß gerathen. Er setzte sich hin und schrieb folgenden Brief: 20*