Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, elfter Jahrgang 5625 (1864/65) (1865)
- Date
- 1865-01-01
- Page
- Seite 288 (sequence 308)
- Language
- German
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288 Ein Meusch, der seine Heimat verläßt, ist wie das- Bächlein, das aus der Quelle kommt, klein, unbedeutend, unbeachtet. Wenn es dann hinaustritt in die freie Ebene, so ist sein Geschick, daß es sein Gewässer gleichsam zum Dienen verurtheilt, mit dem eines andern mengt und in. demselben spurlos untergeht. Oder es wird ein großes- Wasser, das Felsen durchbricht, gewaltige Städte und Bauten in seinen Fluthen bespiegeln laßt, bis es endlich den heißen Drang, der es vorwärts und in immer ferneren Weiten; treibt, in den Wogen des Weltmeeres abkühlt. „David Brod," hatte der Graf gesagt, ,,ich wiederhole Euch und Eurem Kinde gegenüber mein Be:sprechen, für' Bella zu sorgen, insolange sie sich durch G e h o r sa m dessen würdig zeigt." Seltsam! Dem Kinde schenkte er nicht die geringste Aufmerksamkeit; er hatte die letzten Worte mit einer Bestimmtheit in Ton und Geberde zugestchert, daß sie sogar dem an leidender Demuth gewohnten Vorbeter auffallen mußten. „Und wie wird es m t der Religion stehen?" wagte er schließlich noch die Frage, „wie wird es damit stehen, gestrenger Herr Graf?" „Die Kunst selbst ist eine Religion", sagte der Graf kurz. Auf David Brod's Lippen wollte sich ein Bedenken drangen, das ausge prochen werden wollte. Aber es erstarbihm auf der Zunge; die strenge Miene des hohen Herrn ließ kein Wort mehr aufkommen. In diesem Augenblicke empfand er es mehr als je, daß die ersten Bausteine für die künftige Scheidemauer schon ausgerüstet lagen, die zwischen ihm und seinem Kinde einst entstehen sollte.