Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, elfter Jahrgang 5625 (1864/65) (1865)
- Date
- 1865-01-01
- Page
- Seite 285 (sequence 305)
- Language
- German
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285 unter allen Kindern der Gasse Niemanden halte, die sie Kameradin nannte. Woher diese Vereinsamung, dieses trotzige Alleinstehen eines noch so jungen Lebens? So war das grüne Laubhüttenfest zu Ende gegangen. Der letzte Tag, das sogenannte „Freudenfest der Thora" war gekommen. An diesem Tage wird die Laubhütte nicht mehr benützt. Welk lag das Tannenreisig, das noch einen Tag vorher nicht allen Dust des Waldes eingebüßt hatte,, welk hingen die Kränze herab, die das Kind des Vorbeters aus den Blumen des gräfliches! Gartens gewunden hatte. Sollte das ein Anzeichen sein, daß eine ähnliche Wandlung dem geheimnißvollen Gedankenleben Bella's bevorstand? . > Zu Mittag, als das Essen aufgetragen werden sollte,, sagte Bella, die heute ernster war, als sie je erschienen: „Vater! wie wär's, wenn wir noch einmal heute in die Laubhütte gingen?" „Narrele", sagte David Brod, „wo fällst Du aus? Mit der Laubhütte ist es für Heuer aus, man geht erst in einem Jahre wieder hin." „Vater", sagte Bella, und die Stimme des Kindes klang über alle Beschreibung mild und weich, „gehen wir doch hinaus! Kann ich wissen, wie lange es anstehen wird, bis ich wieder in einer Laubhütte sitze?" Das griff dem Alten ans Herz. Laut weinend sagte er: „Siehst Du, Feiwelmann, sie denkt schon ans Fortgehen, und weiß doch nicht, ob ich es zugebe." „Weine nicht, David," rief der Baß, über dessen breites Gesicht selbst eine namenlose Zuckung ging, „weine nicht. Heute ist „Freudenfest der Thora", da soll der Mensch nicht vergessen, daß ihm Gott anbefohleu hat, sich recht vom Herzen.