Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, elfter Jahrgang 5625 (1864/65) (1865)
- Date
- 1865-01-01
- Page
- Seite 269 (sequence 289)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2609281-2609302--5920-2613272- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
269 „Laß ihn heute." sagte der Baß, dem selbst die Stimme von verschluckten Thränen zitterte, „das unerhörte Glück hat ihn zu sehr angegriffen." „Glück? wer spricht von Glück?" suhr David Brod wild auf. „Meint ihr, ich habe ihn nicht verstanden, was er will, und daß er darauf abgeht, mir mein einziges Kind zu nehmen?" Dann sank er wieder mit dem Kopfe aus den harten Tisch und weinte bitterlich. Die Lippen des Kindes zitterten von innerer Aufregung, seine großen schwarzen Augen strahlten ein Feuer aus, das nicht von Mitleid mit den Thränen des Vaters herrührte. Feiwelmann, der Baß, mochte errathen, was in dem srühgereiften Kinde vorging. „Sprich heute kein Wort," flüsterte er ihr zu, er „erträgt's nicht. Es wird schon die Zeit und die Stunde kommen, da wird es ihm klar werden, daß ihm Gott einen Juwel beschert hat." „Einen Karfunkel! Feiwelmann!" sagte das Kind mit merkwürdig scharfer Betonung und ging zur Laubhütte hinaus. — Am andern Tage, der der erste des Laubhüttenfestes war, führte David Brod mit seinem „Baß" die neue Melodie aus, die er von dem polnischen Bettler erlernt hatte. Aber der Erfolg, wir müssen es gestehen, blieb weit hinter den gehofften Erwartungen zurück. Die Leute, die in der Synagoge zum Gottesdienste versammelt waren, schienen von einem Geiste der Zerstreutheit heimgesucht, der sie unempfindlich ließ gegen die Neuheit des Gesanges und die Feinheit seiner Ausführung. In den Zwischenpausen des Gottesdienstes war von nichts Anderem die Rede, als von