Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, elfter Jahrgang 5625 (1864/65) (1865)
- Date
- 1865-01-01
- Page
- Seite 98 (sequence 118)
- Language
- German
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98 Ist es denn aber ein natürlicher, wünschenswecther Zustand, daß das kaufende Publikum gelehrter Werke meist aus Dilettanten bestehe. und der Maßstab, welcher an die Schriften gelegt wird, ganz und gar verrückt werde? Ist denn irgend Etwas damit gewonnen, daß so und so viel Papier jährlich mit hebräischen Typen bedruckt und verkauft wird, so und so viel Menschen jene Bücher öffnen und lesen und ein frommes Werk zu thun vermeinen, ohne daß eine Wirkung, jedenfalls keine heilsame Wirkung ans ihren Geist verspürt werde? Das vielgepriesene „Studium" ist eine Gymnastik des Geistes, deren Zweck der richtige Gebrauch, nicht die Verrenkung der Glieder! — Sobald den Juden in Rußland das Leben mit seinen verschiedenen Wirkungskreisen geöffnet und eine rcgelrechie sckulmäßige Berufsbildung zum Bedürsniß geworden, wird unfehlbar auch dort die gründliche und formale Kenntniß des Hebräischen zum Fachstudium werden und das zweideutige Dilettantenthum ein Ende nehmen. Mau fragt aber: wie soll dann die hebräische Literatur sortbestehen. nenn ihre materielle Existenz aus die wenigen Gelehrten angewiesen ist? Diese Frage rückt uns immer näher, und wir dürfen uns über ihre Berechtigung nicht durch Illusionen wegsetzen. Keine wissenschaftliche Literatur, namentlich keine Kunde des Altetthums, gedeiht ohne Förderung und Unterstützung von Regierungen, Akademien, Gesellschaften u. dgl., und es ist begreiflich, daß man in letzter Zeit auch unter uns an das letztgenannte Mittel gedacht hat, um eine festere Basis für die Zukunft zu gewinnen. Die Entwicklung solcher Bestrebungen nimmt gerechter Weise ein allgemeines Interesse in Anspruch, und gebührt ihrer Betrachtung ein Platz vor der Uebersicht von Einzelnheiten.