Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, zehnter Jahrgang 5624 (1863-1864) (1864)
- Date
- 1864-01-01
- Page
- Seite 264 (sequence 288)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2609281-2609300--5589-2612940- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
m — 2S4 — Es war der Aufschrei eine« Todtwunden, den eine rauhe Hand an der feinsten Stelle seines Leidens gefaßt hat. „Gott schrei an, und nicht mich " sagte die unerbitterliche Frau. „Ich aber sage Dir, Zender, der die Schrift ausgelöscht hat, der geheuchelt und betrogen hat, der ein Waisenkind um sein kleines Habe gebracht hat, der Schuld daran ist, daß einem achtundsiebzigjährigen Manne die heilige Thora aus der Hand fallt, der steht jetzt vor mir!" ,.Schweig', um Gottes Willen schweig'", stöhnte Zender, j die Hände vor sein Gesicht drückend. „Schweigen?!" rief Chaje mit fast übermenschlichem Tone, „ich Hab' also noch nicht lange genug geschwiegen? Vierzehn Jahre des blutigsten Schweigens find nicht genug? Nein, Zender, und wenn ich mich an Deine Füße anklammern müßte, wie ein wildes Thier, das Dich im Walde überfällt, jetzt halt' ich Pich, jetzt muß ich reden." Zender vermochte nicht zu sprechen; ein krampfhaftes Zucken flog über seine Lippen. „Soll ich Dir sagen, warum ich so lange verschwiegen habe, was mir mein Herz schon am Sterbebette Deines Bruders Josel verrathen hat? Weil ich den Namen Gottes nicht habe entweihen wollen, weil ich nicht gewollt habe, daß man mit Fingern auf den möchte Hinweisen, der solches gethan hat, . . „Martre mich nicht, Chaje", bat Zender, die Hände wie bittend emporhebend. Aber die alte unerbitterliche Annehmerin fuhr fort: „Was brauchst du dir heute deinen Sterbekittel anzuziehen und Dein Sterbehäubel, und Dich vor allen Leuten hinzustellen, und an die Brust zu schlagen, damit sie dein Sündenbekenntniß hören? Denk' dir, du stehst schon vor Gott h