Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, zehnter Jahrgang 5624 (1863-1864) (1864)
- Date
- 1864-01-01
- Page
- Seite 254 (sequence 278)
- Language
- German
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254 fen und Launen gehabt, wie kein Anderer in der Gasse," sagte sie ausweichend. „Auf seine alten Tage dreht und wendet man sich nicht um, wie ein Trenderl. Laß mir mein Trenderl." — Mit unheimlichen Gefühlen im Herzen ging die alte Jugendfreundin von Chaje hinweg. Später sprach sie sich gegen ihre nächste Umgebung mit der grimmigsten Entrüstung darüber aus, daß man überhaupt das Kind Josels bei der »Annehmerin" gelassen habe. Das sei von der Gemeinde unerhört, und wenn man das Mädchen in den schlechtesten Dienst stellen würde, so wäre sein Geschick noch immer besser, als ihre Jahre bei Chaje mit der Thür zuzubringen, wo sie selbst in Gefahr stehe, nach und nach in Chajes Krankheit zu verfallen. Man solle um Gottes Willen darauf dringen, daß Zender sich des Kindes annehme; es werde nichts Gutes herauskommen, wenn man noch länger zögere, und ein Waisenkind sei auch ein Mensch. — Das böse Gerede ging denn auch wie giftiges Unkraut zwischen Frühlingssaaten ganz üppig auf. Hie und da ging der Rame des armen Waisenmädchens über die Lippen der Gasse; hie und da dachte man sogar ernstlich daran, mit der alten Chaje ein starkes Wort zu reden; heftiger erregte Gemüther drangen sogar mit überzeugender Beredsamkeit darauf, mit Gewalt vorzugehen. Aber es war wunderbar, welche Scheu sich Aller bemächtigte, wie schüchtern man sich im entscheidenden Augenblicke von der Sache, wenn man sie zum Abschlüsse gebracht glaubte, abwendete. So blieb die alte Chaje im ungestörten Besitze ihres Perlchens. »Lange kann st e so und so nicht mehr leben," tröstete man sich endlich. „Wie sie aber einmal die Augen schließt,