Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, neunter Jahrgang 5623 (1862-1863) (1862)
- Date
- 1862-01-01
- Page
- Seite 301 (sequence 321)
- Language
- German
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30 J. keinen Nutzen ziehen, und so lange er lebt, soll es ihm an nichts fehlen. “ So lange er lebt! Sarah dankte nicht einmal und wollte sich entfernen, da rief sie der Vorsteher zurück. „Sarah," sagte er mit strenger Miene, „Du siehst, wie die Gemeinde gegen Dich gesinnt ist, jetzt mußt Du aber auch trachten, daß es in deinem Hause wieder ruhig und ordentlich wird. Du bist ein Weib, Sarah, man muß es sagen, man kann gegen Dich nichts Vorbringen, was auf ein Quentel geht. Aber in deinem Hause gehl es nicht so zu, wie es in einem jüdischen Hause zugehen soll. Das muß ich Dir sagen." „Was geht denn vor?" fragte Sarah tonlos. „Soll ich Dir das sagen?" lautete die Antwort des Vorstehers. „Ich meine, das mußt Du besser wissen, als ich." Sarah ging; diesmal dankte sie dem Vorsteher, sie wußte selbst nicht wofür. Das aber ist meistens das Erschütternde eines großen Unglücksfalles, daß die Menschen unaufgefordert, oft auch in bester Absicht, von dem Unglücklichen zu erreichen suchen, was sie früher zu erlangen nicht das Recht oder die Lust hatten. Dann erst wagen sich aus ihren tiefsten Verstecken jene Vorwürfe und Härten hervor, denen nur der Betroffene es anhört, wie ungerecht sie sind, ziehen das Gewand des Mitleids an, und verwunden nur desto mehr. Die Wenigsten bedenken, daß das Erbarmen wie ein Licht, erquickend und belebend aus der Seele strömen muß, nicht aber wie der Dieb, der sich schmeichelnd >» dein Haus schleicht, um hinterrücks an dein Eigenthum die Hand zu legen. Was wollten denn die Leute von ihr? Zu Hause lag ihr der Mann in unheilbarem Siechthtvn, und nun quälte man sie mit vorwurfsvollen Räthseln, deren Sinn ihrer reinen Seele unzugänglich war. Wem that Christian etwas zu Leide? zeigte er sich nicht dank-