Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, neunter Jahrgang 5623 (1862-1863) (1862)
- Date
- 1862-01-01
- Page
- Seite 294 (sequence 314)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2609281-2609298--5274-2612624- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
294 übergab seinen ersten Wochenlohn Sarah's Händen; er war siebzehn Jahre alt geworden. „Warum behältst Du das Geld nicht bei Dir, Christian?" fragte ihn Sarah, „Du wirst es brauchen." Christian schüttelte den Kopf. „Wozu sollte ich es brauchen?" meinte er. „Hast Du nicht Cameraden? Du wirst einmal mit ihnen ins Wirihshaus gehen wollen, und da wird cs Dir an Geld fehlen, oder Du wirst Dir eine neue Pfeife kaufen wollen, und deine Tasche wird leer sein. Heb' Dir das Geld also selber auf." Und Christian schüttelte wieder den Kopf. „Für dasAlles," sagte er mit einem gewissen geheimnißvollen Tone, „brauche ich kein Geld. Halte es zusammen, bis es viel ist, und dann sage es mir." Tagelang konnte Sarah darüber Nachdenken, welche Absichten Christian mit dem Ansammeln seines Wochenlohnes verfolge. War cs Sparsamkeit, die er in ihrem Hause gelernt hatte? Und Sarah sah neuerdings eine wunderbare Fügung Gottes darin, daß er das Kind gerade ihr zugeführt. „Was wäre aus ihm geworden, wenn HonLa Schuster sein Vater geblieben wäre," dachte sie oft; „was hätte er da vor sich gesehen? Einen ewig betrunkenen Menschen, dem Weib und Kind um ein Seidel Bier seil waren. Sieht er so etwas vor sich in einem jüdischen Hause?" Nur Lea lächelte, wenn die Mutter diese und ähnliche Gedanken vor ihr offenbarte. Wußte sie mehr von Christians Absichten? Es war überhaupt für Lea jene wunderbar geartete Zeit gekommen, wo eine Mutter sich nichr mehr auf das Lächeln ihres Kindes versteht. Wie ein Irrlicht flackert es hie und da auf, und wenn die Mutter seinem Scheine nachgeht, geräth sie meistens in die Irre. Das ist ein Schauen und Sinnen, so anscheinend wort- und gedankenlos; auf den Lippen blüht es auf, in den Augen