Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, neunter Jahrgang 5623 (1862-1863) (1862)
- Date
- 1862-01-01
- Page
- Seite 293 (sequence 313)
- Language
- German
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293 rührte das von Anstrengung und Aufgeregtheit rothglühende Antlitz des Knaben. „Und ich!" riefLea, „ich habeesgewußt, daher kommen wird." Wolf Ungar aber schüttelte den Kopf. Wo waren seine Gedanken? „Es ist gegen die Natur!" murmelte er vor sich. Warum mußten ihm gerade die Worte der längst entschlafenen Babe auf die Lippe» treten? Von nun an verging kein Freitag und auch kein Vorabend eines Festtages, ohne daß Christian erschienen wäre, um seine gewohnten Dienstleistungen in der Synagoge zu verrichten. Er forschte in keinem Kalender nach, auf welchen Tag der oder jener Feiertag fiel, und doch trug er sie alle im Kopfe und kannte sie auswendig, trotz Wolf Ungar, der in diesen Dingen grau geworden war. Niemanden in der „Gaffe" fiel es mehr ein, darin etwas Besonderes zu erblicken, denn der Sohn des ertrunkenen Schusters war für die Wohlthaten, die ihm Wolf und Sarah erzeigt, zu einiger Erkenntlichkeit verpflichtet. Niemand achtete auch darauf, daß aus dem blondköpfigen, blöden Knaben mittlerweile ein starkknochiger, in die Höhe geschossener Jüngling geworden war, wiewohl es anderseits nicht unbemerkt blieb, daß Wolf Ungar's Lea ansange, ganz gewaltig ihrer Mutter Sarah zu gleichen, die in ihrer Jugend eines der schönsten Mädchen in der Gasse war, so daß sich ältere Leute noch jetzt an ihre merkwürdigen Augen und ihr feines Benehmen wie an den Duft längst verblühter Blumen erinnern konnten. Eines Tages brachte Christian ein Papier mit, worin bestätigt ward, daß er unter die Gesellen des löblichen Maurerhandwerkes ausgenommen ward. Seine Lehrjahre waren vorüber; er