Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, neunter Jahrgang 5623 (1862-1863) (1862)
- Date
- 1862-01-01
- Page
- Seite 275 (sequence 295)
- Language
- German
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275 Lassen, hatte sie ihr durch den bösen Mund eines andern Enkelkindes sagen lassen, so solle sie nur mit Honsa Schusters Züngel in die Kirche gehen. Nur am Abende des Neujahrstages und am Vorabende des Versöhnungsfcstes gab sie zu, daß Sarah sie in allgemeinen Ausdrücken um „Vergebung" bitten durste. Dann aber saß sie da, die alte schreckhafte Frau, vom Kopf bis zu den Füßen in weiße Gewänder gehüllt und man sah es ihr an, daß sie von ihrer Enkelin die Bitte um Verzeihung wohl entgegennahm, aber keine zurückerstattete. Wolf Ungar kränkte es namentlich, wenn er am Sabbat und an Festtagen ohne Sarah zur Babe Breindel gehen mußte, um ihren Segen zu erhalten. Er hatte zuweilen Lea mitgenommen, aber auch das unterließ er, seitdem die Babe ihren Groll gegen Sarah auch auf das Kind übertragen hatte. Als nämlich Wolf an einem Sabbate zum „Benschen" gekommen war, sagte Breindel, indem sie ihre Hände auf Lea's Kopf legte: „Warum schickt mir deine Mutter nicht auch ihren Sohn mit?" Das hatte sie mit so kaltem und einschneidendem Spotte gesagt, und Wolf Unger, dem es im Herzen kochte, konnte sich nicht enthalten, zornig auszurufen: „Babe, das geht zu weit! Was hat Euch mein Weib gethan, daß Ihr sie in Gegenwart meinesKindes beleidigt! Seht Zhr etwas Schlechtes von ihr? Kocht man in meinem Hause Schweinesieisch? Und wenn alle frommen Weiber von der ganzen Welt zusammenkommen und es ist meine Sarah nicht dabei/ so sage und behaupte ich: Alles ist Lüge und Verstellung." „So!" sagte die Babe, und ihr hageres Antlitz hatte einen wahrhaft erschreckenden Ausdruck angenommen. „Ich mein' nur so, Babe!" verbesserte sich Wolf Ungar, der wohl fühlte, daß er der alten Frau eine unauslöschliche Unbill angethan hatte. 18 *