Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, neunter Jahrgang 5623 (1862-1863) (1862)
- Date
- 1862-01-01
- Page
- Seite 249 (sequence 269)
- Language
- German
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249 geklärter Ideen, die zu jener Zeit noch keineswegs allerorts in den Gassen als Saatkorn der Zukunst ausgegangen. Man rühmte ihm eine ungeheuere Gelehrsamkeit nach; er sollte seiner Zeit der „feinste Bocher" der Prager Talmudschule gewesen sein, von dessen Fragen und Antworten damals, also nach fast dreißig Jahren, in Böhmen und Mähren von Mund zu Mund sich fortpslanzende Traditionen berichteten. Er hatte ein eigenes großes Haus in der Gasse und war nie verheiratet gewesen. Die Leute kamen ihm übrigens nicht gerne in den Weg, wiewohl er mannigfach Gutes that. Viele „Dorfgeher" lebten gleichsam nur durch ihn; sobald der Sonntag angebrochen war, kamen sie zu ihm, um einige Gulden abzuholen, mit denen sie dann ihre beschwerliche Wochenfahrt antraten; am Freitag brachten sie ihm wieder das Darlehen, ohne daß er ihnen jemals an Interessen irgend etwas anrechnete. Bei diesem Aus-und Rückzahlen war es zumeist, daß er Aeußerungen that, die ihm besonders den Zunamen Klein-Mendelsohn zuzogen. Wenn er das Geld aus dem Kasten nahm, ließ er es nie an sarkastischen Bemerkungen über den „Stand" der „Dorfgeher" fehlen, denen er, wie er sagte, das Geld nur mit Widerstreben vorstreckte. Jeden Sonntag und Freitag konnten sie es hören, wie er über ihre „Hasenhäutchen und Kattuntüchel" mit einer Art Verbissenheit loszog, und nebstbei vom Segen der „freien Arbeit aus dem Acker" sprach, wovon die Meisten übrigens sehr wenig verstanden. Wenn er manchmal recht grimmig wurde, konnte er auch mit der Aeußerung nicht zurückhalten, ein einziger Bauer sei ihm lieber als alle Dorsgeher in Böhmen und Mähren. Diese und ähnliche Reden, sowie die vielen deutschen Bücher, die man bei ihm sah, hatten um Klcin-Mendelsohn einen eigenthümlichen Zauberkreis gezogen, dem sich nur derjenige nahte, der seiner Hilfe unumgänglich bedurfte. Ob Kalmann Würzburg rechtgläubig, nach dem landläufigen Ausdrucke dieses Begriffes war? Niemand hatte etwas liebles von ihm gesehen — aber Keiner hätte auch den