Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, neunter Jahrgang 5623 (1862-1863) (1862)
- Date
- 1862-01-01
- Page
- Seite 226 (sequence 246)
- Language
- German
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226 In ihr selber führten seit Zähren talmudische Celebritäten ersten Ranges das geistliche Amt, und die Reihe dieser Autoritäten beschloß in würdiger Weise Rabi Moses Sopher, der letzte bedeutende Rabbiner, der dem Preßburger Collegium vorgestanden ist. Er war ein biederer Mensch, von strenger Rechtlichkeit beseelt, gesinnungskräftig, charakterstark, voll inniger Frömmigkeit und Gottergebenheit, vom reinsten Seelenadel und von unantastbarer persönlicher Würdigkeit. Dabei besaß er ein immenses talmudisches Wissen, war aber sonst von sehr beschränkter Weltbildung und jeder anderen Kenntnisse bar. Es bedarf keiner Erwähnung, daß dieser Mann die Hochachtung und Liebe seiner Untergebenen besaß und auch im reichen Maße verdiente, daß der Ruf seiner hohen Tugenden sich weithin verbreitete, sein Einfluß und seine Macht über die Gemüther, die eines heiligen Mannes waren. Aber bei der Einseitigkeit seines Wissens konnte er über den engen Kreis, in dem er sich bewegte, nicht Hinausblicken, er hatte kein Verständniß für die Bedürfnisse des Jahrhunderts, an sein Ohr schallte nicht der Hohn des jüngeren Geschlechtes über die Mißbräuche der Synagoge, er wußte nicht, daß so viele sich der Unordnung, die sie dem Judenthume zuschrieben, sowie dieses selbst schämten, er ahnte nicht, woher die häufigen Abfälle von der jüdischen Religion. Er glaubte darum dieZügel um so straffer und an dasBestehende um-so ängstlicher und beharrlicher aufrecht halten zu müssen. Er wollte nicht prüfen, untersuchen, sondern verlangte blinde Pietät für das, was seine Vorgänger, wenn auch nur aus Indolenz, stehen gelassen hatten. Zudem hielt er die Abgeschiedenheit der Juden von jedem bürgerlichen Leben für eine heilige Pflicht der „Gefangenen im fremden Lande". Er wehrte sich sogar gegen das Erlernen der Landessprache, ja sogar der hebräischen Grammatik, damit keiner seiner Jünger in eine andere als die talmudische Atmosphäre gerathe, und kein Hauch einer fremden Denkthätigkeit in die dichtver-