Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, neunter Jahrgang 5623 (1862-1863) (1862)
- Date
- 1862-01-01
- Page
- Seite 146 (sequence 166)
- Language
- German
- Belongs to
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146 Von seinem Sohne geleitet tritt der alte blinde Mann in die Helle sabbathliche Stube — ach für den armen Blinden grabesfinster! Er wird seines langen seidenen Tatars entkleidet und an sei- :en Sitz am obern Ende der Tafel geführt, auf der mehre Lichter lammen und der Wein und die Brote des Segenspruches harren. „Guten Schabbes, Water," sagt ihm die Tochter. „Wir haben einen Gast im Ha-use, einen sehr kranken, man kann sagen sterbenden Mann; er wohnt oben und will weder was nehmen, noch den Arzt haben." „So fieh oft hinauf; gehe Du hin, Samuel, mein Kind, gib ihm Schalem Aleicham und frage ihn, ob er was braucht und ob ich mich, nachdem ich Kidusch gemacht, zu ihm führen lassen kann, ihm Schalem Aleicham zu geben und mewaker chole zu sein (den Kranken besuchen). Das sind zwei großeGebote, mein Sohn: dem Fremden die Hand zu reichen und dem Kranken beizustehen." Samuel gehorchte und kam bald wieder. „Du hast einen Sterbenden ausgenommen," sagte er zur Schwester. „Als ich ihm die Hand reichte, hielt ich eine kalte, feuchte, zitterndeHand in der meinen, daß es mich schauerte, und es dauerte lange, bis der Kranke sie losließ, als wollte er die seine erwärmen. Seine Lippen zittern und jeder Laut ist ihm eine Anstrengung. Er will keinen Arzt und nichts nehmen, als einen Löffel klare Suppe, um nicht am Schabbes vollständig zu fasten. Dich, Vater, möchte er morgen sehen, heute sei er zu schwach und bedarf der Ruhe, denn er komme weit und habe die letzten Kräfte aufgezehrt. Morgen will er Dir einen Auftrag geben für den Fall, daß er unser Haus nicht mehr verlassen würde, denn, sagte er, ein alter Mann sei ein Priester." Am nächsten Morgen nach dem Schulgang ließ sich der blinde l ater in das Wohnzimmer seines kranken Gastes führen; er, sein ohn und seine Tochter traten gleichzeitig ein. Der Fremde lag